Freunde

Kapitel 12, Marendie

Leopold schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, seufzte er enttäuscht. Vermutlich hatte er gehofft, alles nur geträumt zu haben und beim zweiten Hinsehen keine eingebildete Prinzessin und ein… ähm… anderes Mädchen vor sich zu haben. Weil das nicht der Fall war, ging er auf einen großen Stapel Kisten zu, holte drei davon herunter und stellte sie mit relativ viel Abstand voneinander auf den Boden. „Setzen“, befahl er barsch. Die Kisten stanken nach altem Fisch. Tüllkrönchen rümpfte empört die Nase. Ich setzte mich einfach hin. Jetzt raffte auch das Prinzesschen ihr Kleid. Sie warf mir herabstufende Blicke zu: „Also, wer ist diese Person?“ Leopold hatte sich ebenfalls auf einer Kiste nieder gelassen. Er sah immer noch perfekt aus. Ich versuchte es auszublenden, aber die Versuche waren nicht mit Erfolg gekrönt. Eher im Gegenteil; Plötzlich fielen mir Dinge an Leopold auf, die ich noch gar nicht bemerkt hatte. Seine makellose Nase beispielsweise. Moment mal, die Nase erinnerte mich an irgendjemanden. Aber an wen nur?
„Prinzessin Gultara, diese Person, wie ihr sie nennt, ist eine Nachkommin vom großen Jupter Gentie!“, sagte er mit scharfem Unterton, „Mara, das ist Prinzessin Gultara von Fatuhr. Das ist ein Königreich, dass nur Makider betreten können…“ „Ma-was?“, rutschte es mir heraus. Von Tüllkrönchen war ein belustigtes und gleichzeitig erschrockenes Glucksen zu hören. Nicht ganz Ladylike, aber wir saßen hier auch auf morschen Fischkisten in einer der am Hafen gelegenen Fischfabriken, also konnte man davon absehen. „Makider sind Menschen, wie wir, die eine besondere Fähigkeit haben. Meine ist eine besondere Kampfkunst. Deshalb muss ich auf die Prinzessin aufpassen. Du bist auch ein Makider, wir wissen nur nicht genau, was deine Fähigkeit ist…“ „Ich kann fliegen!“, gab die Prinzessin an.

Tüllkrönchen

Kapitel 11, Marendie

Moment mal! Waren die etwa erst bei der französischen Revolution? Cool! Die hatten mein Opa und ich schon komplett durch! Da ich in Geschichte sehr gut war (und mir auch viele Daten merken konnte), würde doch noch alles gut werden!

„Der Sturm auf die Bastille war am 14. Juli 1789.“, sagte ich mit einem Lächeln auf den Lippen. Mrs Miller schaute auf einen Zettel, den sie aus dem Klassenbuch genommen hatte. „Du wurdest von deinem Großvater unterrichtet?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Ich nickte. Sie nickte ebenfalls: „Welches geschichtliche Ereignis habt ihr als letztes behandelt?“ „Unser Unterricht endete mit der französischen Revolution.“, meinte ich mit sachlicher Stimme. Ich schien Mrs Miller wirklich zu gefallen: „Na dann… setz dich!“

Problem-Lehrer

Kapitel 10, Marendie

Ein schrilles, erbarmungsloses Klingeln weckte mich aus meinem traumlosen Schlaf. Es war mein Wecker. Verschlafen rieb ich mir übers Gesicht. Ich saß (oder besser gesagt, ich lag) an meinem Schreibtisch. Gestern Abend hatte ich noch stundenlang dagesessen und über Leopold gegrübelt. Anscheinend war ich während dessen eingeschlafen…

Nach einer kurzen Pause, begann der Wecker wieder zu klingeln. Ich schlurfte zu dem kleinen Nachttisch neben dem Bett und schlug auf den Ausschalter. Das schrille Geräusch verstummte. Um nicht zweimal den selben Fehler zu machen, beeilte ich mich heute im Bad. Als ich in die Küche kam, lächelte mich Nanny Nini müde an. „Morgen“, nuschelte ich, nicht weniger unausgeschlafen. „Ich schreibe ihnen heute eine Liste mit allen wichtigen Informationen. Ganz oben wird stehen, dass ich Vegetarier bin!“, schnauzte ich, als ich die belegten Brote sah. Sauer stand ich auf und holte meine Tasche aus meinem Zimmer, in die ich bereits gestern Abend alle Schulsachen gestopft hatte. „Ich komme heute wieder später, weil ich mit Freunden ins Kino gehe…“, rief ich noch, dann plautzte die Haustür hinter mir zu.

Leopold

Kapitel 9, Marendie

Kurze Zusammenfassung: Ich wurde von einer Gruppe Skateboarder verfolgt, dann kam ein fremder Junge, der ungefähr zwei Jahre älter aussah als ich und hat mich einfach so geküsst. Bin ich die Einzige oder klingt das für noch jemanden seltsam?

„Komm mit!“, sagte der Junge jetzt. Er packte mich unsanft am Arm. Ich riss mich los: „Moment mal! Wer bist du? Warum hast du mich geküsst? Ich meine, ich kenne dich doch nicht mal! Warum sollte ich dann mit dir mitkommen?“ „Ich habe dich von diesen Jungs befreit!“, sagte er und wirkte plötzlich ein wenig eingeschnappt. Vermutlich folgte jedes andere Mädchen ihm ohne zu murren.

„Vielleicht willst du mich ja entführen!“, schon bereute ich es wieder, die Gabe, die sonst jeder in meiner Familie hatte, nicht zu besitzen. Was hatte ich mir dabei gedacht? Entführen? Also, bitte! Wieso sollte man mich entführen? Meine Eltern waren reich, klar, aber ob sie für mich jemals Lösegeld bezahlen würden? Fraglich!
„Nachmittags? Nachdem ich dich geküsst habe?“
„Warum hast du das denn getan?“
„Warum stellst du so viele Fragen?“

Einige Minuten lang schauten wir uns nur stumm an. Diese Zeit nutzte ich, um nach irgendwelchen Verstecken (für Waffen) an ihm zu suchen. Nichts. Ich atmete erleichtert auf. Da er keine Anstalten machte, das Schweigen zu brechen und mir die Worte ausgegangen waren, musterte ich ihn einfach erneut von oben bis unten. Jedes mal, wenn ich ihn mir so ansah, wurde er noch hübscher und noch perfekter. Aber wenn ein Junge perfekt aussah, dann gab es irgendeinen anderen Haken, das wusste ich auch aus den Filmen. „Na gut, du hast gewonnen!“, knurrte der Typ, „Ich wurde geschickt! Es geht um deinen Großvater!“

Augenblicklich flossen Tränen über meine Wange: „Er ist…“ „Ich weiß!“, meinte der Junge, „Deswegen bin ich hier! Mein Name ist Leopold! Ich wurde geschickt von… ach verdammt!“ „Was ist?“, ich wischte mir mit dem Handrücken die Tränen aus meinem Gesicht. Leopold beugte sich zu mir herunter (er war zwei oder drei Köpfe größer als ich). „Ich kann es dir hier nicht sagen! Du musst mitkommen!“ Ich nickte, doch dann viel mir Nanny Nini wieder ein. „Wenn ich jetzt mitkomme, sucht die Polizei nach mir, wenn sie das nicht schon tun…“, ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, als ich Leopolds verdatterten Gesichtsausdruck sah.

„Die Polizei? Wieso das denn?“, fragte er. Ich antwortete: „Meine Eltern haben mir eine Nanny an den Hals gehetzt, die denkt, ich würde keine Schere in der Hand halten können, ohne mich zu verletzen! Sie denkt vermutlich jetzt schon, dass ich mich verlaufen habe oder in der Kanalisation von Ratten zerfleischt werde… Wenn es so wichtig ist, können wir uns morgen treffen!“ Leopold schien innerlich mit sich zu ringen. Es war seltsam mit ihm zu reden. Das mit der Kanalisation und den Ratten hatte ich eigentlich nur erzählt, um die Stimmung etwas aufzulockern, doch bei Leopolds Anblick war ich mir unsicher, ob er überhaupt zugehört hatte. Typisch Jungs, erst fragen und dann nicht zuhören…

„Na gut!“, presste er hervor, „Ich hole dich von der Schule ab! Wenn jemand fragt, bin ich einfach wieder dein Freund! Du darfst niemandem sagen, wer ich wirklich bin!“ „Ich weiß ja selbst nicht, wer du wirklich bist!“, merkte ich an. Leopold lächelte, aber irgendetwas in seinem Gesicht verriet mir, dass ich ihm mächtig auf die Nerven ging. Ich tat so, als würde ich es nicht merken. Was ich von diesem… naja, sagen wir merkwürdigen Jungen halten sollte, wusste ich nicht. „Ich muss wieder gehen! Sag deiner Nanny, dass du weder heute, noch morgen von Ratten zerfetzt wirst und das du dich mit Freunden im Kino triffst… oder sowas!“, Leopold schaute auf seine Armbanduhr. „Bis morgen!“ Er bog mit langen Schritten in eine Seitenstraße ein und lies mich einfach stehen.

„Bin wieder da!“, schrie ich und lies die Tür hinter mir ins Schloss krachen. Sofort stand Nanny Nini vor mir. „Endlich! Ich dachte schon, du wärst in die Kanalisation gerutscht und Pest-infizierte Ratten hätten dich gejagt… in zwei Minuten hätte ich die Polizei angerufen…“ Ich rollte mit den Augen, aber innerlich lachte ich mich schlapp! Mit meiner blutrünstige-Ratten-Theorie lag ich also doch nicht so falsch. Doch so konnte es nicht weitergehen! Ich bemühte mich, so zu klingen, wie meine Mutter, wenn sie dem Personal eine Strafpredigt hielt: „Nanny Nin… Miss Nirina Nirgel, ich freue mich, dass sie sich um mich sorgen, aber ich bin 15 einhalb und muss deshalb darum bitten, dass sie mir etwas mehr zutrauen! Ich werde vermutlich auch die nächsten Tage später kommen! In der Zeit wo ich weg bin, könnten sie sich anderweitig nützlich machen…“ Die kleine Frau sah mich mit großen Augen an. Wenn sie mich jetzt nicht verstanden hatte, würde ich einen Ausraster bekommen. Es war in jüngster Vergangenheit einfach zu viel passiert!

Nanny Nini murmelte eingeschüchtert: „Entschuldigung!“ „Schon gut!“, hatte ich geantwortet, bevor ich in meinem Zimmer verschwunden war. Nein, nicht der Dachboden! Mir war ja jetzt eines der Gästezimmer zugeteilt. All meinen Krempel, inklusive dem Koffer meines Opas, hatte ich schon hineingetragen. Es war ungewohnt. Der komplette Raum war weiß gestrichen. An einer Wand gab es ein großes Fenster. Die Möbel (ein Bett, ein riesiger Schrank und ein Schreibtisch) waren aus Holz. Sehr hellem Holz. Das Zimmer bei meinem Opa hatte weinrote Wände gehabt und die Möbel waren ziemlich unnormal. Mein Bett war Beispielsweise rund gewesen, war bedeckt von unzähligen Kissen und Decken und hatte an dünnen Seilen, die an der Decke befestigt waren, über einer kleinen Bühne gehangen, die man nur über eine schmale Treppe betreten konnte! Das Bett hier war viereckig, schmal und stinklangweilig! Einen Schreibtisch hatte ich in meinem alten Zimmer nicht gehabt und als Kleiderschrank hatte mir ein kleines Nebenzimmer gedient! Kurz gesagt, war mein Zimmer bei Opa cool und das hier… gewöhnungsbedürftig (um nicht fürchterlich hell und auch sonst dämlich zu sagen).

Eindeutig zu viele Jungs für einen Tag

Kapitel 8, Marendie

Was ich nach der Schule tat? Essen natürlich. Letztendlich war es zwar nur ein Salat aus einem kleinen Eckladen und ein trockenes Brötchen vom Bäcker, aber wenigstens etwas. Mit Brötchen und Salat setzte ich mich in einen Park. Genauer, auf eine niedrige Steinmauer, die sich über eine große, grüne Wiese schlängelte. Bäume gab es keine. In unmittelbarer Nähe war eine steinerne Treppe, deren Geländer mich stark an einen Fahrradständer erinnerte. Dort standen ein paar Jungs, allesamt mit Skateboard und schwarzem Gangster-Pulli. Dank reichlicher Erfahrung, wusste ich, dass solche Typen nie von der guten Sorte waren. Solche Cliquen stahlen alten Damen die Handtaschen und baggerten Mädchen an, die alleine oder in Gruppen irgendwo herumhockten. Ach, Mist! Ich saß ja alleine hier… Ich meine, meine Erfahrung hatte ich zwar nur aus zahlreichen Filmen, aber irgendwas war da doch immer dran, oder?

Der Albtraum beginnt

Kapitel 6, Marendie

Schweißgebadet schreckte ich hoch. Dieses Erlebnis… jetzt verfolgte es mich sogar in meinen Träumen! Für alle Realisten, ja es ist passiert! Wirklich, echt, real passiert! Ich wusste ja selbst nicht genau wie, aber wie sollte ich denn auch, wenn alles so unwirklich schien. Unwirklich, so nannte ich es! Die anderen behaupteten, es sei völliger Humbug… Quatsch, es sei verrückt. Ich sei verrückt. Doch ich hatte mir das nicht eingebildet oder gar ausgedacht! Ich war nicht verrückt! Wütend, verwirrt und traurig, ja, aber nicht verrückt!

Nanny Nini

Kapitel 4, Marendie

Schuldbewusst blickte ich in das Gesicht meines Vaters. Dadurch erhoffte ich mir eine Strafminderung, doch damit sah es heute schlecht aus. „Mara, um dir ein für alle mal klar zu machen, dass du nicht stehlen darfst, haben deine Mutter und ich beschlossen dich hier zu behalten. Du wirst hier wohnen bleiben und auch wieder hier zur Schule gehen.“ Ich wusste nicht genau, was ich sagen sollte. Einer Seits war ich belustigt über die Wortwahl meines Vaters. Stehlen! Aber anderer Seits war ich geschockt. Meine alte Schule? Nein, danke! Ich musste mir schleunigst etwas ausdenken… aber was?