Die Bibliothek

Gabe, Kapitel 6, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

Als ich an diesem Abend heimkam, war die Sonne bereits untergegangen. Man hatte mich für eine Besprechung zurück ins Hauptquartier beordert und dann eine mehrstündige Diskussion angefangen, ob man Alex in die Missionen von Simikolon einbinden könne oder nicht. Weil alle Anwesenden die ganze Zeit durcheinander geredet hatten und niemand die Meinung eines anderen akzeptierte, wurde das Gespräch auf einen anderen Zeitpunkt vertagt.
Müde und ziemlich niedergeschlagen kam ich also zuhause an. Eigentlich wollte ich nur noch in mein Bett fallen und schlafen, bis alles vorbei war. Es stellte sich als mächtig anstrengend heraus, Kraft für etwas aufzuwenden, das man nicht verstand und vermutlich auch niemals erreichen würde.
Und trotz der hoffnungslosen Aussichten war ich dennoch überzeugt davon, ich könne Alex wieder näherkommen. Schon verrückt, was man aus Verzweiflung so alles zu tun bereit war.
Bei diesem Gedanken drückte ich gerade die Haustür auf und sofort dröhnte mir eine wutentbrannte Stimme entgegen, die eindeutig meiner Schwester gehörte. „Halte dich gefälligst von mir fern! Von mir und von meinen Sachen und von meinem Bruder! Du bist krank und fälschlicherweise verwechseln offenbar wirklich Leute deine geistige Unzurechnungsfähigkeit mit Intelligenz! Aber erwarte ja nicht, dass ich so bescheuert bin wie deine Mitmenschen! Ich gebe weder etwas auf deinen Status als… Zeitreisende, noch lasse ich mich von deinem Nachnamen einschüchtern, egal wie oft du ihn mir vorhältst!“
Nach einer kurzen Schockstarre schloss ich die Tür und eilte auf die Treppe zu, denn das Gespräch fand scheinbar im ersten Stock statt. Allerdings schrie Alex so laut, dass man es deutlich bis in den Flur gehört hatte. Ich wollte zu ihr und fragen, was vorgefallen war, doch ich kam noch nicht mal bis zur Treppe, da schloss sich eine vertraute Hand um einen Arm und Granny Berrypie zog mich in die Küche.
„Du solltest da jetzt nicht hochgehen, Gabe“, meinte sie mit einem müden Lächeln auf den Lippen, „Das ist eine Sache zwischen deiner Schwester und Krissy.“
„Aber was ist denn passiert?“, wollte ich wissen. Sie hatten doch so getan, als seien sie wieder befreundet? Was konnte vorgefallen sein, dass sie nun stritten? Die ältere Dame vor mir rieb sich in einer erschöpften Geste über die Stirn: „Offenbar war Krissy in Alex‘ Zimmer, während sie weg war und hat etwas gesucht. Aber deine Schwester kann die Angelegenheit selbst regeln, Gabe.“
„Was hat Krissy in Alex Zimmer gesucht?“, fragte ich verwundert. Granny Berrypie zuckte nur mit den Schultern. Im nächsten Moment erklang von oben ein Geräusch, das verdächtig nach dem Zuschlagen der Holzklappe klang, die zu Alex Zimmer hinauf führte. Einen Moment später erklangen Schritte auf der Treppe.
Krissy kam zu uns in die Küche und schenkte mir einen niedergeschlagenen Blick, als sie mich entdeckte. „Wieso warst du ohne Alex in ihrem Zimmer?“, ich ließ ihr keine Zeit, auch nur Luft zu holen. Mit vor der Brust verschränkten Armen sah ich sie auffordernd an, nicht wie sonst geduldig und bittend, sondern eine Erklärung erwartend.
Meine Freundin sah schuldbewusst auf den gefliesten Boden: „Es tut mir nicht leid, Gabe, wenn es das ist, was du hören wolltest! Sie verbirgt etwas vor dir und du machst dich deswegen ganz verrückt! Ich wollte nur nachsehen, ob sie vielleicht in irgendwelche Schwierigkeiten geraten ist und unsere Hilfe braucht…“
„Das gibt dir aber noch lange nicht das Recht, einfach in ihr Zimmer zu gehen, Krissy!“, erwiderte ich streng. Sie hob den Blick vom Boden, um mich aus ihren eisblauen Augen direkt anzusehen. Allein durch einen einzigen Blick vermochte es jeder Quin, einem die unterschiedlichsten Gefühle von leichtem Unwohlsein in seiner eigenen Haut bis hin zur demütigen Unterwerfung aufzuerlegen, doch in diesem Augenblick waren Krissys Augen einfach nur eisblau.
„Was gibt Alex das Recht, dir mit jedem Wort, jeder Lüge das Herz zu brechen?“

Am heutigen Tag war es Marc, der mit mir auf Alex‘ Ankunft wartete. Er wollte sich noch einmal ihre Schnittverletzungen ansehen und ich sollte sie anschließend wieder in die Vergangenheit begleiten.
Nachdem Krissy und Talita sich gleichermaßen darüber aufgeregt hatten, dass ich am ersten Tag mit ihr allein in die Vergangenheit gereist war, hatte uns Krissy gestern begleitet, doch davon hatte ich ihr heute Morgen abgeraten. Nach dem Streit gestern Abend hatte sich meine kleine Schwester in ihrem Zimmer eingeschlossen und seitdem kein einziges Wort mit uns geredet.
Deshalb waren jetzt auch nur Marc und ich da. Ein kurzer, gesundheitlicher Check, dann eine Zeitreise, auf der wir uns vermutlich nur wieder anschweigen würden und anschließend die Rückkehr nach Hause. Mehr wollte ich ihr heute nicht zumuten. Allerdings mussten wir noch warten, bis jemand sie von der Schule abgeholt und hier her gebracht hatte.
Als es schließlich an der Tür klopfte, saßen Marc und ich gerade bei einer Partie Schach und ich war drauf und dran nach nur fünf Minuten mit nicht mal mehr der Hälfte meiner Spielfiguren zu verlieren. Die Tür wurde geöffnet und ich rechnete schon damit, Alex zu erblicken, doch stattdessen trat ausschließlich Miss Smallbourn, die Empfangsdame dieses Sitzes von Simikolon, ein.
So direkt wie eh und je setzte sie uns über die neusten Vorkommnisse in Kenntnis: „Der Fahrer, der zu Alexandrias Schule geschickt wurde, um sie abzuholen, hat mich soeben darüber informiert, dass sie nicht aufgetaucht ist. Nach einem Gespräch mit der Schule habe ich erfahren, dass sie den ganzen Tag über gefehlt hat und keine Entschuldigung vorliegt.“
Mein Blick traf Marcs. Er schaute so verwirrt drein, wie ich mich fühlte. Was sollte das bedeuten? Alex war nicht in der Schule gewesen? „Aber sie ist heute morgen pünktlich aus dem Haus gegangen“, erinnerte ich mich genau. Miss Smallbourn sah kurz auf einen Zettel, auf dem sie sich mit Sicherheit alle wichtigen Fakten notiert hatte: „Mir wurde nur übermittelt, dass sie nicht am Unterricht teilgenommen hat und auch nie auf dem Schulgelände gesehen wurde. Mister Black ist bereits informiert und hat mich angewiesen, Sie unverzüglich zu ihm zu schicken, Gabriel.“
Mit diesen Worten verschwand sie auch schon wieder aus dem Raum, doch auch ich verweilte nicht länger hier. Nur einen Augenblick später war ich bereits auf halben Weg zu Arthurs Büro. Ich hörte, dass Marc mir folgte, wies ihn jedoch an, in Erfahrung zu bringen, wer Alex hatte abholen sollen, um ihn noch einmal nach allen Einzelheiten zu befragen.
Als ich dann beim Büro ankam, hielt ich mich nicht lange mit solchen Höflichkeiten wie Klopfen auf. Ich öffnete einfach die Tür und ging hinein. Arthur saß hinter seinem großen Schreibtisch aus dunklem Holz, der aufgrund seiner massigen Größe den gesamten Raum in zwei Teile teilte. Auf der einen Seite erstreckte sich über die gesamte Wand ein riesiges Bücherregal, die andere war gefüllt mit einem Globus, der nur schemenhaft die Umrisse von Kontinenten und Inseln zeigte, einem weiteren Tisch, auf dem in einem heillosen Durcheinander einzelne Blätter, Bücher und Ordner verstreut lagen, und großen Landkarten, die die Wände säumten.
Schon des Öfteren hatte ich Arthurs Einrichtungsstile bewundert, doch heute hatte ich anderes im Kopf. „Wo ist meine Schwester?“, verlangte ich zu wissen. Egal was auch immer ich jemals hatte von diesem Mann wissen wollen – er hatte jedes Mal eine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden. Allerdings schien ausgerechnet heute eine Ausnahme zu sein.
„Die gleiche Frage wollte ich dir gerade stellen“, erwiderte Arthur seufzend und deutete auf einen der beiden Besuchersessel vor sich. Etwas in mir gab mir allen Grund zur Sorge. Erst die ganzen Geheimnisse, dann ihre Alleingänge wann immer ich sie irgendwohin mitnehmen wollte und schließlich der Streit gestern Abend.
Abgesehen von der Tatsache, dass ich mich bereits schuldig fühlte, drängte sich mir die Frage auf, ob ich mich hätte mehr um sie kümmern sollen. Ob ich das überhaupt hätte tun können? Vielleicht hätte Alex es ja gar nicht zugelassen, doch dann hätte ich es doch wenigstens versucht, oder?
„Denkst du, sie ist absichtlich nicht zur Schule gegangen?“, fragte Arthur einfühlsam, nachdem ich mich gesetzt hatte. Ich überlegte kurz. Abhauen? Das sah meiner kleinen Schwester nun wirklich nicht ähnlich! Ebenso wenig wie schwänzen. Doch hatte sie bisher immer eine Bezugsperson in unserer Großmutter gehabt. Nun war sie allein.
„Ja“, es war nur ein einziges Wort bestehend aus zwei Buchstaben, trotzdem musste ich mich tierisch anstrengen, es über die Lippen zu bringen. Was wenn ich mich irrte? Wenn ihr womöglich etwas zugestoßen war… aber das war es nicht! Es hörte sich selbst in meinem eigenen Kopf schräg an, aber wäre Alex etwas zugestoßen, dann wüsste ich es!
Ich hatte allerdings keine Zeit lange darüber nachzudenken, wie verrückt die ganze Sache war, denn Arthur stellte bereits die nächste Frage: „Hast du eine Idee, wo Alexandria hingegangen sein könnte? Zu einer Freundin vielleicht oder…“
„Sie hat keine“, entgegnete ich plötzlich ganz aufgeregt und sprang noch im selben Moment auf, „Aber früher hat sie jede freie Minute in der Bibliothek verbracht! Ich wette, sie ist dort!“

Liebeskummer

Gabe, Kapitel 2, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

„Paranoid?“, Talita lachte beinahe hysterisch auf, „Es ist einfach ungeheuerlich, dass ich die einzige sein soll, die es merkwürdig findet, dass Alexandria jetzt nicht hier ist!“ Mit einem Blick, vor dem ich mich nicht scheute, ihn als „fuchsteufelswild“ zu bezeichnen, stampfte mich die wütende Furie praktisch in den Boden. „Gabriel hat nicht die Befugnis über die Zeitreisen zu entscheiden! Er hätte seine Schwester unverzüglich zu uns bringen müssen! Was ist, wenn sie in genau diesem Moment eigenhändig über ihren Verbleib entscheidet?“