Alle Lichter ausgeknipst

Kapitel 16, Marendie

Lagebericht: Meine beiden neuen Freunde Clara und Benjamin befanden sich gemeinsam mit mir in einem Nebenraum der Fischfabrik und hatten Angst. Vielleicht sprach ich da auch nur für mich, denn wer konnte schon wissen, was bei den Makidern normal war? Könnte doch sein, dass sie regelmäßig einen bewaffneten Mann suchen, der womöglich jemanden an- oder erschossen hatte, den man kannte oder mochte. In unserem Fall – und jetzt sprach ich wirklich für uns alle drei – war es definitiv das erste von beidem. Zumindest wenn es sich um Leopold handeln sollte. Ich war mir jetzt ganz sicher, dass ich ihn nicht mögen wollte. Ehrlich gesagt traf das aber auch auf Tüllkrönchen zu. Egal, wir mussten ihnen einfach helfen. Für einen kurzen Moment vergaß ich sogar meine Angst, jedoch änderte sich das, als plötzlich Kampfgeräusche ertönten.
„Sind sie das?“, fragte ich. Die Geschwister nickten: „Eindeutig unser Bruder!“ Wir beschleunigten unsere Schritte. „Da sind sie!“, flüsterte Benjamin auf einmal. Er hielt mich am Ärmel fest und zog mich hinter ein Regal. Von da aus hatten wir eine gute Sicht. Was sich vor unseren Augen darbot war folgendes: Leopold und der Typ kämpften tatsächlich miteinander. Die Pistole lag einsam in einer Ecke, anscheinend leer geschossen. Ich konnte nirgends Blut erkennen. Trotzdem keine Waffe mehr im Spiel war, sah es nicht gut für Leopold aus.
„Wir werden ihm helfen!“, kündigte Clara an. Ich hätte gerne Einspruch erhoben, doch da wurde schon der sogenannte Plan ausgetüftelt: „Jeder nimmt einen Gang!“ „Ganz bestimmt nicht!“, entfuhr es mir. Die beiden sahen mich perplex an. „Du bist die Enkelin von Jupter Gentie!“, meinte Benjamin, „Er war unser aller Vorbild, eine Person, die ohne zu zögern Leben rettete und dabei sein eigenes riskierte. Deine Zukunft soll laut Orakel eine ähnliche sein! Deshalb sind wir hier und jetzt ist es an der Zeit, dass du jedem beweist, was in dir steckt!“ Als der Name meines Opas viel verlieh mir das einen ungeheuer großen Schub Hoffnung und Kraft: „Na gut! Also, dann mal los!“
Als ich wenig später alleine zwischen den Regalen hindurch schlich, dachte ich unentwegt an meinen Großvater. Benjamin hatte recht, er hätte gewollt, dass ich in seine Fußstapfen trete, wenn er nicht mehr sein würde. Ich tat das hier nur für ihn. Von der Angst, die mich vorhin erfüllt hatte, ist nichts übrig geblieben. Ich war bereit! Und das musste ich auch sein, denn ich kam Leopold und seinem Gegner immer näher, bis ich mich schließlich hinter eine große Kiste kauerte. Von da aus konnte ich die Posten der beiden anderen sehen und wenn ich mich umdrehte, sah ich den Kampf. Appropo, der Typ – wie hieß er noch? Pirth?! – stand mit dem Rücken zu mir, Leopold hätte mich sehen können, aber er war gerade damit beschäftigt, sein Gegenüber daran zu hindern, ihn gegen die Wand zu drücken.
Ich schaute mich um. Was passieren sollte, wenn wir uns erfolgreich angepirscht und versteckt hatten, haben wir nicht besprochen. Dummer Weise konnte ich weder Clara, noch Benjamin sehen. Toll! Was jetzt? Während ich noch nachdachte war ein dumpfes Geräusch zu hören. Ich schreckte herum. Pirth hatte Leopold an die Wand getrieben. Ich zog meinen Kopf zurück. Augenblicklich erstarrte ich. Alles war wie zuvor. Nur mit größter Mühe schaffte ich es, nicht einfach wegzurennen. Wobei man schlecht davon laufen kann, solange man vor Angst gelähmt ist…
Irgendetwas musste ich tun, zu diesem Beschluss kam ich letztendlich. Ich versuchte tief einzuatmen, aber von der anderen Seite der Kiste erklang ein Aufschrei. Leopold! Er war in höchster Gefahr und ich hockte hier und machte mir in die Hose, obwohl mich noch nicht mal jemand bemerkt hatte. In dem Moment, als ich mich aus dem Versteck wagen wollte, hörte ich Benjamin.
„Hey, Pirth! Lass ihn in Ruhe!“, rief er mit fester Stimme. Meine Neugier siegte und ich lugte hinter der Kiste hervor. Gerade lief Pirth auf Benjamin zu und lies Leopold einfach liegen. Er lehnte an einer Mauer und… oh, verdammt! Er blutete! Eine hässliche Schramme befand sich auf seiner sonst so hübschen Stirn und sein rechter Arm sah noch schlimmer aus. Als mein Blick zu Benjamin hinüber glitt, bekam ich Schnapatmung. Er wurde ebenfalls zurück gedrängt. Chancenlos wich er Pirth aus, jedoch ohne viel Erfolg. Auch er hatte schon ein wenig Blut am Shirt…
Vielleicht war es nicht seines, aber wenn nicht ein Wunder geschehen würde, sähe ich gleich genug von seinem wirklichen Blut.
Ich besann mich. Was hätte Opa getan? Jedenfalls nicht in Deckung gewartet, bis irgendjemand starb. Nein, wie Benjamin es gesagt hatte, er hätte sein Leben riskiert, alles aufs Spiel gesetzt, um zu helfen. Und mal ganz ehrlich, das hier war nicht ansatzweise so gefährlich, wie einer der Trollkriege, von dem mir Opa manchmal erzählt hatte. Die Waffe war unschädlich und wir waren in der Überzahl!
Ich wartete noch zwei Sekunden, weil ich hoffte, Clara würde aufkreuzen, aber sie blieb verschollen. Ich nahm allen Mut zusammen und trat aus meinem Versteck. Leopold entdeckte mich sofort. „Bist du wahnsinnig? Hau ab!“, brüllte er mir verärgert zu. Toll, nicht nur, dass er mich schon wieder herum kommandierte, er sorgte auch dafür, dass Pirth sich zu mir umdrehte. „Wenn das mal nicht die kleine von vorhin ist.“, lachte er bedrohlich, „Das du so viel Mut hast dich nochmal blicken zu lassen, hätte ich nicht gedacht!“ „Lass sie in Ruhe!“, zischte Benjamin. Pirth wendete sich erneut ihm zu und zückte plötzlich einen, mit Gold verzierten, Dolch.
Mich hatte er anscheinend schon wieder vergessen, also schnappte ich mir kurzerhand ein Brett, dass neben der Kiste lag – es war das erste, was mir als mögliche Waffe dienen könnte – und schlich mich mit riesigen Schritten von hinten an ihn heran. Leopold gestikulierte wild, gab jedoch keinen Mucks von sich. Schließlich war ich in weniger als drei Sekunden genau hinter dem brutalen Kerl. Noch bevor irgendwer noch etwas einwerfen konnte, schmetterte ich Pirth das Brett auf den Kopf. Ich legte alle Kraft und Angst, die mir zur Verfügung stand, in den Schlag. Pirth kippte stöhnend nach vorne. Der Dolch rutschte ihm aus der Hand und schlitterte auf dem ebenen Fabrikhallenboden ein paar Meter weiter.
Ich starte fassungslos auf meine Hände. Was hatte ich gerade getan? Zitternd lies ich das Brett fallen und stolperte einige Schritte nach hinten, krachte gegen ein Regal und sank daran zu Boden. „Alles in Ordnung?“, Benjamin kam herbeigeeilt. Er hockte sich neben mich: „Mara, alles gut?“ „War ich das?“, flüsterte ich. Er nickte und lächelte mich erleichtert an.
„Exelenter Schlag!“, erklang Claras Stimme. Ich hob den Kopf. „Du hast ihm alle Lichter ausgeknipst. Respekt!Tut mir Leid, aber unser Prinzesschen hat mich aufgehalten!“, grinste sie. Neben ihr erschien Tüllkrönchen. Sie scherte sich nicht um mich, sondern rannte gleich auf Leopold zu, der aufgestanden war und mich, völlig aus der Fassung gerissen, anglotzte.

Angsthasen und Feiglinge

Kapitel 15, Marendie

Zum zweiten Mal an diesem Tag stand jemand hinter der Tür, von dem ich es nicht erwartet hätte. Es waren Leopolds Geschwister. „Wen haben wir denn hier?“, meinte Benjamin, dem man ansah, dass er schon vorher gewusst hatte, dass wir uns hier drin befanden. Clara kletterte zu uns und zog mich auf die Beine. „Alles in Ordnung?“, fragte sie. Ich schaute an mir herab: „Geht schon!“
Während Clara und ich auf dem asphaltierten Vorplatz der Fabrik standen, fummelte Benjamin an den Fesseln seines großen Bruders herum. „Hab‘s!“, rief er. Als auch beide Jungs neben uns standen, berieten wir, wie wir vorgehen sollten. „Die Fabrikhalle ist ziemlich groß, also schlage ich vor, dass Ihr zwei zusammen reingeht und ich nehme Mara mit.“, meinte Leopold ohne eine Spur Dankbarkeit oder etwas ähnliches in der Stimme. Das schien auch seinen Geschwistern aufzufallen. „Wie wäre es mit einem Danke?“, fragte Benjamin ungläubig. Sein Bruder lächelte ihm ironisch zu. „Die Fesseln waren schon beinah ab und die Tür hätte ich auch von innen öffnen können… Jetzt kommt! Wir haben später für alles Zeit!“

Unvorhergesehene Wendung

Kapitel 14, Marendie

Zu meiner eigenen Überraschung sah man mir am nächsten Tag weder meine Müdigkeit, noch meinen Hunger an. Nur meine langen, braunen Haare hingen mir stränig ins Gesicht. Ich warf einen Blick auf die Digitaluhr, die unter anderem auch das Datum und den Wochentag anzeigte. Als ich las, dass heute Samstag war, vollführte ich einen kleinen Hüpfer. Dass mein erster Schultag am Mittwoch gewesen war, hatte ich gar nicht mehr gewusst.
Ich wusch meine Haare sehr gründlich und verbrachte noch eine Weile im Bad. Dann ging ich zurück in mein Zimmer. Dort bemerkte ich erst, dass ich noch immer in meinem Schlafanzug steckte. Schnell schlüpfte ich in meine schwarze Jeans und zog mir dazu mein Lieblingsshirt an. Es war ebenfalls schwarz und in der Mitte brangte einen Stern aus Glitzersteinen. Nachdem meine Haare getrocknet waren, setzte ich meine Kopfhörer auf, steckte meinen MP3-Player an und hörte Musik. Eigentlich wollte ich mich damit ablenken, doch es half nicht und so liefen sowohl alte Songs, als auch neue Hits an mir vorbei.

Bekannte

Kapitel 13, Marendie

„Was macht ihr denn hier?“, Leopold war ehrlich überrascht. Er schaute Benjamin und Clara verwirrt an. Die beiden standen nun neben mir und erwiderten seinen Blick. Allem Anschein nach war es jedoch keine schöne Überraschung, denn mit jeder Sekunde verfinsterten sich die Mienen der drei. Plötzlich fiel mir etwas beunruhigendes auf. Hatte ich mich nicht gestern noch gefragt, ob ich Leopolds Nase an irgendjemand schon mal gesehen hatte? Jetzt wusste ich an wem. Um genau zu sein, waren es zwei Jemande…
„Ihr seid doch nicht etwa Geschwister, oder?“, fragte ich diesmal ganz bewusst. Wenn ich diese Frage zurückgehalten hätte, wäre sie mir eh heraus gerutscht, also stellte ich sie lieber gleich. „Wie kommst du denn darauf?“, Claras Stimme triefte vor Ironie. Also war es wahr, aber wie konnte das bitte sein? Waren meine neuen Freunde dann etwa auch solche… solche Maki-Dingsda, wie Leopold? Kannten die beiden Tüllkrönchen? Wieso wussten sie nicht voneinander, das sie hier waren?
In meinem Kopf sprangen mindestens eine Millionen Fragen wild durcheinander, als Leopold plötzlich wütend sagte: „Ich nehme Mara mit!“ Erneut griff er nach meinem Arm und auch dieses mal entriss ich ihn ihm sogleich wieder. „Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich einfach diesen ganzen Müll glaube, den ihr mir auftischen wollt?! Ich will eine Erklärung!“, meinte ich. Clara und Benjamin tauschten still Blicke aus, dann nickten sie. „Das könnt ihr vergessen!“, rief Leopold genervt, „Ich wurde doch nicht von dem Königshaus von Fatuhr hierher geschickt um unsere Verwandtschaftsverhältnisse zu erklären! Ich bin auf einer wichtigen Mission und ihr werdet mir das nicht vermasseln!“ „Mara, ist unsere Mission!“, erwiderte Benjamin finster.

Freunde

Kapitel 12, Marendie

Leopold schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, seufzte er enttäuscht. Vermutlich hatte er gehofft, alles nur geträumt zu haben und beim zweiten Hinsehen keine eingebildete Prinzessin und ein… ähm… anderes Mädchen vor sich zu haben. Weil das nicht der Fall war, ging er auf einen großen Stapel Kisten zu, holte drei davon herunter und stellte sie mit relativ viel Abstand voneinander auf den Boden. „Setzen“, befahl er barsch. Die Kisten stanken nach altem Fisch. Tüllkrönchen rümpfte empört die Nase. Ich setzte mich einfach hin. Jetzt raffte auch das Prinzesschen ihr Kleid. Sie warf mir herabstufende Blicke zu: „Also, wer ist diese Person?“ Leopold hatte sich ebenfalls auf einer Kiste niedergelassen. Er sah immer noch perfekt aus. Ich versuchte es auszublenden, aber die Versuche waren nicht von Erfolg gekrönt. Eher im Gegenteil; Plötzlich fielen mir Dinge an Leopold auf, die ich noch gar nicht bemerkt hatte. Seine makellose Nase beispielsweise. Moment mal, die Nase erinnerte mich an irgendjemanden. Aber an wen nur?

Problem-Lehrer

Kapitel 10, Marendie

Ein schrilles, erbarmungsloses Klingeln weckte mich aus meinem traumlosen Schlaf. Es war mein Wecker. Verschlafen rieb ich mir übers Gesicht. Ich saß (oder besser gesagt, ich lag) an meinem Schreibtisch. Gestern Abend hatte ich noch stundenlang dagesessen und über Leopold gegrübelt. Anscheinend war ich während dessen eingeschlafen…

Nach einer kurzen Pause, begann der Wecker wieder zu klingeln. Ich schlurfte zu dem kleinen Nachttisch neben dem Bett und schlug auf den Ausschalter. Das schrille Geräusch verstummte. Um nicht zweimal den selben Fehler zu machen, beeilte ich mich heute im Bad. Als ich in die Küche kam, lächelte mich Nanny Nini müde an. „Morgen“, nuschelte ich, nicht weniger unausgeschlafen. „Ich schreibe ihnen heute eine Liste mit allen wichtigen Informationen. Ganz oben wird stehen, dass ich Vegetarier bin!“, schnauzte ich, als ich die belegten Brote sah. Sauer stand ich auf und holte meine Tasche aus meinem Zimmer, in die ich bereits gestern Abend alle Schulsachen gestopft hatte. „Ich komme heute wieder später, weil ich mit Freunden ins Kino gehe…“, rief ich noch, dann plautzte die Haustür hinter mir zu.

Eindeutig zu viele Jungs für einen Tag

Kapitel 8, Marendie

Was ich nach der Schule tat? Essen natürlich. Letztendlich war es zwar nur ein Salat aus einem kleinen Eckladen und ein trockenes Brötchen vom Bäcker, aber wenigstens etwas. Mit Brötchen und Salat setzte ich mich in einen Park. Genauer, auf eine niedrige Steinmauer, die sich über eine große, grüne Wiese schlängelte. Bäume gab es keine. In unmittelbarer Nähe war eine steinerne Treppe, deren Geländer mich stark an einen Fahrradständer erinnerte. Dort standen ein paar Jungs, allesamt mit Skateboard und schwarzem Gangster-Pulli. Dank reichlicher Erfahrung, wusste ich, dass solche Typen nie von der guten Sorte waren. Solche Cliquen stahlen alten Damen die Handtaschen und baggerten Mädchen an, die alleine oder in Gruppen irgendwo herumhockten. Ach, Mist! Ich saß ja alleine hier… Ich meine, meine Erfahrung hatte ich zwar nur aus zahlreichen Filmen, aber irgendwas war da doch immer dran, oder?