8. Dezember

8. Türchen, Weihnachtskalender

Es dauerte tatsächlich nur eine Stunde, bis die vier ankamen. Schon von weitem waren hohe Türme zu sehen, an deren Außenwand sich Ranken emporschlängelten. Prinz Phillipp schien jedoch nicht im Geringsten so begeistert, wie man wahrscheinlich vermuten würde. Er trottete stumm neben den anderen her und warf immer wieder sehnsüchtige Blicke auf Will. Dieser ignorierte es, so gut es ihm möglich war.
Jack und der andere Prinz schienen davon aber gar nichts mitzubekommen. Sie unterhielten sich über Sport. Jack berichtete stolz von der Fußballmannschaft, der er angehörte, musste dafür aber erstmal erklären, was Fußball überhaupt war. Prinz Franz hörte ihm aufmerksam zu. Er zeigte ehrliches Interesse an dieser – Zitat – höchst merkwürdigen, jedoch sehr amüsant klingenden Art, sich die Zeit zu vertreiben. Anschließend zählte er selbst einige Hobbys auf. Darunter fielen beispielsweise die Worte Bogenschießen, Jagen und Schwertkampf. Jack war entzückt.

Nach weiteren zehn Minuten waren die vier auf einer Lichtung angekommen. Prinz Franz band sein Pferd an einem Baum an. „Ab hier müssen wir äußerst vorsichtig sein!“, erklärte er leise, „Ihr habt bestimmt schon von der bösen Fee gehört! Sie wartet da vorne an der Dornenhecke und es heißt, Sie würde Jeden verdammen, der es wagen würde, zu nahe an die schlafende Prinzessin heranzutreten. Niemand, der es sich je getraut hat, bis dahin zu gehen, ist jemals zurückgekehrt!“ „Toll!“, entfuhr es Prinz Phillipp, „Wenn das so sein sollte, verzichte ich dankend. Ich brauche das schlafende Dornröschen nicht!“
Er war schon fast wieder auf dem Rückweg, da wurde er von den Zwillingen aufgehalten. „Ihr könnt nicht einfach gehen! Ihr müsst die Prinzessin mit einem Kuss aufwecken! Das ist Euer Schicksal!“, meinte Will. Dem Prinzen waren seine aufkommenden Bedenken anzusehen. Das wusste Will nur zu gut zu nutzen: „Die Menschen sollen sich doch an Euch erinnern, nicht?“
Der Prinz hatte vor, gründlich darüber nachzudenken, nur passte das Jack überhaupt nicht in den Kram. Er seufzte tief: „Und ich hörte, Sie wären ein Held!“ Entrüstet starrte Prinz Phillipp ihn an. „Das bin ich ja auch!“, behauptete er empört. „Vielleicht, aber ein echter Held würde eine Dame, die seit hundert Jahren die neusten Schuhtrends verschläft, nicht eine weitere Minute diesem Fluch aussetzten! Verrückte Fee hin oder her! Ich dachte, ihr Prinzen würdet mutig und selbstlos sein!“
Prinz Franz wandt sich an Will: „Was meint Euer Bruder mit Schuhtrant?“ Die Zwillinge warfen sich einen schnellen Blick zu. „Naja, jede Frau liebt Schuhe!“ „Was mein Bruder versucht hat, zu erläutern, ist, dass man eine Prinzessin nicht warten lässt!“, meinte Will. Ihm wurde von hinten eine Hand auf die Schulter gelegt. Es war Prinz Phillipp. Er sah aus, als würde er etwas wichtiges verkünden wollen. „Nach gründlicher Überlegung bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich es wagen werde! Solltet Ihr Recht haben, dann kenne ich sogar schon eine Gemeinsamkeit zwischen Prinzessin Dornröschen und mir! Eine Leidenschaft für Schuhe.“
Bevor Jack in lautes Gelächter ausbrechen konnte – was er durchaus vorhatte zu tun – flüsterte Will ihm etwas ins Ohr: „Er sagt die Wahrheit! Das habe ich in den Originalen gelesen! Halte dich gefälligst etwas zurück mit dem was du sagst!“
„Wenn das so ist, dann sollten wir näher an das Schloss heran gehen!“, erklärte Prinz Franz und deutete auf einen schmalen Trampelpfad. Der andere Prinz schluckte laut. „Geht voran!“, meinte er und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Jack, „Ihr scheint Erfahrung im Umgang mit bösen Feen zu haben!“ Die drei anderen rollten mit den Augen. Es stand kein einziges Wort darüber in den Originalen, dass Dornröschens Prinz ein schwuler Feigling war! Will verstand jetzt, wieso seine Vorfahren die Märchen bearbeitet hatten, bevor sie sie veröffentlichen.

Nach fünf Minuten waren sie an einer zweiten Lichtung angekommen. An deren gegenüberliegenden Ende, wuchsen einige halbhohe Büsche, hinter denen sich die vier versteckten. Von da aus hatten sie den perfekten Überblick über das Schloss, das direkt vor ihnen in den Himmel ragte.
„Was sollen wir als nächstes tun?“, fragte Prinz Phillipp. Will hob vorsichtig den Kopf: „Ich kann die Fee nirgends sehen! Wir sollten das ausnutzen und auf schnellstem Weg in das Schloss gelangen!“ Prinz Franz stimmte ihm zu. „Glücklicherweise hat es in den letzten Tagen geregnet. Das kommt uns nun zugute! Wenn wir durch diese Pfütze dort drüben gehen, würde es keine Fußspuren geben!“ „Moment, Ihr erwartet doch nicht etwa ernsthaft, dass ich in meinen guten Stiefeln durch eine dreckige Pfütze stapfe?!“, entgegnete Prinz Phillipp vollkommen entgeistert.
Jack stöhnte und wollte sich in das entstehende Streitgespräch einmischen, doch auf einmal hörte er etwas hinter sich. Er stupste seinen Bruder an und nickte leicht in Richtung der Lichtung, der sie ihren Rücken zugewandten. Die Zwillinge drehten sich gleichzeitig um und erstarrten vor Schreck. Vor ihnen stand eine große, schlanke Frau in einem tiefschwarzen Umhang. In ihrer linken Hand hatte sie einen knorrigen Stab mit einer giftgrün leuchtenden Kugel am Ende. Ihr Blick war eiskalt, doch ihre schmalen Lippen kräuselten sich zu einem erhabenen Lächeln.
Es dauerte eine Weile, bis die beiden Prinzen mitbekamen, dass die Grimm Brüder mit weit aufgerissenen Augen die böse Fee anstarrten. Als sie es dann endlich bemerkten, entfuhr Prinz Phillipp ein lauter Schrei. Die böse Fee sah einen nach dem anderen abfällig an: „Ihr hättet lieber auf euren Freund hören sollen! Wärt ihr doch nur durch diese Pfütze gegangen. Das hätte euren Geruch weitgehend neutralisiert, aber bei so hübschen Stiefeln, würde selbst ich schwach werden! Aber, naja… wen von euch soll ich als erstes rösten?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*