13. Dezember

13. Türchen, Weihnachtskalender

In der Hütte stieg den zehn ein süßlicher Geruch entgegen. Will war der einzige, der misstrauisch die Nase rümpfte. Alle anderen sahen sich fasziniert um. Sie standen in einem kleinen Raum, von dem ein paar Türen abgingen. In einer Ecke führte eine schmale Treppe ins Obergeschoss. In eine Wand war ein geräumiger Kamin eingelassen, den man mit einem stabil wirkenden Gitter verschließen konnte.

Die alte Frau verschwand kurz in der Küche, einem separaten Raum, in den die Besucher immer nur dann einen kurzen Blick erhaschen konnten, wenn die Tür sich für ein paar wenige Sekunden öffnete, wenn die Frau herein oder heraus ging. Sie kam nach wenigen Minuten mit einigen Tassen und einem Teller voller Lebkuchen wieder. Jeder griff zu, außer Will natürlich. Er suchte noch immer nach etwas verdächtigem.
„Darf ich Sie etwas fragen?“, begann Jack, wartete aber nicht auf eine Antwort, „Sind sie vielleicht Frau Holle? Nur so eine Vermutung…“ Die alte Frau sah ihn für einen Moment schief an, dann lächelte sie etwas gequält. „Ganz recht! Frau Holle, so ist meine Name!“
Will beugte sich zum Ohr seines Bruders: „Wieso fragst du so einen Stuss? Wir sind noch nicht mal durch einen Brunnen gefallen! Mir ist die Sache hier nicht ganz geheuer! So langsam glaube ich…“ Jack drückte ihn weg und schüttelte verärgert mit dem Kopf. „Du bist einfach noch ganz durch den Wind wegen dem Drachenabenteuer heute Vormittag! Oder du vermisst deinen Verehrer…“ Will stöhnte und wendete sich ab. „Einen Lebkuchen?“, bot die Frau Will an. Er schüttelte bestimmt den Kopf. Irgendwas lag in der Luft! Seiner Meinung nach, denn alle anderen waren fröhlich mit futtern beschäftigt. Sogar Unlucky und Ragey schlugen gierig die Zähne in das Gebäck und schienen für den Moment vergessen zu haben, ihre Übliche Mine zu ziehen.
„Also, Frau Holle…“, begann er subtil, „Ich hörte, Ihr wärt verantwortlich für den Schnee im Winter. Ist das wahr?“ Alle sahen gespannt die gebückte Frau an. Sie wirkte etwas verlegen. „Ähm… Ihr müsst Euch irren! Über den Schnee habe ich keinerlei Macht, aber ich backe die besten Lebkuchen im ganzen Märchenreich!“ Wills Augen verengten sich hinter der Brille: „Ach ja? Ihr wisst vom Märchenreich? Anscheinend aber ein bisschen zu wenig, denn sonst wüsstet Ihr ganz bestimmt, dass die echte Frau Holle sehr wohl die Macht über den Schnee besitzt!“ Die Alte sah ihn erst verwundert an, dann trat ganz allmählich etwas bedrohliches in ihren Blick. „So so… wenn ich raten müsste, würde ich sagen, Ihr seid aus der anderen Welt! Das wird Euch jedoch nichts nützen!“, sie lachte dreckig und nun bestand für Will kein Zweifel mehr. „Ihr seid die Knusperhexe, habe ich nicht recht?“
Während die Frau noch immer fies lachte, sah sich Will hilfesuchend zu den anderen um. Zu seinem großen Schrecken lagen die aber bewusstlos am Boden. „Die Lebkuchen…“, entfuhr es ihm. Die Hexe funkelte ihn gefährlich an: „Richtig! Und da ihr sie nicht probieren wolltet…“ Es ertönte ein wirklich hässliches Geräusch. Will wusste gar nicht recht, was gerade geschah. Plötzlich spürte er einen stechenden Schmerz auf seinem Hinterkopf, ihm wurde unheimlich schwindelig, er kippte vorn über und kurz bevor sein Oberkörper auf dem Holzboden aufschlug, wurde es schwarz.

„Hey, aufstehen, Dornröschen!“, rief jemand. Es hörte sich an, als wäre die Stimme weit von Will entfernt, merkwürdig verzerrt und trotzdem kam sie ihm wage bekannt vor. „Was hat Prinzessin Dornröschen mit alledem zu tun?“, meinte eine weitere Stimme. Zumindest glaubte Will, dass es eine andere war. Genau konnte er es nicht sagen. „Das ist so ein Sprichwort, da wo wir herkommen!“, erklärte sich wieder die erste Person. Langsam wurde alles klarer. „Jetzt wach schon auf, du Idiot! Die Alte hat dir die Teekanne über die Rübe gedonnert, aber das setzt einen Grimm doch nicht außer Gefecht!“
Jack! Unverkennbar! Will schlug die Augen auf und fasste sich sofort an den Schädel. Er hatte wahnsinnige Kopfschmerzen und als er seine Hand wieder vor sein Gesicht hielt, klebte Blut daran. „Verdammt, Will! Jag mir gefälligst nicht so einen Schrecken ein! Das Thema hatten wir doch schon mal!“, fluchte Jack und zog seinen Bruder dann ohne zu fragen auf die Beine, „Du hattest mal wieder recht! Das ist nicht Frau Holle!“
„Grimm?“, ertönte eine erstaunte Stimme aus einer Ecke, „Ein echter Grimm?“ Die Zwillinge drehten sich um. Da stand ein Mädchen. Es trug einen roten Umhang… „Rotkäppchen?!“, Will war sich nicht ganz sicher, sie sich nicht nur einzubilden, doch auch die anderen schienen sie zu sehen. „Ihr… wie seid ihr so jung geworden?“, fragte Rotkäppchen verwirrt und gleichzeitig erleichtert. Sie fiel den beiden um den Hals, „Ich dachte, ich würde euch nie wieder sehen, als ihr euch zum Kongress des Bösen aufgemacht habt.“
Völlig perplex starrten die Brüder sie an. „Kongress des was?“, fragte Jack. Trotzdem sich Wills Kopf anfühlte, als hätte jemand da drin ein Hardrock-Lied mit ultra krassem Bass eingeschaltet, entwickelte er binnen Sekunden eine Theorie: „Ich denke, du verwechselst uns mit unseren Vorfahren. DU sprichst von Wilhelm und Jakob Grimm!“ „Aber das seid ihr doch?!“, entfuhr es ihr. Jack schüttelte den Kopf: „Nö! Das ist mein Bruder, Will Julius Aleo Grimm und ich heiße Jack Andrew! Wie er schon sagte, wir sind Nachfahren…“

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