12. Dezember

12. Türchen, Weihnachtskalender

Nach einer Weile bemerkte Prinz Franz, dass es zu dämmern begann. Er schlug vor, alle anwesenden sollten gemeinsam nach einem Unterschlupf für die Nacht suchen. Die Idee wurde ohne langes Zögern angenommen, denn niemand wollte auf kaltem Waldboden schlafen. Also schlug die Gruppe eine Richtung ein. Wo genau sie einen Schlafplatz finden konnten, wusste niemand so genau. Entweder man kannte sich im Wald nicht aus oder man war ein Zwerg und nicht an Dörfern oder ähnlichem interessiert. Dementsprechend planlos, wanderten die zwölf zwischen unzähligen Bäumen hindurch, die im Endeffekt alle gleich aussahen.

Es war bereits einige Zeit vergangen. Inzwischen war es schon recht düster geworden. Viel sehen konnte niemand mehr. Sie stolperten ziellos über den unebenen Waldboden. Nach einer Weile stoppte Will: „Wartet mal! Das macht so keinen Sinn! Wir sollten nicht weiterhin auf gut Glück durch die Gegend laufen! Die Wahrscheinlichkeit wirklich etwas zu finden, ist verschwindend gering!“
Gerade als Will geendet hatte, ertönte hinter der Gruppe eine unbekannte Stimme: „Hat da jemand etwas von Glück gesagt?“ Die zwölf sahen sich erschrocken um. Vor ihnen stand ein Junge, im Alter der Zwillinge. Seine Haare waren zerzaust und seine Kleidung hatte ein paar Löcher. Er trug einen Lederbeutel bei sich. Auf Nachfrage antwortete er, sein Name wäre Hans.
Will stieß seinen Bruder unauffällig an: „Hans im Glück!“ Jack hob überfragt die Schultern. „Das war doch der mit dem Glasschuh, oder?“, rätselte er. Will kniff die Augen zusammen. „Nein, da verwechselst du etwas!“, meinte er, um einen ruhigen Ton bemüht, „Der Glasschuh gehört zu Aschenputtel! Das hier ist der Typ, der so viele Tauschhandel betreibt!“ Jack nickte zwar, hatte aber nicht den blassesten Schimmer von dem, was sein Bruder ihm eben erklärt hatte. Ein Märchen voller Tauschhandel war ihm nicht bekannt, doch würde er das jetzt sagen, dann bekäme er etwas von seinem Zwilling gehustet und das war das Letzte, was er im Moment wollte.
Während dieses Gespräches hatte Hans die anderen gefragt, wo sie hingingen. Als er hörte, dass die zwölf eigentlich nur nach einer Bleibe für die Nacht suchten, klatschte er begeistert in die Hände. „Dann komme ich ja gerade rechtzeitig! Ich habe nämlich ganz zufällig eine Karte von diesem Wald dabei!“, sagte er freundlich und zog ein zusammengerolltes Stück Papier aus der Ledertasche, die er mit sich trug. Die Zwillinge und Prinz Franz warfen sich gegenseitig vielsagende Blicke zu. Sie brauchten unbedingt diese Karte! Der Prinz probierte gleich mal etwas aus: „Heißt das, Ihr würdet sie uns überlassen?“ „Überlassen vielleicht nicht…“, grübelte Hans, „…aber eintauschen! Bietet mir nur etwas im Gegenzug dafür an.“
„Wir brauchen diese Karte!“, beurteilte Prinz Franz die Situation. Will stimmte ihm zu: „Natürlich, aber was sollen wir dafür hergeben? Mein Bruder und ich haben nichts bei uns.“ Die drei grübelten für einen Moment stumm vor sich hin, dann trat plötzlich jemand der anderen vor. Der Jäger!
„Ich habe einen Vorschlag zu machen! Ich begleite Euch, Hans, wo auch immer Ihr hin wollt und gewährleiste Euren Schutz und dafür erhalten die anderen die Karte!“, schlug er vor. Alle Blicke ruhten auf dem Jäger. Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille, dann fragte Boss: „Das würdet Ihr tun? Für uns alle?“ „Ich sollte eh nicht bei Euch sein! Wenn die böse Königin mich findet…“, er ließ das Ende des Satzes einfach in der Luft hängen. Schneewittchen sah ihn mit großen Augen an: „Ihr könnt mich doch jetzt nicht verlassen! Ich verdanke Euch mein Leben!“ Und ehe Will diese weiter Abweichung verhindern konnte, hatten Hans, Schneewittchen, der Jäger und die anderen den Tausch besiegelt. Die Zwillinge und ihre Gefährten erhielten die Karte vom Wald und die drei anderen zogen gemeinsam von dannen! Großartig!

Mithilfe der Karte fanden sie schnell ein darauf eingezeichnetes, kleines Häuschen, dessen Besitzer sie nach einer Unterkunft für die Nacht bitten wollten. An dem Haus angekommen, sahen sie bereits ihre Nasenspitze nicht mehr, so dunkel war es inzwischen geworden. Der Lichtkegel einer entzündeten Laterne der Zwerge reichte gerade mal dafür aus, um die Karte zu beleuchten. Ansonsten war es stockdunkel.
Auf Jacks Klopfen hin, öffnete sich knarzend eine Tür. Aber nur einen Spalt breit. „Knusper, knusper, knäusche… ähm… ich meine, wer klopft so spät an mein Häusche… bescheidenes Heim?“, ertönte eine knorrige Stimme hinter der verschlossenen Tür. „Wir sind auf der Suche nach einem Quartier für die Nacht!“, rief der Prinz. Es ertönten einige Geräusche und schließlich öffnete sich die Tür ganz. Von innen war das Häuschen hell erleuchtet und in die Dunkelheit trat eine kleine, alte Frau mit krummen Rücken. „So so, ein Quartier für die Nacht, sagtet Ihr!?“, wiederholte die Frau, „Dann tretet ins Licht, sodass ich Euch besser sehen kann!“
Die zehn kamen der Bitte nach. Die Frau begutachtete einen nach dem anderen. Besonders lang blieb ihr Blick an dem grauen Fellbündel hängen, das glücklicherweise nicht sofort als Wolfskadaver zu erkennen war. „Na gut, Ihr scheint keine Banditen zu sein, die mich mit diesem Trick ausrauben wollen!“, meinte sie. Ihre Stimme klang auf einmal leicht schrill, als ob sie einen Frosch im Hals hätte. Will sah sich angestrengt um, doch im Dunkeln konnte er viel zu wenig erkennen. „Jack, kommt dir das nicht auch komisch vor?“, wisperte er. Sein Bruder schüttelte entschieden den Kopf: „Nein, wieso?“ „Naja, das hier soll laut der Karte das einzige Haus im ganzen Wald sein und die Frau sagte…“, begann er, doch Prinz Franz, der neben ihm und Jack stand, unterbrach ihn: „Macht Euch keine Gedanken, mein Freund! Es leben nicht viele Menschen allein im Wald und nicht jeder ist Böse!“
„Da mögt Ihr recht haben, dennoch…“, sprach Will weiter. Diesmal war es die Frau, die ihm ins Wort redete, wobei sie es nicht absichtlich tat, denn das die drei flüsterten, hörte sie nicht. „Na dann kommt mal herein!“, mit einer einladenden Geste, winkte die alte Frau ihre Besucher ins Häuschen, „Fühlt Euch wie zuhause!“

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