11. Dezember

11. Türchen, Weihnachtskalender

Ein lauter Knall ließ Prinz Franz und die Zwillinge zusammenfahren. Es kam mitten aus dem Wald. „Es ist nicht Jagdsaison! Hier dürfte niemand schließen!“, erklärte der Prinz. „Wir müssen nachsehen, was passiert ist!“, Will ging während des Sprechens schon in die Richtung, aus der der Knall gekommen zu sein schien und ließ den anderen somit keine Wahl, als ihm zu folgen.

Die drei gingen seit einer viertel Stunde in die selbe Richtung. Der Knall musste von dort gekommen sein, nur hatten sie bisher keinen möglichen Auslöser gefunden. Auf einmal raschelte es hinter einem Gebüsch. Will legte einen Finger auf die Lippen und die drei duckten sich, um nicht sofort gesehen zu werden. Nach wenigen Sekunden bogen sich die Zweige auseinander und heraus traten mehrere kleine Männer. Erst einer, dann zwei und immer so weiter, bis insgesamt sieben die Zwillinge und Prinz Franz skeptisch anstarrten.
„Die sieben Zwerge!“, entfuhr es Will. Einer der zu klein geratenen Männer nickte grimmig. Sie alle waren ungefähr so groß, wie zu groß geratene Hunde. Auf den Köpgten trugen sie ulkige Zipfelmützen und hatten sich lange Bärte wachsen lassen. Nur einer hatte keine Gesichtsbehaarung. „Zwerge? Euch gibt es wirklich?“, fragte Prinz Franz verblüfft. Einer von ihnen antwortete strahlend: „Aber natürlich! Wir arbeiten in den Minen und versorgen die Königshäuser mit ihren Diamanten!“ „Ja und trotzdem schlafen wir in dieser morschen Holzhütte!“, fügte ein anderer gähnend hinzu. Ihm warf sich wieder ein anderer um den Hals. Seine Augen waren voller Tränen: „Haben geschlafen! Nun ist unser feines Häuschen niedergebrannt!“ „Na wenigstens hat uns jemand etwas dafür da gelassen!“, warf der vierte ein und deutete auf ein großes, graues Fellbündel, welches von fünften und sechsten Zwerg auf den Schultern getragen wurde. Einer der beiden trug ein zierliches Brillengestell auf der Nase, das ihm irgendwie nicht passte und der andere war jener Zwerg mit grimmig verzogenem Gesicht. Der letzte Zwerg war der ohne Bart. Er sah noch recht jung aus, verglichen mit den anderen.
„Was ist denn passiert?“, fragte Jack und sah einen Zwerg nach dem anderen genaustens an. Der mit der Brille antwortete: „Wir waren gerade auf dem Weg zur Arbeit, da haben wir einen lauten Knall gehört und sind zurück!“ „Auf unserer Lichtung lag unser Haus in Schutt und Asche! Wort wörtlich!“, ergänzte der mies gelaunte Zwerg. Will mischte sich völlig begeistert ein: „Sagt mal, habt ihr Namen?“ Diese Frage ausgerechnet aus seinem Namen zu hören, ließ sie noch seltsamer wirken. Der fröhliche Zwerg lachte breit: „Klar doch!“ Und nun deutete er auf einen Zwerg nach dem anderen und sagte einen Namen.
Der erste, der die Brille trug, hieß Boss. Die verschlafene Nummer zwei hörte auf den Namen Snory. Derjenige, der ununterbrochen fluchte und vor sich hin knurrte, hieß Ragey, ein anderer Cooky, der, der jünger aussah als die anderen Junior und Zwerg Nummer sechs, welcher leise schluchzte und weinte, war Unlucky. Zum Schluss stellte sich der letzte schließlich als Lucky vor. Will war begeistert, doch bevor er das noch einmal betonen konnte, war erneut ein Rascheln zu vernehmen. Es kam aus der Richtung, in die die Zwilling und der Prinz ursprünglich gegangen waren.
Keiner, nicht mal einer der Zwerge, bewegte auch nur einen Muskel. Sie horchten gespannt in den Wald hinein. Schon bald wurde ihnen allen klar, was nur wenige Schritte von ihnen entfernt getrieben werden musste. Das klang keinesfalls nach etwas gefährlichem. Nicht im traditionellen Sinne jedenfalls.
Die zehn begannen, sich gegenseitig aufzufordern, nachzusehen, wer dort war. Letztendlich zog Jack den kürzeren. Will und der Prinz sahen ihn flehend an und weitere 14 Augen ruhten plötzlich erwartungsvoll auf ihm. Es blieb Jack also nichts anderes übrig, als tief Luft zu holen, seinen Mut zusammen zu nehmen und mit fünf großen Schritten durch das Gebüsch hindurch zu treten. Vor ihm standen zwei Personen eng ineinander verschlungen und küssten sich. Genau das hatte er befürchtet. Angeekelt sah er schnell beiseite. Statt etwas zu sagen, räusperte er laut, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Personen lösten sich voneinander. „Gefahr gebannt!“, rief er über die Schulter den anderen zu. Diese traten nun dazu.

Schneewittchen! War das zu fassen? Sie hatte doch allen Ernstes – und das hatte Jack wahrhaftig mit eigenen Augen gesehen – mit dem Jäger herumgeknutscht! Ja, genau der Jäger, der losgeschickt wurde, um sie zu töten! Als Begründung dafür gab sie an, er hätte sie vor einem bösartigen Wolf gerettet. Daher der Schuss und als ob das noch nicht längst ausreichen würde, hatten ausgerechnet die sieben Zwerge den Kadaver des toten Wolfes zusammengeschnürt und mitgenommen. Das graue Fellbündel, falls man sich erinnern wollte!
Will kam sich vor, wie im falschen Film! Gut, exotische Wortwahl bei Berücksichtigung seines derzeitigen Standortes, doch konnte er es einfach nicht fassen! Nichts von alledem! Die Hütte der Zwerge war von der bösen Fee in ihrer Drachengestalt niedergebrannt worden, sodass die erste Begegnung zwischen ihnen und Schneewittchen eh nie so hätte stattfinden können, wie ursprünglich geplant. Zu allem Überfluss hatte der Jäger nun auch noch den bösen Wolf von Rotkäppchen abgeknallt! Zumindest nahm Will an, dass es sich um diesen handelte, da Schneewittchen anmerkte, der Wolf hätte von Großmüttern gesprochen.
Dem intelligenten Zwilling wurde allmählich klar, dass er uns sein Bruder in größeren Schwierigkeiten steckten, als nur den Erzähler verloren zu haben. Das hier war ein regelrechtes Desaster! Einige der berühmtesten Klassiker waren komplett zerstört! Wie sollten sie das wieder in Ordnung bringen? Den Wolf von den Toten auferstehen lassen? Schneewittchen und die Zwerge ihrer Erinnerungen berauben, die Hütte in Rekordzeit wiederaufbauen und hoffen, ihr Aufeinandertreffen würde somit normal verlaufen?

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