10. Dezember

10. Türchen, Weihnachtskalender

Es war einmal eine junge Prinzessin, die hatte Haut, so weiß wie Schnee, Lippen, so rot wie Blut und Haare, so schwarz wie Ebenholz. Nach dem Tod ihrer Mutter, heiratete ihr Vater eine neue Frau. Kurz danach starb auch er, sodass die Prinzessin von da an mit ihrer Stiefmutter zusammenlebte. Diese besaß einen magischen Spiegel, der jede Frage beantworten konnte, die man ihm stellte. Die neue Königin interessierte jedoch nur eins: Wer die Schönste im ganzen Land war!
Der Spiegel antwortete jedes Mal, es sei ihre Stieftochter, die Prinzessin. Um wieder die Schönste zu sein, ließ die Königin die Prinzessin davon jagen und schickte einen Jäger hinter ihr her, der sie töten sollte.

Schneewittchen stapfte einen weiteren Berg hinauf. Es war schon der siebte, den sie heute erklomm. Ihr Füße schmerzten und auch sonst tat ihr alles weh, doch sie blieb nicht stehen. Sie wusste, dass sie so weit gehen musste, wie sie nur konnte, um ihrer bösartigen Stiefmutter zu entkommen.
Es dauerte nicht lange, da kam Schneewittchen am Gipfel des siebten Berges an. Sie beschloss, eine kleine Verschnaufpause zu machen. Bevor sie sich jedoch auf einem umgeknickten Baumstamm niederließ, streckte sie noch einmal die Arme in die Höhe und räkelte sich etwas. Gerade als sie sich umdrehte, um sich hinzusetzen, kam ihr etwas direkt ins Gesicht geflogen und riss sie von den Beinen.
Ein Stiefel! Es war ein edler Wildlederstiefel in Größe 38, der Schneewittchen umgerissen hatte. Wer auf dieser Welt würde so ein hübsches Model einfach wegwerfen? Für solch eine grausame Tat musste man ein Herz aus eiskaltem Stein haben! Wenn es überhaupt ein Herz war, das einen am Leben hielt!
Eines stand ganz sicher fest! Einen solch traumhaft gearbeiteten Stiefel würde Schneewittchen niemals allein zurücklassen. Sie war schließlich nicht umsonst die Vorsitzende diverser Organisation zum Schutze der Schuhe. So zum Beispiel „Schuhe für die Welt“ oder „SOS-Schuhladen“. Kurzerhand steckte sie den Stiefel also in ihre Tasche. Im selben Moment ertönte hinter ihr ein fürchterliches Brüllen. Sie spürte einen heftigen Windstoß im Rücken. Leicht zitternd drehte sie sich um und…
…schrie, so laut sie konnte! Nur wenige Meter vor ihr war ein gigantischer Drache, wie aus dem Nichts aufgetaucht und starrte sie aus einschüchternden, giftgrünen Augen ziemlich böse an. Ohne lange nachzudenken, nahm Schneewittchen die Beine in die Hand und rannte.
Es hörte sich so an, als würde der Drache ihr folgen. Also drehte sie sich um. Ein fataler Fehler, wie sich herausstellte, denn sie befand sich ja auf dem Gipfel eines Berges und der Weg, den sie entlang rannte, führte direkt nach unten. Während sie sich nach dem Ungeheuer umsah, achtete sie nicht auf den unebenen Untergrund, stolperte über eine aus dem Boden ragende Wurzel und purzelte abwärts. Dabei überschlug sie sich mehrere Male selbst. Abwechselnd sah sie den Himmel, das Tal, den Waldboden und den Drachen, der ihr dicht auf den Fersen war.
Nach diesem rasanten Abgang taten Schneewittchen alle Knochen weh und ihr Kleid war vollkommen ruiniert, doch als sie im Tal schließlich aufhörte, sich abwärts zu kugeln, hatte sie keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen. Ganz zu schweigen von ihrer Frisur! Der Drache war noch immer… Moment! Vor wenigen Sekunden war der Drache doch noch direkt hinter ihr gewesen! Nun war er einfach verschwunden! Schneewittchen rappelte sich auf und sah den Abhang vorsichtig hinauf.
„Hinter dir!“, ertönte eine herrische Frauenstimme. Sie erinnerte die Prinzessin etwas an ihre Stiefmutter, doch das war sie nicht! Da war sie sich sicher. Als sie sich herumgedreht hatte, stand eine schwarz gekleidete Fremde vor ihr. In einer Hand hatte sie einen merkwürdigen Stab mit giftgrüner Kugel an einem Ende. Schneewittchen ging ein Licht auf: „Der Drache ist Euer Haustier, nicht?“ Die Fremde schüttelte den Kopf. „Ich bin der Drache!“, behauptete sie stolz. Schneewittchen lachte. Ja klar! Das war doch nur eine einfache Frau ohne Modegeschmack! Solche Leute kannte sie zu Hauf. Alles Lügner und Angeber!
Schneewittchen verschränkte die Arme vor der Brust: „Wisst Ihr, wie viel dieses Kleid hier gekostet hat? Ich kann es Euch sagen! Sehr viel! Da Euer Haustier es zerstört hat, erwarte ich natürlich, dass…“ Doch was sie genau erwartete, konnte sie nicht mehr sagen, denn die Fremde hatte mit ihrem Stab ein paar mal auf den Boden geklopft und verschwand nun in einem schwarzen Nebel. Als sich dieser verzogen hatte, stand da wieder der Drache. Voller Angst starrte Schneewittchen nach oben.
Plötzlich hallte eine Stimme durch den Wald: „Gib mir den Stiefel und ich werde dich eventuell verschonen!“ Die Prinzessin drückte die Tasche an sich. „Niemals!“, rief sie entschlossen, drehte sich um und rannte erneut. Wieder hörte sie, wie sie verfolgt wurde, doch diesmal sah sie sich nicht um.

Nach einer Weile ging Schneewittchen allmählich die Puste aus. Sie schleppte sich keuchend durch einige Büsche. Auf einmal entdeckte sie auf der vor ihr liegenden Lichtung eine kleine Holzhütte. Die seltsame Drachenlady würde gleich hier sein! Schneewittchen musste sich schleunigst etwas einfallen lassen! Einer plötzlichen Eingebung folgend, schmiss sie ihre Tasche mitsamt dem Stiefel, durch ein offenes Fenster in die Hütte und versteckte sich dann auf der anderen Seite der Lichtung. Sie musste nur wenige Sekunden warten, da war der Drache auch schon auf der Lichtung angekommen. Er schaute sich kurz um, dann nahm er die Hütte ins Visier. Es ertönte wieder diese Stimme, die durch den ganzen Wald zu schallen schien. „Komm sofort aus der Hütte raus oder ich werde dich bei lebendigem Leibe rösten!“
Schneewittchens Augen weiteten sich. Ihr wurde klar, dass sie etwas wirklich unverzeihliches getan hatte! Sie musste sich nun entscheiden: Ihr Leben oder der Stiefel?! Wenn sie sich für ihr Leben entscheiden würde, wäre das das Todesurteil für den Stiefel und mal ehrlich! War ihr Leben wirklich so viel wert?
Während sie noch überlegte, schien die Drachenlady die Geduld verloren zu haben. „Du hast es nicht anders gewollt!“, hallte es und mit entsetzten Blick musste Schneewittchen mit ansehen, wie der Drache sein Maul öffnete und die Hütte in Brand setzte. Daraufhin verwandelte er sich zurück die Frau. Sie lachte unheimlich.
Auf einmal trat jemand hinter der Fremden aus einem Gebüsch. Es war ein Wolf! Er tippte die herzlose Tyrannin mit einer Pfote an. Sie schreckte herum. Der Wolf stellte sich auf die Hinterbeine. Das war aber noch gar nicht das seltsamste. Er trug nämlich eine Brille! Außerdem konnte er anscheinend reden. „Ihr schon wieder! Habe ich Euch nicht schon vor einer Woche klar gemacht, dass das hier in die Zuständigkeit meines Herrchens fällt? Wenn Ihr eine Feindin verfolgt, dann dürft Ihr das nur bis zur Grenze! Wenn Eure Feindin diese überschreitet, müsst Ihr erst einen Antrag stellen! Entweder Ihr erhaltet dann die Erlaubnis, sie weiter zu verfolgen oder die Zusicherung, dass wir alles daransetzen werden…“ „Ruhe, du elender Anstandswauwau! Seit wann nimmt denn ausgerechnet dein Herrchen den allgemeinen Kodex der Bösewichte so ernst?“, unterbrach die Drachenlady den Wolf, der das alles herunter leierte, als hätte er dies schon tausendmal gesagt. Er zeigte beim Lächeln seine spitzen Fangzähne: „Seit sie herausgefunden hat, dass man ordentlich Kohle damit verdient, Leute an die Zuständigkeitsgrenzen des Bösen zu erinnern!“
„Wie soll man seine Bosheit ausleben, wenn man sich an irgendwelche banalen Regeln halten muss?“, fragte die Frau verärgert. Der Wolf lächelte noch immer. „Kopf hoch! Die anderen Bösewichte finden auch Wege! Dieser Regelverstoß kostet Euch übrigens 2000 Pfund Kohle!“ „Wucherpreise!“, beschwerte sich die Frau. Der Wolf hob die Schultern: „Unsere Vorräte sind aufgebraucht und das ist der schnellste Weg, sie wieder aufzufüllen. Außerdem wisst Ihr genau, dass mein Herrchen die Kohle dringend für den Ofen benötigt!
Im Bußgeld habe ich übrigens auch schon die Überschreitung des allgemein geltenden Tempolimits dazugerechnet…“ Die Drachenlady stöhnte. „Ich liefere es Eurem Herrchen wie immer persönlich!“, knurrte sie. Der Wolf deutete eine Verbeugung an: „Vielen Dank für Euren erneuten Regelverstoß! Beehrt uns bald wieder!“

Nachdem die Frau verschwunden war, traute sich Schneewittchen aus ihrem Versteck. Inzwischen war von der Hütte nichts mehr übrig außer einem Aschehaufen. Verzweifelt ließ sich die Prinzessin auf die Knie fallen. „Wieso?“, schluchzte sie. Von hinten näherte sich ihr der Wolf. „Mein herzliches Beileid! Es ist nie einfach, den Zorn einer verrückten, bösen Fee zu erregen, aber wenn sie dann auch noch außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs geliebte Großmütter ihrer Feinde tötet…“ „Großmütter?“, Schneewittchen sah den Wolf aus verweinten Augen heraus an, „Hier lebte nicht meine Großmutter! Es geht um einen Wildlederstiefel! Mir war heute mein Leben wichtiger, als dieser Schuh und jetzt fühle ich mich furchtbar schuldig!“ Ihre Stimme brach. Der Wolf legte ihr eine Pfote auf die Schulter.
„Der Verlust eines geliebten Schuhpaares, ist bestimmt genauso schlimm, wie der einer Großmutter!“, meinte er. Schneewittchen heulte weiter: „Genauso schlimm? Pah, schlimmer! Aber was versteht ihr schon von Stiefeln?“ Der Wolf schob seine Brille zurecht und wollte etwas antworten, doch plötzlich ertönte ein lauter Knall…

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