Zum Geburtstag alles Gute

Kapitel 7, Zeitquälerei

Auf der Fahrt wurde nur wenig geredet. Ich spürte ganz deutlich, wie sich eine gewisse Anspannung breit machte, die ich nicht genauer definieren konnte. Der geräumige Innenraum des Wagens wurde erfüllt von meinem eigenen Unwohlsein, Gabes aus meiner Sicht nicht ganz nachvollziehbaren Nervosität und den verschiedenen Empfindungen der drei anderen.
Jo, der jetzt einen Anzug trug, tippte unentwegt Nachrichten in sein Handy, während Miss Hill den Blick schon beim Starten des Motors von uns abgewendet hatte, um stattdessen aus dem Fenster zu sehen. Der einzige, der ab und an mal etwas sagte, war Arthur, aber auch ihm merkte man deutlich an, dass er sich nicht sonderlich auf das freute, was nun folgte, da wir die Limousine nach einer halben Stunde Fahrzeit wieder verließen.
Ich fand mich inmitten einer hübschen Wohnsiedlung wieder. Der Bürgersteig war mit seinen fast weißen Steinplatten ein interessanter Kontrast zu dem dunklen Straßenbelag. Links und rechts von mir waren Grundstücke säuberlich umzäunt. Dahinter lagen gepflegte, kleine Rasenflächen auf denen ein individueller Steinpfad zu idyllischen Einfamilienhäusern führte.
Die meisten Grundstücke besaßen auch eine Garage, aber nur in einer der Auffahrten stand auch wirklich ein Wagen. Ich erkannte ihn ohne jeden Zweifel als Gabes Auto, mit dem er Krissy und mich vor wenigen Tagen auf dem Nachhauseweg aufgegabelt hatte.
Als mein Blick zu dem dazugehörigen Haus schweifte, blieb mir kurz der Atem weg. Während die umliegenden Häuser allesamt nur zwei Stockwerke einschließlich Dachboden besaßen, erstreckte sich dieses über drei Etagen und hatte statt eines Rechtecks einen eher verwinkelten Grundriss.
Neben diesen modernen Schachtelhäusern stach es ungemein heraus, da es ein wenig altmodisch wirkte. Nicht, dass es nicht absolut super aussähe – denn das tat es – aber irgendwie war es den anderen Häusern überlegen.
In diesem Moment ging die Haustür auf und eine ältere Dame watschelte einige Schritte heraus. Als sie uns erblickte, begann sie so aufgeregt zu winken, dass ihre grauen Löckchen durch die Luft sprangen wie Federn. Dann ging es jetzt wohl los…

Auch von innen war das Haus ziemlich beeindruckend. Ich hatte mir zwar vorgestellt, dass die Einrichtung komplett in dem Jahrhundertstile gehalten worden war, wie von außen zu vermuten, aber da hatte ich mich gewaltig geirrt!
Ein kleiner Flur führte von der Haustür zu einer schmalen Treppe aus Glas. Auf dem Weg dorthin liefen wir an drei schlichten Türen vorbei. Hinter der ersten befand sich eine kleine Garderobe, worin jedoch all unsere Jacken und Schuhe Platz fanden. In der nächsten verschwand die ältere Lady, die Gabe mir als Granny Berrypie vorgestellt hatte.
Die dritte Tür war in die gegenüberliegende Wand eingelassen. Sie befand sich genau zwischen den beiden anderen, war jedoch geschlossen. Nichts deutete auf das hin, was sich dahinter verbarg. Anders bei der Tür, die Granny Berrypie aufschob. Es war eine Küche. Sie sah ungemein modern aus, aber der eigentliche Blickfang war die himmelblaue Torte, die mitten auf einem Tisch stand. Leider ließ man mich keinen genaueren Blick darauf werfen, sondern zog mich weiter dem Gang entlang.
Wir hatten beinahe die gläserne Treppe erreicht, da klingelte auf einmal ein Handy. Noch bevor jemand darauf reagierte, wusste ich bereits, dass es mit größter Wahrscheinlichkeit ein Anruf für Miss Hill sein würde. Schuld daran war der Klingelton – eine auf dem Klavier gespielte Melodie, die ihr komplettes Wesen perfekt unterstrich – und natürlich behielt ich recht. Sie zog es geschickt aus der Tasche ihres Blazers und nahm den Anruf an.
Während sie ihren Namen sagte, drängelte sie sich den Flur zurück. Kurzerhand öffnete sie die bislang verschlossene Tür und trat in den Raum dahinter. Leider konnte ich auch jetzt keinen Blick hineinwerfen, da ich an der Treppe und damit auf der Seite stand, zu der die Tür geöffnet wurde.
Wie automatisch folgten Arthur, Jo und Gabe der spießigen Frau. Ich wäre doch glatt allein zurückgeblieben, hätte ich nicht mit einem ungläubigen Räuspern auf mich aufmerksam gemacht. Die drei Männer blieben abrupt stehen und sahen zu mir hinüber. Sie warfen sich gegenseitig unschlüssige Blicke zu, so als bräuchten sie für diese Situation unbedingt einen bombensicheren Plan.
Weil das ja auch unbedingt notwendig war, hier ging es schließlich um… oh, stimmt ja! Ich wusste nicht worum es ging. Einzig und allein der mir nur zu gut bekannte Sarkasmus, der meine Gedanken auf eine zugegebenermaßen amüsante Art moderierte, ließ mich daran glauben, dass ich gerade nicht den schrägsten Traum aller Zeiten hatte.
Ich war doch nur ein verdammter Teenager und nicht eine psychisch labile Selbstmordattentäterin, als die ich mich unter diesen Blicken allmählich fühlte. Schlagartig überkam ich mich das dringende Verlangen einfach von hier zu verschwinden.
Mir wäre alles recht! Eine plötzliche Sturmflut, die mich vor die Tür schwemmen würde, eine Explosion, die mich geradewegs nachhause katapultierte, oder auch das klassische im Boden versinken, das, wie sich vor einigen Jahren herausgestellt hatte, tatsächlich funktionierte. Allerdings musste man sich dafür mit der Klasse auf einer Wanderung in einem unbekannten Wald verirren!
„Könntest du bitte schon mal nach oben gehen?“, fragte Gabe in einem freundlichen Tonfall, bevor er die Stimme etwas senkte, „Wir haben hier noch kurz zu tun.“ „Und wo soll ich da genau hin?“, erkundigte ich mich mit zunehmend schlechterer Laune.
Bevor mir einer der drei Männer antworten konnte, ertönte eine mir durchaus vertraute Stimme im oberen Geschoss: „Das findest du schon! Es sei denn, du weißt eine Inkompetenz auf, Treppen zu steigen!“ Wenn nicht die Stimme, hätte ich dennoch anhand ihrer Worte erkannt, wer sich ganz eindeutig da oben aufhielt.
Krissy!
Das hatte mir ja gerade noch gefehlt! Doch ehe ich Einspruch erheben konnte, schloss sich die Tür auch schon wieder und mir blieb nichts anderes übrig, als tatsächlich die gläsernen Stufen empor zu steigen.
Auf dem Weg verfluchte ich jeden, der mir gerade in den Sinn kam. Vorn an Krissy, Gabe, Mrs Jones und Oma, weil sie alle Geheimnisse vor mir hatten, die mir bestimmt erheblich weiterhelfen würden. Dann kam der ganze Rest, angefangen bei der arroganten Miss Hill, über Jonael Jones, bis hin zu Miriam und allen anderen Mitschülerinnen und Lehrern.
„Die Tür den Gang runter“, hörte ich Krissy sagen, die scheinbar in ebendiesem Zimmer saß und sich natürlich nicht die Mühe machte, sich zu erheben, um mir zum Geburtstag zu gratulieren. Die Tatsache, dass ich heute wirklich 17 Jahre alt wurde, wäre mir beinahe selbst entfallen.
Es war definitiv kein schöner Geburtstag! Ich erwartete nicht, die ungeteilte Aufmerksamkeit zu haben, aber so wie dieser eine Tag im Jahr immer angepriesen wurde, wünschte ich mir doch wenigstens ein klein wenig Zuneigung oder zumindest etwas ähnliches. Stattdessen war ich das Mobbingopfer von Dienst und jemand, den man scheinbar an keinem Ort wirklich haben wollte.
Die Tür am Ende des Ganges war einen Spalt breit offen. Als ich direkt davor stand, schob ich sie noch ein Stück weiter auf und augenblicklich entfuhr mir ein beeindruckter Laut. Der Raum war größer und die Einrichtung ganz anders, als ich es erwartet hatte.
Die Wände waren in einer Farbe angestrichen, die direkt von einem Sonnenuntergang kopiert worden sein musste, und an der gegenüberliegenden hing eine wunderhübsche, schwarzweiß Fotografie eines alten Schlosses, das hinter einem seichten Regenschleier perfekt in Szene gesetzt worden war. Das Bild war circa eineinhalb Meter breit und einen Meter hoch und thronte über einer einladend wirkenden Couch mit weißem Lederbezug.
Der Beistelltisch sowie der niedrige Fernsehtisch waren aus Glas, der Teppich vor dem Sofa hatte dieselbe Farbe wie dieses. Der höchst moderne Flachbildfernseher beanspruchte fast die komplette Wand gegenüber von der Couch. Er ließ das Zimmer wie ein hippes Heimkino wirken, in dem man viel Zeit mit Freunden verbringen konnte, wenn man denn welche besaß…
Apropos Freunde: Krissy stand seelenruhig an einem der Fenster und musterte mich abschätzig. In ihrem Blick lag dieselbe Feindseligkeit, die ich bereits kannte, nur, dass heute noch eine Portion Gehässigkeit hinzukam, deren Ursprung mir wohl ein Rätsel sein sollte. Egal was Krissy jedoch dachte – ich besaß vielleicht nicht den größten IQ der Menschheitsgeschichte –, aber das hieß nicht, dass ich dumm war!
Ich hatte von Anfang an gewusst, wieso ich mich so schwer damit tat, Krissy eine Freundin zu nennen, denn das war sie schlicht und ergreifend einfach nicht! Weder heute noch an irgendeinem der vergangenen Tage war sie jemals auch nur annähernd etwas ähnliches gewesen. Bestenfalls waren wir entfernte Bekannte, die schweigend Zeit zusammen verbracht hatten, weil sie es mussten. Profit aus der Sache zu schlagen war das einzige, was uns dazu gebracht hatte, die Hofpausen gemeinsam zu verbringen und dass sie mich manchmal nachhause begleitet hatte, lag einzig und allein an meinem Bruder!
„Na, wie ist die neue Schule so?“, fragte ich, wobei ich mir gar nicht erst die Mühe machte, meine schlechte Laune zu verbergen. Auf Krissys hübschen Gesicht zeichnete sich ein listiges Lächeln ab: „Ich werde endlich auf die Art gefördert, die meine intellektuellen Fähigkeiten verdient haben. Aber lass uns heute nicht über mich reden. Sag mir lieber, was du mit deinem schrecklichen Dutt angestellt hast!“
Ihr provokanter Unterton war beim besten Wille nicht zu überhören. Deshalb wurde meine Stimme von ganz allein ziemlich giftig: „Ich habe leider die Geschenktütchen für meine Geburtstagsgäste zuhause stehen lassen und wollte diejenigen, die ich kennen, wenigstens hiermit überraschen.“
Kaum war das ausgesprochen, machte das Sticheln Krissy für den Moment scheinbar keinen Spaß mehr. Der Ausdruck in ihren Augen änderte sich schlagartig und sie trat vom Fenster weg, direkt auf mich zu. Genauer gesagt lief sie nicht zu mir, sondern zu den vier Personen, die nun hinter mir den Raum betraten.
Das Telefonat war offensichtlich beendet worden, aber etwas stimmte ganz eindeutig nicht! Jeder der vier, sogar Miss Hill, sahen beklommen auf den Boden und Gabe hatte die Hände zu Fäusten geballt. Das war ein deutliches Zeichen dafür, dass er sich tierisch am Riemen reißen musste, um nicht die Beherrschung zu verlieren, und das kam normalerweise extrem selten vor!
Ich wollte gerade fragen, was zum Teufel jetzt schon wieder geschehen war, da schlang Krissy auf einmal die Arme um den Hals meines Bruder und drückte ihm einen Kuss auf die Wange: „Du siehst gar nicht gut aus! Was habt ihr eben besprochen?“ „Ich erzähl es dir später!“, meinte Gabe kurz angebunden und zog sie fast unmerklich ein Stück näher an sich heran. Aber eben nur fast!
Vollkommen verständnislos starrte ich meinen Bruder an, dann Krissy, deren funkelnde Augen ich auf einmal leider sehr gut deuten konnte. Ebenso gut schien Gabe jedoch auch meine Körpersprache zu verstehen, denn er löste sich von Krissy, schob sie etwas beiseite und trat einen Schritt auf mich zu. Unwillkürlich trat ich einen zurück.
In den letzten zwei Tagen (die mir übrigens vorkamen wie eine ganze Woche – mindestens!) hatte man mich vor eine schier endlose Liste unlösbarer Rätsel gesetzt. Oma war verschwunden, ich musste mich von heute auf morgen mit Zeitreisen auseinandersetzten, die Wohnung fluchtartig verlassen, fremden Menschen einen vielleicht unbegründeten Vertrauensvorschuss gewähren und war nun offensichtlich in etwas hineingestolpert, dass für meine Begriffe zu geheim, zu unlogisch und zu verwirrend war! Und als wäre das alles noch nicht genug, sollte sich nun auch noch herausstellen, dass in der Zwischenzeit mein Bruder und die falsche Schlange von Fake-Freundin zusammengekommen waren?!
„Könnte ich kurz frische Luft schnappen gehen?“, mein Mund sprach die Worte unverhofft ruhig und gefasst aus, während in meinem Gehirn eine Sirene zu rotem Alarmlicht los schrillte und damit den Panikmodus einleitete. Irgendwie schien ich es geschafft zu haben, nach all dem Mist der letzten Tage nicht den Überblick zu verlieren. Bis jetzt jedenfalls!
Die Gedanken in meinem Kopf purzelten durcheinander, wie ein Haufen Betrunkener in einer Waschmaschine im Schleudergang.
Genauso fühlte sich im Übrigen auch mein Magen an. Das letzte Mal erbrochen hatte ich mich vor fast zehn Jahren, doch das Gefühl der aufsteigenden Galle vergaß man nicht! Schnell schluckte ich den sauren Klumpen wieder herunter und kämpfte so unauffällig es ging gegen den ätzenden Nachgeschmack an, der schon fast ausreichte, mein spärliches Mittagessen erneut in Richtung Tageslicht zu befördern.
Während ich also mit aller Macht versuchte, nicht auf den edlen Teppich zu kotzen, nutzte Gabe die Gelegenheit meiner Widerstandslosigkeit, um mich in seine Arme zu ziehen. Sofort war ans Übergeben kein Gedanke mehr zu verschwenden.
Ich spürte sein Herz schneller gegen seine Brust hämmern, als ich es vermutet hätte. Woran genau das lag, war für den Augenblick aber nicht wichtig. Wir beide brauchten diese Umarmung, diesen kurzen Moment für uns, der weder Antworten verlangte, noch Fragen aufwarf. In den wenigen Sekunden waren wir einfach nur Gabriel und Alexandria Mails, Bruder und Schwester.
„Pack schnell deine Geschenke aus, dann bringe ich dich hin, wo du willst!“, versprach Gabe, kurz bevor er mich wieder losließ. Meine Panikattacke hatte er mit seiner Umarmung erstickt, wie das seichte Flämmchen einer Kerze. Trotzdem musterte ich ihn mit einer Spur Skepsis: „Wieso soll ich meine Geschenke vorher auspacken?“
Ich hatte eindeutig die falsche Frage gestellt! Alle Anwesen starrten mich an. Krissy und Miss Hill, die sowohl äußerlich aus auch was den Charakter anging viele Ähnlichkeiten aufzuweisen schienen, wie mir eben auffiel, schafften es, gleichzeitig hämisch zu grinsen und eine ziemlich finstere Mine zu machen.
Es herrschte eine angespannte Stille. Dass man mir in ebendiesem Moment etwas verheimlichte, lag so deutlich in der Luft, als würden die fünf es laut aussprechen. Nach circa einer halben Minute entschied sich Gabe jedoch dafür, das tatsächlich zu tun: „Deswegen bist du hier!“

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