Zeitquälerei

Prolog, Zeitquälerei

Prolog

Lautlos landete ich auf meinen Füßen. Neben mir hörte ich Toni leise die niedrigen Bretter verfluchen, die als zusätzliche Ablageflächen an den Wänden hingen. Er musste sich an einem von ihnen gestoßen haben, doch davon konnten wir uns jetzt nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Während Toni unsere Fackel entzündete, verdammte ich die unpraktischen Uniformen, in die man uns gesteckt hatte. Als ich sah, dass Toni ein modernes Feuerzeug in der Hand hielt, das für das 15 Jahrhundert eher untypisch war, runzelte ich wortlos die Stirn, ehe ich noch einmal sicherging, dass meine Waffe – ein kunstvoll gearbeiteter Degen – genau an seinem Platz war.
Wir befanden uns in einer kleinen Apotheke, die – wie erwartet – zu solch später Stunde leer war. Im Licht der Fackel erkannte ich mehrere Regale, an den Wänden befestigte Bretter und einen Tresen, der den Raum in zwei Hälften teilte. Hinter mir befand sich zudem ein grünlicher Vorhang, der den Verkaufsraum von einem anderen abtrennte.
Überall standen kleine Fläschchen, Phiolen und Ampullen, in denen verschiedene Flüssigkeiten abgefüllt waren. Auf einer davon, die direkt vor mir in einem Glaskasten lag, erkannte ich einen winzigen Totenkopfschädel, der vermutlich nichts Gutes verheißen ließ.
Mit einem Räuspern lenkte Toni meine Aufmerksamkeit wieder auf sich: „Wir müssen weiter, Gabriel! Unseren Auftrag sollten wir lieber schnell ausführen. Wir wissen nicht genau, wann genau sie… naja, du weißt schon!“ Er hob verheißungsvoll die Augenbrauen und in dem flackernden Licht der Fackel sah er alt aus. Sehr alt! Weitaus älter, als er eigentlich war.
Nach seiner Ansprache hielten wir beide Ausschau nach der Geheimtür, wegen der wir uns für diesen schnuckeligen Laden voller Gifte und dazugehörigen Heilmitteln entschieden hatten. Ich musste nicht lang suchen, da fiel mir auf, dass der hölzerne Boden hinter dem Tresen deutliche Kratzspuren aufwies. Normalen Kunden würden sie nicht auffallen, doch ich stand auf der anderen Seite des massiven Tisches.
Ich winkte Toni zu mir heran und mit vereinten Kräften schafften wir es tatsächlich, eine Öffnung im Boden freizulegen. Eine schmale Treppe führte hinunter in die vollkommene Dunkelheit. Ich schnappte mir die Fackel und machte mich auf den Weg in die Tiefe. Toni folgte mir mit nicht mal einem Meter Abstand, denn nicht mal das Licht unseres Feuer reichte weit genug, um viel mehr als die jeweils nächsten und letzten vier Stufen erkennen zu können.

Wir liefen und liefen und liefen, doch die Stufen wollten kein Ende nehmen. Zudem wurde es immer feuchter und von der Decke tropfte aller paar Meter Wasser auf uns herab. „Bist du aufgeregt, sie wiederzusehen? Nach all den Jahren?“, fragte Toni nach ungefähr zehn Minuten, die mir jedoch vorgekommen waren wie eine Ewigkeit.
Ich hätte den Kopf schütteln und lügen können, aber Toni war seit jeher wie ein Vater für mich. Mein schlechtes Gewissen hätte mich so oder so verraten, also versuchte ich es einfach gleich mit der ernüchternden Wahrheit: „Einerseits nein, weil ich sie in den vergangenen drei Jahren immer mal wieder in der Vergangenheit getroffen habe, aber andererseits ja, weil das hier ihr…“
Meine Kehle zog sich zusammen und ließ mir kein einziges Wort mehr über die Lippen kommen. Toni legte mir eine Hand auf die Schulter, denn er wusste sowohl, was ich hatte sagen wollen, als auch, wieso mir meine Stimme versagt hatte.
Glücklicherweise kam es zu einem schnellen Themenwechsel. Toni wollte mich wahrscheinlich von den Gedanken und Erinnerungen ablenken, die mich nun gnadenlos überrollten. „Es wird wohl noch eine Weile weiter nach unten gehen. Schließlich lag die Apotheke auf der Spitze des Berges und unser Einsatzort in dem kleinen Dorf fast ganz unten.“
Ich nickte nur stumm. Zwar hatte ich mich tatsächlich nicht allzu sehr in meinen üblichen Kummer vertieft, der mich vor allem des Nachts noch heute manchmal vom Schlafen abhielt, aber trotzdem machte sich das altbekannte, beklemmende Gefühl in meiner Brust breit. Unter dieser Art von Druck schlug mein Herz laut und hart gegen meinen Rippenbogen. Auf dem Rest des Weges Schwiegen wir und Toni tat mir den Gefallen, mich nicht noch einmal anzusprechen.

Als wir nach einer Weile – wenige oder mehrere Minuten oder vielleicht sogar Stunden – in einer Sackgasse ankamen, war der Gang endlich so breit, dass wir nebeneinander stehen konnten. Toni deutete auf eine versteckte Tür am Tunnelende und vergewisserte sich mit einem kurzen Blick bei mir, ob er sie wirklich öffnen sollte.
Ich versuchte das stille Elend hinunterzuschlucken, doch es funktionierte nicht. Gar nicht! Kaum war die Tür auch nur einen winzigen Spalt breit auf, drangen von draußen laute Kampfgeräusche an unsere Ohren. Mir wurde plötzlich ganz schwindelig und ich taumelte einige Schritte zurück, bis ich mit dem Rücken gegen die steinerne Wand stieß. Alles vor mir verschwamm zu einem dunklen, unscharfen Schleier. Ich wusste was das hieß: Wir waren zu spät!
Durch den Schleier konnte ich die eine Person, die vor mir aufgetaucht war, nur schemenhaft erkennen. Sie streckte einen Arm aus und schien meine Schulter zu berühren, aber ich spürte gar nichts. „Warte hier! Ich erledige das“, hörte ich die Person mit verzerrter Stimme sagen, ehe sie gänzlich aus meinem Sichtfeld verschwand.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich einfach nur dasaß und mich mit jeder Faser meines Körpers dagegen sträubte, zuzulassen, die Erkenntnis, die ich aus dem Lärm da draußen gewonnen hatte, als Tatsache anzunehmen. Das konnte einfach nicht sein! Nach etlichen Jahren hatten wir endlich herausgefunden, wann und wo sie gestorben war und jetzt sollten Toni und ich einfach zu spät gekommen sein?
Ein lauter Schrei riss mich aus meinen Gedanken und klarte gleichzeitig meinen Blick auf. Toni?! Ich sprang auf die Beine und stürmte auf den Ausgang des Tunnels zu. Noch ehe die kalte Nachtluft meine Lungen erreichte, war aller Lärm verschwunden. Am Ende des Ganges war die steinerne Tür noch einen Spalt geöffnet. Rücksichtslos stieß ich sie auf und stolperte in die dahinterliegende dunkle Gasse.
Das einzige Licht ging von einer Fackel aus, die verlassen am Boden lag und unheilverkündende Schatten an den Häuserwänden tanzen ließ. Von ihr ging ein stechender Geruch aus, der mir eindeutig verriet, dass es sich bei ihr auf keinen Fall um unsere Fackel handeln konnte. Stattdessen musste es eine derer sein, die sich nach den Ereignissen nur Minuten davor scheinbar aus dem Staub gemacht hatten.
Einsam stand ich in der Gasse und fühlte mich einen Moment lang verloren, ehe mir einfiel, wo ich mich befand und vor allem warum. Aufgeregt sah ich mich um. Auf den ersten Blick war in dieser fast vollkommenen Finsternis rein gar nichts zu erkennen, doch ich wusste, worauf ich zu achten hatte, um fündig zu werden und siehe da! Am äußersten Rand der Gasse, hinter dem eine schmale Nische war, erkannte ich etwas, das ich im düsteren Licht als eine menschliche Hand identifizierte.
Mit nur drei großen Schritten hatte ich mir sowohl die Fackel geschnappt, als auch die vermeidliche Gliedmaße überprüft. Beides mit einer Hand am Degen, versteht sich! Bei letzterem allerdings, blieb mir für einen Moment die Luft weg, denn schon beim Näherkommen fielen mir die enormen Mengen Blut auf, die auf dem unebenem Gehweg kleine und große Pfützen bildeten.
Ich wusste, was mich erwarten würde, wenn ich alledem näher nachging, doch aus irgendeinem Grund hielt mich dieses Wissen dennoch nicht davon ab. Meine heimliche Vermutung, Tonis blutüberströmte Leiche könnte in dieser schmuddeligen Nische liegen, bestätigte sich zum Glück nicht. Stattdessen hockte dort ein anderer Mann, dessen Augen sich merkwürdig verdreht hatten und in dessen Brust noch immer ein Dolch steckte.Vielleicht war es ebendieser Dolch, der mir sagte, dass er dort noch eine Weile sitzen würde.
Bei näherer Betrachtung fiel mir auf, dass mir die glänzende Mordwaffe durchaus bekannt war. Das markante, dunkle Metall des Griffes, versetzt mit drei schimmernden, lilafarbenen Funkelsteinen, war prachtvoll mit winzigen Ornamenten bestückt und verziert worden. Als ich klein war, hatte ich Stunden damit zugebracht, Waffen dieser Art anzustarren und mir jedes ihrer Details einzuprägen. Genau diesen hier als einen von ihren zu identifizieren, fiel mir dementsprechend nicht sonderlich schwer.
Was mein Fund mit dem zu tun hatte, was sich hier eben noch abgespielt hatte, jagte mir einen kalten Schauen über den Rücken. Dass sie in dieser Gasse gewesen war, stand praktisch schon außer Frage. Wenn sie allerdings nicht hier war, dann hieß das, dass Toni und ich wahrhaftig zu spät gekommen waren. Was seine Abwesenheit allerdings bedeuten sollte, bereitete mir Sorgen. War ihm vielleicht etwas schlimmes zugestoßen? Ereilte ihn etwa dasselbe Schicksal, wie sie – Maria Mails, die in ebendieser Gasse getötet worden sein sollte.
Ihretwegen wurde diese Rettungsmission überhaupt erst gestartet. Einerseits war sie, ebenso wie Toni und ich, eine Zeitreisende und andererseits… meine Mutter! Nach drei Jahren hatte ich endlich die Gelegenheit bekommen, sie vor einem qualvollen, einsamen Tod zu bewahren und stattdessen schicke ich ihr meine Vaterfigur einfach hinterher.
Ich begann systematisch die Gasse abzusuchen. Der Erfolg blieb leider aus! Außer den üblichen Spuren eines blutigen Degenkampfes war nichts verdächtiges zu erblicken, bis…
„Toni! Mum!“, ich warf mich neben sie auf die blutverschmierten Steine. Binnen Sekunden war mein gesamtes Kostüm von diesem getränkt. Der Stoff saugte sich unentwegt weiter voll damit, doch das war zurzeit meine kleinste Sorge. Vor mir lagen meine Mutter und die Person, die seit meinem Verlust vor drei Jahren neben höchstens vier anderen Menschen, mein einziger Vertrauter war.
Schwer Luft holend hockten sie zusammengesackt an einer Hausmauer, nur zwei Meter von der Gasse entfernt. In der Brust meiner Mutter klaffte eine tiefe, offene Schnittwunde. Bei jeder noch so kleinen Bewegung stöhnte sie zudem schmerzvoll auf und immer neues Blut floss nach.
Toni erging es da nicht viel besser. Im Licht der Fackel erkannte ich mehrere Stichverletzungen an seinem Bauch. Aus seinem Mundwinkel lief ein schmales Rinnsal Blut und tropfte von Kinn abwärts auf seine zerschlissene Brust. Auch unter den Fetzen seines stilechten Kostüms sah man diverse Kratzer und teilweise auch ähnliche Schnittwunden wie meine Mutter aufzuweisen hatte. Für Hilfe war es definitiv zu spät!
„Es tut mir leid!“, keuchte ich verzweifelt, „…so unendlich leid!“ Das wiederholte ich solange, bis sich die Worte selbst in mein Herz und mein Hirn eingebrannt hatten und ihr bloßer Klang keinerlei Bedeutung mehr in meiner Seele hervorrufen konnte.
Wann mir bei dem Ganzen genau die Tränen gekommen waren, wusste ich nicht so genau. Ich wusste eigentlich gar nichts mehr! Alles war leer und dunkel. Um mich herum breitete sich eine eisige Kälte aus, die mit langsamer Grausamkeit Besitz von meinem Körper ergriff. Sie legte sich auf meine Schultern und sorgte für das schmerzhafte Zusammenziehen meiner Lungenflügel. Mein Rachen fühlte sich im Gegenzug so an, als hätte ihn jemand mit staubtrockenem Wüstensand gefüllt. Mir kam kein Ton über die Lippen, kein Keuchen mehr, kein zittriges Einatmen und erst recht kein verzweifeltes Schluchzen.
In meinen Ohren hörte ich meinen eigenen Puls nur so hämmern. Mit jedem Herzschlag wurde mein Blut zäher und dickflüssiger, bis ich das Gefühl hatte, es würde endgültig zu zirkulieren aufhören. Mit wässrigen Augen schaute ich auf die beiden herab. Erst jetzt merkte ich, dass ich Tonis Hand hielt, deren sonst so fester Händedruck stetig weniger kraftvoll wurde. Meine Mutter schaute ich einfach nur an, lange und intensiv und mit den Augen sagte sie mir alles, was ich mir seit drei Jahren von ihr ein letztes Mal zu hören gewünscht hatte…

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