Zeitquälerei, Band 2: Die Zeiten ändern sich

Freddy, Prolog, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

Prolog

Dunkle Gassen gehörten gewiss nicht zu meinen Lieblingsorten, doch was sollte ich denn bitte tun, wenn ein Mädchen in einer von zwei Typen bedroht wurden? Abgesehen von der Tatsache, dass ich dramatische Auftritte praktisch abgöttisch liebte, – und gab es einen dramatischeren Auftritt, als mit gezücktem Degen von einem Dach zu springen und dann den bösen Jungs die Hölle heiß zu machen – war es meine Pflicht, den Zeitreisehintern dieses Mädchens zu retten.
Sie konnte von Glück reden, dass ich mich an ihre Fersen geheftet hatte, denn andernfalls hätte diese leichtsinnige Aktion sehr viel unschöner ausgehen können. Ich war zwar ein großer Fan von risikoreichen Unternehmungen, doch als hübsches Mädchen ganz allein durch eine Stadt des 17. Jahrhunderts zu schlendern, war aus zwei Gründen nichts anderes als dämlich: Erstens war das Verlaufen in einer solchen Stadt vorprogrammiert – wie wir gerade gesehen hatten – und zweitens forderte man Diebe und zwielichtige Typen damit praktisch dazu auf, einen zu überfallen – wie wir ebenfalls gerade gesehen hatten.
„Gütiger Himmel… Freddy?! Was soll das denn schon wieder?“, kreischte jemand am anderen Ende der Gasse und ich musste mich nicht erst dorthin umsehen, um zu wissen, dass es meine Zwillingsschwester Tiffany war. Ein Seufzen entrang sich mir und ich hielt für eine Sekunde inne, ehe ich damit fortfuhr, den ersten Toten nach Hinweisen abzusuchen. Ich musste so viel wie möglich wissen. Wer er war, was das gerade werden sollte, et cetera.
Die beiden sahen nicht aus, als wäre ihre Hauptbeschäftigung das Ausrauben oder Kidnappen unschuldiger Mädchen. Mein Instinkt sagte mir, dass es auch weniger um das Geschlecht ihres Opfers ging, sondern eher um die Tatsache, dass sie in der Zeit reisen konnte. Ich hatte eine ziemlich üble Vorahnung, die sich leider bestätigte, als ich in der Manteltasche des Toten auf einen runden, metallenen Gegenstand stieß.
Gerade in dem Moment, in dem die goldene Taschenuhr in meiner Handfläche ruhte, streifte mich der Saum von Tiffs rosafarbenen Kleid. „Ich sagte dem Kutscher doch, er solle mir nicht folgen!“, knurrte ich. Tiff entfuhr ein hochnäsiges Lachen: „Wie oft muss man dir noch sagen? Macht hat in diesem Jahrhundert der, der sie auch zur Schau stellt. Wenn also eine unidentifizierbare, ganz in schwarz gekleidete Person eine Anweisung gibt und sich dann entfernt, sollte es nicht verwundernswert sein, dass ein Bediensteter im Anschluss dem Befehl einer jungen Adeligen befolgt.“
Nur mit Mühe gelang es mir, ein entnervtes Stöhnen zu unterdrücken. Mein Zwilling war nicht gerade die hellste Kerze auf dem verdammten, veganen und fettarmen Kuchen, von dem sie höchstens einen Krümel verdrücken würde um „ihre Figur nicht zu ruinieren“, wie unsere Mutter mir stets vorwurfsvoll vorzuhalten pflegte. Nicht dass ich dick wäre, dafür trieb ich eindeutig zu gewissenhaft Sport, doch waren meine Hobbys nicht Mode und Jungs, wie es bei Tiff der Fall war.
Während sie und Mum shoppen gingen oder bei Modeshows in der ersten Reihe saßen, war ich entweder in der Fechtschule meiner Eltern oder in der Garage, um an meinem heißgeliebten Motorrad herum zu tüfteln. Naja, jedenfalls tat ich diese Dinge, solange ich mich in der Gegenwart aufhielt. Die Vergangenheit hielt andere Möglichkeiten für mich offen.
„Tiff, geh zurück zur Kutsche und lass dich von hier wegbringen!“, befahl ich, doch da ich wusste, dass sie das nicht beeindruckte, setzte ich etwas leiser noch hinzu, „Wer weiß, ob man Blutflecken aus Seide je wieder rausbekommt…“ Schockiert raffte mein Zwilling ihr Kleid und sah an sich herunter. Es handelte sich bei diesem kitschigen Exemplar um eines ihrer Lieblingskleider.
Mit einem angewiderten Blick auf die Leichen, rümpfte Tiff die Nase: „Kommst du nach, wenn du… du diese Angelegenheit in Ordnung gebracht hast?“ Nun stöhnte ich doch. In Ordnung bringen? Die Männer waren tot! Da gab es nichts in Ordnung zu bringen! Ich würde auch den zweiten durchsuchen und dann zusehen, dass ich ungesehen vom Tatort wegkam.
Um einer nervenaufreibenden Diskussion vorzubeugen, nickte ich nur, anstatt eine gehässige Antwort zu geben. Tiff drehte sich auf dem Absatz um und schritt davon, immer bedacht darauf, ihre neuen Schuhe nicht mit Blut zu besudeln.
Für gewöhnlich gehörte ich zu den Menschen, die die meisten Leute in ihrem Umfeld mit ihrem Humor auf die Palme brachten, doch Dummheit ging mir gegen den Strich. Tiff nahm das alles nicht ernst genug! Eine Reise ins 17. Jahrhundert hieß für sie nur hübsche Kleider zu tragen, ihren Adelstitel auszunutzen, den unsere Familie zwar seit Generationen trug, der in unserer Zeit aber nicht mehr wirklich von Bedeutung war, und sich an reiche Typen in Strumpfhosen ranzumachen.
Ich dagegen hielt mich nur in diesem Jahrhundert auf, um meinen Degen zu benutzen. Meist musste ich damit meine Zwillingsschwester beschützen, doch manchmal traf ich mich auch mit ein paar Eingeweihten und trainierte mit ihnen ein bisschen. Das war einfach ein ganz anderes Feeling, als in der Halle mit Jack zu trainieren. Natürlich genoss ich auch das Training mit ihm, aber es ging eben nichts über ein kleines Duell im authentischen 17. Jahrhundert.
Bei dem Gedanken an Jack entfuhr mir ein Seufzen. Kurz nachdem er mein Fechtpartner geworden war, hatte ich herausgefunden, dass er, ebenso wie ich, durch die Zeit reisen konnte. Er wiederum hatte keine Ahnung.
Ich fürchtete insgeheim, dass er auch nicht genau wusste, mit wem er vorgehabt hatte, sich zu treffen. Das Mädchen war Marias Tochter, das war ja wohl mehr als offensichtlich, aber wusste er auch, wer ihr Vater war? Hatte er auch nur im Geringsten eine Vorstellung davon, mit wem er sich da abgab?
Mein unverbesserlicher Instinkt sagte mir, dass ich das nach dieser Aktion eben bald herausfinden würde. Alarmiert sah ich wieder auf die goldene Taschenuhr in meiner Hand. Ich verwettete meine eigene Schwester darauf, dass der andere Kerl auch so eine dabei hatte. Schließlich verließ in dieser Zeit kein Mitglied Simikolons sein Haus, ohne diesen Beweis seiner Mitgliedschaft dabei zu haben.
Und tatsächlich: Der einhändige Tote trug ebenfalls das Markenzeichen der Organisation bei sich. Das bedeutete nichts anderes, als dass man nicht nur in der Gegenwart hinter Marias Tochter her war. Ein Fakt, der alles Bevorstehende erheblich erschweren würde! Zu meinem Leidwesen dürfte auch das, außer mir niemandem bewusst sein.
Schon jetzt trauerte ich meinem bisherigen Leben nach, denn nach den Geschehnissen von eben, würde sich bald einiges ändern! Jack und ich waren seit Jahren befreundet, er würde sicherlich aus allen Wolken fallen, sobald ihm aufginge, dass auch ich ein magisches Zeitreiseartefakt besaß, doch wir vertrauten einander und nachdem ich Marias Tochter eben aus ihrer, sagen wir, misslichen Lage befreit hatte, dürfte auch sie mich schon bald als die Verbündete sehen, die ich war.
Es stand außer Frage, dass ich Informationen besaß, von denen außer mir nur eine Hand voll Leute wussten. Mit Sicherheit konnte ich sagen, dass weder Jack, noch eines von Marias Kindern zu diesen Leuten gehörten. Es dürfte sie also ein gutes Stück weiterbringen, sobald ich mit im Rennen war, obwohl ich mich dazu verpflichtet hatte, nicht alles auf einmal zu verraten Darum hatte mich Maria persönlich gebeten und ihrer Bitte würde ich Folge leisten.
Doch ich hatte eh nie vorgehabt, einfach bei dem Mädel aufzutauchen und ihr eine To-Do-Liste zu überreichen. Stattdessen hatte ich mich wissentlich dazu verpflichtet, sie im Auge zu behalten, sobald die Sache zu gefährlich wurde und nach allem, was gerade in dieser Gasse geschehen war, vermutete ich stark, dass mein Schwur ab jetzt in Kraft trat. Nach all den Jahren wurde es aber auch langsam mal Zeit!

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