Zauberei

Kapitel 4, Zeitquälerei

Mit einem Aufatmen sah ich mich um. Ein dumpfer Schmerz in meinem Inneren sagte mir, dass ich mich nun wohl von diesem Ort verabschieden musste. Für immer – was das auch bedeuten mochte.
Innerhalb dieser Wände war ich aufgewachsen. Dieser Raum hatte sich über die Jahre genauso verändert wie ich, hatte jeder Laune standgehalten, allen Experimenten, Lernphasen und Lesenächten einen sicheren Veranstaltungsort geboten und so viele Erinnerungen beheimatet, wie es sonst kein anderer Ort auf der Erde jemals vermochte.
„Fertig?“, der Mann fragte nicht mich das, sondern drehte sich zum Flur. Ich vermutete dort Mrs Jones und nutzte die Gelegenheit, ein letztes mal über meine Möbel zu streichen. Erst das Bett, dann der Kleiderschrank neben dem Fenster…

Dort unter zog plötzlich etwas meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich drehte mich zu dem Mann um und warf ihm einen prüfenden Blick zu: „Ist das ihre Limousine vor der Tür?“ „Limousine?“, er trat zu mir und in seiner Stimme schwang so ein seltsamer Unterton mit, „Ich bin nicht mit dem Auto hier!“
Gerade als er neben mir an die Scheibe trat, öffnete sich die Fahrertür. Da stieg doch tatsächlich ein Typ aus, der einen dunkelblauen Anzug und so einen Hut trug, wie es diese Hotelangestellten in Filmen taten. Er ging um den ausladenden Wagen herum und machte Anstalten eine Tür zu öffnen, doch da zog mich der junge Mann vom Fenster weg. Er packte meinen Rucksack, bedeutete mir die Tasche zu schnappen und trat mit mir auf den Flur.
„Wir müssen hier weg, Mum!“, rief er in Richtung Omas Schlafzimmer. Wendy Jones trat heraus. Sie trug eine riesige Reisetasche über der einen Schulter und trug eine staubige Holzkiste unter dem Arm. In ihrem Gesicht zeichnete sich eine Härte ab, die ich bei ihr niemals erwartet hätte: „Wo sind sie, Jo?“
„Schon vorgefahren!“, entgegnete ihr Sohn (?!) mit grimmig verzogenem Gesicht. Mrs Jones stieß einen leisen Ich-Eine-Friedliebende-Alte-Dame-?-Schlag-Dir-Das-Mal-Ganz-Schnell-Aus-Dem-Kopf-!-Fluch aus und eilte dann auf die Tür zu. Der Mann nahm ihr die monströse Reisetasche ab und trat hinaus ins Treppenhaus.
Ohne sich abgesprochen zu haben, drängten mich die beiden die Treppe hoch. Vor ihrer Wohnungstür zog meine Nachbarin einen Schlüssel aus der Tasche und versenkte ihn mit einem gezielten Stich im Schloss. Nur eine Sekunde später sprang die Tür auf und ich wurde einfach hineingeschoben. Anschließend schloss Jones Junior, wie ich ihn ab jetzt nennen wollte, die Tür gerade noch rechtzeitig.
Dann nämlich klingelte es. Nicht vor der Wohnungstür, sondern von der Haustür aus. Ihr Sohn und ich traten einen Schritt zurück, um Mrs Jones Platz zu machen, die nun wieder in ihrer üblichen Haltung zum Klingelkasten neben der Tür schlurfte und den Hörer abnahm.
„Wer ist da?“, fragte sie mit gebrechlicher Stimme, die klang, als wäre sie gerade mitten aus dem mehrstündigen Nachmittagsschläfchen gerissen worden. Zwei Typen, die so freundlich in die Kamera lächelten, wie es zwei muskulöse Anzugträger mit getönten Sonnenbrillen eben konnten, erklärten etwas über die Sprechanlage.
Mrs Jones ließ ein überzeugendes, freundliches Lachen hören und drückte auf den Öffnen-Knopf: „Ich finde es ja rührend, wie Sie ihrer Großmutter unter die Arme greifen, Gentleman. Vergessen Sie nur nicht, die Tür zu schließen, wenn Sie wieder gehen.“
Damit hängte sie den Hörer weg und nahm wieder Haltung an. Von der netten Dame von nebenan war nicht mehr das Geringste zu spüren. Sie wirkte nicht wirklich einschüchternd oder gar angsteinflößend, aber ich fühlte ihre Präsenz im Raum, als würde sie ihn ganz und gar ausfüllen. Etwas Herrisches lag nun ihn ihrem Gang und in der Stimme, so als hätte sie ihr Leben damit verbracht, Befehle zu erteilen.
„Jo, kümmere dich um Alex! Ich werde dem Rat Bericht erstatten“, sie nickte mir noch einmal aufmunternd zu, dann verschwand sie, noch immer die Kiste unter dem Arm balancierend. Über die Schulter warf sie ihrem Sohn noch zu: „Ich wünsche keine Störungen! Verhaltet euch ruhig, auch um euretwillen.“
Mit diesem Worten verschwand sie hinter einer Tür. Ich hatte noch nie dahinter gesehen, obwohl ich schon oft hier gewesen war. Aber heute war etwas anders. Die Blumen in den Vasen versprühten nicht wie sonst diesen frühlingshaften Duft, das Licht der Nachmittagssonne brach weniger majestätisch durch die niedlichen Vorhänge an den Fenstern und über allem liegt ausnahmsweise einmal nicht dieser dezente Tee-Geruch.
„Setzen wir uns ins Wohnzimmer, da können wir reden“, schlug Jones Junior vor und winkt mich zu einer offenen Tür, als würde ich mich hier nicht auskennen. Mir war der Anblick der hellgrünen Ledercouch jedoch sehr wohl bekannt.
Wir stellten die Gepäckstücke neben der Tür ab und setzten uns. Auch jetzt spürte ich wieder seine Blicke auf mir und diesmal hielt ich mit meinen Fragen nicht hinterm Berg: „Wer sind Sie? Was wollen diese Typen mit er Limousine? Wo ist Oma? Sie sagte etwas davon, dass unsere Wohnung angehört werden soll?! Wieso sollte ich meine Sachen packen? Hat es etwas mit meinem Bruder und Krissy zu tun?“
Am liebsten hätte ich noch mehr Fragen gestellt, aber ich musste Luft holen. Da unterbrach mich der Mann lachend: „Ich werde versuchen, dir ein paar Dinge zu erklären, aber lass mich mich erst einmal vorstellen. Also, mein Name ist Jonael Jones, aber du kennst mich wahrscheinlich besser als die Stimme am Telefon.“
Er feixte. Meine Augen wurden groß. Natürlich! Deshalb war mir seine Stimme auch von Anfang an bekannt vorgekommen! Er hatte gestern Oma sprechen wollen, mir dann aber seinen Namen nicht verraten.
„Das abrupte Ende unseres Gespräches gestern tut mir übrigens aufrichtig leid. Ich habe Gerda sprechen wollen, um sie über den Tod von Toni Grande zu informieren. Er war einer der zwei Zeitreisenden von Simikolon und eine Art Vater für Gabe…“ Ich musste nicht mal betteln, um diese Informationen zu erhalten, doch ich stolperte über ein entscheidendes Detail: „Sie kennen meinen Bruder?“
Jones Junior lächelte: „Allerdings! Übrigens kannst du mich Jo nennen, solange wir allein sind oder nur meine Mutter anwesend ist. Wo wir schon einmal bei ihr sind – du möchtest doch bestimmt mehr über sie wissen, oder?“
Ich musste nicht lange überlegen. Vor meinen Augen hatte sich die liebenswerte Mrs Jones in eine aufrecht gehende, selbstsichere Frau verwandelt, die keinerlei Altersprobleme mehr aufzuweisen hatte und stattdessen Würde und Autorität ausstrahlte. Eifrig nickend lauschte ich also Jos Antwort.
„Also, sie und ich stammen nicht von hier. Wir sind einer Art Organisation angehörig, die vor mehreren Jahren auf diesen Fall aufmerksam gemacht wurde. Meine Mutter hat sich hier sozusagen eingeschlichen und wartet nun schon seit drei Jahren auf alles, was jetzt passiert. Wir wissen bisher nicht viel mehr als die Tatsache, dass alles mit Tonis Tod anfängt und das alles etwas mit deiner Familie zu tun hat.“
Was Jo da erzählte, war zwar halbwegs aufschlussreich, aber es warf in meinem Kopf noch mehr Fragen auf, als es beantwortete. Noch eine Organisation? Und was hieß bitte „nicht von hier“? Etwas sagte mir, dass er damit nicht meinte, sie kämen aus einer anderen Stadt oder einem anderen Land…
„Woher wisst ihr das alles? Seit drei Jahren wohl bemerkt. Habt ihr die Zukunft vorhergesehen oder sowas?“, die Worte flossen unaufhaltsam aus meinem Mund und erst beim Aussprechen merkte ich, wie unglaublich dämlich sich das anhörte. Natürlich hatten Mrs Jones und ihr Sohn nicht in die Zukunft geblickt! Das war doch absurd!
Doch zu meinem Entsetzen sah mich Jo mit hochgezogener Augenbraue skeptisch an, als ich diese Frage stellte: „Du bist pfiffiger, als ich dachte!“ „Was, echt?“, ich starrte ihn ungläubig an, „Aber das ist doch gar nicht möglich…“
„Alex, was ist das Zentrale Thema dieser ganzen Sache?“, er ließ mir keine Zeit zu raten, „Die Zeitreisen, richtig! Also liegt doch die Vermutung nahe, dass jemand in die Zukunft gereist ist und ein paar Bruchstücke des ganzen Theaters hier mitbekommen hat.“
Wieder musste ich ihn unterbrechen: „Einen Moment! Zeitreisen? Das gibt es wirklich? Und man kann in die Zukunft reisen? Wie soll das denn bitte funktionieren?“ „Du hast sehr viele Fragen, Alex. Ich kann dir nur sagen, dass es sowohl möglich ist, in der Zeit zu reisen, als auch der Zukunft unter bestimmten Bedingungen einen Besuch abzustatten. Grundvoraussetzung ist, dass man ein magisches Zeitreiseartefakt besitzt.“
Dieses Wort! Gabe hatte es verwendet, als er mit Oma hinter geschlossener Wohnzimmertür gesprochen hatte. Ich wusste nur immer noch nicht, was das sein sollte. Jo deutete meinen verwirrten Blick ganz richtig. Er schenkte mir ein mitleidiges Lächeln: „Magische Zeitreiseartefakte sehen aus wie gewöhnliche Ringe, aber sie sind in der Lage, die Zeit zu manipulieren. Dem Träger ermöglichen sie damit, durch die Zeit zu reisen. Der genaue Prozess ist kompliziert und für den menschlichen Verstand nicht zu erfassen. Ich denke, es reicht, wenn du es für die Zauberei hältst, die es im Grunde auch ist.“
„Zauberei?“, unterbrach ich ihn nun endgültig baff, „Die gibt es doch aber nur im Märchen…“ „Alles muss furchtbar beängstigend auf dich wirken!“, Jos Stimme war ungewöhnlich streng, als er mir ins Wort fiel. Ich beobachtete, wie sein Blick unruhig zu der Uhr in einem Regal zuckte.
Beim genaueren Betracht des Ziffernblattes stellte ich jedoch fest, dass es keineswegs eine normale Uhr war, sondern etwas anderes. Was genau, konnte ich beim besten Willen nicht sagen! Statt der üblichen zwei Zeiger, drehten sich sieben gekrümmte Glaskolben mit verschiedenfarbigen Inhalten zwischen den römischen Ziffern eins bis siebzehn.
„Zauberei?!“, wiederholte ich noch einmal und starrte unbeholfen auf dieses Ding! Auf einmal bemerkte ich ein schwaches Leuchten, in einer Ecke. Als ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ, verwandelten sich noch mehr normale Alltagsgegenstände in merkwürdige Gebilde, deren Funktion ich mir nicht im Geringsten erklären konnte.
Da wo eben noch die altersschwache Fernbedienung für den kleinen Fernseher gelegen hatte, fand nun eine längliche Apparatur Platz. Sie war schmal und bedeckt mit irgendwelchen Schriftzeichen. Darunter hatte das Häkeldeckchen die Farbe von einem zarten Violett zu fleckigem Giftgrün geändert.
Für einen kurzen Augenblick setzte mein Herzschlag aus, bevor ich das Wort aber noch einmal über die Lippen bringen konnte, packte Jo mich am Arm und zog mich hinter sich her aus dem Wohnzimmer. Sein Lächeln war verbindlich und wirkte gleichzeitig erzwungen. Er führte mich in die Küche, die sich genau über meinem Zimmer befand.
„Das hätte nicht passieren dürfen, entschuldige!“, weit weniger verstört – eher seelenruhig – sprach er dies aus und deutete auf einen der gepolsterten Stühle. Ich blieb stehen. Wie bereits erwähnt, war die Sache für mich ziemlich verstörend. Ein besseres Wort für mein Gefühlschaos gab es in meinem Wortschatz nicht… Moment, doch! Es gab sogar mehrere, sehr treffende Beschreibungen.
Verrückt!
Durchgeknallt!
Psychisch labil!
Plemplem!
Gaga!
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen von einem gedämpften Knall. Im Kopf malte ich mir schon aus, wie sich der altmodische Herd in ein Monster aus Schrottteilen verwandelte, aber ein Blick auf Jo verriet mir, dass das Geräusch von unter kamen.
Seine Augen waren starr auf den Boden zu unseren Füßen gerichtet. Mein Zimmer! Jemand war da unten.
Noch ein Krachen! Diesmal klang es so, als würde etwas großes umgeworfen werden. Ungefähr die Größe meines Bücherregals. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich sie nicht mitgebracht hatte! Meinen wertvollsten Besitz hatte ich einfach übersehen! Aber wieso? War ich so daran gewohnt, sie in dem Regal zu sehen, dass sie mir in der Hektik gar nicht weiter aufgefallen waren?
Ich merkte erst, dass ich zitterte, als Jo mir beruhigend eine Hand auf die Schulter legte. „Meine Bücher…“, stammelte ich den Tränen nah. Jonael reicht mir galant ein Taschentuch: „Die sind in Sicherheit! Mutter hat deine Originale schon gestern gegen bedruckte Einbände ausgetauscht.“
Mit großen Augen sah ich ihn an. Bevor ich recht begriff, was hinter diesen beruhigenden Worte stand – die Flucht war schon mindestens seit gestern für heute angesehen – wurde es unter uns noch lauter. Jemand schien einen Wutanfall zu bekommen, denn zu uns drangen die Geräusche von zersplitterndem Holz, durch die Gegend fliegender Dekorationsstücke und das aggressive Brüllen zweier Männerstimmen.
„Doyle und McTriff“, erklärte Jo gedämpft, „Die zwei sind die Gorillas von Simikolon und die einzigen, die bei Hausdurchsuchungen mit Limousinen anrücken, diese Idioten!“ „Wieso Hausdurchsuchung? Was hat Simikolon damit zu tun?“, fragte ich gespannt. Ich hatte mich nun wieder voll im Griff, auch wenn die Situation mich maßlos überforderte.
Jo nickte mit düsterem Gesichtsausdruck, während es unten wieder etwas stiller wurde: „Offiziell gehören die Gorillas zwar zu Simikolon, aber man riecht ja schon auf sieben Kilometer Abstand, dass die beiden käuflich sind. Es kursieren Gerüchte innerhalb der Organisation, dass jemand ein falsches Spiel spielt, aber es sind für die meisten nichts mehr als haarsträubende Theorien von Leuten, die mal wieder etwas mehr Sonne vertragen könnten.“
„Was hat das denn alles mit mir zu tun? Ich gehöre Simikolon doch gar nicht an und weiß fast nichts von deren Machenschaften! Wieso sind diese Typen in unserer Wohnung?“, mit aller Macht versuchte ich die Verzweiflung aus meiner Stimme herauszuhalten.
Es war eher semierfolgreich, doch Jo besaß den Anstand, vollkommen neutral zu bleiben: „Auch du bist ein Gerücht bei Simikolon, Alex! Die wenigsten wissen zwar, wer du bist, aber offenbar gebührt nicht mehr ausschließlich uns das Privileg, deine wahre Identität zu kennen. Sonst wären die Pappnasen Doyle und McTriff schließlich nicht hier!“
Allmählich wurde das Bild vor meinem inneren Auge schärfer, es vergrößerte sich aber auch so rasch, dass ich nicht nachkam! Ich war also etwas besonderes? Da fielen mir Omas Worte wieder ein. Sie hatte zu Gabe gesagt, dass es vorgesehen sei, dass ich ein magisches Zeitreiseartefakt bekommen sollte!
Ich sollte also eine Zeitreisende für Simikolon werden?! War es wirklich das, was mich mit der ganzen Sache verband oder steckte mehr dahinter? Welche Rolle spielte Oma in dem ganzen? Wieso war Krissy ausgesucht worden und nicht ich, wenn es doch irgendwie klar zu sein schien, dass ich ebenfalls Zeitreisende werden sollte?
Wieso saß ich in der Wohnung einer Frau, die ich nicht kannte und deren Einrichtungsgegenstände die Farbe wechselten und zu seltsamen Dingen mutierten, während ich mich mit dem Sohn unterhielt, der den vollen Überblick zu haben schien?

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