Vertrauen in Blitze und Leopold

Kapitel 19, Marendie

„Na? Ausgeschlafen?“, fragte Clara. Ich gähnte: „Es ist erst halb fünf! Wie soll man da ausschlafen?“ Nanny Nini lachte. Wieso wusste ich nicht. Ich wusste schließlich gar nichts über sie, seitdem sich herausgestellt hatte, dass sie ein Makider war, was ehrlich gestanden immer noch nicht ganz in meinem Kopf angekommen war. „Wir fahren also zu Tante Lucy?“, fragte ich, eigentlich nur, um nicht im stehen ein zunicken. Gestern war es bei mir spät geworden. Nachdem Ben gegangen war, hatte ich noch etwas gelesen, um mehr über die Makiderwelt herauszufinden und tatsächlich habe ich etwas gefunden. Glücklicherweise hatte ich es mir auf einen Zettel geschrieben, denn sonst wäre es mir vor Müdigkeit einfach aus dem Gehirn gerutscht und in Vergessenheit geraten.

„Fahren? Nein, was denkst du denn?“, meinte Clara grinsend, „Wir nehmen ein Portal.“ Na, jetzt hatte ich den Salat. Ich hörte schon nicht mehr richtig vor Müdigkeit. „Wie kommen wir da hin?“, fragte ich und versuchte angestrengt mich zu konzentrieren. Leopold stöhnte genervt: „Durch ein Portal, hat Clara doch gerade gesagt!“ „Portal?“ „Portal!“, das sagten Leopold, Ben und Clara gleichzeitig. Ich hatte mich also nicht verhört?! Okay… ein Portal also…
Ich war froh, dass ich kein Gepäck mitnehmen musste, denn das war alles (sowohl Klamotten als auch Opas Koffer) mithilfe eines magischen Pulvers, das Ben aus seiner Hosentasche gezogen hatte, in Streichholzschachtel-Größe geschrumpft und in Claras Beutel gesteckt worden, bevor wir zu diesem Portal aufbrachen.
Während wir durch die Straßen der Stadt wanderten, wurde ich immer wacher. Dafür sorgten der unbarmherzige Regen, der mir direkt ins Gesicht tropfte, genervte, hupende Autofahrer (es war mir gar nicht bewusst, wie viel Betrieb um diese Uhrzeit schon herrschte) und Leopold, der mich aller zwei Meter anforderte schneller zu laufen. Irgendwann platzte mir der Kragen: „Wenn dir mein Tempo nicht passt dann renn doch schon mal vor!“ Er warf mir vernichtende Blicke zu, sagte aber nichts mehr. Sollte mir recht sein!
Nach einer gefühlten Stunde stumm durch die halbe Stadt laufen, musste ich irgendwann etwas fragen. „Wie lang dauert das denn noch?“, wollte ich wissen. Clara verlangsamte ihre Schritte, bis sie neben mir stand: „In fünf Minuten sind wir am Waldrand und dann dauert es höchstens eine viertel Stunde bis zum Portal.“
Portal! Das klang immer noch so unrealistisch. Vermutlich hatte ich einfach zu wenig Fantasie, aber das war ja auch alles ein bisschen viel. Seit bestenfalls zwei Tagen wusste ich, dass ich ein Makider war und vermutlich sogar eine zukünftige Heldin. Dazu kamen erschreckende und trotzdem einleuchtende Tatsachen was meinen Opa betraf. Ich habe ja immer gedacht, er wäre an einem plötzlichen Herzstillstand gestorben, denn das hatte man mir im Krankenhaus erzählt als ich aufwachte und mit der Situation konfrontiert wurde. Damals hatte ich noch versucht alle von meiner „Wir wurden im Wald von gruseligen Kreaturen aus Opas Geschichten gejagt und sind dann eine leuchtende Schlucht herunter gefallen“-Version zu überzeugen, bis ich gemerkt hatte, wie unsinnig das war. Die Ärzte hatten es auf den Schock und die leichte Gehirnerschütterung geschoben, doch ich wusste es seit neustem besser. Das war die Wahrheit gewesen und Opa war wirklich von den Kreats getötet worden. Zumindest ging ich stark davon aus, denn die hatten uns schließlich verfolgt und eingeholt und außerdem wüsste ich keinen anderen Grund für den Tod meines Opas. Genauer nachfragen wollte ich nicht.
Inzwischen hatten wir den Wald bereits betreten. Es regnete noch immer, nicht mal die Bäume schützten uns davor. Die Wolken am Himmel wurden immer dunkler. Wir betraten gerade eine Lichtung. „Da zieht ein Gewitter auf!“, meinte ich laut, denn der plötzlich aufkommende Wind und die anderen Geräusche um uns herum würden mich sonst übertönen.
Nanny Nini lächelte und schien etwas zu sagen, doch ich konnte sie nicht hören, denn in diesem Moment war ein ohrenbetäubendes Donnern zu hören. Vor mir tauchte urplötzlich ein grelles Licht auf, das mich zwang, die Augen zu schließen. Ich war wie gelähmt. Was war das? Ich traute mich beinahe nicht die Augen wieder zu öffnen und als ich es tat entdeckte ich sofort etwas, was mir das Blut in den Adern gefrieren lies. Ich hatte das Gefühl zu wissen, was Nanny Nini sagen wollte. Was passiert war? Sie war weg. Meine Nanny war wie vom Erdboden verschluckt oder sollte ich lieber sagen vom Blitz mitgerissen in eine andere Welt?!
„Blitze?“, schrie ich panisch. Ben kam auf mich zu – anscheinend wollte er es mir erklären oder mich beruhigen – doch im nächsten Augenblick erschien ein zweiter Blitz mit dazugehöriger Geräuschkulisse. Ich stolperte ein paar Schritte zurück bevor ein weiterer Clara mit sich riss. Jetzt stand nur noch Leopold neben mir (ausgerechnet!). „Was hast du?“, fragte er in einer beträchtlichen Lautstärke. Ich schaute ihn entgeistert an: „Du erwartest jetzt nicht ernsthaft von mir, dass ich mich vom Blitz treffen lasse!“ Ich ging vorsichtshalber noch ein paar Meter von der Mitte der Lichtung weg bis ich mich im Schutz der Bäume befand.
Um uns herum wurde es immer lauter. Es krachte und donnerte immer heftiger über uns. „Das ist das Portal zu deiner Tante, da wollen wir doch hin!“, brüllte Leopold. Ich nahm eine zunehmende Übelkeit in Magengegend wahr. „Mich kriegen keine zehn Pferde in so einen Blitz! Ich nehme einen Zug!“ „Es fährt kein Zug dahin! Portale sind die einzige Möglichkeit unsere Welt zu betreten.“, Leopold kam auf mich zu, „Komm schon!“ Er streckte mir seine Hand entgegen. Ich schüttelte den Kopf. Nicht nur die Lautstärke nahm zu, sondern auch die Temperatur auf der Lichtung stieg an. Leopold hatte seine Hand noch nicht wieder zurückgezogen: „Das sind keine gewöhnlichen Blitze! Vertrau mir!“
Wäre ich nicht so verängstigt, hätte ich vermutlich gelacht. Ich sollte Leopold vertrauen? Was mich erstaunte war, dass er mich nicht einfach packte und in einen Blitz schob. „Gibt es auch ungefährlichere Portale?“, fragte ich zitternd und die Übelkeit unterdrückend. Leopold versuchte zu lächeln, es misslang: „Wenn Schluchten, Tornados und Strudel ungefährlicher für dich klingen…“ Ich schluckte. „Ich habe Angst, Leopold!“, gestand ich. Ich erwartete, dass er zu lachen begann, doch sowohl seine Stimme aus auch sein Gesicht blieben tot ernst. „Ich weiß, aber du musst da durch! Es tut nicht weh, glaub mir! Es ist wie… wie beim Achterbahn fahren!“
Statt weniger zu werden, steigerte sich die Aktivität am Himmel. Immer Mehr Wolken schienen darauf zu warten, Blitze auf die Erde zu schleudern. Ich kniff die Augen zusammen. Leopold streckte mir erneut die Hand entgegen. „Ich habe mich bei meiner ersten Reise auch so angestellt, doch spätestens nach deinem dritten Portalsprung wirst du merken wie cool es ist! Vertrau mir bitte einfach!“

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