Verluste

Kapitel 22, Quontos

Dieses Mal ging es aber nicht abwärts, sondern auf den steinernen Übergang zu. Nach kurzer Zeit konnte ich mühelos die Kante fassen und mich daran festhalten. Gleich vier Arme packten mich und zerrten mich zurück auf festen Boden. Das erste, was ich tat, war der Schlucht den Rücken zuzuwenden. Zenn und Sky machten es mir nach.
Für einen Moment hörte ich nur mich selbst schwer und tief atmen. Mein Puls raste, als wäre ich gerade mehrere Kilometer am Stück gerannt und meine Knie würden diese Geschichte wohl ohne großes Gerede bestätigen.
Ich war gerettet! Die Gefahr war gebannt! Das alles in meinen Kopf zu bekommen, würde wohl noch etwas dauern. Vor meinen Augen flimmerte es leicht. Erst als ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte, konnte ich mich aufrichten und meinen Rettern ins Gesicht sehen.

„Danke, Leute!“, keuchte ich. Zenn lachte vor Erleichterung, dann legte er einen Arm um meine Schultern und Sky, der größtenteils dafür verantwortlich zu machen war, dass wir beide noch lebten, grinste uns breit entgegen. „Dieser Moment wird in die Geschichte der Bewahrer der Himmelslichter eingehen! Ich, Sky McFlay, habe dem Meister der spontanen Einfälle und Großmaul 2.0 die Ärsche gerettet!“, lachte er und machte Großmaul 2.0 aka Zenn Wyros dabei ernst zunehmende Konkurrenz.
„Ich störe nur ungern diesen triumphalen Moment, Cousin, aber könntest du zwei weniger erwähnenswerten Personen ebenfalls die Allerwertesten retten?“
Falk! Beinahe hätten wir ihn und Kaminköpfchen vergessen! Sofort drehten wir uns wieder zur Schlucht um. Sky und Zenn wollten Falk helfen. Mein Blick schweifte nach unten. Kaum zu glauben, dass ich um ein Haar dort gelandet wäre. Entweder war Carl Polker also nicht der einzige, der Unverletzbar war oder ich hatte riesiges Glück gehabt. Vermutlich eher letzteres, aber wo wir gerade von den Höheren sprachen: Ich wollte unbedingt die Gesichter der drei Trottel sehen – ihre Enttäuschung! – also schaute ich hinunter in die Schlucht. Was ich dort allerdings sah, ließ mich für einen Moment an meinem Verstand zweifeln. Konnte das wirklich wahr sein?
„Leute, Vorsicht! Nicht den Stein…“ Doch es war zu spät! Ich hörte Schreie. Erschrocken fuhr ich herum. Ich sah, dass Zenn Sky gepackt und zurück gezogen hatte.
Mein Bauch wusste sofort, was passiert war, aber mein Kopf brauchte seine Zeit. Wohingegen sich meine Beine verselbstständigten und mich zum Rand der Schlucht trugen, wo auch meine Freunde standen.
Das Bild, welches sich uns bot, war schrecklicher als alles, was ich bisher in meinem Leben gesehen hatte. Gute fünfundzwanzig Meter unter uns waren zwei Körper zu entdecken, unter denen sich schneller rote Pfützen bildeten, als ich realisieren konnte, dass dies hier gerade wirklich passiert war.
Mein ganzer Körper war wie gelähmt. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich in die Schlucht. Irgendwie wartete ich darauf, dass Falk aufstand und uns zuwinkte, doch er bewegte keinen Muskel. Auch Kaminköpfchen lag regungslos dort unten. Die Leere und die Kälte kehrten in meinen Kopf zurück. Sie verhinderten jeden klaren Gedanken, ließen nur Bruchstücke und Fetzen zu. Vor meinem inneren Auge erschien wieder dieses Wort – TOD – und zum ersten Mal überhaupt löste das etwas reales in mir aus! Nicht dieses allen bekannte, beklemmende Gefühl, dass man jedes Mal beim Nachdenken über dieses Thema hatte! Etwas richtiges! Es war, als würde sich alles in meinem Inneren zusammenziehen und aufs übelste verkrampfen. So, als ob jemand mich durchlöchern würde, auf eine unfassbar schmerzhafte, brutale Art.

TOD

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