Unvorhergesehene Wendung

Kapitel 14, Marendie

Zu meiner eigenen Überraschung sah man mir am nächsten Tag weder meine Müdigkeit, noch meinen Hunger an. Nur meine langen, braunen Haare hingen mir stränig ins Gesicht. Ich warf einen Blick auf die Digitaluhr, die unter anderem auch das Datum und den Wochentag anzeigte. Als ich las, dass heute Samstag war, vollführte ich einen kleinen Hüpfer. Dass mein erster Schultag am Mittwoch gewesen war, hatte ich gar nicht mehr gewusst.
Ich wusch meine Haare sehr gründlich und verbrachte noch eine Weile im Bad. Dann ging ich zurück in mein Zimmer. Dort bemerkte ich erst, dass ich noch immer in meinem Schlafanzug steckte. Schnell schlüpfte ich in meine schwarze Jeans und zog mir dazu mein Lieblingsshirt an. Es war ebenfalls schwarz und in der Mitte brangte einen Stern aus Glitzersteinen. Nachdem meine Haare getrocknet waren, setzte ich meine Kopfhörer auf, steckte meinen MP3-Player an und hörte Musik. Eigentlich wollte ich mich damit ablenken, doch es half nicht und so liefen sowohl alte Songs, als auch neue Hits an mir vorbei.

Ohne irgendeine Ahnung wie spät es war fläzte ich in Gedanken versunken auf dem Bett. Als mich plötzlich eine eiskalte Hand am Rücken berührte, entfuhr mir ein schrilles Kreischen, hervorgerufen durch den Schreck, den ich bekommen hatte. „Ich bin es doch nur!“, meinte Nanny Nini, die mindestens genauso erschrocken war, wie ich. Nachdem ich in mein Gedächnis zurückgerufen hatte, wie man atmete, fragte ich die verunsicherte Frau: „Warum schleichen sie sich denn hier rein? Mein Herz ist beinahe stehen geblieben…“ „Das war wirklich nicht meine Absicht“, antwortete meine Nanny unsicher, „Ich wollte nur Bescheid geben, dass an der Tür jemand auf dich wartet.“
Ich schaute sie schief an, fragte aber nicht. Sie würde die Antwort eh nicht wissen. Außerdem gab es eh nur zwei Möglichkeiten, wer vor der Tür stehen könnte. Entweder Benjamin und Clara oder Leopod. Egal wer es nun war, ich wollte niemanden warten lassen, also lies ich meine Kopfhörer auf der Bettdecke liegen, um aufzustehen und zur Haustür zu schlendern.
Ich stand bereits vor der Tür, doch ich brauchte noch ein paar Sekunden, um mir noch einmal mit den Fingern durch die Haare zu fahren und meine Klamotten glatt zu streichen. Dann drückte ich die Klinke nach unten. Mit dem aufschwingen der Tür, schnellten auch meine Augenbrauen in die Höhe. Es war niemand den ich erwartet hatte. Vor mir stand ein großer, schlaksiger Mann mit dunkler Sonnenbrille, Hut und Lederjacke. Alles in schwarz. Gesehen hatte ich ihn noch nie. „Entschuldigung, haben sie sich in der Hausnummer geirrt?“, fragte ich höflich. Der Mann schüttelte seinen Kopf.
„Nein, ich wurde von Leopold zu dir geschickt.“, seine Stimme jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Ich wollte die Tür schließen, doch er verhinderte es mit seinem Fuß. „Netter Versuch, aber los wirst du mich erst wieder, wenn du mich zu der Prinzessin gebracht hast! Und jetzt Schuhe anziehen!“, befahl er barsch. Irgendetwas an ihm verriet mir, dass das nicht gut enden würde. Es würde mich übrigens nicht wundern, wenn er gleich eine Pistole aus seiner Hosentasche ziehen würde. Aus dem kalten Schauer wurde nackte Angst, deshalb tat ich was er wollte und schlüpfte in meine Schuhe. „Braves Mädchen, jetzt sagst du mir wo sich das Funkelsteinchen befindet!“ „Das Funkelsteinchen?“, krächzte ich vor Angst gelähmt. Wo war denn Nanny Nini wenn man sie mal brauchte? Wieso kam einem Menschen ein gruselig gekleideter Typ nicht gefährlich vor, wenn man sich schon Sorgen machte, ein Messer oder eine Schere zu benutzen?
„Ich möchte von dir wissen, wo die Hoheit Prinzessin Gultara von Fatuhr versteckt ist, Mädchen!“, raunte der Mann genau in mein Ohr. Vor Schreck zuckte ich zusammen. „Sie ist in der Fabrik!“, zitterte ich, „Sie ist in einer stillgelegte Fischfabrik am Hafen!“ Der gruselige Typ lachte hämisch: „Dann mal los!“
Noch ehe ich mich versah, saß ich auf dem Beifahrersitz eines schwarzen Lieferwagens. Keine Ahnung wie ich es schaffte Luft zu holen. Mir war natürlich klar, dass der Mann ein Makider sein musste. Seltsam, dass sie sich so gut an die Menschen anpassen konnten. Schließlich hatte ich Zentauren bei ihnen gesehen…
Woher kannte mich der Typ eigentlich? Wieso wusste er, dass ich weiß wo das Tüllkrönchen steckt? Moment… plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Er hatte vorhin gesagt, er wäre von Leopold geschickt worden. Das hieß ja wohl, dass er ihn kannte und vermutlich beobachtet hatte. Dann musste er wohl auch mich mit ihm zusammen gesehen haben. Anschließend war mir der gruselige Mann dann gefolgt und kannte so meine Adresse… aber was war mit Leopold geschehen, wenn diese Theorie stimmen sollte?
Leicht war es nicht, den Mund zu öffnen und zu sprechen, doch eine andere Wahl blieb mir nicht: „Sie wissen schon, dass Leopold auf die Prinzessin aufpasst, oder?“ Wieder dieses dreckige Lachen. „Keine Sorge! Mein kleiner Freund liegt gefesselt hinter dir!“ „Hier im Auto?“, entfuhr es mir. Ein Grunzen war die Antwort. „Und jetzt hör gefälligst auf zu nerven, sonst kannst du Leopold gerne Gesellschaft leisten.“

Wir waren an der Fabrik angekommen. Der Mann schubste mich aus dem Lieferwagen. „Du wirst da rein gehen und Prinzessin Gultara zu dir locken!“, meinte er eindringlich. Ich wollte gerade widersprechen, da zog der Kerl wirklich eine Pistole. Mir gefror das Blut in den Adern, als er mich plötzlich festhielt und mir den kalten Lauf der Schusswaffe an die Kehle drückte. „Ich komme zwar nicht aus dieser Welt, aber wie man solch ein Schießeisen verwendet weiß ich trotzdem! Also…“ Er lockerte seinen Griff: „Du lockst das Prinzesschen zu dir, verstanden?“ Ich nickte heftig und stürzte panisch durch das große Schiebetor. Hauptsache weg von dem Typen!
Nun stand ich im Inneren der Fabrik. Es stank noch immer nach totem Fisch. „Prinzessin?“, rief ich. Meine Stimme hallte durch den riesigen Raum. Insgeheim hoffte ich, sie würde nicht kommen. Ein paar Sekunden lang geschah gar nichts, doch dann trat Tüllkrönchen hinter einem Regal hervor. Meine Beine fühlten sich an, wie aus Pudding geformt.
„Was willst du hier?“, fragte die Hoheit und schaute an mir herab. Was sie danach sagte, konnte ich nicht mehr verstehen. Ein sehr lauter Knall verriet mir, dass der Mann die Tür aufgestoßen und die Halle betreten hatte. Als ich seine Pistole sah, fiel ich einfach in Ohnmacht…

„Hey, Mara!“, sagte eine Stimme, die mir sehr bekannt vorkam. Als ich die Augen aufschlug, sah ich Leopold. Wir befanden uns in einem kleinen, dunklen Raum, mit stark verdunkelten Fenstern. Vermutlich dem Laderaum des Autos. „Was ist passiert?“, fragte ich und richtete mich auf. Leopold, der im Gegensatz zu mir gefesselt war, erklärte: „Du bist in Ohnmacht gefallen, dass hat die Prinzessin ausgenutzt und hat sich wieder versteckt. Pirth hat dich hierher gebracht, damit er in Ruhe die Halle absuchen kann…“ „Du kennst den? Was will er denn von Tüll… von Prinzessin Gultara und von dir?“, unterbrach ich Leopold. „Das ist eine lange Geschichte!“, meinte er, „Jetzt müssen wir erstmal hier raus kommen! Wenn du meine Fesseln löst, kann ich versuchen die Tür aufzutreten!“ Ich begann sogleich damit, Leopold von den Seilen zu befreien. Zumindest versuchte ich dies zu tun, aber es war schwieriger als erwartet.
„Pirth darf auf keinen Fall die Prinzessin in die Finger kriegen…“, Leopold führte seit einiger Zeit Selbstgespräche. Es nervte mich wirklich! Ich versuchte verzweifelt im Halbdunkeln die Fesseln aufzufriemeln und er quasselte wie ein Papagei. Auf einmal hörte ich etwas von draußen. „Sei mal kurz Still!“, raunte ich. Leopold schaute mich im ersten Moment überrascht an, doch nach ein paar Sekunden versuchte auch er angestrengt zu erfassen, wer draußen stand.
„Ist das dieser Typ? Hat er die Prinzessin?“, die Worte rollten einfach aus meinem Mund. Noch bevor Leopold mir antworten konnte, ertönte ein Knacken. Die Türen des Autos sprangen auf und Licht flutete den Laderaum.

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