Unglauben

Kapitel 17, Zeitquälerei

Wie gerne hätte ich am nächsten Morgen krank gemacht? Ich hatte nur sehr wenig Schlaf abbekommen und die Überlegung, sich zu übergeben, machte sich in Form von sich mehrfach wiederholendem saurem Aufstoßen bemerkbar. Zudem gab es in meinem Kopf seit dem abrupten Ende des Balls ausschließlich eine Frage: Hatte Krissy mich gesehen und identifizieren können?

Die Antwort darauf erhielt ich schneller als erwartet. Einerseits hinderte es mich am stundenlangen Grübeln, das andernfalls eingesetzt hätte, aber andererseits war es eine von diesen Antworten, die man am liebsten nicht erhalten hätte und dafür stattdessen sogar ein in dieser Hinsicht ungewisses Leben in Betracht zog.
Als ich nämlich in der Küche erschien, um gemeinsam mit Granny Berrypie, Gabe und Krissy zu frühstücken, ließ mich meine ehemalige Freundin keine Sekunde lang aus den Augen. Sie musterte mich so eindringlich, dass ich schließlich den Kopf hob und ihren Blick gekonnt erwiderte: „Wachsen mir Tentakel aus den Ohren oder was gibt es zu glotzen?“
Mein pampiger Unterton gelang mir erstaunlich gut in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich eigentlich vor lauter Panik aus dem nächstbesten Fenster stürzen wollte. Sarkasmus und Ironie, sowie mein ewiger Pessimismus sorgten jedoch für eine seltsame Art von Seelenfrieden, den ich in meiner derzeitigen Situation gerne annahm.
„Warst du in letzter Zeit zu einer gewissen Feierlichkeit geladen, Alex?“, fragte Krissy kühl. Sie war sichtlich angepisst von meinem unverhohlenen Gesprächseinstieg. Gabe warf ihr sogleich einen warnenden Blick zu.
Ha! Mein Bruder stand auf meiner Seite! So langsam glaubte ich, dass die beiden vielleicht doch nicht zusammen sein könnten, aber… zu früh gefreut! Krissy legte ihre Hand auf Gabes und säuselte: „Ich möchte nur, dass deine Schwester ehrlich zu uns ist und weiß, dass sie uns jederzeit alles anvertrauen kann, Bärchen.“
Sogleich ergriff der nun scheinbar permanente Wunsch mich auf der Stelle zu übergeben wieder Besitz von mir. Nach außen wahrte ich jedoch Haltung, während ich skeptisch eine Augenbraue in die Höhe zog und übertrieben argwöhnisch fragte: „Habe ich irgendwas verpasst oder wann habt ihr entschlossen mich gemeinsam zu adoptieren? Soll ich euch ab jetzt Mum und Dad nennen oder reicht es, wenn wir so verbleiben wie immer?“
Wortlos zog sich Granny Berrypie zurück. Gabe sah ihr hinterher. Dabei sagte sein Blick eindeutig: „Bleib! Wir wissen beide, was jetzt kommen wird und da will ich nicht allein durch müssen!“ Seine Lippen blieben geschlossen und schließlich sah er ein, dass es hoffnungslos war. Da musste er jetzt durch!
„Musst du immer gleich so maßlos übertreiben, Alex?“, stöhnte Krissy genervt und schob sich mit spitzen Fingern ihren Toast in den Mund. Ich ließ meinen Löffel in die Schüssel voller Cornflakes gleiten, faltete die Hände und stützte den Kopf darauf ab.
„Es ist meine Art mit Panik umzugehen“, gestand ich wahrheitsgemäß, „Und als du gerade von ewigem Vertrauen gesäuselt hast, ist auf einmal blanke Angst in mir hochgekommen. Zusammen mit noch etwas anderem, muss ich zugeben, aber um deine ursprüngliche Frage zu beantworten: Nein, ich war in letzter Zeit nicht feiern. Genauso wenig wie in den letzten zehn Jahren.“
Gabes Augenbrauen rammten nach unten: „Sei nicht immer so respektlos, Alex!“ Er drückte Krissys Hand, um ihr auch physisch seine Unterstützung zuzusichern. Ich starrte ihn nur einige Sekunden schockiert an. Was passierte hier?
„Ich weiß wirklich nicht, was ich dir getan habe, aber es tut mir aufrichtig leid“, murmelte Krissy fast überzeugend, doch diese Show zog sie ausschließlich für Gabe ab, „Wir sind noch immer Freunde und du kannst mir wirklich alles sagen. Wenn du Probleme hast oder dir irgendwas ungewöhnliches passiert – ich bin für dich da!“
Ihr süßlich unschuldiger Tonfall war nichts anderes als eine Provokation, die sie zugegebenerweise geschickt vor Gabe versteckte, aber das konnte ich auch. „Muss ich mir vielleicht sorgen machen, Freundin?“, fragte ich so sarkastisch wie es mir nur möglich war, „Du bist doch sonst so viel besser im Manipulieren. Oh, warte! Stimmt! Das zieht bei mir ja nicht. Tut mir wirklich leid für dich!“
„Es reicht langsam! Krissy will nur nett sein und ihr Anbot gilt nicht nur für sie. Du würdest es uns beiden doch sagen, wenn irgendetwas… naja, wenn etwas vorfallen würde?“, der Tonfall meines Bruders verärgerte mich, aber ich befahl mir ruhig zu bleiben. Sonst würde ich womöglich nur noch mehr Aufmerksamkeit auf mich ziehen, jetzt, da ich wusste, dass Krissy mich auf diesem Ball vermutete.
Die beiden mussten den Ausflug dorthin ebenso wie ich erst kürzlich unternommen haben, sonst wäre sie schon viel länger misstrauisch gewesen. Beim Abendbrot gestern hatte ich leider vor lauter Nervosität auf nichts geachtet, das nicht damit zu tun hatte, wenigstens ein bisschen von dem hinunterzuschlucken, das auf meinem Teller gelegen hatte.
Danach war ich auf meinem Zimmer verschwunden und anschließend… auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Die Leute von Simikolon, die unangekündigt aufgetaucht waren und mich mithilfe von zwei menschlichen Schränken vom Erdgeschoss hatten fernhalten wollen! Das verhieß nun wirklich nichts Gutes!
„Was soll schon vorfallen?“, fragte ich möglichst argwöhnisch und setzte einer plötzlichen Laune wegen hinzu, „Sollte ich demnächst überraschend zwischen Dinosauriern aufwachen oder von einem schwebenden Auto überfahren werden, dann suche ich die nächste Telefonzelle und rufe euch auf den Plan, wenn ihr das meint.“
Die beiden warfen sich einen kurzen Blick zu. Während Gabe leise stöhnte – er hatte mir schon immer versucht klar zu machen, dass Zeitreisen real waren, was ich ja bis vor meinem Zusammentreffen mit mir selbst niemals geglaubt hatte – wirkte Krissy natürlich noch nicht überzeugt.
Ich ließ ihr jedoch keine Zeit für weitere Kommentare, schnappte mir meine Schultasche, die ich bereits mit hinunter gebracht hatte und verschwand mit gemischten Gefühlen aus der Haustür. Die nächste Zeit versprach auf jeden Fall spannend zu werden.

Nach einem elend langen Schultag wurde ich während der gesamten Busfahrt zurück das Gefühl nicht los, mich würde irgendjemand beobachten. Ich versuchte mich unauffällig zu verhalten und stieg zwei Haltestellen zu früh aus.
Der einzige, der mit mir ausstieg, war ein Mann in dunkelblauem Anzug, der sich ziemlich verdächtig benahm, weil er sich nämlich immer dann umdrehte, wenn ich in seine Richtung sah. Die getönte Sonnenbrille verriet ihn endgültig als meinen heimlichen Verfolger. Etwas sagte mir, dass ich Panik schieben sollte, aber stattdessen blieb ich ganz ruhig. Genau das hatte Oma mir bereits bei unserem letzten Telefonat prophezeit.
Sie sagte, ich solle die Typen abhängen und ihnen keinen Grund zum Zweifeln geben. Genau darin bestand auch mein Plan, jedoch beschloss ich, die beiden Punkte zu tauschen und erst wie eine ganz normale 17-jährige zu wirken, bevor ich mich heimlich davon stahl.
Um dieses Vorhaben zu verwirklichen, steuerte ich geradewegs auf ein Eiscafé zu, das mir an der Bushaltestelle ins Auge gestochen war. Der Anzugträger folgte mir sogar bis hinein, um mich weiter beobachten zu können. Und das tat er! Der Unauffälligkeit wegen bestellte ich mir einen kleinen Becher Schokoladeneis mit Früchten, setzte mich in eine Ecke und machte meine Mathehausaufgaben.
Für den Fall, dass mein Verfolger nicht von Vektorrechnung und analytischer Geometrie abgeschreckt wurde, wartete ich circa 20 Minuten, bis er sich schließlich eine zweite große Tasse Kaffee bestellt hatte. Kaum stand das dampfende Heißgetränk vor ihm auf seinem Tisch, packte ich meine Tasche, zahlte und verschwand.
Auf dem Weg zum Friedhof drehte ich mich immer wieder unauffällig um, konnte aber niemanden entdecken. Für heute war ich den Typen offensichtlich los, aber für die nächsten Tage musste ich mir vermutlich cleverere Täuschungsmanöver ausdenken.
Unentdeckt traf ich schließlich an der Kapelle ein. Davor war Mister Wilson gerade damit beschäftigt, eine Schubkarre vor sich herzuschieben, in der ein Haufen kleiner Blumen samt Wurzeln lagen, die er offensichtlich einpflanzen wollte.
Bei seinem Anblick breitete sich ein fröhliches Grinsen in meinem Gesicht aus: „Guten Tag, Mister Wilson!“ Der ältere Mann sah sich zu mir um. Ich hatte ihn gestern Abend und am Wochenende zuvor immer mal wieder kurz gesehen und auch eine Unterhaltung mit ihm geführt, in der er mir schlicht erklärt hatte, ich solle den Schlüssel zur Kapelle behalten, falls ich mal wieder etwas zu erledigen hätte.
Dabei hatte er keine Mine verzogen, heute jedoch zog er die Augenbrauen zusammen. Er sah alles andere als erfreut aus, mich wiederzusehen und stellte die Schubkarre ab. „Sie sollten heute lieber nicht nach unten gehen“, meinte er ohne eine bestimmte Emotion in der Stimme. Er wirkte in einer gewissen Weise seltsam auf mich, aber ich konnte nicht sagen, woran das lag.
Allerdings wollte ich auch keine weitere Zeit verlieren. Ohne auf den Einwand einzugehen, drückte ich die Tür auf und trat in das Innere der kühlen Kapelle. Ich musste Maria sprechen und dafür gab es nun einmal keinen sichereren Ort, als das Gewölbe unter dem Friedhof.
Auf dem Weg nach unten kam mir noch nichts verdächtig vor. Anders als ich vor der zweiten Tür angekommen war, denn diese stand einen Spalt breit offen. Dahinter waren Schritte zu hören. Ich war einem ungläubigen Stöhnen nahe, konnte es aber gerade noch zurückhalten. Was war heute nur los?
Erst ein Verhör beim Frühstück, dann ein Verfolger von Simikolon und jetzt auch noch das hier?! War es das, vor dem Mister Wilson mich hatte warnen wollen? Sollte ich deshalb nicht hier herunter kommen?
So oder so – nach allem, was in der letzten Zeit passierte, war ich nicht gewillt meinen sicheren Zufluchtsort aufzugeben. Wäre die Person hinter der Tür ebenfalls von Simikolon oder anderweitig gefährlich, dann hätte Mister Wilson mich sicher vehementer davon abgehalten, hierher zu kommen, da war ich mir sicher.
Mit diesem Gedanken stieß ich die Tür auf. Jeden noch bestehenden Zweifel schob ich beiseite, denn dafür würde ich noch genug Zeit haben, wenn es schon zu spät wäre. Sogleich überblickte ich den gesamten Raum, doch was ich da sah, verschlug mir auch sogleich den Atem.
Besser gesagt: Wen ich da sah, brachte mich dermaßen aus dem Konzept, dass mein Herz einige Schläge lang aussetzte und mein Atem stockte. Damit hätte ich wirklich niemals im Leben gerechnet! Es war einfach zu surreal, ausgerechnet ihn hier zu sehen und das noch nicht mal in mit Gold besticktem Mantel und Strumpfhosen, sondern in Jeans, T-Shirt und Lederjacke!
Es war niemand geringeres als Kurprinz Jacob von Rose, der sich zu mir umdrehte und dessen Gesicht sich langsam zu einem selbstbewussten Grinsen verzog. Das half meiner Atmung auch nicht weiter!
„Mir war von Anfang an klar, dass du nicht aus dem 17. Jahrhundert stammst“, erklärte er, nachdem seine faszinierenden Augen einmal an mir hinab und wieder hinauf gewandert waren. Ich brachte nur ein ungläubiges Blinzeln zustande. Verdammt! Es hatte mir doch tatsächlich die Sprache verschlagen.
Er schien es auch zu bemerken, denn seine Mundwinkel zogen sich noch weiter nach oben: „Offensichtlich hast du nicht damit gerechnet, mich in dieser Zeit wiederzusehen. Maria hat dir nach eurem hastigen Aufbruch also nicht erzählt, wieso sie dich uns vorstellen wollte?“
Langsam schüttelte ich den Kopf. Mir kam es so vor, als wäre das hier nur ein äußerst seltsamer Traum, der mich inmitten der stinklangweiligen Religionsstunde überkommen hatte, doch mein Verstand sagte mir, dass ich mich mit dieser Annahme irrte.
Irgendwie musste all das hier real sein. Jacob stand in der Gegenwart vor mir. Ich bildete es mir nicht nur ein, dafür war diese Szene zu absurd. Aber dann würde das heißen, dass…
„Ganz recht! Ich bin ein Zeitreisender, so wie du“, schmunzelte Jacob, der sich scheinbar dazu entschlossen hatte, mich nicht länger auf die Folter zu spannen, „Wir entstammen beide der Gegenwart und haben scheinbar auch einen ähnlichen Bekanntenkreis. Maria ist eine sehr gute Freundin von mir und ganz sicher nicht deine Schwester. Also sag mir: Woher kennt ihr euch?“

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