Überraschung

Kapitel 6, Zeitquälerei

Wie immer, wenn das Sehnen nach Schulschluss übermächtig war, krochen die Stunden extra langsam dahin. Das einzige, was ich aus den fünf Stunden mitnahm, die bereits hinter mir lagen, war die Neuigkeit unserer Klassenlehrerin Mrs Clarke, dass Krissy die Schule gewechselt hatte und deshalb weder heute noch gestern anwesend war.
Zufällig sollte also ihr letzter Tag an dieser Schule der gleiche sein, an dem sie auch das magische Zeitreiseartefakt bekommen hatte? Sie hatte mir weder von dem einen, noch von dem anderen erzählt und sich auch seitdem nicht mehr gemeldet. Es wäre höchst verdächtig, wenn ich mir sowas nicht schon vorgestellt hätte. Als Freundin würde ich sie spätestens ab jetzt definitiv nicht mehr bezeichnen!

Neben diesem Gedanken schwirrten auch noch tausend andere durch meinen Kopf. Ich konnte mich nicht mal in einem einzigen Fach konzentrieren. Wie ich die ersten fünf Stunden überlebt hatte, ohne den Lehrern negativ aufzufallen, war mir selbst ein Rätsel.
Dafür fiel ich jedoch meinen Klassenkameradinnen auf. Sie machten wie gewöhnlich blöde Sprüche über mein Aussehen und meine Persönlichkeit. Obendrein versuchten sie mich mit der Tatsache aufzuziehen, dass ich ganz allein war, nun, da Krissy nicht mehr an diese Schule ging.
Den Kommentar, dass ihre Anwesenheit in meiner unmittelbaren Nähe nichts mit Gemeinschaft zu tun hatte, behielt ich für mich. Meine Antwort „Danke, ist mir bewusst!“ ließ sie jedoch keineswegs verstummen.
Man hatte mich hier noch nie leiden können. Der Hauptgrund war, dass ausgerechnet die Klassenzicke Miriam mich nicht ausstehen konnte. Sie entsprach zu einhundert Prozent dem Klischee – reiche Eltern, Markenklamotten, arrogant, selbstgefällig und bei allen entweder beliebt oder wenigstens als Schuldiva respektiert.
Ich war die einzige, die ihr ab und an mal die Stirn bot, wenn ich gerade in Stimmung dazu war. Meistens ließ ich sie aber einfach quatschen und ignorierte sie. So auch am heutigen Tag, denn ich hatte genug mit mir selbst zu tun, als dass ich mich auch noch um ihre Launen kümmern könnte. Meine klugen Sprüche und spontane Erwiderungen hob ich mir lieber für einen Moment auf, in dem ich wirklich bei der Sache war und mich daran erfreuen konnte, wie sie offensichtlich meine Sätze auseinandernahm, um deren Sinn zu kapieren.
Als schließlich endlich die Schulklingel das Ende des heutigen Unterrichts verkündete, sollte ich wahrscheinlich froh darüber sein. Doch statt mich darüber zu freuen, dass ich die erste Hälfte des heutigen Tages überlebt hatte, schaute ich wenig optimistisch dem Rest meines Geburtstags entgegen. Ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde und schon gar nicht wieso!
Nachdem ich den ganzen Tag gegrübelt hatte, war ich mir jetzt sicher, dass ich es eigentlich auch gar nicht erst wissen wollte. Mein Leben so weiterzuführen, wie ich es gewohnt war, kam vermutlich nicht mehr infrage und dieser Gedanke verursachte mir Bauchschmerzen.
Es war nicht so, dass ich nicht anpassungsfähig wäre oder zu emotional, um Veränderungen mitzumachen, aber in meinem Fall purzelte meine komplette Welt durcheinander und dafür kannte ich nicht mal den Grund.
Beim Einpacken ließ ich mir viel mehr Zeit als eigentlich nötig gewesen wäre. Ganz zum Leidwesen meiner Religionslehrerin, die noch irgendeinen wichtigen Termin zu haben schien. Sie stand erwartungsvoll an der Tür und warf aller zwei Sekunden einen Blick auf ihre goldene Armbanduhr. Die Nervosität, die sie dabei ausstrahlte, war reinstes Gift für mich. Daher huschte ich ohne eine Verabschiedung aus dem Raum.
Auf dem Gang entschied ich mich dann spontan dafür, nicht sofort das Gebäude zu verlassen, sondern mich stattdessen vorher auf das Mädchenklo zu verkrümeln. Ich könnte mir kaltes Wasser ins Gesicht schaufeln und außerdem hatte man von da einen wundervollen Überblick über den gesamten Schulhof samt Einfahrt.
Zu meinem Glück war ich allein. Keine seltsamen Blicke, weil ich freiwillig den Ort betrat, der von anderen nur in den dringensten Notfällen aufgesucht wurde. Ich war nicht hier, um mich in eine der engen Klokabienen zu quetschen, die selbst für Schulverhältnisse wirkte, wie dieser viel zu kleinen Startboxen bei einem Pferderennen.
Mein erster Blick fiel in den Spiegel. Was ich sah, zog mich sofort runter. Unattraktiv wie immer! Kein Makeup, ein schlichtes Shirt zu einer dunkelblauen Jeans und derselbe Dutt wie jeden Tag, der praktisch ausreichte, um alles zu ruinieren. Nach nur wenigen Sekunden hatte ich meinen eigenen Anblick satt.
Mit langen Schritten schlenderte ich zum Fenster. Ich wollte nach dieser Pleite mal sehen, ob schon jemand für meine Abholung bereit stand und tatsächlich! Allerdings musste ich zweimal hinschauen, um zu erkennen, dass es Gabe war, der da lässig an einer dunklen Limousine lehnte.
Neben ihm standen zwei Männer in Anzügen und eine dürre Frau mit knielangem Bleistiftrock. Sie gestikulierte wild, bestimmt und mit einer unnachahmlichen Eleganz in der Luft herum, sodass ihre schulterlangen, schwarzen Locken leicht im Takt ihrer Bewegungen schaukelten. Ihre Gesichter konnte ich nicht erkennen, aber ich war mir sicher, dass sie alle ernst drein schauen würden.
Na, das konnte ja heiter werden! Doch ich hatte wohl keine andere Wahl, als es über mich ergehen zu lassen.
Auf dem Weg zur Tür kam ich abermals am Spiegel vorbei. Ganz spontan tat ich etwas, das ich vorher noch nie gemacht hatte. Ich öffnete doch tatsächlich meine Haare! Da ich sie ja heute morgen erst gewaschen hatte – ein spontaner Einfall, als ich im Bad des Hotelzimmers gestanden und einen Föhn entdeckt hatte – fielen sie butterweich über meine Schultern. Mit angehaltenem Atem starrte ich mein Spiegelbild an.
Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte ich mich nicht hässlich und unwohl, sonder eigentlich sogar ganz hübsch. Diese kleine Veränderung meines Erscheinungsbildes sorgte dafür, dass ich gleich viel Selbstbewusster wurde.
Gut, dabei könnte es sich auch nur um Einbildung handeln, aber Fakt war, dass mir das plötzliche Funkeln meiner Augen die nötige Kraft gab, um meinen Rucksack zu schultern und die Toilette wieder zu verlassen. Bereit für alles, was mich heute noch erwarten würde.

Als ich auf den Schulhof trat, fiel mir schon gar nicht mehr wirklich auf, dass alle Mädchen in kleinen Grüppchen zusammenstanden und leise tuschelten. Jede Clique hatte einen angestammten Platz auf dem Schulgelände, an dem sie jede Pause standen und über Leute wie mich lästerten.
Heute waren auch noch einige meiner Klassenkameradinnen da, aber größtenteils diejenigen, die nach der Hofpause noch Unterricht hatten. Da es aber wie gesagt immer so war, bemerkte ich erst nachdem ich die steinerne Treppe heruntergestiegen war, was die halbe Schule gerade beschäftigte.
Alle starrten auf das luxuriöse Auto vor dem Schultor. Zumindest kam es mir im ersten Moment so vor, aber in Wahrheit war es mein dagegen lehnender Bruder, der die Aufmerksam der Schülerinnen auf sich zog.
Auch wenn ich es gewöhnt sein müsste, war es doch jedes Mal aufs Neue erschreckend, wie er von der Damenwelt angeschmachtet wurde. Ihm selbst fiel es gar nicht mehr auf, was sich auch heute wieder zeigte.
Als er mich erspähte, löste er sich nämlich von der Limousine und schritt mir entgegen. Extrem lässig und cool, wohl bemerkt. Ich bewegte mich keinen Meter von der Treppe weg. Irgendwie hoffte ich, man würde uns hier vielleicht nicht ganz so extrem anstarren wie anderswo, doch ich irrte mich.
Es dauerte nicht lange, da hatte jedes einzelne Mädchen gecheckt, auf wen Gabe da zuging. Die meisten waren entsetzt! Nur ein paar wenige Schülerinnen wussten, dass er mein Bruder war. Der Rest hielt kollektiv den Atem an, als er schließlich vor mir stand, um mich zu begrüßen und mich dazu fest umarmte. Mein Blick schweifte zu den drei Personen an der Limousine. Auch sie behielten uns genau im Auge, da war ich mir sicher. Ich konnte sie zwar immer noch nicht ausreichend erkennen, aber ich legte es auch nicht darauf an!
„Keine Sorge, die beißen nicht!“, lachte Gabe, der meinem Blick gefolgt war. Ich sagte nichts. Ich hatte auch nicht auf seine Begrüßung reagiert. Dürfte wohl daran liegen, dass ich hunderte Augenpaare auf mir spürte.
Meinen Bruder schien es nicht weiter zu stören. Er schob mein Schwiegen auf etwas anderes: „Tut mir leid, dass du deinen 17. Geburtstag so verbringen musst, Schwesterchen.“ Seine Stimme klang ein wenig traurig. Das riss mich aus meinen Gedanken und lenkte mich von meinen Beobachtern ab.
Ich lächelte schief ihn an: „Alles gut! Ich habe ja eh nichts besseres zu tun, als vor einer Reihe Geheimnishütern meine Geschenke auszupacken, nur damit sie mir im Anschluss eintrichtern können, niemals irgendwem von ihrer Existenz zu erzählen.“
Gabe lachte. Es war das Lachen, das es mir warm ums Herz werden ließ.
„Ja, ich schätze, diesen Vortrag wirst du von Talita tatsächlich noch zu hören bekommen.“, sein Blick glitt an mir herab, „Du siehst übrigens super aus! Du solltest deine Haare öfter offen tragen.“ „Danke“, meinte ich geschmeichelt, weil ich wirklich nicht damit gerechnet hatte, dass es ihm überhaupt auffallen würde.
Als hätte mein Bruder meinen letzten Gedanken gelesen, knuffte er mich scherzeshalber in die Seite und sagte dabei laut: „Tu nicht so, als ob ich ein oberflächlicher Idiot wäre! Natürlich fällt mir eine Veränderung an meiner kleinen Schwester auf. Vor allem wenn es ihr Selbstbewusstsein fördert und es der erste Schritt ein großen Veränderung ist.“
Ich könnte wetten, dass er nicht mehr über meine Haare sprach, zumal er auch nach meiner Hand griff. Er schenkte mir entschuldigendes Lächeln, bevor er mich sanft mit sich zog. Wir gingen zwischen den gaffenden Schülerinnen meiner Schule entlang in Richtung Tor. Da Gabe bei mir war, traute sich glücklicherweise keine von ihnen, mir einen blöden Spruch an den Kopf zu werfen.
Kurz bevor wir das Schultor erreicht hatten, beugte er sich ganz leicht zu mir herunter – hatte ich bereits erwähnt, dass er eineinhalb Köpfe größer war als ich? – und flüsterte mir etwas ins Ohr: „Ich habe wirklich keine Ahnung, was dich erwartet, aber ich glaube an dich, Schwesterchen!“
Ehe ich mich über diese Worte aufregen konnte, ihn entsetzt anstarren oder was mir sonst noch so einfallen würde, standen wir auch schon vor der schwarzen Limousine. Auf dem Weg hierher hatte ich größtenteils auf den Boden geschaut, weil es mir gereicht hatte, die Blick auch nur zu spüren.
Jetzt sah ich zum ersten Mal die drei Leute, die meinen Bruder begleitet hatten. Zumindest konnte ich jetzt ihre Gesichter erkennen und zu meinem Schreck kam mir eines davon doch sehr bekannt vor!
Er bewegte unauffällig einen Finger in Richtung seiner Lippen. Ich verstand, was er mir damit zu verstehen gab, doch es dauerte noch eine Sekunde, bis ich mich wieder im Griff hatte. Die Gedanken in meinem Kopf begannen wieder wie wild zu kreisen. Mir wurde scheinbar immer wieder aufs Neue bewiesen, dass ich von alldem hier nicht mal ein Fünkchen verstand.
Glücklicherweise bekam nicht mal Gabe etwas von meinem kurzen Kontrollverlust mit. Seine Aufmerksamkeit lag ausschließlich auf der vornehm wirkenden Frau und einem älteren Mann in dunkelgrünem Anzug. Er schien mit den beiden eine kleine, wortlose Konversation geführt zu haben.
Worum es ging, war mir natürlich nicht klar, aber die Frau seufzte laut und vollkommen übertrieben. Eigentlich glich es eher einem Stöhnen. Der ältere Herr hingegen schenkte mir ein strahlendes Lächeln, das ehrlicher nicht sein könnte.
Die beiden waren bei genauerem Betracht wie Jin und Jang. Sie, jung, eindeutig arrogant und mit hervor gereckter Brust als Zeichen ihres unerschütterlichen Stolzes, und er, ein alter Mann, freundlich, offenherzig und mit einem ulkigen Funkeln in den strahlend grünen Augen, das ihn definitiv als eine sehr humorvolle Person auszeichnete.
„Darf ich vorstellen?“, Gabe ließ mir keine Zeit zu widersprechen, „Alex, das sind Jonael Jones, Miss Talita Hill und Arthur Black. Allesamt Mitglieder von Simikolon.“ Jo hob mit einem freundlichen Lächeln die Hand – er spielte seine Rolle gut. Scheinbar sollte hier niemand wissen, dass ich ihn bereits kennengelernt hatte.
Die Frau rümpfte nur abschätzig die Nase, aber der andere Mann streckte mir seine Hand entgegen: „Nenn mich bitte Arthur, wenn es dir nichts ausmacht. Ich wünsche dir einen wundervollen Geburtstag, Alexandria Mails.“ Er zwinkerte mir zu. Diese winzige Geste zauberte ein ehrliches, wenn auch etwas schüchternes Lächeln auf mein Gesicht.
„Ich freue mich dich endlich mal persönlich kennenzulernen. Dein Bruder hat mir schon viel von dir erzählt, weil ich deine Mutter kannte.“ Das Lächeln verschwand für einen Moment und die hochnäsige Miss Hill schnaubte nun tatsächlich: „Schluss mit diesem sentimentalen Blödsinn! Wir sind nicht zum Spaß hier oder um Marias Tochter zu begaffen!“
Sie deutete mit einer unmissverständlichen Handbewegung zur Limousine. Als sich unsere Blicke trafen, sah sie schnell weg. Ihr Mund verzog sich zu einer geraden Linie. Es war nicht zu übersehen, dass diese Frau etwas gegen mich einzuwenden hatte.
Andere würden vor Schüchternheit rot anlaufen, aber ich hatte noch nie zu diesen Personen gehört. Nein, ich gehörte natürlich zu der schlimmeren Sorte! Mein Mund machte sich selbstständig und heraussprudelte das, was eigentlich ausschließlich in meinen Kopf gehörte.
„Ich bin ebenso unfreiwillig hier wie Sie, also machen sie die Situation nicht noch unausstehlicher, als sie sowieso schon ist, wenn ich bitten darf!“, dass ich ans Ende noch eine Bitte gesetzt hatte, unterstrich die Frechheit meiner Worte.
Zu meiner Überraschung fingen alle Anwesenden – mit Ausnahme von Talita Hill – an zu lachen. Mister Black… nein, Arthur klopfte Gabe kameradschaftlich auf die Schulter: „Du hast nicht übertrieben, als du sagtest, sie wäre genau wie Maria!“

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