Tüllkrönchen

Kapitel 11, Marendie

Moment mal! Waren die etwa erst bei der französischen Revolution? Cool! Die hatten mein Opa und ich schon komplett durch! Da ich in Geschichte sehr gut war (und mir auch viele Daten merken konnte), würde doch noch alles gut werden!

„Der Sturm auf die Bastille war am 14. Juli 1789.“, sagte ich mit einem Lächeln auf den Lippen. Mrs Miller schaute auf einen Zettel, den sie aus dem Klassenbuch genommen hatte. „Du wurdest von deinem Großvater unterrichtet?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Ich nickte. Sie nickte ebenfalls: „Welches geschichtliche Ereignis habt ihr als letztes behandelt?“ „Unser Unterricht endete mit der französischen Revolution.“, meinte ich mit sachlicher Stimme. Ich schien Mrs Miller wirklich zu gefallen: „Na dann… setz dich!“

Die anderen Stunden vergingen wie im Flug. Ich schaffte es, mich bei zwei weiteren Lehrern und einer Lehrerin beliebt zu machen. Vivien saß neben mir und raufte sich verzweifelt die Haare. Ich sprach sie nicht an, nein, ich tat so, als würde sie gar nicht existieren. Im Inneren freute ich mich auf den Schulschluss. Was würde die Blondine wohl zu meinem “Freund“ sagen?
Ich würde es gleich herausfinden, denn soeben war die letzte Stunde, Mathematik, zu Ende gegangen. Ich beeilte mich nicht sonderlich und dann wollte mich noch der Lehrer für meine großartige Leistung loben.
Als ich dann endlich auf den Schulhof trat, sah ich ihn. Leopold, der perfekte Junge, stand, immer wieder nervös auf seine Uhr schauend, mitten auf dem Hof und sah sich nach mir um. Nach mir! Okay, jetzt hieß es Nerven bewahren! Der komplette Tag war perfekt gelaufen. Das mit Leopold, würde ich auch noch schaffen…
Er schien mich noch nicht bemerkt zu haben. Ich schlenderte möglichst lässig die Treppe herunter. Mein Herz machte bei jedem Schritt einen kleinen Hüpfer. Auf dem ganzen Schulhof standen Mädchen in Gruppen und starrten den hübschen Jungen an. Jetzt entdeckte er mich. „Mara, endlich!“, rief er laut zu mir hinüber. Alle Mädchen gafften mich entsetzt an. Leopold eilte mir entgegen. Zur Begrüßung drückte er mir einen Kuss auf die Wange. Ich entdeckte Vivien, die in einer der Gruppen stand. Mit offenem Mund guckte sie uns nach, als wir – Hand in Hand – das Gelände verließen.

„Ich glaube, wir haben sie überzeugt!“, grinste Leopold und lies meine Hand wieder los. Ich musste mich zusammenreißen, um kein enttäuschtes Gesicht zu machen. „Wo gehen wir hin?“, fragte ich stattdessen. Leopold antwortete nicht. Hatte er mir zugehört? Nahm er mich überhaupt noch war? Der Schönling ging unbeirrt mit riesigen Schritten die Straße entlang. Ich konnte nur mit Mühe schritt halten. Wieso schenkte er mir denn keine Aufmerksamkeit? (Also, seine Stimmungsschwankungen waren schon mal ein Problem.) „Wo gehen wir hin?“, fragte ich erneut und diesmal lauter. Leopold stöhnte und verdrehte seine schönen Augen.
„Kannst du nicht mal für ein paar Minuten still sein? Lass dich doch einfach überraschen…“ Das sagte er, ohne mich anzusehen. Richtig unhöflich! Langsam dämmerte es mir; Leopold, war ein Junge, ähnlich denen in Filmen und Büchern. Er hatte eine wichtige Nachricht oder Aufgabe oder so was. Erst machte er sich an die Hauptperson ran, bis er bemerkte, dass sie viel zu leicht zu haben ist, weil sie sich bis über beide Ohren in ihn verknallt hat.
Aber konnte ich denn etwas dafür, dass er so perfekt aussah? Es war doch immer so, dass die überirdisch hübschen Jungen entweder vergeben oder total arrogant waren! Leopold entsprach also zu 100 Prozent dem Klischee. Was für ein Pech…

„Ist das etwa das, was ich denke das es ist?“, ein typischer Filmsatz, der aber wirklich angebracht war. Eigentlich war es eher ein Witz gewesen, aber viel Sinn für Humor hatte Leopold anscheinend nicht. Er versuchte es zurück zu halten, aber es schwang unüberhörbar etwas genervtes in seiner Stimme mit: „Ja, es ist eine alte Fischfabrik und bevor du fragst; hier wurde früher Fisch verarbeitet!“ Jetzt triefte seine Stimme nur so von Spott. Was hatte er für ein Problem? Ich zweifelte allmählich wirklich an meinem Verstand. Wieso fand ich diesen arroganten Affen noch mal toll? Eine retorische Frage, denn es wurde mir jedes mal wieder klar, wenn ich ihn anschaute. Wie konnte man nur gleichzeitig der hübscheste Typ auf Erden und der eingebildetste Angeber überhaupt sein?

„Leopold?“, rief eine fremde und hohe Stimme, keine zwei Sekunden nachdem wir die stillgelegte Fischfabrik betreten hatten. Ich zuckte zusammen und fuhr herum. Da stand ein wunderhübsches Mädchen, in einem rosafarbenen Kleid, dass größtenteils aus Tüll zu bestehen schien. Das einzige, was dieses Bild trübte, war der hochnäsige Gesichtsausdruck: „Wer ist diese Person?“
Wie jetzt? Arrogant und vergeben? Na spitze! Ich meine, so wie dieses Mädchen (oder sollte ich lieber sagen, diese Person?) Leopold anstarrte, musste sie ja seine Freundin sein! Wobei sein Augenrollen nicht wirklich liebevoll aussah. Wenigstens war ich nicht die einzige, die ihn nervte. Vielleicht hatte er ja grundsätzlich etwas gegen Mädchen?
„Prinzessin, das ist Mara, Mara, die Prinzessin. So…“, begann Leopold, doch da unterbrachen wir ihn schon. „Was für eine Mara?“, fragte das Mädchen. Gleichzeitig stellte ich meine Frage: „Was für eine Prinzessin?“ Wieder ein Augenrollen. Doch das lies sich die Prinzessin nicht gefallen. Sie lies ein schnaufen hören: „Leopold, Ihr habt meinen lieben Eltern versprochen, dass Ihr mich beschützen würdet! Ich fordere dafür Eure komplette Aufmerksamkeit! Oder ist diese Person dort etwa Unterstützung?“

Okay, ich hatte mich für einen Spitznamen entschieden. In Frage kamen solche wie: Persönchen, Prinzesschen oder Ms. Ich-bin-hier-die-Prinzessin-und-ihr-seit-meine-Untertanen. Auf jeden Fall viel mit chen am Ende, aber die waren entweder zu lang oder stellten sich nach weiteren Überlegungen als unpassend heraus. Deshalb entschied ich mich für Tüllkrönchen. Ich fand es passte super zu ihr.

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