Traue niemandem!

Kapitel 26, Zeitquälerei - Wie die Uhr tickt

Gabe hatte einen Arm um mich gelegt, sah die anderen ernst an und beendete soeben mit leicht gereiztem Unterton eine Rede zu meiner Verteidigung: „Es geht Alex wirklich elend!“ „Ein Grund mehr, dass sie sich von Marc untersuchen lassen sollte“, mischte sich Jones Junior ein, der bisher eisern geschwiegen hatte. Talita schnaubte: „Du willst sie einfach mit ins Hauptquartier schleppen?“

Aus ihrer Stimme hörte ich etwas heraus, das mich vermuten ließ, dass die beiden irgendwie wissentlich an einem Strang zogen. „Wie du bereits sagtest, ist Alex nun eine Zeitreisende. Abgesehen von der Tatsache, dass sie deshalb und wegen ihren Verletzungen dringend unsere Hilfe benötigt, gehört ihr Zeitreiseartefakt sowieso Simikolon“, begründete der Sohn meiner ehemaligen Nachbarin seinen Vorschlag.
„Ich denke, Jonael hat recht“, stimmte Arthur zu, „In jedem Punkt. An oberster Stelle steht zunächst einmal Alex‘ Gesundheit. Marc, wirst du dich darum kümmern, wenn wir ankommen?“ Marc nickte und wollte offensichtlich eigentlich etwas sagen, doch da drängte sich Krissy in den Vordergrund: „Habt ihr alle den Verstand verloren? Merkt denn niemand von euch, dass ihre Geschichte vollkommen an den Haaren herbeigezogen ist?“
Zu meiner Überraschung blickte Gabe seine Freundin grimmig an: „Sie hat sich gerade im Bad die Seele aus dem Leib gekotzt. Ich denke wohl kaum, dass das so einfach vorzutäuschen ist. Ganz zu schweigen von der Verletzung, die jetzt genäht werden muss!“
Ginge es mir nicht so schlecht, hätte ich ihn in diesem Moment angestrahlt. Zum ersten Mal seit er mit Krissy zusammen war, verteidigte er mich gegen sie. Ihr Blick war einfach unbezahlbar. Sie war nur einen Hauch davon entfernt, dass Dampf aus ihren Ohren quoll. Es wusste eben nicht jeder, dass wir mehr gemeinsam hatten als nur unser Aussehen. Gabe konnte genauso Fluchen und Bedrohen, wie ich es vermochte.
„Bring deine Schwester bitte zum Auto, Gabriel“, Arthur deutet zur Tür, „Und jeder, der sich während der Fahrt nicht zusammennehmen kann, bleibt mit Lotta hier!“ Es dauerte einige Sekunden, bis ich kapierte, dass er damit Granny Berrypie meinte. Ehe ich wusste, was ich davon halten sollte, hatte Gabe mich bereits aus dem Raum zur Treppe geführt. Dafür lag sein rechter Arm um meine Taille und seinen linken hielt er so, dass ich ihn jederzeit packen konnte, wenn mich Schwindel überfiel.

Zu der Fahrt in der schwarzen, geräumigen Limousine war nicht viel zu sagen. Sie dauerte keine zehn Minuten, verlief schweigend und bestand für mich nur daraus, eine bald unweigerlich erfolgende Panikattacke hinauszuzögern! Erst der Angriff, jetzt Simikolon… und später würde ich das Ganze Maria und Jack erzählen müssen! Diese Aussicht ließ es mir kalt den Rücken herunterlaufen.
„Du siehst wirklich nicht gut aus, Alex“, bemerkte Gabe in diesem Moment besorgt, während er die Autotür für mich aufhielt. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass wir inzwischen angekommen waren. Dementsprechend verdutzt rappelte ich mich auf, ignorierte absichtlich die Hand, mit der mein Bruder mir aus dem Auto helfen wollte und fand mich dann vor einem Gebäude wieder, das ich niemals für das Hauptquartier einer Organisation gehalten hätte, die mit Zeitreisen zu tun hatte. Dafür wirkte es einfach zu normal.
„Das war so ziemlich das unbeholfenste Kompliment, dass mir je gemacht wurde, Mr Mails“, gab ich schnippisch zurück, sowohl um ihm als auch mir zu beweisen, dass ich geistig noch oder wieder auf der Höhe war. Seine Augenbrauen wanderten daraufhin noch tiefer in sein Gesicht. Allmählich schien mir, er hätte etwas gegen meinen Humor. Das ignorierend wandte ich mich wieder dem Ort zu, der es mir unmöglich machte, ihn nicht zu mustern.
Im Grunde war das sogenannte Hauptquartier ein älteres Bürogebäude. Eines von diesen, die keine glatte Fassade hatten, sondern verschnörkelte Ornamente über den Fenstern und am oberen Rand zig Meter über dem Erdboden, wo ein Flachdach ansetzte. Eine breite Treppe führte zu einer Doppeltür aus dunklem Holz, was einen detailverliebten Kontrast zu der hellen Farbe der Außenwand darstellte. Auch die Fensterrahmen waren aus diesem Holz gemacht, obwohl man durch keines von ihnen hindurchsehen konnte.
Den ersten Blick ins Innere dieses Hauses erhielt ich erst, als wir es wirklich betraten. Ich fand mich in einer geräumigen Eingangshalle wieder, in der sich neben einer Rezeption und einer weiteren Treppe – diesmal noch breiter und offensichtlich aus so etwas wie Marmor – nichts relevantes befand.
„Guten Abend, Mr Black“, grüßte eine Frau mit einer viel zu hohen Stimme. Ich musste zweimal hinsehen, aber selbst mir fiel auf, dass sie das Abziehbild der sexy Sekretärin war, die in der Pause kurz in den Kopierraum verschwand und nach einigen Minuten beim Rauskommen ihren verdächtig verrutschten Bleistiftrock richtete.
Während sie die anderen ebenfalls begrüßte, tippte sie konzentriert auf der Tastatur ihres Computers herum: „Doktor Hill, gut dass Sie endlich zurück sind. Vor zweieinhalb Stunden ist die Lieferung abgegeben worden, nach der Sie verlangt haben, und Miss Hill, ich soll ausrichten, dass man Sie und Mr Jones im dritten Stock benötigt. Außerdem erwartet man Gabriel bei der Berichterstattung.“
Erst als sie das letzte Wort beendet hatte, sah sie wieder auf, wobei sie mich sofort bemerkte. Es war nicht schwer zu erkennen, dass ich eine enge Verwandte von Gabe war, was die Frau jedoch dazu bewegte, ihre stark geschminkten Lippen aufeinander zu pressen.
„Vielen Dank, Miss Smallbourn“, meinte Arthur höflich, „Geben Sie doch bitte den Quins Bescheid, dass wir den Termin auf morgen verschieben müssen. Jetzt müssen sich Marc und ich um die junge Alexandria hier kümmern. Ihr anderen geht euren Pflichten nach.“
Dass Gabe zu protestieren begann, bemerkte ich nur am Rande, denn es war etwas anderes, dass meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Nachname, den Arthur soeben genannt hatte… ich kannte nur eine Person, die diesen Nachnamen trug, doch da er im Plural gesprochen hatte, wurde mir auf einmal so einiges klar.
Deshalb war Krissy so wenig überrascht gewesen, als sie davon hörte, von Simikolon als Zeitreisende auserkoren geworden zu sein! Es konnte kein Zufall sein, dass sie den selben Nachnamen trug, wie auch andere Mitglieder von Simikolon! Sie hatte entweder von Verwandten bereits etwas von dieser Organisation gehört oder war sogar vorher bereits selbst Mitglied gewesen.
Wie aufs Stichwort raunte mir Marc leise etwas zu: „Ich bezweifle, dass es ein anderer tun wird, also warne ich dich. Am besten du hälst dich fern von den Quins. Es ist nicht schwer sie zu erkennen, denn sie sehen alle aus wie deine Mitbewohnerin Krissy – blonde Haare, blaue Augen und eine ziemlich herablassende Ausstrahlung.“ Ohne die anderen zu Ende diskutieren zu lassen, führte mich der Zwillingsbruder von Talita die imposanten Treppe hinauf.
Da ihn niemand aufhielt, erklommen wir die Stufen immer weiter, bis wir im vierten Stock schließlich in einen Korridor abbogen, der genauso aussah wie alle, an denen wir bisher bereits vorbeigekommen waren: weinrote Tapete, keine Bilder an den Wänden und ein gepflegter Holzboden.
Auf beiden Seiten gab es unzählige Türen, denn der Gang kam mir endlos lang vor. Es musste tatsächlich ein paar Minuten gedauert haben, bis wir endlich am Ende des Korridors ankamen, nur um dort links abzubiegen und eine schmalere Treppe zu passieren, die uns wieder ein Stück nach unten führte. So ging es weiter, bis ich keinerlei Ahnung mehr hatte, ob wir uns nicht womöglich schon im nächsten Haus befanden.
„Ich weiß noch, als ich das erste Mal hier gewesen bin“, meinte Marc plötzlich, „Es hat ein paar Monate gedauert, bis ich mich hier zurecht gefunden habe. Allerdings verlaufe ich mich bis heute noch, wenn ich auf dem Weg zum Boss tausend mal falsch abbiege.“ Zwar konnte ich mir nicht vorstellen, dass er antworten würde, aber dennoch stellte ich eine Frage, die mir auf der Zunge brannte: „Es gibt einen Boss? Wer ist das?“
Einen Moment lang musterte Marc mich, sodass ich schon nicht mehr mit einer Antwort rechnete, aber dann gab er sie doch. „Aller zwei Jahre wählen wir einen neuen und seit knapp drei Monaten ist es Arthur“, sagte er knapp und verzog dabei merkwürdig das Gesicht. Diesmal musste ich nicht nachfragen.
„Wie du sicherlich weißt, ist Arthurs Nachname Black. Seine gesamte Familie besteht ausschließlich aus hochintelligenten Menschen, genauso wie die der Quins. Beide Familien sind seit der Gründung von Simikolon Mitglieder und ebenso lange gibt es auch die Rivalität zwischen ihnen. Das momentane Hauptthema ist, dass die Quins es eine Frechheit finden, einen Black zum Boss zu haben. Darum dreht sich hier zurzeit alles“, er rieb sich mit den Fingern über die Stirn, „Ich kann es dir nicht oft genug sagen: Halte dich fern von den Quins! Außer sehr wenigen Ausnahmen ist diese Familie unberechenbar, wohingegen die Blacks wirklich nette Leute sind. Solange du das beachtest, dürftest du recht sicher sein.“
„Was hat eine jahrelange Familienfehde mit mir zu tun?“, wollte ich wissen. Auch hier schien Marc kurz zu überlegen, ob es klug war, mich einzuweihen, aber er tat es schließlich: „Bei Simikolon gibt es einige Leute, die etwas gegen dich haben, auch wenn ihr euch größtenteils noch nie begegnet seid. Dir sollte bewusst sein, dass deine Mutter ein geschätztes Mitglied unserer Organisation war und seit ihrem Ableben gewisse… Gerüchte kursieren.“
Auf einmal blieb er stehen. Ich beobachtete, wie er aus seiner Hosentasche ein Schlüsselbund hervorzog. Er schloss die Tür neben uns auf, winkte mich hinein und drückte die Tür hinter mir fest zu. Mein Instinkt sagte mir, dass etwas auf den Korridoren nicht stimmte, so wie Marc sich sichtlich entspannte, kaum dass wir in diesem Raum waren.
„Die Wände haben Ohren“, erklärte er, als hätte er meine Gedanken gelesen, „Das hier ist mein Behandlungszimmer. Hier drin kann man reden, ohne Gefahr zu laufen, von den falschen belauscht zu werden.“
Bei diesen Worten wanderten meine Augenbrauen langsam in die Höhe. Was sollte das heißen? Gut, auch andere hatten mir bereits nahegelegt, dass Simikolon nicht ganz harmlos war, aber je mehr ich darüber erfuhr, desto skurriler wurde es! Wieso befürchtete Marc, belauscht zu werden, wo er doch ein Mitglied war?
Während er zu einem Wandschrank ging, redete er weiter: „Ich will dir nicht zu nahe treten, Alex, aber ich kann mir denken, dass die Geschichte, die du uns aufgetischt hast, nicht ganz der Wahrheit entspricht. Es klang natürlich plausibel, doch ich glaube, du weißt mehr, als einer von uns ahnt.“
Prompt wollte ich das abstreiten, doch Marc unterbrach mich, indem er mich bat, mich hinzusetzen. Dann öffnete er einige Schubladen und Schranktüren, um alle Utensilien zusammenzusuchen, die er benötigte. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Erstens, weil ich das Gefühl hatte, viel zu unvorbereitet zu sein, was Simikolon betraf und zweitens wegen meiner generellen Einstellung gegenüber Ärzten.
„Um ganz ehrlich zu sein, muss ich dich warnen. Nicht nur vor den Quins, auch vor anderen hier. Wie gesagt, sind dir definitiv nicht alle wohlgesonnen. Ich nehme an, dass du den Grund dafür kennst?“, es war eindeutig eine rhetorische Frage, trotzdem bewegte mich etwas dazu, zu nicken. Marc sprach weiter: „Auch wenn ich es gern würde, kann ich dir keine genaue Namen nennen, wer eine potenzielle Gefahr für dich darstellt. Einen aber schon!“
Seine Mine verfinsterte sich. Ein ungutes Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus. Am liebsten würde ich einfach für immer von hier verschwinden, nie wieder zurück kommen! Langsam wurde es mir nämlich echt unheimlich!
Es dauerte seine Zeit, bis Marc endlich mit dem versprochenen Namen herausrückte. Bis dahin musterte er mich ein weiteres Mal, wobei pures Mitleid sein Gesicht verdunkelte. Als er schließlich den Mund öffnete, traute ich meinen Ohren nicht: „Egal, was du glaubst über sie zu wissen, es ist eine Lüge! Also nimm dich in Acht vor Talita!“
Seine Worte fühlten sich an wie eine Ohrfeige. Er sprach von seiner Zwillingsschwester, dem Menschen, der mir geholfen hatte, Simikolon abzuwimmeln und mich vorhin mit einem Plan ausgestattet hatte, dank dem mir einige von den anderen vielleicht glaubten. Oder auch nicht, schließlich hatte Marc mich offenbar durchschaut.
Plötzlich erinnerte ich mich an etwas, das ich erst jetzt so richtig verstand. Am Telefon hatte mir Oma gesagt, ich solle niemandem trauen und dass ich die Dinge selbst herausfinden müsste. Gepaart mit den unzähligen Warnungen vor Simikolon, ging mir jetzt auf, dass ich an jenem Tag, an dem ich unsere Wohnung verlassen musste, in etwas großes hineingeraten war…

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