Tod?

Kapitel 1, Marendie

Die Wolken waren grau. Sie passten genau zu der Stimmung, hier auf dem Friedhof. Ich wusste nicht so recht, warum meine Mutter mir ins ganze Gesicht schwarze Schminke geschmiert hatte, denn die zerlief eh nur. Alle weinten und schauten auf das dunkle Grab, in das vor wenigen Minuten der Sarg meines Opas gelegt wurde. Da entdeckte ich einen von den Typen, die immer das Testament vorlassen. „Jupter Mike Gentie ist vor wenigen Tagen von uns gegangen. Mein herzliches Beileid. Bevor ich nun sein Testament verlese, halten wir eine Schweigeminute ab.“, sagte der Mann und auf einmal waren alle Still. Ich war noch nie auf so einer Beerdigung gewesen. Es machte mich alles hier sehr traurig und diese merkwürdige Schweigeminute kam mir vor, als wäre es in Wirklichkeit eine Schweigestunde. Endlich begann der Mann wieder zu sprechen. Er las das Testament vor.

Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Opa war nicht sehr vermögend, doch sein ganzes Geld spendete er an die verschiedensten Organisationen, die sich alle für Kinder und ihre Rechte einsetzten. Plötzlich wurde mein Name vorgelesen: „Meiner Enkelin Mara vererbe ich meinen alten Reisekoffer und seinen Inhalt. Sie soll gut auf ihn achten, denn darin sind viele verschiedenste Geschenke meiner Freunde enthalten. Meine jüngere Tochter Nora enterbe ich. Ich bin mir sicher, sie weiß warum.“ Erstaunt blickte ich meine Mutter an. In diesem Augenblick wusste ich nicht, ob die Tränen in ihren Augen aus Trauer oder Wut dort waren. Ich wusste ja, dass das Verhältnis von meiner Mutter und meinem Opa nicht gut war, aber das er sie enterbt hatte? Ich wusste nicht was vorgefallen war, aber ich wollte auch nicht fragen. Ich hörte lieber weiter dem Testament zu. „Meine ältere Tochter Lucy erbt von mir meinen gesamten Besitz im…“, der Notar drehte das Blatt um und stutzte, „Hier ist nur ein dicker Tintenklecks!“ Ein erstauntes Flüstern ging über den Friedhof. Meine Tante Lucy flüssterte dem Notar etwas ins Ohr. Dieser nickte und wandte sich wieder an uns: „Zuletzt vererbe ich mein Haus an die hier nicht anwesende Tarara. Ich bitte Lucundamy hiermit diese Nachicht an sie weiter zuleiten.“ Ich stutzte. Wer waren Tarara und Lucundamy? Ich hatte wenig Zeit darüber nachzudenken, denn im nächsten Moment packte mich meine Mutter und zog mich weg. Ich wehrte mich, doch sie lies mich nicht los und schleifte mich zum Ausgangstor des Friedhofs. Mein Vater folgte.

„Lass mich los! Warum gehen wir?“, fragte ich. Da rief eine bekannte Stimme hinter mir: „Bleib stehen, Nora!“ Es war Tante Lucy. Meine Mutter drehte sich rasend vor Wut um: „Was?“ „Wir müssen noch über Mara reden!“, sagte sie. Ein empörtes lachen meiner Mama war die Reaktion. Meine Eltern waren Geschäftsleute, nie zuhause, immer weg. Ich lebte daher meinst bei meinem Opa. Naja, zumindest tat ich das, bis vor seinem Tod. Jetzt musste eine andere Lösung gefunden werden. Ich würde wirklich gerne zu Tante Lucy ziehen, ich war noch nie bei ihr, doch ich kannte sie gut. Sie war echt nett. Ihren Erzählungen zufolge, lebte sie in einem großen Haus am Waldrand. Genau wie Opa. Ich vermisste ihn. Das lag bestimmt auch daran, dass ich mich schuldig fühlte, aber dazu später. Schließlich wollte ich zunächst wissen, wo ich die nächsten Jahre über wohnen würde.

„Ich werde meine Tochter nicht noch einmal zu solchen Verrückten schicken!“, rief meine Mama. Tante Lucy wurde langsam auch wütend: „Wir sind nicht verrückt! Das wüsstest du, wenn du daran glauben würdest! Damit würdest du auch Marendie helfen! Sie muss es erfahren!“ Ein komisches Gefühl machte sich in mir breit. Als meine Tante Marendie sagte, fühlte ich mich irgendwie angesprochen, doch dies war weder einer meiner drei Vornamen, noch mein Nachname. Verwirrt schaute ich sie beiden an. Verunsichert fiel mein Blick auf Papa. „Jetzt ist aber mal genug!“, rief er, „Müsst ihr euch immer streiten? Sogar auf der Beerdigung eures Vaters? Nora, du beruhigst dich! Lucy, wir rufen dich an, versprochen, aber wir gehen jetzt erstmal… Kommt!“ Ich war völlig überfordert. Tante Lucy winkte mich zu sich. Wortlos drückte sie mir einen Zettel in die Hand. Darauf stand eine Handynummer. Ich war mir sicher, es war ihre!

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