Telefonat

Kapitel 3, Marendie

Das hatte noch gefehlt! Warum musste ich genau dann hier sitzen, wenn Leute kämpften? Aus dem Fernseher war auf einmal ein schrilles Kreischen zu hören. Ich vernahm deutlich, wie jemand ein Schwert zog, das den Geräuschen zu folge, an einer Wand gehangen hatte. Mit dem Schwert wurde eine winselnde Frau bedroht und anschließend…

„Was?“, schrien meine Eltern entsetzt, „Die immer mit ihren Cliffhanger! Warum sieht man nicht, ob er sie ersticht oder nicht? Warum kommt das erst nächste Woche?“ Erleichtert und trotzdem zitternd, atmete ich aus. Meine Mutter erhob sich und ging wie immer ins Bad. Fluchend setzte sich auch mein Vater in Bewegung. Er ging, ebenfalls wie jede Woche nach dieser Serie, in die Küche, also doch noch alles wie geplant. Naja, zumindest so ein bisschen. Als ich mir sicher war, dass die beiden weg waren, stand ich auf und schaute mich um. Da! Auf dem Fernsehtisch lag das Telefon. Ich griff danach und rannte zurück auf den Dachboden.

Es wählte. Man hätte fast sagen können, dass ich betete statt hoffte. Wenn Tante Lucy jetzt nicht abnehmen würde, hätte ich heute Nacht ganz um sonst Albträume. „Hallo? Lucy am Apparat…“, kam es aus dem Hörer. Ich war erleichtert: „Tante Lucy! Ich bin´s, Mara! Ich bin froh, dass du ran gegangen bist!“ „Warum das denn?“, fragte meine Tante am anderen Ende der Leitung. Daraufhin erklärte ich ihr, was ich alles auf mich nehmen musste, um das Telefon zu bekommen. Sie lachte: „Typisch Nora. Hast du denn schon mit deinen Eltern geredet und gesagt, dass du zu mir möchtest?“ Ich meinte kleinlaut: „Nein, sie berücksichtigen meine Meinung nicht! Sprich du doch mal mit ihnen! Bitte!“ Tante Lucy wollte gerade etwas antworten, da hörte ich, wie jemand mit Absatzschuhen die Treppe hoch stakste. Ich wusste sofort, dass es meine Mutter sein musste.

„Mama kommt! Wir telefonieren wann anders weiter!“, flüsterte ich. Tante Lucy antwortete: „Ist in Ordnung! Ich warte auf deinen Anruf…“ Weiter konnte ich ihr nicht zuhören, denn meine Mutter öffnete die Tür. Schnell drückte ich meine Tante weg und schob das Telefon vorsichtig unter mein Kissen. „Mit wem hast du da gerade gesprochen?“, fragte Mum. Ich zuckte scheinheilig mit den Schultern und tat so, als wüsste ich nicht, was sie meinte. Misstrauisch schaute sie sich auf dem Dachboden um. Natürlich entdeckte sie nichts. Immer noch umher blickend sagte sie dann: „Ich wollte eigentlich nur Bescheid sagen, dass wir jetzt essen! Dein Vater wartet schon.“ Ich nickte und schob meine Mutter vor mir aus dem niedrigen Raum. Doch kurz bevor ich die Tür geschlossen hatte, geschah es. Plötzlich begann das Telefon unter meinem Kopfkissen an mit Klingeln. Sofort machte meine Mutter auf dem Absatz kehrt und fischte es unter meinem Kissen hervor.

Wütend stierte mich sie an. Ich versuchte es mit einem zaghaften gute Tochter-Lächeln. Das lies die Augenbrauen meiner Mum aber nur noch tiefer in ihr Gesicht wandern. Im Stillen wurde mir klar, dass heute mein Pechtag sein musste. Da bestand für mich kein Zweifel drin. „Wie erklärst du mir das? Ich habe das Telefon vorhin auf der Fernsehtisch gelegt. Wie ist es denn hier hoch gekommen?“, fragte Mum mit hoher Stimme. Diese Tonlage nahm ihre Stimme nur ein, wenn sie sehr, sehr, sehr verärgert war. Mit diesem Wissen würden einige sagen, dass es leicht wäre eine richtige Antwort zu formulieren, aber da kannten sie meine Mutter schlecht. Ich konnte diese Frau einfach nicht durchschauen. „Na?“, hackte sie unnormal hoch nach. „Ähm“, stotterte ich, „Also naja, ich habe es mir… wie soll ich sagen… es könnte sein, dass ich es, vielleicht ein ganz kleines bisschen aus dem Wohnzimmer genommen habe um jemanden anzurufen…“

Wenn Mums Blicke Kugeln feuern würden, die mich durchlöchern, dann sähe ich schon längst aus, wie ein Stück Schweizer Käse. „Und wen hast du bitteschön angerufen?“ Wieder überlegte ich. Ihr die Wahrheit sagen? Keinesfalls. Lügen… eher durch das Verhör mogeln… „Ich wollte eine Freundin anrufen!“, meinte ich. Ja, ich wusste, dass diese Antwort bei mir sehr Sinnlos war, aber was hätte ich sonst sagen sollen? „Ich glaube dir kein Wort! Du hast gar keine Freunde… Moment mal! Hast du etwa mit meiner Schwester telefoniert?“

„Mara!?“, mein Vater war entsetzt, als meine Mutter ihm alles erzählte. Schweigend saß ich da, schaute auf meine Füße und malte mir schon die Strafe aus. Kurz verließen meine Eltern den Raum und sich dies bezüglich zu besprechen. So taten sie es immer. In den paar stillen Minuten, fühlte ich mich dann immer, als wäre ich eine Schwerstverbrecherin vor Gericht, deren Urteil sie erwartete, wenn sie diese Tür öffnete. Das geschah in diesen Augenblick. „Mara“, begann mein Vater, „Deine Mutter und ich sind uns einig.“

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