Tauchgang im Kühlschrank

Alex, Kapitel 8, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

Gibt es da nicht dieses Sprichwort? Weglaufen bringt nichts?! Wie sich herausstellte: Es brachte sehr wohl etwas!

Zwei Tage lang kein Simikolon und keine Krissy – unter normalen Umständen hätte das den Himmel auf Erden bedeutet. Leider jedoch war dem nicht so. Meine ehemalige Freundin hatte es geschafft, mir die gesamte Zeit vollkommen zu vermiesen, ohne persönlich anwesend zu sein. Wieso musste sie auch unbedingt mein Zimmer durchwühlen? Sie war doch schlau, da musste sie schon einmal von Privatsphäre gehört haben!
Doch wäre das alles gewesen – die bloße Verletzung meiner Privatsphäre – hätte ich nicht den Entschluss gefasst, für eine Weile die Fliege zu machen! Grund dafür war etwas viel erschütternderes.
Wir alle kennen doch diese plötzlichen Gedankenblitze. Etwas, worüber man seit längerem nicht mehr nachgedacht hatte, kam einem so random wieder in den Sinn, dass man sofort wusste, dass es etwas damit auf sich haben musste. Genauso war es auch bei mir. Plötzlich hatte ich ein Bild vor Augen, dass mich in Panik versetzte. Ich rannte zu meinem Kleiderschrank, dessen Türen sperrangelweit auf standen, bückte mich zum untersten Fach und wühlte mich durch die Klamotten, die noch im Schrank lagen und nicht wie der Rest im ganzen Zimmer verteilt. Krissy hatte, was das ThemaUnordnung anging, ganze Arbeit geleistet.
Hoffnung hatte mich erfüllt, gleichzeitig breitete sich aber auch ein ungutes Gefühl in meinem Magen aus. Ich schob die zahlreichen Kleidungsstücke, die Jua für mich im Schrank deponiert hatte, achtlos zur Seite, um mich zur hintersten Ecke zu buddeln. Erst hatte ich mit den Fingerspitzen den Schrankboden abgesucht, mich dann ganz in das Fach gekniet und mit beiden Handflächen gesucht. Das Resultat war ausgerechnet mein Schreckensszenario.
Mein Versteck für die beiden Bibliotheksbücher war leer!
Das war schlussendlich auch der Grund für meine Flucht. Diese Bücher waren wichtig, dass hatten mir gleich mehrere Personen bestätigt. Wenn Krissy sie hatte… ich musste in Erfahrung bringen, was es mit den beiden Schriftstücken auf sich hatte. Logische Schlussfolgerung: Statt in die Schule ging ich am nächsten Tag zur Bibliothek.
Dort allerdings wurde ich mit etwas konfrontiert, dass mich ins Schwitzen geraten ließ. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren – und da war ich mir zu 100 Prozent sicher, denn ich verbrachte so gut wie jeden Tag in diesem Gebäude – war die Bibliothekarin nicht da, deren Namen ich nie herausgefunden habe. Die Frau, von der ich die Bücher erhalten hatte.
Jetzt kann man mich durchaus für verrückt oder paranoid halten, aber für einen Zufall konnte ich das beim besten Willen nicht halten! Die Panik vom Vortag kehrte zurück und ich verließ überstürzt die Bibliothek. Kaum dass ich vor die Tür getreten war, hatte ich schlagartig das Gefühl, beobachtet zu werden. Ehe ich allerdings noch einmal über meine Theorie mit der Paranoia nachdenken konnte, hatte mir bereits jemand einen Arm um die Schultern gelegt und mich mit goldbraunen Augen eindringlich angefunkelt. „Gibt‘s ein Problem?“, hatte Freddy gefragt und mich dann, ohne meine Antwort abzuwarten, einfach mit sich gezogen.
Wir liefen eine ganze Weile lang schweigend nebeneinander her, bis Freddy auf einmal stehen blieb und mit dem Kopf auf ein Gebäude zu nickte, dass ich zu meiner Verblüffung kannte. Sie hatte mich zu Juas Atelier geführt. Nicht das, was sie im Hauptquartier von Simikolon nutzte, sondern dieses, in welchem ich schon zweimal in Kleider des 17. Jahrhunderts geschlüpft war. Jener runder Raum, dessen Wände aus Glas waren, sodass man das Gefühl hatte, auf einer Terrasse zu stehen.
Vorher hatte ich das Atelier immer direkt mit meinem Zeitreiseartefakt betreten. Dass sich unter dem Atelier noch ein Haus befand, hatte ich aufgrund der erhöhten Aussicht bereits vermutet. Freddy führte mich schweigend zu einer Haustür aus sonnengelbem Metall. Daneben gab es eine Klingel, die sie betätigte und ehe ich mich versah, hatte Jua die Tür geöffnet.
Tja, und hier war ich nun also. Versteckte mich bei der besten Freundin meiner Mutter, die sich seit neustem weigerte, mich zu treffen. Das wusste ich, weil ich es noch einmal bei ihr probiert hatte. Fehlanzeige!
Vielleicht lag es daran oder einfach an der Tatsache, dass mein Leben mit jedem Tag verwirrender wurde, jedenfalls fühlten sich die letzten beiden Tage nicht wirklich real an. Meine Gedanken schwirrten um Themen, die mir bereits zum Hals raus hingen. Ich schwankte ständig zwischen Ärger über Krissy, Vorwürfen wegen Gabe, der sich sicherlich verdammt große Sorgen machte, Verständnislosigkeit aufgrund von Marias Abweisungen und merkwürdigen anderen Gedanken und Gefühlen. Einmal hatte ich einen hysterischen Anfall, weil ich noch nie die Schule geschwänzt hatte, ein anderes Mal schweifte ich bei einer Tasse Tee ab und versank in Erinnerungen, die vor allem mit faszinierenden Augen und einer Person zu tun hatten, die trotz des männlichen Geschlechts umwerfend in Strumpfhosen aussah.
Jua verschwand tagsüber zu Simikolon und wenn sie wiederkam, hatte sie an beiden Abenden etwas zu Essen dabei. Sie versicherte mir glaubhaft, dass sie trotz ihrer hübschen Designerküche kein bisschen Kochen konnte und verwickelte mich im Laufe der Abende in stundenlange Gespräche über Dinge, die ich auf zukünftigen Zeitreisen in die Vergangenheit noch zusammen mit ihr, Maria und Talita unternehmen würde.
Einmal hatte ich gefragt, wieso Talita mich in der Gegenwart nicht leiden konnte, aber Jua winkte ab. Sie meinte, dass sei alles nur gespielt und wechselte dann schnell das Thema. Zwischendrin fragte ich mich immer wieder, wie ich etwas mit jemandem unternehmen sollte, der mich jedes Mal abwies, wenn ich ihn besuchte, sprach es aber nicht laut aus. Wenn Jua diese Dinge erlebt hatte, dann würde ich einen Weg finden, sie ebenfalls zu erleben.
Freddy verschwand, nachdem sie mich bei Jua abgesetzt hatte. Allerdings hatte sie mir ihre Handynummer da gelassen, abgespeichert auf einem neuen Handy, weil ich mein eigenes in dem Haus von Simikolon habe liegen lassen. Vor zwanzig Minuten hatte sie mir dann eine Nachricht geschrieben, sie würde bald vorbeikommen, weil wir etwas zu versprechen hätten. Weil Jua noch nicht wieder zuhause war und ich mich vor der einzigen Sache zu drücken wollte, die mein Hirn in jeder freien Minute zu tun versuchte, hatte ich mich im Gästezimmer, das Jua mir überlassen hatte, ans Fenster gestellt und stierte vor mich hin.
Juas Haus war echt atemberaubend. Es passte in jeder Hinsicht zu seiner Besitzerin: Bunt, lebhaft und gestaltet in seinem ganz eigenen, beeindruckenden Stil. Rund herum war eine grüne Wiese, auf der das Gras bestimmt einen halben Meter hoch wuchs. Irgendwie hatte Jua es dabei geschafft, dass es nicht vernachlässigt aussah.
Zu gerne würde ich mich einfach in dieses Gras legen und für eine Weile weg dösen, aber man sagte mir, ich solle lieber im Haus bleiben. Man wüsste ja schließlich nie, wer zufällig hier vorbeikommt und wenn mich jemand von Simikolon hier erwischte…
Ich kam nicht dazu diesen Gedanken zu Ende zu denken, denn in diesem Moment tat sich etwas auf der Straße vor dem Haus. Ein Auto fuhr vor. Ein Auto, das ich sofort erkannte, denn es war Jacks Truck. Bei dieser Erkenntnis hörte das Gedankenkarussel in meinem Kopf kurz auf, sich zu drehen, bevor es im Turbomodus weiter raste.
Ohne mein Zutun verselbstständigten sich meine Beine. Es klingelte, noch ehe ich an der Haustür ankam. Als ich sie schließlich aufriss, lehnte Freddy neben der Klingel und Jack starrte mich perplex an.
„Alex?!“, sein Blick huschte zu seiner Fechtpartnerin und anschließend zurück zu mir. Weder er noch ich wussten was in diesem Moment eine angebrachte Reaktion war, doch Freddy ließ uns erst gar keine Zeit zum Nachdenken. Sie schob Jack einfach an mir vorbei in den Flur und knallte die Tür hinter sich zu, indem sie sie mit dem Fuß zustieß.
„Nach zwei Tagen erfolgloser Suche fängt Simikolon bestimmt irgendwann an, bei allen Bekannten von dir Hausdurchsuchungen durchzuführen. Dabei wäre es doch sehr ungünstig, wenn sie dich schon durch die offene Tür sehen würden, nicht?“, Freddy steuerte während des Sprechens zielstrebig die Küche an. Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, folgte ich ihr.
Jack kam uns nach einem kurzen Zögern ebenfalls nach: „Warst du die ganze Zeit über hier bei Jua? Wieso?“
„Du kennst Jua?“, ich legte die Stirn in Falten. Allmählich breitete sich ein unangenehmes Pochen hinter meinen Schläfen aus. Da waren einfach viel zu viele Informationen in meinem Kopf! Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Antworten? Ich hatte zwei Zeitreisende vor mir, die sicher etwas Licht ins Dunkel bringen konnten, also sollte ich diese Chance nutzen. „Ihr beide kennt sie! Woher?“
„Sie ist eine gute Freundin von Mary. Ich habe sie deshalb ein paar mal in der Vergangenheit getroffen“, erklärte Jack bereitwillig aber immer noch ziemlich verwirrt, „Wieso bist du so plötzlich verschwunden? Du warst von einem auf den anderen Tag weg und ich hatte keine Ahnung, wo du dich aufhalten könntest…“
„Sie ist wegen mir hier!“, unterbrach Freddy in angestrengtem Tonfall, den Oberkörper im Kühlschrank versenkt nach etwas suchend. Mit einem triumphierenden Laut zog sie nur einen Augenblick später eine unbeschriftete Flasche daraus hervor, deren Inhalt eine hellgrüne Färbung hatte. Ein Tauchgang im Kühlschrank für dieses Gebräu? Na, Prost Mahlzeit!
Mit einem zufriedenem Grinsen schraubte dieses undurchschaubare Mädchen den Deckel auf und nahm einen Schluck, ehe sie ihre Erklärung fortführte: „Ich habe Alex an der Bibliothek aufgegabelt und hergebracht. Ich habe etwas Zeit gebraucht, um… einige Meinungen einzuholen. Sozusagen!“ Ihr freches Lächeln versprach, dass sie das unter keinen Umständen näher ausführen würde. Ich seufzte. Noch mehr Fragen also!
„Und woher kennst du Jua?“, wollte Jack wissen. Gute Frage! Die hätte mir auch einfallen müssen! Freddy nahm noch einen Schluck von dem ominösen hellgrünen Zeug. „Sie ist eine meiner Informantinnen. Woher hätte ich denn bitte wissen sollen, dass du dich ausgerechnet an diesem einen Tag in genau diesem Dorf verlaufen würdest, wenn mich nicht jemand über deine Aufenthalt dort informiert hat? Ich kann vielleicht in der Zeit reisen und gut mit einem Degen umgehen, aber Hellsehen kann ich nicht!“
Okay, auch diese Frage hätte ich mir stellen müssen. Aber dass Jua…
Aus!
Schluss!
Systemabsturz!
Das war‘s!
Konnte ich nicht vielleicht mal eine kurze Pause haben? Wie zur Hölle konnte man sein Hirn abstellen? Oder es zumindest in den Urlaub schicken? Für einen einzigen Moment einen leeren Kopf haben? Vielleicht dumm werden und sich für den Rest seines Lebens frei nehmen?
Während meines über mich hereinbrechenden Burnouts legte mir Freddy kameradschaftlich einen Arm über die Schulter und hielt mir eine zweite Flasche des Gebräus aus dem Kühlschrank entgegen: „Trink einen Schluck. Alle denken zwar, dass Juas größtes Talent das Designen wäre, aber in Wahrheit ist sie die Göttin der Holunderlimonade.“
Sie sagte das mit einer Ruhe in der Stimme, die das genaue Gegenteil zu dem Chaos in meinem Inneren darstellte. Ergeben ergriff ich die Flasche und probierte. Freddy hatte recht! Wirklich göttlich…

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