Spontane Feindseligkeit

Kapitel 18, Zeitquälerei

Augenblicklich fragte ich mich, ob mein Mangel an Vertrauen Fremden gegenüber chronischer Natur war oder von einem gesunden Maß an Vorsicht herrührte. Wieso tauchten in letzter Zeit auch andauernd neue Personen in meinem Leben auf, die alle mit meinen Geheimnissen zu tun hatten, ohne dass ich sie auch nur vom Sehen her kannte?

Statt also eine Antwort zu formulieren, stellte ich selbst eine Frage: „Ist Maximilian denn dein richtiger Bruder?“ Ich erinnerte mich nur zu genau, wie Maria bei der kurzen Vorstellung der beiden Kurprinzen dieses Wort ausgesprochen und wie ich mich schon gestern Nacht darüber gewundert hatte.
Jacob sah mich prüfend an. Offensichtlich war ich nicht die einzige, die ein gewisses Misstrauen verspürte, doch im Gegensatz zu mir, entschloss sich mein Gegenüber nicht dafür, meiner Frage auszuweichen. „Max gehört tatsächlich ins 17. Jahrhundert“, erklärte er bereitwillig, „Er und seine Eltern sind direkte Vorfahren von mir und sie haben mich in diese Zeit eingegliedert, damit ich kommen und gehen kann, wie ich will.“
Ich warf ihm einen verständnislosen Blick zu. Wieso sollte das bitte notwendig sein? Seine Antwort lieferte er mir mit einer Arroganz in der Stimme, die eine perfekte Ergänzung zu seinen Worten darstellte: „Hast du schon mal versucht, unerkannt zu bleiben, wenn du so gut aussiehst wie ich, Püppchen?“
„Ich würde mir eher Sorgen um meine Selbstgefälligkeit machen“, entgegnete ich schlagfertig, „Ich wette, die Leute würden dich nicht beachten, wenn du sie mit deinem kindischen Verlangen nach Aufmerksamkeit nicht regelrecht dazu zwingen würdest!“
„Du kennst mich doch gar nicht!“, hielt er dagegen. Ich zuckte frech mit den Schultern: „Die Tatsache, dass du dank deiner Vorfahren vermutlich so ziemlich jede Stellung innerhalb der Gesellschaft hättest einnehmen können und du dich fälschlicherweise zum zweiten Kurprinzen erklären ließt, sagt, denke ich, eine Menge über dich aus.“
Jacob sah aus, als wolle er sichergehen, dass man mit Blicken auch wirklich nicht töten konnte, bevor er sich wieder unter Kontrolle bekam. Aus Gründen, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte, lächelte er mich auf einmal an: „Und was sagt deine spontane Feindseligkeit über dich aus, Püppchen?“
Ich schnaubte. „Dass ich Eurer Hoheit einen zielgerichteten Schlag in die Kronjuwelen verpassen werde, solltet Ihr mich auch nur noch ein einziges Mal Püppchen nennen!“ Meine Stimme triefte zu meiner Zufriedenheit zuckersüß von falscher Hochachtung. Genauso eindrucksvoll wie geplant.
Doch mein Gegenüber zog nur eine Augenbraue in die Höhe. Seine Lippen formten ein spöttisches Grinsen, das mein Blut augenblicklich zum Überschäumen brachte. Wieso waren die wirklich heißen Typen so unfassbar klischeehaft?
Ich kam mir auf einmal vor, als wäre ich Teil einer der Romane, die ich heimlich verschlang. Mein Leben besaß eine interessante Story mit vielen unerwarteten Wendungen, hatte Drama und mit diesem Aufeinandertreffen besaß sie nun auch noch ein selbstgefälliges Arschloch, das mir meine Zukunft sicherlich nicht leichter machen dürfte. Prima!
„Übrigens hast du meine anfängliche Frage noch immer nicht beantwortet“, erklärte er mir mit einem Unterton, der mich aufhorchen ließ, „Und dabei habe ich mich extra dazu durchgerungen sie alle nacheinander zu stellen, um dich nicht zu überfordern.“
„Schön zu hören, dass es deine intellektuellen Fähigkeiten zulassen, mehre Fragen auf einmal zu speichern“, erwiderte ich die Augen verdrehend. Dann aber entschied ich mich dafür, trotzdem zu antworten, schließlich hatte er es auch getan, als es um seine angebliche Familie ging.
Seufzend machte ich mich daran, die Antwort auszusprechen: „Du hast Recht, Maria ist nicht meine Schwester, sondern in Wahrheit meine Mutter.“ Ich hatte damit gerechnet, Jacob mit dieser Information vollkommen aus der Bahn zu werfen, doch er nickte nur und grinste weiterhin sein dämliches Grinsen.
„Ich habe bereits mit etwas ähnlichem gerechnet“, meinte er, als sei das nur eines der unzähligen Dinge, von denen er wusste, „Spätestens als du ihren Sohn in der Menge gesehen hast, war klar, dass du ihn auch kennst. Außerdem seht ihr euch alle ziemlich ähnlich.“
Jetzt war es an mir, einen spöttischen Tonfall anzuschlagen: „Dann ist es ja für jeden noch so Dummen ersichtlich, der die Familie kennt. Ich habe mich schon gewundert.“

Tintenblaues Licht erlosch ebenso schnell, wie es um mich herum aufgetaucht war. Inzwischen hatte ich immer weniger Probleme mit dem Landen nach einem Zeitsprung. Ich landete jedes Mal auf den Füßen, wenn auch noch etwas wackelig, aber ich redete mir fest ein, dass sich das mit der Zeit auch noch geben würde.
Jacob neben mir hatte jedenfalls keine Gleichgewichtsprobleme. Er schwankte nicht einmal, dabei war der Holzboden des Gewölbes hier unten scheinbar in keiner Zeit wirklich eben. Bei unserem Erscheinen hatte Maria uns den Rücken gekehrt, aber sie war dennoch keinesfalls überrascht, Besuch zu bekommen.
Allerdings schien sie nicht damit gerechnet zu haben, uns beide hier nebeneinander stehen zu sehen, wie an ihrem leicht überrumpelten Gesichtsausdruck unschwer zu erkennen war. Nach einer kurzen Pause, in der sie uns einfach nur stumm anstarrte, seufzte sie und wollte offensichtlich noch etwas hinzufügen, doch so weit ließ Jacob es gar nicht kommen.
„Was hast du dir dabei gedacht, Mary?“, begann er gereizt, „Ich kenne in keiner Zeit auch nur ein einziges Mädchen, das so stur und nervtötend ist, wie sie!“ „Du meinst, abgesehen von dir selbst!“, setzte ich schnippisch hinzu.
Er hatte die meisterhafte Leistung vollbracht, mich ganz vergessen zu lassen, dass er eigentlich ganz passabel aussah und stattdessen… na gut, er sah besser aus als nur passabel. Man könnte sogar fast sagen, er gehöre in die Kategorie „heiße Jungs, deren arrogante Art aus wirklich verdammt unfairen Gründen auch noch anziehend wirkt“, aber so wie er mich dauerhaft auf die Palme brachte, weigerte ich mich strikt dagegen, diesen Umstand anzuerkennen.
„Siehst du, was ich meine? Ich weiß, was du im Sinn hattest, als du sie uns auf dem Ball vorstellen wolltest, aber das kannst du dir abschminken! Max und ich haben besseres mit unserer kostbaren Zeit anzufangen, als den Babysitter für so jemanden zu spielen!“, empörte sich Jacob, wobei er am Ende ein regelrechtes Schnauben ausstieß.
Ich neigte den Kopf ein wenig zur Seite und klimperte mit den Wimpern: „Sicher, dass es nicht schlicht und ergreifend an der Tatsache liegt, dass ich mich dir nicht um den Hals werfe wie vermutlich der Großteil meiner Artgenossinnen in jeder Zeit?“
Er wandte sich mir zu, die Augen zu Schlitzen verengt. „Ich bin mir sicher!“, antwortete er mir dann mit so viel Sarkasmus in der Stimme, dass er es beinahe mit mir hätte aufnehmen können, „Du schaffst es, mich zur Weißglut zu treiben, auch ohne mit normalen Mädchen verglichen zu werden.“
„Soll das heißen, dass du ein Mädchen nur dann für normal hältst, wenn es dich angräbt?“
„Interessiert es dich etwa?“
„Bestimmt nicht! Ich bin nur so erstaunt, dass du jedes Mal, wenn du den Mund aufmachst, auf der Skala der Vollidioten und wandelnden Klischees noch um eine Stufe weiter aufsteigst. Diese Ausmaße sollten wirklich ausgezeichnet werden! Oder bin ich etwa die einzige, die das so sieht?“
Jacob verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Blick ruhte auf mir, doch seine Worte richtete er eindeutig an Maria: „Sagt man nicht immer, der Apfel fiele nicht weit vom Stamm? In eurem Fall ist er wohl unglücklich in einen Häcksler geraten und symbolhaft zu blutigen Apfelinnereien und Saft zermalmt worden.“
Ich reckte den Kopf ein Stück vor und bemühte mich nicht länger um eine gespielt freundliche Mine. An ihre Stelle trat ein wütendes Schnauben und das dazu passende, empörte Gesicht. Meine Augenbrauen wanderten dabei so tief, dass ich wohl einen neuen Weltrekord aufstellen musste. Stumm und finster starrten wir uns nun an.
Erst jetzt ließen wir Maria überhaupt die Chance, auf all das Gesagte zu reagieren. Einige Sekunden lang stand sie nur da und sah zwischen uns beiden hin und her. Ihr Blick verriet dabei nicht im Geringsten, was in ihrem Kopf vorging, aber etwas sagte mir, dass ich mich lieber daran gewöhnen sollte.
Mir war nicht ganz klar, wieso, aber allmählich fühlte ich mich wie ein kleines Kind, das ein anderes bei seiner Lieblingserzieherin verpetzt und jetzt gebannt den Atem anhielt, weil es gleich entweder Recht zugesprochen oder einen Vortrag gehalten bekäme, man solle keinen anderen verpetzen. War die Situation wirklich so kindisch?
Marias schlussendlicher Reaktion zu urteilen – ja, denn sie begann auf einmal haltlos zu lachen. Es war ein schönes Geräusch, das mich und Jacob jedoch leicht verwirrte. Von der verantwortungsbewussten, besonnenen und durch und durch optimistischen Maria hatten wir beide offenbar etwas anderes erwartet.
Alles, von schlichtenden bis hin zu rügenden Worten oder einer besorgten Gewissenspredigt, aber definitiv nicht das hier! Sie stand vor uns und krümmte sich beinahe vor Lachen, während wir uns einen kurzen, irritierten Blick zuwarfen, bis wir checkten, dass es hierbei ja nur darum ging, dass wir uns gegenseitig nicht ausstehen konnten. Daraufhin sahen wir wieder weg.
Das alles machte mich furchtbar wütend. Vor allem aber Marias Reaktion kränkte mich. Sie war es schließlich gewesen, die mich und Jacob einander hatte bekannt machen wollen. Und wofür? Ganz bestimmt nicht, damit ich eine Person hatte, an der ich meinen angestauten Frust der letzten Tage rauslassen konnte!
Mir kam es eher so vor, als wolle meine Freundin, dass wir uns in unserer Zeit irgendwie zusammentaten, schließlich entstammten wir beide der Gegenwart. Aber wie stellte sie sich das denn bitte vor? Sollten wir uns damit abfinden, einen ewigen Schlagabtausch zu führen, kaum dass wir einander ansahen? Erklärte sie uns womöglich gleich, man müsse sich einfach ein bisschen mehr Mühe miteinander geben?
„Ihr beide seid herrlich, wirklich!“, lachte Maria, versuchte jedoch, sich wieder ein wenig zu beruhigen. Ich verzog missbilligend den Mund: „Na vielen Dank auch, Mutter! Erst hetzt du mir diesen Vollpfosten auf den Hals und dann lachst du darüber, als gäbe es kein morgen.“
Maria wischte sich Lachtränen aus den Augenwinkeln, ohne dabei die Mundwinkel sinken zu lassen: „Ich habe dir gar niemanden auf den Hals gehetzt, Alex. Keine Ahnung, wieso er da war! Jack?“
Sie zog fragend und noch immer viel zu amüsiert die Augenbrauen in die Höhe. Er hatte noch immer die Arme vor der Brust verschränkt, als er sagte: „Nachdem du sie uns vorgestellt hast, dachten wir uns bereits, dass deine angebliche Schwester ebenfalls Zeitreisen können muss. Also bin ich in der Gegenwart in dein Versteck hier unten gekommen und habe dein magisches Zeitreiseartefakt gesucht.“
„Weiß Max schon davon?“, auf einmal war Maria wieder ganz ernst. Jacob verdrehte kurz die Augen, um ihr zu verdeutlichen, was er von ihren merkwürdigen Stimmungsschwankungen hielt. Doch da war auch noch etwas anderes, das ich jedoch nicht zuordnen konnte. Die zwei mussten irgendwas wissen, von dem ich noch nicht gehört hatte.
Bevor ich mich allerdings näher erkundigen konnte, schüttelte Jacob den Kopf, um Marias vorangegangene Frage zu beantworten. Sie schlug erfreut in die Hände und trat dann zu mir, nur um einen Arm auf meinen Schultern abzuladen: „Dann werden wir ihm jetzt mal einen Besuch abstatten.“
Fast gleichzeitig starteten Jacob und ich unseren Protest. „Wir sollten meinen Bruder da nicht mit reinziehen!“, meinte Jacob entschieden, während ich schnell hervorstieß: „Wir sollten nicht noch mehr neue Leute mit reinziehen!“ Unsere Blicke trafen sich für einen verwunderten Blick, ehe wir so recht realisierten, was wir gerade gesagt hatten.
„Ich dachte, ihr wärt keine Brüder!?“, stellte ich fest. Er zuckte nur mit den Schultern. Damit schien die Unterhaltung für ihn auch schon beendet und er sah wieder Maria an, deren Arm noch immer auf meinen Schultern lag. Sie wirkte nicht so, als könne sie irgendetwas von ihrem offensichtlichen Plan abbringen, nicht mal ein schlecht gelaunter Fake-Kurprinz!

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