Schlafgas

Kapitel 12, Quontos

Als ich an diesem Morgen vor unserem Versteck in der Felswand ankam, wurde ich schon von den anderen erwartet. „Du kannst da nicht hoch!“, rief mir Bloon schon von weitem entgegen. Ich sah verwundert nach oben, aber erkennen konnte ich nichts. Unser Versteck war einfach zu gut getarnt.
„Was ist los?“, fragte ich, als ich bei den anderen angekommen war. Alle neun standen da. Etwas beschämt sahen sie auf den Boden. „Uns ist da ein kleineres… naja… Missgeschick passiert!“, stotterte Falk verlegen. Meine rechte Augenbraue wanderte von ganz allein in die Höhe. „Leute, was ist passiert?“, diesmal stellte ich die Frage mit mehr Nachdruck. Jenn trat vor: „Wir haben doch vor zwei Tagen alle Zutaten für das Schlafgas zusammen gehabt und dann angefangen es herzustellen. Jetzt haben wir von irgendwas zu viel rein getan und…“ Sie stockte, blickte auf den Boden und mied Augenkontakt. Kein gutes Zeichen! Ich sah noch einmal in die Runde: „Sagt mir doch einfach was passiert ist!“

Ich schlug mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Warum macht ihr das auch im Versteck? Ihr wisst doch, dass sowas nicht selten explodiert!“ Zähneknirschend starrten meine Freunde auf den schlammigen Waldboden, der seit dem letzten Regen völlig auf geweicht war. Nur einer nicht. Natürlich! „Du hättest dabei sein müssen! Die Gesichter von den anderen waren zum schreien, in manchen Fällen sogar im wahrsten Sinne des Wortes…“ Zenns Grinsen war wie so oft ansteckend. Erste sprang es auf mich über und dann erreichte es auch langsam alle anderen.
„Wie lange dauert es jetzt, bis wir wieder hoch können?“, fragte Sky. Jenn, die eine echte Expertin für Schlafgas war, lächelte schwach: „Wir haben echt Glück gehabt, dass wir noch nicht so weit waren! So dauert es vielleicht bis heute Abend, bis wir gefahrlos wieder in die Höhle können.“ Und auf einmal brach sie in Gekicher aus, wie sie es das letzte mal vor fünf Jahren bei unserer ersten Camp-Prüfung getan hatte, als Bloon kopfüber in einem Netz aus Lianen fest gehangen hatte und Lady Elenna nur spitz die Nase gerümpft hatte.

Schlafgas bestand aus zwei verschiedenen Substanzen, die getrennt voneinander hergestellt werden mussten und erst bei einem Zusammentreffen wirklich zu dem unfreiwilligen Schlaf führten. Wie man es herstellte hatten die Zwillinge einigen Büchern entnommen, doch es war schnell klar geworden, dass Mixturen so gar nicht Zenns Ding waren. Umso mehr wurde es zu Jenns Hobby und sie hatte so lange an den gefundenen Rezepten herumgebastelt, bis von der ursprünglichen Zutatenliste fast nichts mehr übriggeblieben war. Seitdem überließen wir derartige Aufgaben immer ihr.
Unser Aufenthalt im Levelorium werte bereits acht Tage. In dieser Zeit hatten wir es geschafft ein Versteck und ein paar Stellen, an denen man gut jagen konnte zu finden. Ebenso wie die Zutaten für einige Substanzen und Mixturen. Schlafgas war Jenns Spezialität, weswegen wir damit anfangen wollten. Es war zudem äußerst praktisch!
Der Quontos existierte seit vielen Jahrhunderten, doch erst vor rund fünfzig Jahren hatte man angefangen Gefahren zu züchten und in das Levelorium einzuschleusen. Zu Beginn waren es oft dümmliche Kreaturen gewesen oder Pflanzen, die starken Juckreiz oder erbrechen hervor riefen, doch nachdem die Zahl der Teilnehmer vor einigen wenigen Jahren rapide gesunken war, entschloss man sich dafür, aus dem Quontos etwas zu machen, das gerade junge Leute anlockte, für die der Quontos nun mal erschaffen wurde. Die Gefahren wurden zu Killern ohne Gewissen und damit hatte auch das Morden untereinander angefangen. Teams gab es schon immer, doch dass sie die Teilnehmer gegenseitig abmurksten, war neu.
Kam man in unseren Zeiten lebendig aus dem Levelorium – mit lebendig meinte ich so lebendig, dass man nicht an seinen Verletzungen starbt, sobald man zuhause war – wurde man als Held gefeiert. Natürlich gab es auch genug Leute in unserem Alter, die nicht am Quontos teilnahmen. Dennoch, wer den anderen etwas beweisen wollte, risikofreudig oder einfach nur lebensmüde war, nahm am Quontos teil. Es hatte sich einfach so entwickelt. Dass die Gefahren jetzt wirklich gefährlich waren und es dieses Konkurrenzdenken gab, gehörte für uns dazu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*