Problem-Lehrer

Kapitel 10, Marendie

Ein schrilles, erbarmungsloses Klingeln weckte mich aus meinem traumlosen Schlaf. Es war mein Wecker. Verschlafen rieb ich mir übers Gesicht. Ich saß (oder besser gesagt, ich lag) an meinem Schreibtisch. Gestern Abend hatte ich noch stundenlang dagesessen und über Leopold gegrübelt. Anscheinend war ich während dessen eingeschlafen…

Nach einer kurzen Pause, begann der Wecker wieder zu klingeln. Ich schlurfte zu dem kleinen Nachttisch neben dem Bett und schlug auf den Ausschalter. Das schrille Geräusch verstummte. Um nicht zweimal den selben Fehler zu machen, beeilte ich mich heute im Bad. Als ich in die Küche kam, lächelte mich Nanny Nini müde an. „Morgen“, nuschelte ich, nicht weniger unausgeschlafen. „Ich schreibe ihnen heute eine Liste mit allen wichtigen Informationen. Ganz oben wird stehen, dass ich Vegetarier bin!“, schnauzte ich, als ich die belegten Brote sah. Sauer stand ich auf und holte meine Tasche aus meinem Zimmer, in die ich bereits gestern Abend alle Schulsachen gestopft hatte. „Ich komme heute wieder später, weil ich mit Freunden ins Kino gehe…“, rief ich noch, dann plautzte die Haustür hinter mir zu.

Heute hatte ich den Bus nicht verpasst. Ich hatte sogar fünf Minuten auf ihn warten müssen. Der Fahrer, Mr. Martens, war immer noch der Selbe. Woher ich das wusste? Früher hatte ich nie Freunde gehabt. (Heute eigentlich auch nicht, aber das blenden wir einfach mal aus.) Im Bus gab es nur Doppelsitze und die waren immer alle besetzt, außer meine. Es war die allererste, schräg hinter dem Fahrer. Ich hatte ihm immer leid getan und deshalb hat er während der Fahrt oft mit mir geredet. „Oh, hallo Mara!“, sagte Mr. Martens erstaunt, „Dass ich dich noch einmal hier im Bus treffe…“ Ich strahlte ihn an: „Tag, Mr. Martens!“ Schnell setzte ich mich auf meinen angestammten Platz. „Na, wie geht es dir? Mann, oh mann! Bist du gewachsen.“ Ich konnte nicht anders. Ich musste ihn einfach bis über beide Ohren angrinsen.
„Mir geht es gut und ihnen?“, es war zwar gelogen (es ging mir furchtbar), aber da war soviel, dass ich zu erzählen hatte und wenn ich jetzt mit jammern anfangen würde, würde eine Busfahrt vermutlich nicht reichen. Mr. Martens lachte mich durch seine kleinen, blauen Augen an: „Mir geht es hervorragend!“ „Und ihren Söhnen?“, fragte ich vorsichtig. Er nickte vergnügt: „Der eine macht gerade seine Ausbildung und der andere trainiert hart für die Jugend Paralympics.“ Puh, ich war echt erleichtert, denn der jüngere Sohn von unserem Busfahrer hatte damals einen schweren Sportunfall gehabt und lag im Krankenhaus. Im selben Krankenhaus wie mein Bruder Carlos…

Die Busfahrt war viel zu kurz gewesen. Mr. Martens hatte mich getröstet. Ich ging ja jetzt wieder in die Schule und deshalb würde ich ihn ab heute jeden Tag sehen. Jeden Tag, wenn ich nicht den Bus verpassen sollte…
Schon an der Haltestelle wurde mir klar, dass ich gleich meinen ganzen Vormittag neben Vivien verbringen musste. Aber irgendwie störte mich das heute gar nicht. Irgendetwas war anders.

Auch als ich das Klassenzimmer betrat, alle anderen mich anstarrten und anfingen zu tuscheln… es ärgerte mich nicht. „Na?“, sagte Vivien als ich am hintersten Ende des Klassenraumes ankam. Ich würdigte sie keines Blickes und konzentrierte mich darauf, mein Geschichtsbuch und den dazugehörigen Hefter auszupacken. „Ich rede mit dir!“, bellte Vivien. Ich hielt inne und drehte mich langsam zu ihr um: „Du hast “na“ gesagt! Ich hatte mich nicht angesprochen gefühlt!“ Wow, was war denn bitte mit mir los? So selbstbewusst hatte ich ja noch nie geklungen! Lag es an der Busfahrt? Oder etwa an Leopold, der mich heute Nachmittag abholen wollte? Ich sollte behaupten, er sei mein Freund… Nein, es lag an der Busfahrt und meinem Wiedersehen mit Mr. Martens. „Wie bitte?“, quickte die Blondine. Mir war nie aufgefallen, dass sie so schnell wütend wurde. Wie nützlich.

Ich wollte gerade etwas passendes erwidern, da trat eine große, junge Frau ein. Sie hatte ihre pechschwarzen Haare zu einem strengen Knoten gebunden und musterte uns durch ihre kleine Brille, die auf ihrem steilen Nasenrücken thronte. „Vivien, man schreit nicht durch die Klasse. Damit störst du diejenigen, die lernen wollen!“ Vivien funkelte die Frau wütend an, sagte aber nur mit zuckersüßer Stimme: „Entschuldigen sie bitte, Mrs. Miller. Ich hatte nicht die Absicht das Lernverhalten der anderen zu stören.“ Mrs. Miller lächelte zufrieden. Allerdings sah man ihr an, dass ihr Lächeln gefälscht war und sie die geschminkte Klassensprecherin nicht ein bisschen leiden konnte. Da hatten wir wenigstens etwas gemeinsam…
„Das hatte ich schon vermutet. Und wer bist du, wenn ich fragen darf?“, fragte die strenge Lehrerin mit kerzengradem Rücken an mich gewandt. Ich kannte solche Leute nur zu gut. Man musste schon den Bogen raus haben, um richtig mit so jemandem umzugehen. Ich konnte glücklicherweise von mir behaupten, es schon einmal geschafft zu haben. Meine verstorbene Großmutter war da nämlich genauso. „Mein Name ist Mara. Ich möchte mich höflichst für mein fehlerhaftes Benehmen entschuldigen!“, sagte ich mit ausdruckslosem Gesicht.

Regel eins: Keine Gefühle zeigen! Regel zwei: Genug, aber nicht zu viel sagen! Regel drei: Niemals Jugendsprache benutzen! Das war das wichtigste…

…und es wirkte. Natürlich! Mrs. Miller lächelte. Diesmal war es echt. „Du musst dich nicht entschuldigen, Mara. Du hast nicht durch den kompletten Raum geschrien!“ Die Lehrerin drehte sich zur Tafel um. Vivien stierte mich rot vor Zorn an. Ich grinste. Das hatte sie verdient. Bevor das blonde Mädchen noch einmal den Mund aufmachen konnte, klingelte es zur Stunde. Alle stellten sich wie gewohnt hinter ihren Stuhl. Ich packte noch einen drauf, indem ich den Bauch einzog, meinen Rücken gerade hielt, die Brust herausstreckte und meine Schultern nach oben zog. So etwas war immer gerne gesehen. Mrs. Miller nickte mir zu. „Setzt euch!“, sagte sie. Auch im sitzen behielt ich diese Haltung bei. Es schien meiner Geschichtslehrerin zu gefallen.

„Wir starten heute wieder mit einer mündlichen Leistungskontrolle. Vivien, du kommst nach vorne, weil du dich eben so schlecht benommen hast und auch du, Mara, bist heute dran! Ich muss wissen, wie weit du im Stoff bist…“

Mist! Wieso nahm sie mich dran? Hatte ich mich nicht gerade beliebt bei ihr gemacht? Und ich kannte noch nicht mal das grobe Thema, bei dem die Klasse war. Das würde jetzt peinlich werden! Doch einen Versuch war es wert. Also stand ich (in meiner perfekten Haltung) auf und folgte meiner Banknachbarin, die leise fluchend nach vorn trottete. Kaum waren wir dort angekommen, stellte Mrs. Miller die erste Frage: „Wann war der Sturm auf die Bastille?“

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