Pessimistische Kontrollfreaks und sarkastische Angstvertuschungsversuche

Kapitel 12, Zeitquälerei

Zum ersten Mal seit Jahren wünschte ich mir, ich hätte heute Schule, aber es war Samstag. Normalerweise würde ich schon aus Prinzip länger schlafen, nur konnte ich nach den gestrigen Ereignissen kein Auge zu machen.

Mein vorläufiges Quartier für diese Nacht war die Couch im Wohnzimmer, in dem ich gestern meine Geburtstagsgeschenke ausgepackt hatte. Allerdings stand ich nun schon seit geraumer Zeit am Fenster und starrte nach draußen.
Ein Blick auf meine neue Taschenuhr verriet mir, dass es bereits kurz vor sechs Uhr war. Draußen vor dem Fenster ging bereits die Sonne auf und teilte mir auf ihre wundervoll friedliche Art mit, dass mit Anbruch dieses Tages der Abbruch meines alten Lebens einherging.
Ich ließ mich zurück auf das Sofa fallen. Erschöpft durch die letzten Tage, verwirrt von viel zu vielen Neuheiten und mit einem mulmigen Gefühl bei den Gedanken an die Zukunft – nicht gerade ein vielversprechender Beginn für einen neuen Lebensabschnitt, der zudem einen gigantischen Haufen Mysterien enthielt, die einerseits gelöst werden wollten und andererseits dazu verlockten, sie schreiend in eine Kiste zu stopfen und diese anschließend auf den Grund des tiefsten Seegrabens zu verfrachten.
Schon allein die Tatsache, dass ich seit einigen Stunden eine Zeitreisende war… hektisch warf ich erneut einen Blick auf die Uhr. Mit einem Mal wurde mir ganz flau im Magen. Wieso hatte ich nicht besser auf die Zeit geachtet?
Panisch sprang ich auf, griff die Taschenuhr, den Stift und das Notizbuch und kramte das magische Zeitreiseartefakt aus meiner Hosentasche. Ich erschrak heftig, als ich den Ring an meinen Finger stecken wollte, denn statt wie vorhin einfach nur rund und schlicht zu sein, hatte sich das Zeitreiseartefakt verändert.
Hauchdünne, silberne Ranken durchfurchten die Oberfläche in einem eleganten Muster, das wenig gleichmäßig und somit sehr anziehend und interessant anzusehen war. Ein Anfang war nicht zu erkennen – es sah so aus, als kämen die Ranken allesamt aus dem schmalen Inneren des Rings – aber dafür war ein Ende zu erkennen.
An einer Stelle bildeten die Ranken durch eine Art Strudel eine Einkerbung im Silber, in die ein tintenblauer Edelstein eingelassen war. Er erinnerte mich an meine ersten beiden Zeitsprünge, der eine in die Vergangenheit, der andere von dort aus wieder zurück in die Gegenwart. Beide Male hatte für den Bruchteil einer Sekunde mein gesamtes Umfeld in genau dieser Farbe aufgeleuchtet.
Auf einmal erinnerte ich mich wieder daran, dass die zukünftige Version meiner Selbst mich vorgewarnt hatte. Sie hatte mir noch gesagt, der Ring würde sich verändern, aber ich Esel hatte das natürlich vergessen.
Statt mich aber weiter darüber aufzuregen, steckte ich den Ring nun doch an und schlug die letzte Seite meines Notizbuchs auf. Dort hatte ich noch vor meinem Rücksprung ein neues Datum eingetragen, das Maria mir diktiert hatte. Es war der Tag nachdem wir uns das erste Mal getroffen hatten – von mir aus wie von ihr aus gesehen.
Vorsichtig ließ ich den Edelstein die Tinte streifen. Im selben Augenblick umfing mich auch schon das blau Licht. Diesmal kam es mir weniger grell vor als bei den ersten Malen.
Dennoch spürte ich Panik in meinem Inneren aufflackern, als mich eine unbestimmte Kraft von den Beinen riss und ich für den Bruchteil einer Sekunde inmitten eines tintenblauen Wirbelsturms gefangen war, bis ich schließlich ungeschickt auf den Füßen landete. Kaum berührte ich den Boden, gaben meine Beine auch schon wieder nach und ich landete reichlich unsanft auf dem Hintern.
„Man gewöhnt sich daran“, begrüßte mich Maria schmunzelnd und half mir auf. Sie schien eindeutig zu den Personen zu gehören, die in allem etwas positives entdeckten. Optimismus gehörte hingegen definitiv nicht zu meinen Stärken. Ich sah die Dinge meist, wie sie waren.
Nur wenn ich genervt, gestresst oder anderweitig gestört war, mutierte ich zur hoffnungslosen Pessimistin. Meine übliche Reaktion auf in der Hinsicht anders gesinnte war ein durch Stöhnen unterstrichenes Augenrollen, aber bei Maria war das anders.
Sie verpackte ihren unerschütterlichen Optimismus mit einem neckenden Humor, der wohl in der Familie liegen musste. Statt also genervt zu sein, lächelte ich sie an. Eine Geste, die ich in den letzten Tagen erstaunlich selten angewandt hatte, wie mir nun auffiel.
„Was bringst du mir heute bei?“, fragte ich, um mich selbst von der traurigen Erkenntnis abzulenken, dass es außer meinem Bruder niemanden gab, den ich in der Gegenwart in nächster Zeit anlächeln könnte.
Maria machte eine wegwischende Geste: „Du kannst schreiben, dir einen Ring an den Finger stecken und diesen dann gezielt bewegen. Mehr könnte ich dir beim besten Willen nicht beibringen!“
Stumm sah ich sie an. Hieß das, man brauchte nicht mehr, um eine Zeitreisende zu sein, als eine gesunde Hand mit der man Ringe tragend Worte auf Papier kritzeln konnte? Gestern hatte sie noch von Regeln gesprochen, die einzuhalten waren. Was war aus denen geworden?
„Simikolon hat Regeln für seine Zeitreisenden aufgestellt, aber du bist kein Mitglied, also gelten die nicht für dich“, als hätte sie meine Gedanken gelesen, beantwortete Maria mir die ungestellten Fragen, „Das einzige, das ich dir noch erklären könnte, wären die Gesetzmäßigkeiten der Zeit, aber die sind kompliziert und niemand versteht die so richtig, also werde ich gar nicht erst versuchen, es dir zu erklären.“
Maria deutete auf den Stuhl vor dem hölzernen Schreibtisch. Ich nahm Platz und sie setzte sich kurzerhand auf die Tischplatte. Mit überschlagenen Beinen trommelte sie neben sich auf das Holz. Ihr Blick war erwartungsvoll auf mich gerichtet, so als erwarte sie, dass ich den nächsten Schritt machte.
Ich tat ihr den Gefallen: „Was tun wir also heute, wenn nichts weiter zu lernen ist?“ „Gut, dass du fragst“, ihr Grinsen verriet die Ironie dieses Satzes, schließlich hatte sie mich so lange angestarrt, bis ich gar keine andere Wahl hatte, als zu fragen, „Du sagtest gestern, ich solle dir einige Personen vorstellen, denen wir in jeder Zeit vertrauen können.“
Das Wort wir ließ mich stutzen, aber ich unterbrach Maria nicht. Was sie sagte interessierte mich mehr, als dieses plötzlich in mir aufkeimende Gefühl, das ich nicht genau einordnen konnte.
„Da ich letzte Nacht eh nicht schlafen konnte, habe ich darüber nachgedacht und mir eine Liste gemacht“, sie kramte in ihrer Tasche herum, die neben dem Schreibtisch stand, musste aber weitersprechen, weil sie die Liste nicht auf Anhieb fand, „Es sind nicht viele Leute, aber immerhin besser als gar keiner.“
„Du bezeichnest dich selbst als gar keinen?“, diese Frage rutschte mir einfach so heraus. Während ich naiverweise erschrocken nach einem Weg suchte, die Worte wieder unausgesprochen in meinen Mund zu stopfen, schenkte mir Maria ein warmes Lächeln: „Es ist wirklich schön, dass du das so siehst, aber wir wissen beide, dass ich in der Gegenwart nicht mehr am Leben bin. Deshalb sollten wir mich bei der Aufzählung auslassen.“
In diesem Moment fand sie, wonach sie die ganze Zeit in ihrer Tasche gesucht hatte. Mit einem triumphierenden Lächeln zog sie einen kleinen Gegenstand hervor, der mich auf ein Neues innehalten ließ.
Es war eine Taschenuhr, die meiner eigenen ganz und gar nicht unähnlich sah. Nur war diese nicht mit einer Rose verziert wie bei mir, sondern hatte eine elegante Musterung aus geschwungenen Federn auf der Vorderseite.
Ehe ich Maria darauf ansprechen konnte, hatte sie den Mechanismus bereits betätigt und das Ziffernblatt kam zum Vorschein. Statt jedoch die Zeit abzulesen, hielt sie den Knopf zum Öffnen der Vorderseite gedrückt, während sie die Zeiger auf Mitternacht verstellte.
Mit einem metallenen Klicken schwang das mit römischen Zahlen verzierte Ziffernblatt nach vorne und gab einen dahinter versteckten Hohlraum preis. Darin lag ein Papierfetzen, der zu einer Rolle gedreht worden war und als solche durch einen Ring zusammengehalten wurde.
Maria zog beides hervor und schloss dann das Geheimfach ihrer Uhr wieder. Automatisch wanderte meine Hand zu meiner Hosentasche, wo ich meine eigene Taschenuhr verstaut hatte. Maria entging nicht einmal diese kleine Bewegung. Diesmal war ihr Lächeln wissend: „Hat Mum dir auch eine geschenkt?“
Ich nickte steif und zog meine Uhr hervor. Sie streckte die Hand aus und ich gab sie ihr. Maria wiederholte das, was sie gerade eben mit ihrer eigenen Taschenuhr getan hatte nun mit der meinen und es funktionierte.
„Sie kennt da so jemanden“, Maria lächelte, „Es ist der perfekte Aufbewahrungsort für Dinge, die niemand sonst zu Gesicht bekommen soll. Hat sie dir das nicht gesagt?“ Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine kleine Sorgenfalte.
Instinktiv wusste ich, dass ich ihr nicht die Wahrheit sagen sollte. Ich benötigte aber eine plausible Erklärung dafür, weil Maria von Gabe vielleicht wusste, dass ich bei Oma gewohnt hatte. Da ich von Natur aus misstrauisch war und es hier schließlich um meine Mutter ging – wenn auch erst in meinem Alter – durfte meine Ausrede keine offenen Fragen lassen.
„Ähm…“, stieß ich wenig kreativ hervor, nutzte diesen Ausdruck der Ratlosigkeit aber spontan für meine kleine Lüge, „Es wäre vielleicht möglich, dass ich von dieser wunderhübschen Uhr so fasziniert war, dass ich Oma irgendwie nicht richtig zugehört habe?!“
Maria feixte mich breit an. Sie nahm mir die Lüge ab. Mission erfolgreich ausgeführt!
Mit einem prüfenden Blick warf Maria einen Blick auf mein magisches Zeitreiseartefakt: „Wo hast du es die letzten Stunden über aufbewahrt?“
„In meiner Hosentasche“, ich zuckte mit den Schultern, „Ich habe nicht mit einer Leibesvisitation gerechnet…“ „Du weißt aber schon, dass dieser Ring unschätzbaren Wert hat, oder?“, eine von Marias Augenbrauen kam ihrem Haaransatz mal wieder gefährlich nah.
Ich nickte etwas verlegen und erklärte wahrheitsgetreu, dass ich mir darüber wenig Gedanken gemacht hatte, weil ich in letzter Zeit die Definition von Chaos in meinem Kopf beherbergte. Das sah Maria ein, denn sie äußerte sich nicht weiter dazu und kehrte zurück zu ihrer Liste.
„Die Nacht war lang genug!“, meinte sie und stieß sich schwungvoll von der Tischplatte ab, um stattdessen im Raum auf und ab zu gehen, „Ich habe mir nicht nur Namen aufgeschrieben, sondern mir auch ein effektives Szenario einfallen lassen, wie ich sie dir alle möglichst Zeitnah vorstellen kann.“
Gespannt lauschte ich wieder ihren Worten. Ihr Tonfall zeugte davon, dass sie ganz genau wusste, was zu tun war und mir fiel auf, dass ich das dankbar hinnahm. Ehrlich gesagt könnte man mich als eine Art Kontrollfreak bezeichnen, der lieber alles alleine tat – auch so ein Familiending, wenn ich genauer darüber nachdachte – aber in diesem Fall überließ ich vollkommen freiwillig Maria die Führung.
Sie warf mir einen warnenden Blick zu: „Raste jetzt nicht gleich aus! Mein Plan ist es, dass wir uns gemeinsam mit meinen zwei besten Freundinnen treffen. In deiner Zeit kannst du ihnen definitiv vertrauen und sie werden dich dann auch schon kennen. Sie werden uns dabei helfen uns für das zweite anstehende Event vorzubereiten, bei dem du noch eine weitere Person treffen wirst.“
Sie stockte kurz. Ganz so, als wäre sie sich nicht länger sicher, es mir wirklich erzählen zu wollen. Ich sprang von meinem Stuhl auf und fuchtelte energisch mit den Händen vor ihrem Gesicht herum: „Sprich weiter! Was für ein zweites Event? Wieso soll ich nicht ausrasten?“
„Es ist ein Ball im 17. Jahrhundert“, meinte Maria kurz angebunden, kleinlaut und fast ein wenig zurückhaltend. Meine Reaktion war das reine Gegenteil von zurückhaltend. „Was?“, schrie ich entsetzt und nackte Angst keimte in meinem Inneren auf, „Ich bin seit gerade mal einem einzigen Tag eine Zeitreisende und du willst mich gleich auf einen verdammten Ball schleifen?“
Maria atmete tief durch. Sie sah aus, als müsse sie einen langatmigen Vortrag herunterschlucken, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu erlangen: „Es ist der einfachste Weg, die Leute zu treffen, denen du in meinen Augen vertrauen kannst!“
Mit diesem einen Argument setzte sie mich beinahe außer Gefecht, aber eben nur beinahe!
„Ich habe keinerlei Erfahrungen mit den damaligen Umgangsformen!“, zeterte ich, größtenteils darum bemüht, meine Angst unter allen Umständen zu verbergen, „Ich würde auffallen wie ein neonfarbenes Werbeschild, das so grell leuchtet, dass sich in der Nacht Flugzeuge daran orientieren können!“
Dieser Vergleich entsprang dem rohen Sarkasmus meiner Gedanken, der mich immer dann vollkommen einnahm, wenn ich Angst hatte. Maria schien mich problemlos zu durchschauen: „Wir haben heute und morgen genug Zeit und du wirst nicht viel tun müssen! Dafür sorge ich! Vertrau mir einfach!“

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