Film oder Albtraum

Kapitel 23, Zeitquälerei - Wie die Uhr tickt

Kaum befand ich mich in der Vergangenheit, wurde mir alles klar, denn die Kopfschmerzen und das Schwindelgefühl waren sofort wie weggeblasen. Wie viele Personen hatten es mir versucht einzutrichtern? Hatte ich nicht mindestens dreimal erzählt bekommen, dass ich nicht unbegrenzt lange in einer Zeitebene bleiben durfte? Jetzt wusste ich wieso! Das war doch mal wieder typisch ich.

Lange hielt ich mir diese Dummheit jedoch nicht vor, denn ich kam nicht umhin, mich umzusehen. Als Jack schrieb, wo er sich mit mir treffen wollte, hatte ich keine Vorstellung davon gehabt, wo dieser Ort lag. Kaum drei Sekunden nach meiner Landung jedoch, dämmerte es mir bereits. Vor mir ragte ein Gebäude auf, das man getrost als so eine Art Schloss bezeichnen konnte, vielleicht nicht so pompös wie das eines Königs, aber dennoch ein architektonisches Meisterwerk.
Die Fassade war in einem strahlenden Weiß gestrichen, das keinerlei Makel in Form von kleinen Verfärbungen oder ähnlichem aufwies. Statt Ecken hatte dieses Gebäude vier Türme, die von wilden, wunderschönen Rosenranken perfektioniert wurden. Es gab viele Fenster, wobei die unterste Reihe Bodenlang und von innen mit teuren Vorhängen verziert waren.
Beim Hindurchsehen stach mir etwas ins Auge, das mir von meinem letzten Trip in dieses Jahrhundert noch ganz genau im Gedächtnis war. Mannshohe Blumentöpfe, hinter denen man sich wunderbar verstecken konnte, wenn man nicht gerade ein Kleid mit weitem Rock trug! Die Frage, wo ich war, wäre damit also geklärt. Ich befand mich außerhalb des Hauses, in dem der Ball stattgefunden hatte.
Genauer: Ich stand in einem verwinkelten Garten, der in seiner bunten und dennoch eleganten Pracht perfekt zu dem gesamten Anwesen passte. Wegen einiger hohen Hecken, die wohl als so eine Art Sichtschutz dienten, fühlte ich mich ein wenig wie in einem Labyrinth. Zudem gab es ein kleines Grabensystem, in dem praktischerweise Wasser floss. Zumindest konnte ich mir vorstellen, dass es praktisch war, schließlich sah es nicht nur schön aus, sondern verlief auch durch einen Garten, in dem man andernfalls wohl ziemlich sorgfältig gießen müsste.
Weil ich Jack nirgends sehen konnte, entschied ich mich dafür, ein wenig weiter ins Innere des Gartens vorzudringen. Im Gegensatz zu einem richtigen Labyrinth wirkte das hier nicht so, als könne man sich verlaufen. Also ging ich über eine zierliche Brücke aus weißem Marmor oder etwas in der Art.
Nachdem ich ein paar mal abgebogen war, erkannte ich das Muster, in dem die Hecken gepflanzt worden waren. Es war so etwas wie eine Spirale, die an einigen Stellen unterbrochen wurde und alles in allem das Zentrum des Gartens vor neugierigen Blicken schützten.
Lange musste ich also nicht suchen. „Willst du mir gerade verklickern, dass du davon gewusst hast?“, schallte eine inzwischen vertraute Stimme hinter den letzten Hecken zu mir hinüber. Jack hatte die Frage gestellt und nun antwortete Max darauf. Ich konnte sie zwar nicht sehen, hörte aber jedes Wort, das sie sprachen. „Es geht dabei ausschließlich um deine Sicherheit. Vielleicht muss es ja nicht sofort so ein riesiger Schritt sein, aber du solltest…“
„Ist das gerade dein Ernst?“, dem Klang seiner Stimme zufolge war Jack richtig wütend und erinnerte mich damit an unser erstes Treffen in der Gegenwart. Max dagegen sprach ruhig und kontrolliert. Er ließ sich nicht im Mindesten von seinem irgendwie-Bruder beeindrucken. „Wir wissen beide, dass Dad und ich recht haben“, erklärte er selbstbewusst, „Natürlich ist es nicht so einfach, aber ebenso wenig für immer, Jack!“
Ein Schnauben war die Antwort. Obwohl ich keine Ahnung hatte, worum es bei dieser Unterhaltung ging, war ich mir doch sicher, nicht dabei stören zu wollen. Also trat ich den Rückzug an, ehe ich überhaupt an meinem Ziel angekommen war.
Da ich einige Stunden in der Vergangenheit verbringen wollte – um einem neuerlichen Schwächeanfall wie dem von vorhin entgegen zu wirkten – beschloss ich, einen Spaziergang zu machen. In der Gegenwart hätte ich mir schon allein für diesen Gedanken eine Schusswaffe gewünscht, damit ich mir wegen absoluter Unzurechnungsfähigkeit einen Kopfschuss verpassen könnte, aber ich befand mich hier im 17. Jahrhundert!
Da mich einige Leute als Geschichtsfreak bezeichnen würden, wäre meine Entscheidung selbst für die Personen nachvollziehbar, die hiervon niemals erfahren würden, weil sie in einem Badezimmer eingesperrt waren. Die Möglichkeit, sich die Vergangenheit mal mit eigenen Augen umzusehen, war einfach zu verlockend. Es war eine großartige Chance, das 17. Jahrhundert auf eigene Faust ein wenig zu erkunden. Wer war ich schon, dieses Angebot des Schicksals abzulehnen?
Gut, ich trug nicht unbedingt die richtigen Klamotten für ein Outdoor-Adventure in dieser Epoche, aber die Lösung dafür war naheliegend. Sie hatte wilde Locken, einen kompletten Raum voller potenzieller Ankleidemöglichkeiten für diesen Anlass und sicher nichts dagegen, mir auszuhelfen.

Ich behielt recht. Jua war gerade in ihrem Atelier, als ich dort auftauchte und sie um Hilfe bat. Es dauerte nur zehn Minuten, bis ich stilecht eingekleidet und zurück im 17. Jahrhundert war. Das Kleid hatte einen ähnlichen Reifrock wie das, das ich zum Ball getragen hatte, wobei dieser hier nicht ganz so weit ausgestellt war. Der Stoff besaß eine zarte Rosafärbung, welche mir unerwarteterweise doch echt gut stand. Meinem Ausflug stand nun nichts mehr im Weg.
Da das Anwesen auf einer Anhöhe errichtet worden war, konnte man von hieraus eine kleine, aber belebte Stadt erkennen, die tiefer gelegen war. Genau das war mein Ziel. Um dorthin zu gelangen, verließ ich die Gärten durch ein schmiedeeisernes Tor. Es stand weit offen und führte mich auf eine unbefestigte Straße, die zur Stadt führte.
Es war nicht viel Betrieb. Ein paar Männer mit hölzernen Karren und Frauen, in Kleidern ähnlich dem meinen, kamen mir entgegen. Noch weniger gingen in dieselbe Richtung wie ich, sodass ich insgesamt auf beruhigend wenige Menschen traf, die bemerken könnten, dass ich unter dem bodenlangen Kleid nicht etwa stilechte ich-breche-mir-dann-mal-die-Füße-Schuhe sondern meine Turnschuhe trug. Wenn sie davon wüsste, würde Jua mir womöglich den Kopf dafür abreißen, aber das Risiko ging ich mit Freuden ein, solange ich nicht auf diesen merkwürdigen Dingern herumlaufen musste.
Ich war in einem langsamen, bedächtigen Tempo gegangen, das ich mir von denen abgeguckt hatte, die in ähnlichen Outfits an mir vorbeigelaufen waren. So dauerte es rund 20 Minuten bis zu der kleinen Stadt.
Aus diversen Büchern wusste ich, dass sie so ähnlich aufgebaut sein musste, wie die Großstädte in meiner Zeit. Das interessanteste war natürlich der Marktplatz, denn das war für die meisten wohl der Mittelpunkt ihres Lebens. Ich vermutete ihn stark in der Mitte der Stadt, also machte ich mich auf den Weg durch breite Straßen und schmale Gassen. Störend war dabei einzig das unablässige Gefühl, von allen beobachtet zu werden. Das war natürlich quatsch, also schenkte ich dem wenig Beachtung.
Da ich keinen Stadtplan besaß und stark vermutete, dass es sich für diejenige, die ich repräsentierte, nicht gehörte, die einfachen Händler nach dem Weg zu fragen, folgte ich meiner Intuition. Es sollte ja nicht allzu schwer sein, den Marktplatz zu finden… dachte ich anfangs noch! Nach fast einer halben Stunde war ich mir da allerdings nicht mehr ganz so sicher.
Von oben sah diese Stadt vielleicht klein aus, aber damit hatte ich mich verdammt nochmal getäuscht! Für mich, die eigentlich in einer Großstadt des 21. Jahrhunderts aufgewachsen ist, dürfte es eigentlich nicht so schwer sein, sich in diesem Kaff zurechtzufinden. Zumal ich über die Siedlungen dieser Zeit auch einige Bücher gelesen hatte.
Zusammengefasst: Meine Existenz war peinlich! Erst vergaß ich, was mir mindestens drei verschiedene Personen über mein Zeitlimit erzählt hatten und jetzt verlief ich mich im Vorreiter unserer modernen Städte wie ein Kleinkind im dreistöckigen Möbelkaufhaus. Nur dass es hier keine nette Rezeptionistin gab, die einen nach seinem Namen fragte und diesen dann im gesamten Gebäude ausrief.
Irgendwann bog ich erneut links ab und fand mich auf einmal in einer düsteren Gasse wieder, in der garantiert hunderte Ratten im Schatten hausten. Ich wollte schnell wieder zurück auf die größere Straße und drehte mich dafür um. Und was dann geschah, musste einem Film entsprungen sein! Oder einem Albtraum!
Vor mir stand ein ganz in schwarz gekleideter Mann, der mich um fast drei Kopflängen überragte. Abgesehen davon, dass er extrem unheilverkündend aussah, zog er in diesem Moment auch noch einen Degen und richtete die Spitze direkt auf mich. Ich schnappt unwillkürlich nach Luft und wich einen Schritt zurück, ohne den Blick von dem glänzenden Stück Metall abzuwenden.
In keinem Buch, das ich bisher gelesen hatte, stand, dass sich in kleinen Seitengassen manchmal bewaffnete Männer aufhielten, die Leuten drohten, sie aufzuspießen. Jedenfalls fasste ich es als Drohung auf, wenn man mir das spitze Ende eines Degens entgegen reckte!
Um meine Situation noch aussichtsloser und filmreifer zu gestalten, spürte ich beim Zurückweichen auch noch, wie sich etwas spitzes leicht gegen mein linkes Schulterblatt drückte. Ich ahnte ungutes, wendete aus Angst mich selbst aufzuspießen nur den Kopf und musste feststellen, dass dort ein zweiter Mann mit dergleichen Waffe wie der andere stand.
Ich saß in der Falle! Aus unerfindlichen Gründen war mein erster Gedanke nicht so etwas wie „Oh, nein! Ich werde sterben!“ sondern „Wer könnte es auf mich abgesehen haben?“. Ich hatte schließlich schon die ganze Zeit über das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. So wie es aussah, hatte ich es mir nicht nur eingebildet. Nicht zuletzt deswegen stand für mich irgendwie außer Frage, dass ich nur zufällig hier stand.
„Was tut eine junge Lady wie Ihr ganz allein in so einer Gegend wie dieser?“, fragt der riesige Mann vor mir mit einem abstoßenden Feixen. In meiner Zeit würde ich mein Handy zücken und den Kerl fragen, ob ich die Polizei wegen eines potenziellen Vergewaltigers oder einem Pädophilen rufen sollte, aber diese Möglichkeit blieb mir im 17. Jahrhundert nicht.
Verzweifelt versuchte ich meine Panik herunterzuschlucken, die sich in mir stets in ungezügeltem Sarkasmus äußerte. Das letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war mein loses Mundwerk. Also schluckte ich alle möglichen Worte herunter, die mir bereits auf der Zunge lagen und ließ stattdessen meinen Blick hin und her zucken.
Eine kalte Stimme hinter mir, die dem zweiten Mann gehören musste, ließ mich erstarren: „Wenn Ihr auch nur einen Mucks von Euch gebt oder versucht zu fliehen, seid Ihr tot, Milady.“ „Keine allzu schönen Aussichten“, stimmte ich zu und verfluchte im selben Moment meine große Klappe. Zwar sah mich der Typ vor mir perplex an, da er wohl nicht erwartet hat, etwas von mir zu hören, aber mir war durchaus bewusst, dass es dennoch keine positiven Auswirkungen auf mich haben würde.
„Ich denke, Ihr habt nicht ganz verstanden!“, erklärte der Kerl, den ich nicht sah, „Sollte Euch noch ein Ton über die Lippen dringen, werdet Ihr sterben!“ Um seine Drohung zu unterstreichen, drückte er mir seine Degenspitze ins Fleisch. Er musste den Stoff des Kleides durchdrungen haben, denn ich fühlte, wie ein dünnes Rinnsal einer warmen Flüssigkeit langsam meinen Rücken hinunterlief.
Blut…

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