6. Dezember

Weihnachtskalender

6.34 Uhr:
Wir beginnen zu frühstücken, mittendrin klingelt es jedoch an der Tür und ich muss die Mahlzeit unterbrechen, um zu öffnen. Vor mir steht mein Freund, der Nikolaus. Oh Mist! Nicht, dass ich vergessen habe, das heute der 6. Dezember ist – das würde mir ja schließlich nie passieren – aber es war nicht im Zentrum meiner Gedanken gewesen.

2. Dezember

Weihnachtskalender

4.46 Uhr:
Ich werde von unfassbarem Lärm geweckt. Ich schlüpfe in Morgenmantel und Pantoffeln und trotte verschlafen zur Haustür. Als ich sie öffne, traue ich meinen Augen nicht! Da stehen Osterhasen! Mindestens hundert Stück! Bin ich vielleicht doch zu spät ins Bett gegangen? Das kann sich doch nur um Halluzinationen handeln. Vermutlich wegen der Doku… Um Sicherheit zu haben, pikse ich einen Osterhasen mit dem Zeigefinger an. Flauschig! Doch keine Halluzination, die sind nämlich nie flauschig!

1. Dezember

Weihnachtskalender

5.30 Uhr:
Der Dezember hat begonnen. Der Countdown ist angebrochen. Ab heute haben wir nur noch 23 Tage um alle Geschenke fertigzustellen, doch mithilfe meiner Wichtel werde ich das locker hinbekommen. Sonst klappt es ja auch immer, also werden die Kinder dieser Welt, wie jedes Jahr, ein schönes Weihnachtsfest erleben. Davon bin ich überzeugt! Das einzige, was die letzten Jahrhunderte anders war, ist die Tatsache, dass meine ganze Familie noch hier war, aber die sind ja alle weg. Was sie gerade tun?

Alle Lichter ausgeknipst

Kapitel 16, Marendie

Lagebericht: Meine beiden neuen Freunde Clara und Benjamin befanden sich gemeinsam mit mir in einem Nebenraum der Fischfabrik und hatten Angst. Vielleicht sprach ich da auch nur für mich, denn wer konnte schon wissen, was bei den Makidern normal war? Könnte doch sein, dass sie regelmäßig einen bewaffneten Mann suchen, der womöglich jemanden an- oder erschossen hatte, den man kannte oder mochte. In unserem Fall – und jetzt sprach ich wirklich für uns alle drei – war es definitiv das erste von beidem. Zumindest wenn es sich um Leopold handeln sollte. Ich war mir jetzt ganz sicher, dass ich ihn nicht mögen wollte. Ehrlich gesagt traf das aber auch auf Tüllkrönchen zu. Egal, wir mussten ihnen einfach helfen. Für einen kurzen Moment vergaß ich sogar meine Angst, jedoch änderte sich das, als plötzlich Kampfgeräusche ertönten.
„Sind sie das?“, fragte ich. Die Geschwister nickten: „Eindeutig unser Bruder!“ Wir beschleunigten unsere Schritte. „Da sind sie!“, flüsterte Benjamin auf einmal. Er hielt mich am Ärmel fest und zog mich hinter ein Regal. Von da aus hatten wir eine gute Sicht. Was sich vor unseren Augen darbot war folgendes: Leopold und der Typ kämpften tatsächlich miteinander. Die Pistole lag einsam in einer Ecke, anscheinend leer geschossen. Ich konnte nirgends Blut erkennen. Trotzdem keine Waffe mehr im Spiel war, sah es nicht gut für Leopold aus.
„Wir werden ihm helfen!“, kündigte Clara an. Ich hätte gerne Einspruch erhoben, doch da wurde schon der sogenannte Plan ausgetüftelt: „Jeder nimmt einen Gang!“ „Ganz bestimmt nicht!“, entfuhr es mir. Die beiden sahen mich perplex an. „Du bist die Enkelin von Jupter Gentie!“, meinte Benjamin, „Er war unser aller Vorbild, eine Person, die ohne zu zögern Leben rettete und dabei sein eigenes riskierte. Deine Zukunft soll laut Orakel eine ähnliche sein! Deshalb sind wir hier und jetzt ist es an der Zeit, dass du jedem beweist, was in dir steckt!“ Als der Name meines Opas viel verlieh mir das einen ungeheuer großen Schub Hoffnung und Kraft: „Na gut! Also, dann mal los!“
Als ich wenig später alleine zwischen den Regalen hindurch schlich, dachte ich unentwegt an meinen Großvater. Benjamin hatte recht, er hätte gewollt, dass ich in seine Fußstapfen trete, wenn er nicht mehr sein würde. Ich tat das hier nur für ihn. Von der Angst, die mich vorhin erfüllt hatte, ist nichts übrig geblieben. Ich war bereit! Und das musste ich auch sein, denn ich kam Leopold und seinem Gegner immer näher, bis ich mich schließlich hinter eine große Kiste kauerte. Von da aus konnte ich die Posten der beiden anderen sehen und wenn ich mich umdrehte, sah ich den Kampf. Appropo, der Typ – wie hieß er noch? Pirth?! – stand mit dem Rücken zu mir, Leopold hätte mich sehen können, aber er war gerade damit beschäftigt, sein Gegenüber daran zu hindern, ihn gegen die Wand zu drücken.
Ich schaute mich um. Was passieren sollte, wenn wir uns erfolgreich angepirscht und versteckt hatten, haben wir nicht besprochen. Dummer Weise konnte ich weder Clara, noch Benjamin sehen. Toll! Was jetzt? Während ich noch nachdachte war ein dumpfes Geräusch zu hören. Ich schreckte herum. Pirth hatte Leopold an die Wand getrieben. Ich zog meinen Kopf zurück. Augenblicklich erstarrte ich. Alles war wie zuvor. Nur mit größter Mühe schaffte ich es, nicht einfach wegzurennen. Wobei man schlecht davon laufen kann, solange man vor Angst gelähmt ist…
Irgendetwas musste ich tun, zu diesem Beschluss kam ich letztendlich. Ich versuchte tief einzuatmen, aber von der anderen Seite der Kiste erklang ein Aufschrei. Leopold! Er war in höchster Gefahr und ich hockte hier und machte mir in die Hose, obwohl mich noch nicht mal jemand bemerkt hatte. In dem Moment, als ich mich aus dem Versteck wagen wollte, hörte ich Benjamin.
„Hey, Pirth! Lass ihn in Ruhe!“, rief er mit fester Stimme. Meine Neugier siegte und ich lugte hinter der Kiste hervor. Gerade lief Pirth auf Benjamin zu und lies Leopold einfach liegen. Er lehnte an einer Mauer und… oh, verdammt! Er blutete! Eine hässliche Schramme befand sich auf seiner sonst so hübschen Stirn und sein rechter Arm sah noch schlimmer aus. Als mein Blick zu Benjamin hinüber glitt, bekam ich Schnapatmung. Er wurde ebenfalls zurück gedrängt. Chancenlos wich er Pirth aus, jedoch ohne viel Erfolg. Auch er hatte schon ein wenig Blut am Shirt…
Vielleicht war es nicht seines, aber wenn nicht ein Wunder geschehen würde, sähe ich gleich genug von seinem wirklichen Blut.
Ich besann mich. Was hätte Opa getan? Jedenfalls nicht in Deckung gewartet, bis irgendjemand starb. Nein, wie Benjamin es gesagt hatte, er hätte sein Leben riskiert, alles aufs Spiel gesetzt, um zu helfen. Und mal ganz ehrlich, das hier war nicht ansatzweise so gefährlich, wie einer der Trollkriege, von dem mir Opa manchmal erzählt hatte. Die Waffe war unschädlich und wir waren in der Überzahl!
Ich wartete noch zwei Sekunden, weil ich hoffte, Clara würde aufkreuzen, aber sie blieb verschollen. Ich nahm allen Mut zusammen und trat aus meinem Versteck. Leopold entdeckte mich sofort. „Bist du wahnsinnig? Hau ab!“, brüllte er mir verärgert zu. Toll, nicht nur, dass er mich schon wieder herum kommandierte, er sorgte auch dafür, dass Pirth sich zu mir umdrehte. „Wenn das mal nicht die kleine von vorhin ist.“, lachte er bedrohlich, „Das du so viel Mut hast dich nochmal blicken zu lassen, hätte ich nicht gedacht!“ „Lass sie in Ruhe!“, zischte Benjamin. Pirth wendete sich erneut ihm zu und zückte plötzlich einen, mit Gold verzierten, Dolch.
Mich hatte er anscheinend schon wieder vergessen, also schnappte ich mir kurzerhand ein Brett, dass neben der Kiste lag – es war das erste, was mir als mögliche Waffe dienen könnte – und schlich mich mit riesigen Schritten von hinten an ihn heran. Leopold gestikulierte wild, gab jedoch keinen Mucks von sich. Schließlich war ich in weniger als drei Sekunden genau hinter dem brutalen Kerl. Noch bevor irgendwer noch etwas einwerfen konnte, schmetterte ich Pirth das Brett auf den Kopf. Ich legte alle Kraft und Angst, die mir zur Verfügung stand, in den Schlag. Pirth kippte stöhnend nach vorne. Der Dolch rutschte ihm aus der Hand und schlitterte auf dem ebenen Fabrikhallenboden ein paar Meter weiter.
Ich starte fassungslos auf meine Hände. Was hatte ich gerade getan? Zitternd lies ich das Brett fallen und stolperte einige Schritte nach hinten, krachte gegen ein Regal und sank daran zu Boden. „Alles in Ordnung?“, Benjamin kam herbeigeeilt. Er hockte sich neben mich: „Mara, alles gut?“ „War ich das?“, flüsterte ich. Er nickte und lächelte mich erleichtert an.
„Exelenter Schlag!“, erklang Claras Stimme. Ich hob den Kopf. „Du hast ihm alle Lichter ausgeknipst. Respekt!Tut mir Leid, aber unser Prinzesschen hat mich aufgehalten!“, grinste sie. Neben ihr erschien Tüllkrönchen. Sie scherte sich nicht um mich, sondern rannte gleich auf Leopold zu, der aufgestanden war und mich, völlig aus der Fassung gerissen, anglotzte.

Angsthasen und Feiglinge

Kapitel 15, Marendie

Zum zweiten Mal an diesem Tag stand jemand hinter der Tür, von dem ich es nicht erwartet hätte. Es waren Leopolds Geschwister. „Wen haben wir denn hier?“, meinte Benjamin, dem man ansah, dass er schon vorher gewusst hatte, dass wir uns hier drin befanden. Clara kletterte zu uns und zog mich auf die Beine. „Alles in Ordnung?“, fragte sie. Ich schaute an mir herab: „Geht schon!“
Während Clara und ich auf dem asphaltierten Vorplatz der Fabrik standen, fummelte Benjamin an den Fesseln seines großen Bruders herum. „Hab‘s!“, rief er. Als auch beide Jungs neben uns standen, berieten wir, wie wir vorgehen sollten. „Die Fabrikhalle ist ziemlich groß, also schlage ich vor, dass Ihr zwei zusammen reingeht und ich nehme Mara mit.“, meinte Leopold ohne eine Spur Dankbarkeit oder etwas ähnliches in der Stimme. Das schien auch seinen Geschwistern aufzufallen. „Wie wäre es mit einem Danke?“, fragte Benjamin ungläubig. Sein Bruder lächelte ihm ironisch zu. „Die Fesseln waren schon beinah ab und die Tür hätte ich auch von innen öffnen können… Jetzt kommt! Wir haben später für alles Zeit!“