Neuanfang

Kapitel 19, Zeitquälerei

Meine Vermutung hatte sich bestätigt. Nichts, aber aber rein gar nichts, hatte Maria davon abbringen können, uns mit sich ins 17. Jahrhundert zu schleifen und hier standen wir nun also. Jacob in Lederjacke, Maria und ich in Hosen – nicht wirklich stilecht, das wusste ja selbst ich!

Aber die beiden anderen schien unsere höchst unangemessene Kleidung reichlich wenig zu stören. Wir waren im Raum der Zeit gelandet, doch statt auf dem Korridor davor wieder in Richtung Treppe zu gehen, führte Maria uns zielsicher in die andere Richtung.
Nach dem elften Mal abbiegen wurde mir schließlich deutlich bewusst, dass dieses Haus wahrhaft riesig sein musste. Ich bekam das Gefühl, mit jedem Schritt weiter in seine Tiefen gezogen zu werden und wusste nur zu genau, dass ich allein nie wieder hier herausfinden würde! Meine zwei Begleiter dagegen sahen so aus, als würden sie sich hier mit geschlossenen Augen zurechtfinden. Sie mussten sich also besser kennen, als ich bis jetzt annahm.
Schließlich kamen wir nach guten fünf Minuten des Schweigens vor einer zweiflügligen Tür aus massiv wirkenden, dunkelbraunen Holz an. Maria trat einen Schritt zur Seite und ließ Jacob vorbei. Dieser hob eine Hand, um anzuklopfen, aber nur Sekunden bevor er das Holz auch nur berührte, wurde einer der beiden Türflügel bereits geöffnet.
Zuerst erkannte ich nur einen weiteren rabenschwarzen Lockenschopf, der Jacobs wirklich ähnlich sah, dann lächelte mich der andere Kurprinz – Maximilian – freundlich an. Ja, richtig! Er lächelte mich an, nicht etwa einen der anderen!
„Ich dachte mir, dass ihr kommen würdet“, erklärte er, zog die Tür weiter auf und vollführte eine Geste mit der Hand, die uns dazu einlud, einzutreten. Schon jetzt war er mir überaus sympathisch, was vermutlich daran lag, dass er, was sein Verhalten anging, das komplette Gegenteil von seinem irgendwie-fast-Bruder war. Höflich, zuvorkommend und mit einem Lächeln, das zweifelsfrei eine ganze Reihe Mädchenherzen höher schlagen ließ.
Er und Jacob sahen sich erstaunlich ähnlich und das nicht nur dafür, dass sie aus zwei vollkommen verschiedenen Jahrhunderten stammten! Es bestand verwundernswerterweise eine Familienähnlichkeit, die nicht von der Hand zu weisen war. Neben gleicher Haarfarbe und Locken, ähnelten sie sich in Statur, Größe und sogar diesem ganz besonderen Mix aus Braun und Grün in ihren Augen.
„Jack ist heute mit dem falschen Fuß aufgestanden. Ich hoffe, dass hat er nicht an euch ausgelassen?!“, Maximilian sah sich in unserer kleinen Runde um, bevor er uns mit einer weiteren geübten Geste zum Hinsetzen aufforderte.
Es standen sich zwei zierliche Sofa gegenüber. Auf dem einen ließen Maria und ich uns nieder und auf dem anderen die beiden Jungs. Ich wusste nicht genau, was ich hätte sagen können, also hielt ich einfach die Klappe.
Worte meinerseits wären auch gar nicht nötig gewesen, wie sich herausstellte, denn Jacob übernahm das Sprechen, kaum dass er saß: „Wir hatten recht, sie ist nicht Marys Schwester, kann aber Zeitreisen und stammt aus der Gegenwart.“ Sein Tonfall war erstaunlich neutral für das ewige Hin und Her, das zwischen uns herrschte, sobald einer auch nur ein Wort an den anderen richtete.
„Wenn du nicht ihre Schwester bist“, begann Maximilian den Blick wieder auf mir ruhend, „Dann bist du also ihre Tochter, hab ich recht?“ Ich brauchte einen Moment, um zu kapieren, woher er das wusste, doch es wurde mir recht schnell klar. Wenn ich nicht Marias Schwester war und zudem 21 Jahre zwischen ihrer und meiner Geburt verstrichen waren, dann lag es ja nur nahe, dass sie meine Mutter war. Ich nickte also.
„Wir brauchten eine gute Tarnung für sie in dieser Zeit“, meinte Maria an uns alle gewandt. Dennoch hatte ich das Gefühl, es lag mehr in dieser Erklärung, fast wie eine Rechtfertigung. Allerdings wüsste ich nicht, an wen diese gerichtete sein sollte. Generell wusste ich recht wenig über all das Bescheid, was in letzter Zeit über mich hereinbrach wie eine monströse Welle frontal gegen eine massive Felswand prallte.
Es setzte ein Schweigen ein, welches nicht nur in mir Unbehagen auslöste. Die anderen sahen nicht anders aus. Dieser Zustand hielt jedoch nicht lange an, dann ergriff Maximilian wieder das Wort: „Und du möchtest, dass wir Alexandria helfen?“
„Nur Alex“, mischte ich mich in das aufkeimende Gespräch ein. Es war ein Reflex, den ich nur schwer unterdrücken konnte und es meist auch gar nicht wollte. Die typische Reaktion, die ich daraufhin erhielt, waren finstere Gesichter und viel zu ernste Personen, die es nicht leiden konnten, unterbrochen oder verbessert zu werden und deshalb mit viel Nachdruck in der Stimme noch einmal meinen eigentlichen Namen wiederholten.
Maximilian jedoch schmunzelte nur auf eine Weise, die in mir ein wirklich seltsames Gefühl weckte. Mir wurde „warm ums Herz“ – irgendwie eine beunruhigende Erfahrung, von Erleichterung getränkt, als würde genau diese Reaktion in genau diesem Moment etwas wichtiges bedeuten.
„Jeder hier Anwesende wird nachvollziehen können, wie es ist, genug von seinem Namen zu haben“, sagte er ehrlich, „Deshalb nennen wir Maria auch immer Mary. Du kannst meinen Bruder übrigens Jack und mich Max nennen – für unser aller Seelenfrieden.“
Ich blinzelte, versuchte mir das ganze Ausmaß meiner Verwunderung jedoch nicht anmerken zu lassen. Wieso hatte ich bei Max so ein komisches Gefühl? Er war freundlich zu mir, aber mehr auch nicht!
Während ich noch mit meinen Gedanken beschäftigt war, verwies Max wieder auf seine vorangegangene Frage, nach dem Grund für unser aller Kennenlernen. Maria antwortete nickend: „Naja, ich habe gehofft, dass du und Jack euch ein bisschen um sie kümmern könntet.“ „Sie hat dein Zeitreiseartefakt, ist aber kein Mitglied von Simikolon, oder?“, riet Jacob, wobei sowohl er als auch Max etwas ausstrahlten, das mich nichts Gutes vermuten ließ.
„Was hat denn Simikolon hiermit zu tun? Und woher kennt ihr beiden die überhaupt?“, wollte ich wissen. Mir war nicht einmal in den Sinn gekommen, die zwei könnten ebenfalls Mitglieder sein! Jetzt sahen sie mich verwirrt an: „Simikolon hat mit allem zu tun, was Zeitreisen angeht!“
Mein Blick huschte zu Maria, dann zu Max, von dort aus zu Jacob und wieder zurück zu meiner Freundin. Was bedeutete das schon wieder? Doch statt mich aufzuklären, bat Maria plötzlich um ein Gespräch unter vier Augen mit Max. Doppelter Verrat, denn damit verdammte sie mich dazu, allein mit Jacob in einem Raum zu bleiben.
Ehe ich jedoch meinen Protest hervorbringen konnte, hatten sich die beiden auch schon erhoben und waren bei der Tür angekommen. Max öffnete sie und hielt sie für Maria auf, bevor auch er hindurch trat. Das alles war irgendwie so schnell passiert, dass ich nichts hatte unternehmen können, außer ihnen hinterherzuschauen.
Jetzt war die Tür wieder geschlossen, die beiden waren weg. In mir stieg immer mehr Verzweiflung auf, denn auch wenn es vielleicht nicht immer so auf andere oder auch mich selbst wirkte, hatte ich doch ziemlich oft in letzter Zeit keinen Plan, was zu tun war. Ich verließ mich größtenteils auf meine Instinkte, aber die waren keinesfalls vertrauter mit all diesen Dingen und konnten ebenfalls nur raten, was die Effektivität meines Handelns anging. Daraus entwickelte sich einerseits die Angst vorm Ungewissen und andererseits eine unbändige Wut auf so ziemlich alles und jeden, der auch nur im Entferntesten damit zu tun hatte.
In meinem Grübeln fiel mein Blick plötzlich auf Jacob. Er saß mir noch immer schräg gegenüber auf den anderen Sofa und beobachtete mich. Zu meiner ehrlichen Verwunderung lag jedoch keinerlei Spott oder dergleichen in seiner Mine.
„Simikolon existiert mindestens seit dem frühen Mittelalter. Eigentlich haben sie sich dem Wissen verschrieben, aber mit den Jahrzehnten haben sie immer mehr Gefallen an den Dingen gefunden, die man nicht erklären kann“, erklärte Jacob ungefragt, „Sie stießen im 7. Jahrhundert auf alte Schriften und Mythen rund um das Thema Zeitreisen. Später gelangten sie dann an drei magische Zeitreiseartefakte, frag mich aber nicht, woher sie die genau haben! Weder ich noch ein anderer aus meiner Familie ist jemals ein Mitglied gewesen.“
„Das heißt, es gibt mehr als drei von diesen Zeitreiseringen?“, entfuhr es mir, ehe ich mich darüber wundern konnte, dass er mir gerade so großzügig und absolut ungefragt Informationen hatte zukommen lassen. Jacob nickte: „Es heißt, dass es insgesamt zehn geben soll.“
Das Unbehagen kehrte in meinen Körper zurück. „Und die Dinge, die man nicht erklären kann… damit ist etwas Übernatürliches gemeint?“ „Wir befinden uns in einer Zeit gute vier Jahrhunderte vor unseren Geburten. Wenn du also an der Existenz von Magie zweifelst, verstehe ich nicht, wie du dir das hier erklären willst“, meinte er ehrlich und lächelte mich dabei freundlich an.
Ich konnte es kaum glauben. Er lächelte mich an! Wir hatten eben ein paar Sätze gewechselt, ohne einander verbal zu zerfleischen! Was war passiert? Ihm schien es auch aufzufallen, denn er lehnte sich mit einem konstanten, sympathischen Lächeln in meine Richtung: „Etwas sagt mir, dass unser Start nicht wirklich optimal verlaufen ist.“
Ich stimmte zu, indem ich meine Mundwinkel leicht bedauernd zu einem entschuldigenden Lächeln nach oben zog. Daraufhin erhob er sich und war mit nur zwei großen Schritten vor mir angekommen. Jacob reichte mir galant eine Hand, ich ergriff sie und er zog mich auf die Beine.
„Können wir nochmal von vorne anfangen?“, fragte er mit einem unglaublich charmanten Unterton. Da sich meine Stimme aus Gründen des schwachsinnigen Mädchentums dazu entschieden hatte, mir wegzubleiben, konnte ich nur nicken. Das anschließende Schmunzeln des sogut-wie-Kurprinzen, seine Worte und vor allem sein vorangehender zarter Handkuss sorgten in der Hinsicht nicht wirklich für eine Besserung der Umstände.
„Wenn ich mich noch einmal vorstellen dürfte? Mein Name ist Jacob, aber du darfst mich gerne Jack nennen“, er zwinkerte mir zu und ich schwöre bei meinen Geschichtsbüchern, dass ich mindestens sieben Mädchen auf diesem Planeten kannte, die bei dieser Geste glatt in Ohnmacht gefallen wären.
Ich selbst gehörte glücklicherweise nicht zu ihnen und dennoch stellte die senkrechte Bewegung seines Augenlides merkwürdige Dinge mit meinen Eingeweiden an. Toll, er brauchte mich nur ansehen und seine Lippen ganz leicht auf meine Fingerknochen legen und schon führte ich mich auf, wie eine zwölfjährige, die auf den besten Freund ihres Bruders stand, der noch zu alt für sie war und einfach viel zu cool.
Er hatte seinen Teil zu einer erneuten Vorstellung getan, also war nun ich an der Reihe: „Meine Mutter hat mir aus wirklich unerfindlichen Gründen den Namen Alexandria gegeben, aber ich bevorzuge es, Alex genannt zu werden.“ Möglichst lässig zuckte ich mit den Schultern.
Jack schmunzelte noch immer. Keine Ahnung was seinen Sinneswandel bewirkt hatte, aber es so war definitiv angenehmer mit ihm in einem Raum zu sein.
„Übrigens tut es mir leid, dass ich dich vorhin so angegangen bin“, entschuldigte er sich auf einmal ganz ernst, „Max hatte wohl recht! Ich bin irgendwie mit dem falschen Fuß aufgestanden.“ „Und was hat dich zu dieser Erkenntnis gebracht?“, hakte ich neugierig nach, ehe ich es mir verbieten konnte.
Der Blick meines Gegenübers wanderte an mir herab und wieder herauf: „Du sahst so aus, als würdest du kein einziges Wort von dem verstehen, über das wir geredet haben. Von wichtigen Dingen, die vor allem für dich notwendig wären, zu wissen, hast du keine Ahnung und das bringt dich und alle anderen Zeitreisenden unweigerlich in Gefahr.“
„Das heißt, du wirst mir helfen?“, entfuhr es mir. Innerhalb der nächsten Sekunden verhedderte ich mich irgendwie in seinem Blick. Wieso mussten seine Augen auch so verdammt anziehend wirken? Reichte es nicht, dass der Rest von ihm zum Anbeißen war und er zudem mit so ziemlich jeder Geste und jedem Wort dafür sorgen konnte, ein Mädchenherz zum Rasen zu bringen?
Das Schmunzeln war nun verschwunden. Jack sah mir ernst und viel zu tief in die Augen: „Das heißt, ich werde sehen, was sich tun lässt. Am wichtigsten ist aber erstmal, dass du dich nicht von Simikolon erwischen lässt. Das heißt, dass du niemandem davon erzählen darfst, dass du Zeitreisen kannst.“
Ich konnte mich gerade noch zurückhalten, sonst hätte ich in meinem schönsten, sarkastischen Tonfall so etwas gesagte wie: „Wem sollte ich es denn bitte erzählen? Meinen unheimlich vielen Freunden etwa?“ Gut, dass ich mich beherrschen konnte, denn ich wollte nicht wieder zurück zu dem, was Jack und ich gerade hinter uns ließen und außerdem musste er ja nicht unbedingt wissen, dass ich so ziemlich gar keine Freunde besaß.
Jack deutete auf das Sofa und wir setzten uns wieder, diesmal jedoch nebeneinander. „Ich schätze, aufgrund der Tatsache, dass du dich auf dem Ball vor deinem Bruder versteckt hast, weiß er noch nichts davon?“, vergewisserte er sich. Ich sah vorsichtshalber auf meine Knie, um einem erneuten so intensiven Blickkontakt vorzubeugen: „Gabe denkt immer noch, dass ich Zeitreisen für unlogischen Unsinn halte, aber…“
„Aber was?“, wollte Jack wissen. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie er sich gerader hinsetzte. „Aber ich habe mich auf dem Ball eigentlich auch gar nicht vor ihm versteckt“, seufzte ich, „Sondern vielmehr vor seiner Freundin.“
„Seit wann hat er bitte eine Freundin?“
„Ihr kennt euch?“
„Ähm, naja… also Mary hat uns mal vorgestellt… da hatte er noch keine Freundin.“
„Ich schätze, Unheil kommt und geht. Jedenfalls hoffe ich das!“
„Du magst sie nicht?“
„Sie war bis vor ein paar Tagen in meiner Klasse und die einzige Person, die mit mir geredet hat. Das lag aber eher daran, dass alle sie noch weniger leiden konnten, als mich.“
„So harmlose und liebenswerte Mädchen wie du sind doch normalerweise so beliebt…“, ich hörte das Grinsen in Jacks Stimme, schnappte mir ein Kissen, das neben mir lag und pfefferte es ihm direkt ins Gesicht. Er lachte laut: „Okay, dass hätte ich echt kommen sehen können!“

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