Nanny Nini

Kapitel 4, Marendie

Schuldbewusst blickte ich in das Gesicht meines Vaters. Dadurch erhoffte ich mir eine Strafminderung, doch damit sah es heute schlecht aus. „Mara, um dir ein für alle mal klar zu machen, dass du nicht stehlen darfst, haben deine Mutter und ich beschlossen dich hier zu behalten. Du wirst hier wohnen bleiben und auch wieder hier zur Schule gehen.“ Ich wusste nicht genau, was ich sagen sollte. Einer Seits war ich belustigt über die Wortwahl meines Vaters. Stehlen! Aber anderer Seits war ich geschockt. Meine alte Schule? Nein, danke! Ich musste mir schleunigst etwas ausdenken… aber was?

„Ich kann doch aber nicht allein hier wohnen bleiben! Außerdem bräuchte ich ein Zimmer… ein richtiges! Wie soll denn das alles funktionieren?“ Ich war zuversichtlich. Endlich kamen mal sinnvolle Argumente aus meinem Mund. Doch hatte ich mich zu früh gefreut, denn jetzt meldete sich meine Mutter zu Wort: „Das ist uns natürlich bewusst und weil wir unsere Jobs nicht aufgeben können, haben wir uns etwas anderes überlegt: Wir stellen deine alte Nanny Nirinia Nirgel wieder ein! Das Zimmer ist auch kein Problem. Du schläfst einfach in einem der Gästezimmer… Na? Was sagst du dazu?“

Was ich dazu sagte? Nichts! Ich hielt es für angemessen wortlos aufzustehen und auf dem Dachboden zu verschwinden. Natürlich nicht ohne extra laut auf der Holztreppe zu stampfen und mit der Tür zu knallen. Anschließend schloss ich sie ab. Bei meinen Eltern konnte man ja nie wissen…

Ich stand noch an der Tür und versuchte mich mit japanischen Atemübungen zu beruhigen. Natürlich half das nicht, also schmiss ich mich in mein Bett, das mit einem lauten krachen in seine Einzelteile zersprang. Schnell griff ich mein Kissen, presste es mir aufs Gesicht und schrie. So machten die Leute das in den Filmen immer und im Gegensatz zu den dämlichen Atemübungen half es auch ein wenig. Trotzdem schmiss ich das Kissen in die nächst beste Ecke… Nirinia Nirgel. Diese Frau war das Monster mit den meisten i´s im Namen. Nanny Nini, wie ich sie nannte, war ein übertrieben besorgter Tollpatsch. Sie war meine Nanny als ich sechs war und da habe ich mich auch die meiste Zeit gefragt, wer auf wen aufgepasst hat. Dazu kam noch, dass ich 15 einhalb Jahre alt war und wer hat da bitteschön noch eine Nanny?

Das Abendbrot lies ich an diesem Tag ausfallen. Statt in der warmen Küche die Klöße zu genießen, saß ich zusammengekauert auf dem eisigen Dachboden. Draußen wurde es dunkel. Das einzige, was ich zwischen den verstaubten Kisten fand, waren Streichhölzer und ein paar Kerzen. Naja, immerhin. Eine Ewigkeit saß ich nur so da. Ich dachte an nichts, denn würde ich über irgendetwas nachdenken, bekäme ich entweder einen Wutanfall oder Kopfschmerzen. Plötzlich kam mir ein Einfall. Mein verstorbener Großvater hatte mir den Koffer vererbt. Er stand in einer Ecke, weil ich ihn noch nicht geöffnet hatte. Das sollte sich aber gleich ändern, denn ich griff danach. Vorsichtig öffnete ich den Reißverschluss. Im flackernden Licht der Kerzen sah ich eine Decke. Nein, nicht irgendeine Decke, es war Opas Decke und darauf lag eine Taschenlampe… als hätte er gewusst, dass ich mich mal in solch einer Situation befinden würde…

Dank Decke und Taschenlampe war der Dachboden gleich viel angenehmer. Also wühlte ich weiter in dem mir vermachten Koffer. Darin lag ein kleines Kästchen. Ich versuchte sie zu öffnen… vergebens. Da ich das wunderschön verzierte Kästchen nicht kaputt machen wollte, legte ich sie behutsam zurück. Dabei entdeckte ich ein Notizbuch mit Stift, ein anderes, ziemlich dickes Buch, unzählige Briefe und eine Art zusammengerolltes Papier. Zuerst schaute ich mir diese merkwürdige Rolle an. Beim anfassen wurde mir klar, dass es kein normales Papier war. Außerdem war es übersät von seltsamen Zeichen und Symbolen… Schnell packte ich es weg und griff nach den Briefen. Überall unbekannte Namen: Sir Higgend, Ms. Klaries Wondermal, Kuma Pynocks… Mit keinem dieser merkwürdigen Leuten hatte ich jemals zu tun gehabt. Als ich das Notizbuch in die Hand nahm, vermutete ich schon, dass es voller Symbole war, doch das Gegenteil war der Fall. Es war leer. Ich war schon sehr enttäuscht, denn ich liebte meinen Großvater sehr und dann vermachte er mir so einen unnützen Kram… Ohne große Hoffnung schlug ich den dicken Wälzer auf, der noch im Koffer lag. Erstaunt riss ich die Augen auf. Er war voller lesbarer Geschichten. Dazu muss ich sagen, dass mein Opa immer die besten Geschichten erzählt hatte. Ob diese Geschichten alle echt passiert waren, wusste ich nicht! Ich konnte nur vom Kampf gegen die Kreats* sagen, dass er echt war. Sowohl die Kreats, als auch die Zentauren, die gemeinsam mit meinem Opa das Kobolddorf verteidigten… Woher ich das wusste? Ich habe die Zentauren getroffen…

*= ca. 2 Meter hohe, magische Kreaturen, die nirgends einzuordnen sind

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