Mit geschlossenen Augen

Kapitel 2, Quontos

Ein Zischen, ziemlich leise, aber für mich nicht zu überhören, durchschnitt die Luft. Hinter dem Busch hörte ich gedämpftes Stöhnen. Schlafgas! Ich sprang auf die Beine und machte, dass ich wegkam. So schnell ich konnte, rannte ich den Berg hinunter, wich Bäumen, Büschen und anderen Pflanzen so gut es ging aus. Immer wieder flogen mir Äste oder Blätter ins Gesicht – ich blieb nicht stehen, rannte nur blindlings geradeaus weiter. Der altbekannte Geruch des Schlaggases, kroch mir langsam in die Nase und ich wusste, dass ich nicht schnell genug war. Im nächsten Moment sprang ich über einen umgeknickten Baum, blieb hängen, riss mich panisch los und stolperte. Stolperte und kugelte den steilen Abhang hinunter. Krachte gegen allerhand am Boden liegende Dinge und wurde von meinem eigenen Schwung weiter gerissen. Überschlug mich mehrmals selbst und schlitterte weiter. Krachte mit dem Rücken gegen etwas, schlug dann mit dem Hinterkopf auf kaltem, nassem Stein auf und verlor das Bewusstsein. Das letzte was ich sah, war ein Paar mir bekannter grüner Augen, bevor es um mich herum schwarz wurde.

„Gib mir die Schüssel mit dem Wasser!“, hörte ich eine Stimme rufen. Sie klang irgendwie dumpf, als drücke man der Person, zu der sie gehörte ein Kissen aufs Gesicht oder mir welche auf die Ohren. Die Augen konnte ich nicht öffnen. Mit dem plötzlichen Gefühl, jemand würde mich in ein Becken voller taufrischem Moos werfen, wurden auch die Geräusche immer klarer.
„Hat er etwas von dem Gas abbekommen?“ „Nur sehr wenig, aber das zusammen mit diesem Sturz und der Platzwunde hat ihn für eine Weile außer Gefecht gesetzt.“ „Was dich dazu beflügelt hat, sein Leben zu retten. Wenn er dann wieder aufwacht, werden wir am besten nicht erwähnen, dass du anfangs neben ihm gehockt hast und außer flennen und jammern ‚Bleib bei mir, ich Liebe dich!‘ nicht wirklich etwas zustande gebracht hast.“, erklang eine belustigte Stimme, die ich nur allzu gut kannte. Zenn! Demnach war ich also zurück im Hauptquartier. Die sorgenvolle Stimme, die sich über meine Lage informiert hatte, gehörte dann also zu Jenny, Zenns Zwillingsschwester und die andere konnte nur Robyn sein.
Wir vier waren seit ewigen Zeiten die aller dicksten Freunde. Dazu kam, dass ich bereits vor unserer gemeinsamen Campzeit in Robyn verliebt gewesen war, sich daraus aber nie etwas ergeben hat. Sie hatte mir bisher immer das Gefühl gegeben, mich nur für einen Kumpel zu halten. Einen sehr guten Kumpel zwar, aber es war dennoch nicht das selbe. Der einzige, der über meine Gefühle Bescheid wusste, war Zenn. Ich kannte ihn und seine Schwester seit wir geboren wurden. Unsere Eltern waren befreundet und wohnten zudem auch noch nebeneinander. Robyn war in unser Dorf gezogen, als wir acht Jahre alt waren. Schon da war sie hübscher, klüger und witziger als alle anderen Mädchen. Dicht gefolgt von Jenn (ihr Spitzname passte einfach besser zu ihrem Zwillingsdasein) natürlich.
Nach so vielen Jahren – 8 um genau zu sein – sollte Robyn also zugegeben haben, mich zu lieben? Also entweder hatte ich mich verhört oder das ganze war einer von Zenns Witzen. Womöglich wusste er, dass ich mich in einer Art Halbschlafmodus befand und mit geschlossenen Augen und tiefem Atem vor mich hin dämmerte.
„Lass sie in Ruhe! Ced hat es echt nur ganz knapp geschafft und das nicht zuletzt dank Rob!“, Jenns Stimme klang jetzt scharf. Darüber konnte Zenn anscheinend nur lachen: „Ich mein ja nur, wenn man sich so lange kennt und liebt, kann man doch ruhig mal zusammen kommen, oder etwa nicht?“ Eine peinliche Stille trat ein und ich hatte das Gefühl wach, mit weniger benebelten Sinnen bei den dreien zu sitzen. Am liebsten hätte ich meinem Kumpel gedroht oder besser noch: Ihm gleich einen Schlag in die Magengrube versetzt! Ich wusste ja, dass er ziemlich direkt war, aber ein Geheimnis mit solchen Ausmaßen einfach mal so, mir nichts dir nichts auszuposaunen, war dann doch dreist!

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