Maria Mails

Kapitel 21, Zeitquälerei

„Und du meinst, das ist alles?“, fragte ich regelrecht enttäuscht. Als ich Jack von Talitas seltsamen Verhalten erzählt hatte, rechnete ich mit zwei Möglichen Antworten. Entweder er kannte sie nicht oder er könnte es mir erklären. Zwar war letzteres der Fall, aber dennoch befand ich die Erklärung für zu einfach.

Jack saß mit ernster Mine auf meinem Schreibtischstuhl, während ich rücklings auf dem Bett liegend herum lümmelte, mein Kopf über das Ende der Matratze hinaus ragte und meine Stirn dabei fast den Boden berührte. Ich hatte schon immer einen Faible für seltsame Sitzpositionen gehabt. Er legte seine Stirn in Falten und erklärte es mir erneut: „Nach allem was du mir erzählt hast und dem, was ich bereits wusste, ergibt es eben nur so Sinn. Wenn beide von Marys beste Freundinnen dich in der heutigen Zeit auf Anhieb mögen würden, würden sie auf euch im Auge behalten wollen, aber wenn eine der beiden vorgibt dich zu hassen, dürfte ihnen daran nichts besonderes auffallen. Vor allem, weil Jua so ziemlich jeden mag!“
„Krissy nicht!“, entgegnete ich grinsend. Jack wies mit dem Kinn nach unten: „Die Freundin deines Bruders?“ Ich nickte. Wäre ich nicht so mit meinen Gedanken beschäftigt, würde ich jetzt einen sarkastischen Spruch über sie loslassen, doch mir ging immer wieder diese eine Sache durch den Kopf: „Wieso sollten mich die besten Freundinnen meiner Mutter denn eigentlich hassen? Offiziell habe ich sie nie kennengelernt und konnte so weder dafür sorgen, dass sie mich mögen noch, dass sie es eben nicht tun.“
Es war mehr als offensichtlich, dass ich damit gerade ein etwas komplizierteres Thema angerissen hatte. Aber was machte das schon? Mein Leben war hierbei wohl von allem die komplizierteste Angelegenheit.
Mit gerunzelter Stirn versuchte Jack mir eine Antwort zu geben, aber es fiel ihm sichtlich nicht ganz leicht: „Simikolon hat bisher in keiner Zeit herausgefunden, dass Maria jemals gegen irgendwelche Vorschriften verstoßen hat. Sie hat immer das brave Mädchen gespielt und die einzigen Dinge, die diese Fassade zum bröckeln gebracht haben, waren ihre beiden Schwangerschaften. Bis heute weiß niemand außer sie selbst wer der Vater ist. Sie hat es nicht mal mir verraten!“
Er unterbrach sich kurz und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Hätte er mir nicht vorhin anvertraut, dass dies hier früher einmal Marias Zimmer gewesen und er deshalb schon tausende Mal hier gewesen war, hätte ich ihm nicht geglaubt, als er mir versicherte, dass uns niemand belauschen konnte, solange die Luke geschlossen war. Andernfalls hätte mich nun das Bild einer lauschenden Krissy auf der anderen Seite der Tür heimgesucht. So aber wartete ich gespannt darauf, dass Jack weitersprach.
„Nach der Geburt ihres zweiten Kindes – deiner Geburt – hat sie sich verändert. Du kennst sie! Normalerweise ist sie ein offenherziger Mensch, der immer lacht und gute Laune versprüht“, diese Beschreibung passte perfekt auf Maria, doch ich unterbrach ihn nicht, da ich viel zu neugierig auf seine nächsten Worte war, „Danach wurde sie immer verschlossener, hat sich von allem abgeschottet. Niemand kam mehr an sie heran, weder Jua und Talita, noch ich oder irgendwer anders!“
Das klang in der Tat nicht nach der Maria, die ich kennenlernen durfte. Während seiner Erzählung hatte ich mich unwillkürlich aufgerichtet und saß nun auf meinem Bett wie es jeder normale Mensch getan hätte.
„Damals haben ein paar Leute, die früher sehr viel mit ihr zu tun gehabt haben, gewisse… naja… Bedenken geäußert, mit der Veränderung könnte ihre Tochter etwas zu tun haben. Maria ist nie wieder zu der Person geworden, die sie vor deiner Geburt war und seit drei Jahren gibt es da diese Gerüchte, du könntest auch mit ihrem Tod zu tun gehabt haben.“
Ich erstarrte. Was ich da eben gehört hatte, drang nur äußerst langsam in meinen Verstand ein und ich brauchte eine ganze Weile, um den Sinn hinter den Worten zu erkennen. Es gab Gerüchte, ich sei in Marias Tod verwickelt? Wie war es dazu gekommen, wo ich sie doch gerade mal seit wenigen Tagen kannte?
Plötzlich legte mir Jack eine Hand auf die Schulter. Ich hatte weder bemerkt, dass er aufgestanden und zu mir gekommen war, noch, dass flüssige Kälte durch meine Adern gepumpt wurde. Jetzt allerdings, da Jack mich sacht berührte, schoss eine mir vollkommen unbekannte Hitze durch meinen Körper. Fast wäre ich vor Schreck zusammengezuckt.
„Hey, mach dir darüber nicht allzu viele Gedanken“, raunte er beruhigend, „Dieses Gerücht wurde von Leuten in die Welt gesetzt, die sich noch nie in ihrem Leben mit dir unterhalten haben. Ahnungslose Bürokraten, die sich für wichtiger halten, als sie es eigentlich sind.“
Er war mir jetzt so nah, dass ich schlucken musste. Sein Aufmunterungsversuch hatte gewirkt, denn es war mir in diesem Moment unmöglich, an das zu denken, was mir auch immer vor wenigen Sekunden noch durch den Kopf gegangen war. Mein Hirn setzte komplett aus, als würde Jack die Innenseite meines Kopfes vernebeln.
Ich war augenblicklich ruhig und aus Gründen, die ich wohl lieber nicht verstehen sollte, kam meine Stimme nur noch als ein Flüstern über meine Lippen: „Wieso warst du vorhin so gereizt, kaum dass du mich gesehen hast und bist jetzt so… nett?“
Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass Jack einen Witz machen würde, um der Situation diese seltsame Spannung zu nehmen, die wer weiß wann eingesetzt hatte, doch mit dieser Annahme täuschte ich mich.
Er verstärkte sie sogar, in dem er mir direkt in die Augen sah: „Das hatte wirklich kein Stück mit dir zu tun. Man hat mich nur heute morgen an etwas erinnert, dass mich in Rage versetzt hat und das habe ich dann den ganzen Tag mit mir rum geschleppt, bis du schließlich die erste Person warst, die mir über den Weg gelaufen ist und somit alles abbekommen hast. Das tut mir aufrichtig leid!“
Seine Erklärung und die Entschuldigung sprach er so ehrlich aus, dass es mich mehrere Sekunden lang aus dem Konzept brachte. Vielleicht lag es aber auch an diesen hypnotischen Augen, aber vermutlich verstärkten diese einfach den Effekt seiner Worte.
„Und woran hat man dich erinnert, das dich so wütend gemacht hat?“, hakte ich nach. Meine Neugier verfluchend, biss ich mir auf die Zunge, doch die Worte waren mir schon entronnen, sodass diese Geste eher etwas symbolisches hatte. Jack antwortete trotzdem: „Verpflichtungen! Sie gehen einher mit dem Leben das ich führe, aber das heißt nicht, dass ich all die Dinge gern tue, die ich erledigen muss.“
Vielleicht war es sein abwesender Blick oder die Verbitterung, die in seiner Stimme mitschwang und mich innehalten ließ. Plötzlich fühlte ich mich schlecht, ihn daran erinnert zu haben. Nach diesem Geständnis schwiegen wir beide für eine geraume Weile.
Es kam nur sehr selten vor, aber gerade war jeder Funke Sarkasmus aus meinen Gedanken verschwunden. Zum Glück, denn schließlich war es das, was mich wieder in die Wirklichkeit zurückkehren ließ. Andere erkannten, dass etwas mit ihnen nicht stimmte, wenn ihr Körper ihnen durch Schmerzen etwas dergleichen symbolisierte oder sie vor dem Spiegel mit sich selbst redeten – ich dagegen wusste es in dem Moment, in dem meine Gedanken keine trotzige Comedy Show mehr darstellten.
Wie viel Zeit verging, konnte ich nicht sagen, aber nach gefühlten Stunden richtete sich Jack auf einmal auf. Er kratzte sich verlegen an der Schläfe und erklärte, er müsse los. Darauf folgte eine kurze Diskussion, denn ich wollte ihn daran hindern, so zu verschwinden, wie er hier oben aufgetaucht war, doch Jack hatte einfach die besseren Argumente. Der von ihm vorhin erwähnte Besuchereingang existierte eben nicht und so musste ich mich schließlich geschlagen geben. Ich! Mich geschlagen geben!
Nach diesem Ausgang brauchte ich etwas, das mich auf andere Gedanken brachte. Mich vor gutaussehenden Jungs geschlagen zu geben, war genauso wenig mein Ding wie allein und verzweifelt in diesem Zimmer zu vergammeln. Also beschloss ich, nach unten in die Küche zu gehen, um mir etwas zu Essen zu holen.
Wenn ich Glück hatte, dann befand sich im Kühlschrank noch ein Glas Joghurt. Keine Ahnung, wie lange ich keinen mehr gefuttert hatte, aber normalerweise war das meine wichtigste Nervennahrung für schwere und stressige Zeiten. Dass ich in letzter Zeit nicht in Joghurt ertrank, sollte mich wirklich wundern!
Als ich auf dem Weg nach unten niemandem begegnete, obwohl alle Türen eine Etage unter meiner einen Spalt offen waren, wollte ich schon los jubeln, doch da hatte ich wohl nicht weiter gedacht. Wenn niemand in seinem Zimmer oder im Wohnzimmer war, dann blieben nicht viele Räume, in denen sie sich aufhalten konnten und wie es der Zufall so wollte, waren natürlich ausgerechnet Krissy und mein Bruder in der Küche.
Gabe lehnte mit dem Rücken zu mir gegen dem Tisch. Er bemerkte mich nicht, denn seine Aufmerksamkeit galt voll und ganz Krissy, die vor ihm stand. Ihr Blick war in Richtung Tür gerichtet, sodass sie mich sofort entdeckte. Ehe ich mich für meinen Bruder bemerkbar machen konnte, legte Krissy die Arme um seinen Hals und küsste ihn.
Im ersten Moment spürte ich schon das Abendbrot in meiner Speiseröhre wieder hoch kommen, aber dann schluckte ich es herunter und setzte ein unbeteiligtes Gesicht auf. Krissy beobachtete mich noch immer. Diese Blöße würde ich mir vor ihr bestimmt nicht geben.
„Könnt ihr euren Speichelaustausch an einem weniger öffentlichen Ort fortsetzen?“, fragte ich trocken, „Oder dabei zumindest nicht im Weg herumstehen?“ Gabe schob Krissy von sich, um sich zu mir umzudrehen. Er versuchte ein verunsichertes Lächeln, doch seine Verlegenheit ließ ihn kläglich scheitern.
Er räusperte sich: „Tut mir leid, Schwesterchen. Ich wusste nicht, dass du hier unten bist.“ „Das wäre ich auch ganz bestimmt nicht, wenn ich das hier vorhergesehen hätte“, erklärte ich kategorisch, bevor ich an den beiden vorbei zum Kühlschrank ging. Jetzt bräuchte ich mindestens drei Gläser Joghurt oder besser noch einen guten Psychiater!
„Zeitreisen machen hungrig, was?“, fragt Krissy mit einem falschen Lächeln. Ich stöhne auf: „Lass mich bloß in Frieden mit diesem Unsinn!“ Ohne ein weiteres Wort flüchte ich mich wieder in mein Zimmer, wo ich meine Beute regelrecht inhaliere.
Erst als ich alles bis auf den letzten Rest in mich hineingestopft habe, bemerke ich ein seltsames Gefühl in meinem Magen und komme gerade noch rechtzeitig zur Toilette, um alles wieder hervor zu würgen. Der Stress der letzte Tage zeigt sich bei mir wohl nicht auf so harmlosen Wegen wie einer Dauermigräne oder Verspannungen.

Am nächsten Morgen hatte mein Gesicht eine nicht ganz gesunde, leicht grünliche Färbung, die Granny Berrypie dazu veranlasste, in meiner Schule anzurufen, um mich krank zu melden. Sie bugsierte mich ins Wohnzimmer und brachte mir statt Brötchen mit Honig und Marmelade eine Schüssel heißer Suppe.
Als sie wiederkam, um die Schüssel mit nach unten zu nehmen, verordnete sie mir strenge Bett- beziehungsweise Sofaruhe, doch kaum war sie weg, schlich sich Gabe zu mir ins Wohnzimmer. Ich sah ihm auf den ersten Blick an, dass er über gestern Abend reden wollte und erstickte den Keim, noch bevor er Wurzeln schlagen konnte: „Mein Körper ist schon krank, lass mir wenigstens meine geistige Gesundheit.“
Gabe nickte. Er überlegte kurz, dann ging er zu einem Regal und zog eine hellgraue Kiste heraus. Neugierig beobachtete ich, wie er sie neben mich auf das Sofa stellte und den Deckel hochhob. Vor Freude quiekte ich laut auf und klatschte begeistert in die Hände wie ein dressierter Seehund.
„Wie in den guten, alten Zeiten“, kommentierte mein Bruder lächelnd und deutete auf die unzähligen DVDs in der Kiste, um mir zu bedeuten, dass ich mir welche aussuchen soll. Als ich noch jünger war, kam er immer vorbei, wenn ich krank war, um mit mir ein paar Filme zu schauen und diese Tradition setzten wir nun scheinbar fort.
Ich zog vier Filme aus der Kiste, legte zwei zurück, um mir andere zu nehmen und hielt überfordert inne: „Wieso habt ihr so viele Filme hier? Da kann man sich ja gar nicht entscheiden!“ „Die meisten Filme sind von Mum“, erklärte mir Gabe mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck, „Wenn einer von uns krank war, haben wir dasselbe gemacht, wie ich immer mit dir.“
Er verstummte und blickte abwesend durch das Fenster. Schöne Erinnerungen und die Trauer über Marias Tod standen ihm aufs Gesicht geschrieben und ich wagte es einen Moment lang nicht auch nur zu atmen. Dann begann Gabe ganz unvermittelt an zu sprechen: „Du hättest sie kennenlernen sollen, Alex! Sie war immerhin auch deine Mutter, aber…“
Ich legte ihm eine Hand auf den Arm: „Du musst mir nicht von ihr erzählen.“ Gabe schloss kurz die Augen. Er schien jedoch nicht über meinen Vorschlag nachzudenken, denn anscheinend hatte er bereits eine Entscheidung getroffen. Er atmete nur tief durch.
„Dass du sie nie kennengelernt hast, ist die Schuld von Simikolon! Unsere Mutter ist ebenso eine Zeitreisende gewesen, wie ich es bin und das ist etwas, das man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Eigentlich wollten die auch mich von Mum trennen, aber dann haben sie mir stattdessen ein magisches Zeitreiseartefakt überlassen.“
Und von da an begann Gabe, mir alles über die Grundlagen der Zeitreisen zu erklären, die ich alle bereits kannte, aber vor ihm so tun musste, als höre ich sie zum ersten Mal. Er zerstörte mir damit die beste Ausrede, um mich vor Krissys Verhören zu drücken, war dabei aber so offen und ehrlich, dass ich ihm nicht böse sein konnte. Genau genommen, konnte ich ihm niemals wirklich böse sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*