Liebeskummer

Gabe, Kapitel 2, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

„Paranoid?“, Talita lachte beinahe hysterisch auf, „Es ist einfach ungeheuerlich, dass ich die einzige sein soll, die es merkwürdig findet, dass Alexandria jetzt nicht hier ist!“ Mit einem Blick, vor dem ich mich nicht scheute, ihn als „fuchsteufelswild“ zu bezeichnen, stampfte mich die wütende Furie praktisch in den Boden. „Gabriel hat nicht die Befugnis über die Zeitreisen zu entscheiden! Er hätte seine Schwester unverzüglich zu uns bringen müssen! Was ist, wenn sie in genau diesem Moment eigenhändig über ihren Verbleib entscheidet?“

Arthur rieb sich über die Stirn: „Ich denke, uns allen liegt viel an Alexandrias Wohlbefinden, Talita. Gabriel ist ihr Bruder und ich verlasse mich auf seine Einschätzungen, die sich außerdem mit dem decken, was wir ebenfalls wissen. Wir dürfen bei ihr nichts überstürzen!“
Jedes Mal, wenn Arthur Black den Mund aufmachte, wusste ich ganz genau, wieso er zum Boss von Simikolon gewählt wurde. Er war die Vernunft in Person, besaß ein erstaunliches Maß an Empathie. Damit war er das genaue Gegenteil von Talita. Sie sah aus, als wolle sie jeder Person, die ihr zu nahe kam, die Kehle umdrehen.
„Und selbst wenn“, fuhr sie mit ihrer Schimpftirade fort, „Wieso ist er nicht sofort zu dir gegangen, um zu melden, dass er eigenhändig eine Planänderung vorgenommen hat? Wieso ist er vorher hierher gekommen? Kaufst du denen etwa die Sache mit dem ausfallenden Kaffeekränzchen ab?“ Nun flog ihr Blick zu Jua, einer ihrer besten Freundinnen, die sie jedoch eher betrachtete, wie eine Schwerstverbrecherin.
„Mir kommt das gar nicht merkwürdig vor. Es ist eine kurze Mitteilung, die er persönlich überbringen wollte und wusste, dass er später aufgrund eines solchen Gesprächs womöglich keine Gelegenheit mehr dazu bekommen würde“, mischte sich Jonael in das Gespräch mit ein. Wir standen noch immer mitten im Atelier, das wegen Platzmangel einfach nicht der richtige Ort für eine derartige Diskussion war.
Als Jua aber die Tür geöffnet hatte, stürmte erst Talita herein, ihr folgten Marc, Jonael und Arthur. Sie hatten von Krissy erfahren, dass ich Alex bei einem Café abgesetzt hatte, in dem sie mit einem ominösen Jungen für einen Test lernen wollte. Scheinbar war ich nicht der einzige gewesen, der sie bei dieser Lüge durchschaut hatte.
Gerade setzte Talita erneut zum Sprechen an, doch da wurde sie von Jua unterbrochen. Ihr Tonfall war nachdrücklich, strahlte aber auch echtes Mitgefühl aus, wie es nur sie vermochte: „Ich weiß, dass du es momentan schwer hast, Lita! Das ist aber kein Grund, dich aufzuführen wie unsere missgelaunte Sportlehrerin Mrs Clark in der elften Klasse. Wenn du vorhast, weiter so rumzuschreien, besorge ich dir gerne eine Trillerpfeife, aber wenn du dich in einen neongelben Trainingsanzug quetschst, dann müssen wir unsere Freundschaft leider an den Nagel hängen.“
Marc schmunzelte. Auch ich kam nicht um ein Zucken meiner Mundwinkel herum, denn auch das war einzigartig an Jua – sie konnte einen mit ihrem ausgefallenen Humor und ihrer offenen Art in jeder Situation zum Lächeln bringen.
Die beiden Frauen lachten allerdings nicht. Stattdessen packte Jua Talita an den Schultern und sah sie direkt an: „Hör zu, ich habe keine Lust, noch eine beste Freundin an Liebeskummer zu verlieren. Haben wir uns nicht früher bei diesen kitschigen Liebesschnulzen immer geschworen, kein Kerl würde je wichtiger sein, als unsere Freundschaft? Maria hat diesen Schwur gebrochen, das kannst du mir nicht auch noch antun!“
Ohne Vorwarnung drehte sich plötzlich mein Magen um. Bitte was? Liebeskummer? Mum? Und um wen ging es bitte bei Talita? Hatte Jua mir nicht eben noch gesagt, sie wüsste nicht mehr als ich?
„Lassen wir die beiden allein“, schlug Jonael vor, ergriff meinen Arm und zog mich in Richtung Ausgang. Ich wollte widersprechen, all meine Fragen stellen, Jua schütteln, weil sie mir doch etwas verschwieg… aber ich tat es nicht.
Ich konnte es einfach nicht! Was hätte ich auch sagen sollen? Zwar würde ich für alle drei Männer meine Hand ins Feuer legen, doch in diesen Zeiten durfte ich niemandem blind vertrauen. Nicht wenn ich Alex beschützen wollte! Also ließ ich mich wegziehen und musste trotz allem irgendwie einen kühlen Kopf bewahren.
Damit wollte ich auch gleich beginnen: „Ich hoffe, es ist nicht wirklich so ein schreckliches Vergehen, dass ich mich meiner Anweisung widersetzt habe.“ „Mach dir keine Sorgen!“, Arthur schenkte mir ein beruhigendes Lächeln, „Du kennst deine Schwester zwar am besten von uns allen, aber ich bin mir auch so ziemlich sicher, dass wir alles nur noch schlimmer machen, wenn wir ihr ihre Privatsphäre rauben.“
Wir gingen durch die Flure, die allesamt gleich aussahen. Bei Gelegenheit würde ich Alex mal erzählen, dass sie nicht nur durch das Haus führten, durch das man das Hauptquartier betrat, sondern zum Anwesen von Simikolon der gesamte Häuserblock gehörte. Verbunden durch unterirdische Gänge, aber auch nahtlosen Übergängen zwischen den Etagen der Gebäude. Am Anfang quälte die Architektur dieses Ortes jeden Neuling.

„Wie bist du hergekommen?“, fragte ich Alex misstrauisch, als Miss Smallbourn plötzlich mit ihr in der Tür erschien. Meine Schwester sah mich mit diesem besserwisserischen Blick an, den sie immer auflegte, wenn sie meine Frage für dumm befand: „Ich habe mir ganz einfach ein Busticket gekauft, Gabe!“
Seufzend schloss ich für einen Moment die Augen. Busticket? Von wegen! Sie verschwieg mir etwas… das heißt, sie verschwieg mir noch etwas! Es würde mir verdammt weiterhelfen, wenigstens die Tragweite ihrer Geheimnisse zu erfassen, doch das konnte ich mir wohl abschminken. Im Moment gehörte ich nicht zu ihren Ansprechpartnern und auch wenn ich sie bei ihren Lügen durchschaute, weil wir uns einfach schon unser Leben lang kannten, so verrieten mir diese nichts über die Wahrheit, die Geheimnisse, die sie seit neustem hegte.
Ich musste meine kleine Schwester irgendwie dazu bringen, mir das alles zu erzählen! Sie hatte keine Ahnung davon, dass sie in verdammt großen Schwierigkeiten steckte und ich konnte sie nicht beschützen, wenn sie mir andauernd auswich oder mir Flunkereien auftischte. Deswegen war meine oberste Priorität, mir ihr Vertrauen zurückzugewinnen.
„Gut, dann können wir ja jetzt beginnen“, unterbrach Jonael meinen Gedankenfluss. Er war der einzige, der hiergeblieben war. Arthur hatte Termine, die er als Oberhaupt der Organisation wahrnehmen musste und wegen denen er schon vor einer Stunde gegangen war. Marc wäre ja auch geblieben, doch uns wurde die Nachricht übermittelt, dass ein Mitglied außerhalb der Stadt seine ärztliche Hilfe benötigte.
Jonael dagegen hatte keine derartigen Verpflichtungen. Was genau er für Simikolon tat, war mir nach all den Jahren noch immer nicht ganz klar. Ich sah ihn für Gewöhnlich nur aller paar Monate mal im Hauptquartier, doch das genügte um zu wissen, dass er besonders genug war, um sich zwischen den Genies der Quins und Blacks zu behaupten.
„Gabe hat schon vorbereitet, was ihr für die Zeitreise benötigt. Du weißt, wie es funktioniert, Alex“, letzteres formulierte er nicht als Frage, sondern als eine Feststellung. Ich wunderte mich nur aus einem einzigen Grund nicht. Es war nun mal nicht nur sehr ungewöhnlich, dass ein Haufen Menschen, die auf alles eine wissenschaftliche Antwort finden wollten, behaupteten, ein anderer Mensch wäre in der Lage Gedanken zu lesen. Nein, das war quasi unmöglich!
Zwar würden sie es ihres Stolzes wegen niemals zugeben, aber selbst die Quins teilten diese Auffassung. Jonael war ein einziges Rätsel, das sich normalerweise nur im Hauptquartier aufhielt, wenn seine Anwesenheit unbedingt erforderlich war. Das schloss insgesamt fünf zweitägige Aufenthalte im Jahr ein. Seltsam also, dass er nun schon seit einer knappen Woche hier herumlungerte.
Alex, die von alledem nichts wusste, schien sich jedoch auch nicht darüber zu wundern, dass er einfach diese These aufgestellt hatte. Sie widersprach auch nicht. Stattdessen kam sie zu mir zum Tisch und beäugte den Zettel, auf dem geschrieben mit der besonderen Tinte im Grunde nichts anderes stand, als dass das Ziel unserer bevorstehenden Zeitreise ein unbedeutendes Datum vor zwanzig Jahren war, an dem die Trainingshalle von Simikolon hier im Hauptquartier leer sein würde.
Ich räusperte mich: „Bist du startklar?“ Meine Schwester zog ihr magisches Zeitreiseartefakt allen Ernstes aus ihrer Hosentasche und der Teil in mir, der sich seit meinen Kindertagen an Simikolons Regeln bezüglich der Zeitreisen hielt, wollte weinen. Klar, sie hatte sich nicht stundenlange Vorträge über die Wichtigkeit von alledem anhören müssen – mir brannten die Ohren heute noch davon.
„Lass es uns hinter uns bringen!“, seufzte sie und ich entschloss mich, meinen ungewollten Gefühlsausbruch herunter zu schlucken. Dann nickte ich schlicht. Sie steckte sich den Ring an den Finger und legte diesen anschließend auf das Papier. Ich tat es ihr gleich.
Das altbekannte Blau umfing mich sanft wie eine warme Sommerbrise, ließ alles andere um mich herum verschwinden und gab mich erst wieder frei, als wir am gewünschten Ort in der angegebenen Zeit angekommen waren. Für Neulinge fühlte sich die Zeitreise an, als wäre sie binnen einer Sekunde wieder vorbei, aber ich tat das hier schon Jahre lang und wusste, dass dem nicht so war. Irgendwann musste man den Schritt tun, sich der Zeit hinzugeben und in der Tinte versinken.
Ein einziger Blick auf Alex verriet mir, dass sie noch weit davon entfernt war. Ihr ganzer Körper war angespannt und sie achtete penibel darauf, nicht einfach umzukippen. Ich konnte mir ein Schmunzeln nur schwer verkneifen, doch sie bemerkte es im Dämmerlicht des Raumes und schlug mich gegen den Oberarm.
„Wehe du lachst mich aus! Ich bin blutige Anfängerin und du… du bist blöd!“, gen Ende glich ihr Tonfall dem eines eingeschnappten Kindes, das von einem hübschen Schmetterling abgelenkt wurde. Allein deswegen hätte ich laut losprusten können, riss mich aber zusammen.
Alex versuchte sich umzusehen. Um ihr die Sache zu erleichtern, steuerte ich auf die Wand mit dem Lichtschalter zu. „Wieso landen wir eigentlich nicht mitten in einer Wand?“, fragte sie hinter mir, als ich den Schalter umlegte und das Deckenlicht die Trainingshalle in ein künstliches Licht hüllte.
„Ich meine, ist in diesen Ringen so eine Art Sensor eingebaut oder kommt es manchmal zu unschönen Zwischenfällen von denen ich wissen sollte? Laufe ich Gefahr, bei jeder Reise in einen Park mit See nasse Füße zu bekommen? Könnte ich womöglich eines schönen Tages mitten in einem Lagerfeuer gegrillt werden, weil wir auf gut Glück irgendwo landen?“, hinter ihren Worten verbarg sich ein Friedensangebot. Immer wenn sie alberne Fragen stellte, war das entweder Folge ihres Zynismus oder eine Entschuldigung, die sie nicht direkt aussprechen wollte.
Allerdings sollte ich ihr auf diese Fragen wirklich eine Antwort geben: „Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Alex! Mit ein bisschen mehr Erfahrung kannst du ganz genau steuern, wo du landest und bis dahin denk einfach nicht zu viel darüber nach. Solange du nicht irgendwie benebelt bist oder betrunken oder high von irgendwelchem Zeug, von dem du lieber die Finger lässt, gibt es keinen Grund sich verrückt zu machen.“
„Was ist mit Rauchen?“, fragte sie eine Spur zu interessiert. Ich riss die Augen auf, doch da brach meine Schwester auch schon in Gelächter aus. Ich wollte die Augen verdrehen und ihr einen mahnenden Blick zuwerfen, doch ihr Lachen war ansteckend und so selten geworden in letzter Zeit.
Bei diesem Gedanken erstarb mein Lachen sofort. Die Sorge, die nach dem Zeitsprung einfach verflogen war, kehrte ungehemmt zurück. „Hör mal…“, begann ich, „Wenn du jemanden brauchst, zum Reden meine ich, dann ich bin für dich da!“
Ich sah ganz genau wie sie augenblicklich eine Mauer vor sich hochzog, ihr Blick skeptisch. Dieser Anblick versetzte meinem Herzen einen tiefen Stich. So sollte es zwischen uns nicht sein! So war es nie, doch nun fühlte es sich an, als hätte sich zwischen uns ein halsbrecherischer Abgrund aufgetan. Noch wusste ich nicht wie, aber ich würde ihn überwinden!

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