Letzte Warnung

Kapitel 5, Zeitquälerei

„Ich verspreche dir, dass das hier nur vorübergehend sein wird, Alex!“, versicherte Mrs Jones und lächelte mir zuversichtlich entgegen. Nur mit Mühe konnte ich etwas von der alten, herzensguten Frau in ihr wiedererkennen. Ihre mehr als aufrechte Haltung und der herrische Tonfall verliehen ihr eine ungewohnte Autorität, die mich ehrlich gesagt ein wenig einschüchterte.

Nachdem Doyle und McTriff unsere Wohnung verlassen hatten, waren wir mitsamt meinen Sachen aus unserem Wohnhaus geflüchtet. Jos Wagen parkte in der Nähe und in Rekordzeit hatte er alle Gepäckstücke in den Kofferraum geworfen. Klappe zu, einsteigen, Motor starten, ab ging die Post!
Schließlich hatte er vor einem riesigen Haus gehalten, über dessen Eingang in verschnörkelter Schrift GIMAC HOTEL zu lesen war. Stumm ließ ich mich einfach in die Lobby ziehen, die ungewöhnlich gemütlich für die eines Hotels war.
Es gab gepolsterte Sitzecken mit kuscheligen Kissen links und rechts der Tür. Die eine war voll besetzt mit jungen Erwachsenen, die andere beherbergte lediglich eine Person, die ihre Nase tief in eine Zeitung gesteckt hatte, weswegen man ihr Gesicht nicht erkennen konnte.
Kaum hatte die Frau hinter der Rezeption Mrs Jones entdeckt, kramte sie auch schon einen Schlüssel hervor. Wir mussten nicht mal anhalten, um unsere Namen zu nennen, sondern gingen einfach geradewegs zu einer Treppe am anderen Ende der Lobby. Unterwegs holte Jo den Schlüssel ab und begrüßte die Rezeptionistin dabei wie eine alte Freundin.
Ich verkniff es mir, eine weitere Frage zu stellen, um mein Hirn nicht noch mehr zu überfordern. Ohne ein Wort zu sagen, stiegen wir die geräumige Treppe hinauf. Der Boden war ausgelegt mit dem weichsten Teppich, auf den ich jemals einen Fuß gesetzt hatte. Wolkenähnlich schritten wir also bis in die dritte Etage hinauf (nicht mal annähernd das letzte Stockwerk) und hielten vor einer Tür.
Hinter dieser erstreckte sich ein Zimmer, das größer wirkte, als ich in Anbetracht der Abstände zu den nächsten Türen auf dem Gang vermutet hatte. Zuerst trat man in einen kleinen, offenen Flur. Links davon waren drei Kleiderhaken in einer Reihe angebracht worden, rechts war die Tür zu einem Badezimmer.
Trat man einen Schritt weiter, stand man einer überwältigenden Fensterfront gegenüber, die einen grandiosen Ausblick über die Stadt bot und den Raum mit warmen nachmittags Sonnenstrahlen ausfüllte. Die Hälfte des gläsernen Teils des Zimmers wurde von einem hölzernen Schreibtisch eingenommen, während vor der anderen ein gemütlicher Sessel stand.
In genau dem saß ich jetzt und sah der Sonne zu, wie sie umliegende Fenster, Autos und Schaufenster zum Glitzern brachte. Die Reisetasche stand neben dem Bett in der Ecke und meinen Rucksack hatte ich gegen einige Kisten gelehnt, die gegenüber von der Glaswand standen.
Mrs Jones hatte mir gesagt, dass meine Bücher darin waren, bevor sie mich allein gelassen hatte. Das musste schon einige Minuten zurückliegen, vielleicht aber auch Stunden, denn inzwischen färbten sich die Sonnenstrahlen leicht rötlich. Sie schienen mir sanft ins Gesicht, wärmten meine Hände, die ich auf dem Schoß zusammengefaltet hatte.
Gerade als ich anfangen wollte, über alles nachzudenken, was in den letzten Tagen passiert war, klingelte ein Telefon. Es hing neben den Kisten, sodass ich aufstehen musste, um es zu erreichen. Sogleich wurde mir bewusst, dass ich wohl mehrere Stunden in diesem Sessel zugebracht haben musste, denn mir waren beide Beine eingeschlafen. Ein unangenehmes Kribbeln zog sich von meinen tauben Oberschenkeln bis in die Zehenspitzen. Zu laufen glich einem Robotertanz auf Glatteis.
Es wunderte mich selbst, dass ich das Telefon rechtzeitig erreichte. Ich nahm den Hörer in die Hand, hielt ihn mir ans Ohr und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand, um mein Körpergewicht zu verlagern.
„Hallo?“, fragte ich dümmlich, aber leider unabsichtlich. Einen Moment später hätte ich mir am liebsten etwas gegen den Schädel geschlagen, doch die Stimme am anderen Ende der Leitung ließ mich erstarren. Es war die letzte Person auf diesem Planeten, mit der ich gerechnet hätte.
„Ich hoffe, Wendy und Jo haben dich nicht allzu sehr verwirrt, Schätzchen!“, Oma! Ihre Stimme unterlag der typischen, leichten Verzerrung eines Telefongesprächs. Sogleich wurde mein Griff um den Hörer fester. Außer einem ehrfürchtigen Ausatmen, brachte ich nicht viel heraus, aber das war auch gar nicht nötig, denn Oma schien mir eh eine ganze Menge mitzuteilen haben.
„In deinem Leben wird sich in nächster Zeit sehr viel ändern, Alex!“, begann sie , als ginge sie davon aus, dass ich das noch nicht selbst mitbekommen hatte, „Du wirst für diese Nacht im Hotel bleiben, aber ab morgen wird das leider nicht mehr möglich sein! Ich kann dir leider nicht so viel sagen, wie ich es gerne tun würde. Du musst wissen, dass wir selbst nicht viele Informationen haben. Wir kennen nur wenige Bruchstücke des großen Ganzen und…“
Weiter konnte ich mir das nicht anhören: „Was denn für ein großes Ganzes? Redest du von den Besuchen in der Zukunft? Von Zauberei? Zeitreisen?“ Mein Tonfall wurde hysterisch und es würde mich nicht wunden, wenn ich schrie, ohne es zu bemerken. „Ich habe von nichts eine Ahnung, was das hier angeht!“,stoße ich etwas gefasster hinterher, bevor sie mir ins Wort fallen kann, „Wie soll ich bitte eine Zeitreisende sein oder was auch immer von mir sonst noch verlangt wird, wenn ich vollkommen im Dunkeln tappe? Was erwartet man von mir? Wieso ist Mrs Jones auf einmal so… anders? Wo bist du?“
„Alex, versteh bitte…“
„Ich verstehe überhaupt nichts!“
„Schätzchen, ich weiß…“
„Nein! Du weißt gar nichts! Ich will und brauche keine mitleidigen Blicke, sondern Antworten! Antworten auf mindestens zehn Milliarden Fragen! Angefangen damit, was in Mrs Jones Wohnung vor sich ging? Die Uhr, die Fernbedienung, die Häkeldeckchen…“
„Du meinst ihre albernen Scherzartikel?“
„Was für…“
„Alex, ich weiß ja nicht, was man dir erzählt hat, aber Wendy liebt es, andere Leute zu erschrecken und dazu dienen diese diversen Scherzartikel in ihrer Wohnung!“, Omas Stimme klang sanft, aber darin lag auch ein ernster, um Fassung ringender Unterton, „So leid es mir tut, dir das zu sagen, aber du darfst jetzt unter keinen Umständen den Verstand verlieren, Schätzchen! Egal was kommt, du schaffst das! Ich kann dir wie gesagt nicht viel mehr Informationen geben, aber die Dinge, die ich dir jetzt sage, sind sehr wichtig, hörst du?“
Ich versuchte wirklich ihre Lüge mit den Scherzartikeln zu glauben, aber wir wussten beide, dass es nicht stimmte, sondern vielmehr als Ausrede für uns selbst diente, weil wir wussten, dass wir die wahren Gründe nicht verstehen würden. Jo hatte vorhin bereits etwas ähnliches angedeutet, also gab ich mich damit zufrieden. Ich hatte im Moment weitaus wichtigeres zu überdenken, als etwas, das ich niemals kapieren würde!
Diesmal gelang es mir, das leichte Zittern in meiner Stimme zu überspielen, als ich Oma meine volle Aufmerksamkeit und Konzentration zusicherte. Sie seufzte und der elektronische Hauch in diesem Geräusch ließ es verzweifelter klingen, als sie es vermutlich beabsichtigt hatte.
„Du wirst in nächster Zeit beobachtet werden! Hauptsächlich von Simikolon. Die werden dir Fragen stellen, dich vielleicht verfolgen für eine Zeit beschatten und dir überall hin folgen. Auf der einen Seite musst du deshalb auf der Hut sein! Selbst wenn du niemanden sehen kannst, musst du wissen, dass da jemand ist. Wenn du also gewisse Dinge tust, die unbedingt geheim bleiben müssen, dann häng die Typen ab! Das sind allesamt anzugtragende Bürokraten, keine ausgebildeten Spione, auch wenn ein paar von ihnen so aussehen. Auf der anderen Seite ist das aber auch ein großer Vorteil für dich, denn so kommen die Leute, die es auf dich abgesehen haben, nicht ungesehen an dich heran. Vergiss das nicht!“
Schluckend hörte ich weiter zu. Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre kein Wort über meine Lippen gekommen!
„Ich fürchte, dass wir uns in nächster Zeit nicht sehen werden, Alex, aber du darfst nicht nach mir suchen. Dass ist schrecklich wichtig! Egal wann, ich werde dir in dieser Sache nicht helfen können! Es tut mir unendlich leid, dass ich morgen deinen siebzehnten Geburtstag verpassen werde, aber es geht nicht anders“, an dieser Stelle brach sie kurz ab.
Neben unbeschreiblichem Bedauern lag eine Traurigkeit, ein winziger Schimmer von Wut und noch einigen anderen, negativen Empfindungen in ihrer Stimme, die meiner bisherigen Auffassung nach niemals alle gleichzeitig einen Tonfall dominieren konnten. Das war nicht das einzige, in dem ich mich geirrt hatte! Beispiele konnte ich mir wohl sparen…
Nach wenigen Sekunden hatte Oma sich wieder gefangen: „Nach der Schule wird dich morgen Gabe abholen. Er wird aber nicht allein kommen, sondern in Begleitung von ein paar Mitgliedern von Simikolon. Dann beginnt deine Überwachung, Schätzchen. Ich weiß, dass du das hinbekommst! Ich glaube an dich und hab dich lieb!“
„Ich dich auch, Omi!“, murmelte ich, ohne es beabsichtigt zu haben. Erst jetzt fiel mir auf, wie nahe ich den Tränen war, aber sie mussten warten! Was sie sagte, war zu wichtig! Es war alles, was ich haben würde!
„Auch wenn es dir schwer fallen wird: Du darfst niemandem vertrauen! Ab morgen Nachmittag bist du auf dich allein gestellt. Weihe niemanden in deinem gegenwärtigen Umfeld in deine Pläne ein, nicht mal deinen Bruder oder Krissy und schon gar keinem anderen Mitglied von Simikolon! Du musst auf der Hut sein! Überdenke stets mehrmals, wem du was anvertraust, bevor du jemandem etwas erzählst!“
Sie wurde auf einmal hektisch, stammelte nochmals, dass sie mich liebte und legte dann vollkommen unvermittelt auf.
Eine Weile lang starrte ich nur stumm auf den Hörer des Telefons. Wieder wusste ich nicht genau, wie viel Zeit vergangen war, doch die Sonne war bereits einem klaren Nachthimmel, leuchtend hellen Sternen und einem gewaltigen Halbmond gewichen.
Als ich schließlich in einer merkwürdigen Starre – innerlich wie äußerlich – ins Bad wandelte, mich kurz im Spiegel musterte und mich dann fertig fürs Bett machte. Mein Kopf war dabei gleichzeitig wie leer gefegt und glich auf der anderen Seite jedoch einem vollgestopftem, riesigen Raum, in dem alles durcheinander purzelte.

Der nächste Morgen – mein Geburtstag! Geschlafen hatte ich nicht, war stattdessen die ganze Nacht lang wach gewesen und hatte die Sterne angestarrt. Ich hatte gehofft, nur intensiv darüber nachdenken zu müssen, um einen Überblick über das alles zu erlangen, doch je länger ich mich damit befasste, desto unübersichtlicher wurde alles.
Circa drei Stunden nach Mitternacht hatten mich dann mörderische Kopfschmerzen ereilt. Ich war kurz davor gewesen, in die Lobby zurückzukehren und dort nach einer Menschenseele zu suchen, die mir etwas dagegen bringen konnte, aber dann war mein Blick auf einen kleinen, weißen Kasten mit rotem Kreuz darauf gefallen, der in meinem Zimmer hing.
Die starke Kopfschmerztablette hatte zwar geholfen, was die hämmernden und dröhnenden Schmerzen anging, aber der Knoten aus Gedanken war noch immer nicht entwirrt, als es schließlich gegen fünf Uhr an meiner Tür klopfte.
„Alles Gute zum siebzehnten Geburtstag!“, schallte es mir entgegen und ein munter grinsender Jo ragte vor mir aus dem Boden. Ich hatte gar nicht gewusst, dass er im Hotel geblieben war. Neben dieser Tatsache gab es aber auch noch etliche andere Gründe, wieso ich einfach nur in der offenen Tür stand und ihn anglotzte wie eine hypnotisierte Schlafwandlerin – das überprüfte ich im Spiegel hinter der offenen Badtür, als ich ihn eintreten ließ.
Er sah sich nicht lange um, zog den Schreibtischstuhl zu sich heran und setzte sich: „Trotz der derzeitigen Umstände muss ich dich leider zur Schule bringen. Gerda hat dir sicher gestern gesagt, dass Gabe dich zusammen mit ein paar anderen Mitglieder Simikolons von der Schule abholen wird. Um deine Sachen kümmere ich mich einfach später.
„Was passiert heute Nachmittag denn genau?“, wollte ich wissen. Jo rieb sich mit vier Fingern über die Stirn: „Wenn ich das wüsste… jedenfalls halte ich dich für ein cleveres Mädchen, das weiß, dass man sehr vorsichtig mit Vertrauen sein sollte.“
„Zu spät“, bemerkte ich trocken und schnappte mir meine Anziehsachen für den heutigen Tag, „Den Vortrag hat mir Oma gestern schon gehalten.“ Damit verschwand ich im Badezimmer, verschloss die Tür hinter mir und sah meinem Spiegelbild tief in die Augen. Ich hielt es für meine letzte Gelegenheit um durchzuatmen, was gar nicht mal so abwegig schien, schließlich würde mein Leben ab heute laut Aussage einiger Leute einige unschöne Veränderungen durchmachen.
Trotz alledem hatte ich mich nach nur wenigen Sekunden satt. Ich wendete den Blick vom Spiegel ab und begann damit, mich für einen ganz normalen Schultag bereit zu machen.

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