Leider gegen die Regeln

Kapitel 8, Zeitquälerei

Auf dem Couchtisch stand inzwischen die himmelblaue Torte, die ich bereits bei einem kurzen Blick in die Küche erspäht hatte. Die Bäckerin dieses Meisterwerks stand an der Tür und lächelte mich strahlend an. Sie war die einzige, die einen freundlichen Gesichtsausdruck machte. Alle anderen sahen eher aus, als wollten sie die Angelegenheiten schnell hinter sich bringen.
Etwas sagte mir, dass mal wieder alle in etwas eingeweiht waren, von dem ich rein gar keine Ahnung hatte. Was das allerdings mit meinen Geschenken zu tun haben sollte, war mir noch immer mehr als schleierhaft.

Weil niemand etwas sagte, sondern mich nur alle abwartend anstarrten, beschloss ich, keine weitere Rücksicht auf sie alle zu nehmen. Sie erzählten mir nicht, was bei ihnen vorging? Dann sah ich auch keinen Grund, wieso ich mich auch nur einem von ihnen anvertrauen sollte und allen gleichzeitig erst recht nicht!
Entschlossen griff ich nach einem der drei Päckchen, die neben der Torte aufgestapelt waren. Es hatte eine mir nur zu gut vertraute Form und das Papier kannte ich bereits vom letzten Jahr. Alle Indikatoren verrieten, dass das Geschenk von Gabe kam.
Vorsicht mit Geschenkpapier hatte noch nie zu meinen Stärken gezählt. Dementsprechend rücksichtslos riss ich den sorgsam angebrachten Sichtschutz von dem viereckigen Päckchen. Darunter zum Vorschein kam ein Buch. Allerdings war es zu meiner Überraschung vollkommen leer. Es war ein Notizbuch.
Der Einband war wunderschön. Detailreiche Dornenranken zierten ihn, wie der an einer Hauswand hinaufkletternde Efeu. An einigen Stellen sprießten dunkelrote Rosen zwischen den verwobenen Ranken und den Dornen hervor. Der Untergrund war in einem schlichten Braun gehalten. Das alles wirkte jedoch, als sei es bereits einige Jahrzehnte alt, was durch scheinbar abgegriffene Stellen und abgeplatzte Farbe deutlich wurde. Mit anderen Worten: Es war einfach perfekt!
Ich wandt mich an Gabe und konnte gar nicht anders, als ihn anzustrahlen. Mein Bruder lächelte schwach zurück. Seine Mundwinkel verrieten, dass er ganz genau gewusst hatte, dass es mir gefallen würde, doch in seinen Augen schimmerte wieder diese tiefe Traurigkeit, die ich bereits vor zwei Tagen dort gesehen hatte.
Genau diese war es auch, die mich davon abhielt, ihn zu umarmen. Stattdessen blieb ich auf der Couch sitzen und widmete mich dem nächsten Geschenk. Ich entschied mich für das größere von beiden. Es war ausschließlich in einen Pappkarton gepackt. Einzig ein bunter Aufkleber verriet, von wem es kam.
Oma!
Aufgeregt versuchte ich den Deckel aufzureißen. Dieses Vorhaben gestaltete sich jedoch schwieriger, als erwartet. Ehe mir aber eine Schere gereicht werden konnte, hatte ich es geschafft. Der Karton stand mit ausgerissenen Pappflügeln vor mir auf dem Tisch. Sein ramponierter Zustand kümmerte mich reichlich wenig, denn mir stand in diesem Moment nur der Sinn danach herauszufinden, was sie mir zukommen ließ.
Ganz oben lag eine Karte. Sofort stach mir Omas einziges Manko entgegen. Ihre Handschrift war mindestens so krakelig wie meine eigene, was es nie einfach machte, eine Nachricht von ihr zu entziffern. Während man bei meinen geschriebenen Worten nur Striche erkennen konnte, ähnelte ihre Schrift eher Hieroglyphen.
Ich hatte gerade keine Nerven dafür, mir ihre regelrecht verschlüsselte Botschaft zu Gemüte zu führen. Stattdessen stöberte ich in dem Rest des Kartons nach weiteren Geschenken. Das erste, das mir in die Hände fiel, war eine hübsche, kleine Schachtel.
Als ich den Decken öffnete, funkelte mir eine silberne Taschenuhr entgegen. Die Vorderseite war zum Aufklappen. Darauf war eine Rose abgebildet, ähnlich wie auf meinem Notizbuch von Gabe. Am oberen Ende spitzte sich der verzierte Rand zu und mündete in einer Art Hacken, an dem man einerseits eine beigelegte Kette befestigen konnte und andererseits einen kleinen Knopf betätigen.
Kaum hatte ich letzteres von beidem ausprobiert, klappte die Vorderseite auf und zum Vorschein kam ein Ziffernblatt mit römischen Zahlen und kunstvoll gestalteten Zeigern. Ein kurzer Blick auf die Digitaluhr vor dem Fernseher verriet mir, dass sie bereits gestellt war und auf die Sekunde genau ging.
Voller Bewunderung hielt ich diese neue Errungenschaft in meinen Händen, als sei sie der wertvollste Schatz der Menschheit! Oma hatte gewusst, dass ich mir so eine schon seit einiger Zeit gewünscht hatte, doch ich hätte niemals damit gerechnet, dass sie mir tatsächlich eine kaufen würde!
„Könntest du dich dazu durchringen auch noch den Rest deiner Geschenke auszupacken, damit wir uns endlich wieder den dringenden Dingen widmen können?“, Miss Hill sah ungeduldig auf ihre Armbanduhr. Arthur wandt sich zu ihr um: „Du kannst gerne zu deinen Aufgaben zurückkehren, Talita. Nimm bitte Miss Quin mit dir und bring sie ins Hauptquartier. Es ist wieder an der Zeit.“
Ohne ein Wort des Widerspruchs – dafür aber mit einem missmutigen Blick – folgte Miss Hill der Anweisung und steuerte auf die Tür zu. Krissy Quin war nicht so folgsam. Sie sah Arthur mit zusammengekniffenen Augen an und meinte in noch arroganterem Tonfall als sonst: „Ich fürchte es ist noch immer gegen meine Natur, Befehle von einem Black anzunehmen!“
Im Raum wurde es auf einmal noch stiller, als es sowie so schon war. Selbst ich vergaß für einen Augenblick meine Taktik der Gleichgültigkeit. Erneut gab es eine große Überraschung, denn es war doch tatsächlich niemand anders als Miss Hill, die Arthur verteidigte!
„Die ewige Familienfehde zwischen den Quins und den Blacks hat hier bei uns keinerlei Bedeutung!“, meinte sie streng, „Du kannst deine Missgunst ihnen allen gegenüber bei euren Familientreffen äußern, aber wie du weißt, ist Arthur bei uns nun einmal der rechtmäßige Chef, also halte dich zurück!“
Die Augenbrauen so wütend verzogen, dass sie sich beinahe mittig ihrer Stirn berührten, schritt Krissy schließlich ebenfalls zur Tür und verließ mit Miss Hill den Raum. Granny Berrypie, die bis eben noch in der Tür gestanden hatte, trat nun einen Schritt näher. Sie lächelte noch immer freundlich, was ich jedoch nicht so ganz nachvollziehen konnte. Schließlich herrschte noch immer eine unangenehme Stimme an.
„Kümmer dich nicht weiter darum“, bat Arthur wie aufs Stichwort. Er deutete auf den restlichen Inhalt der Kiste: „Was ist denn da sonst noch so drin?“
Seine Neugierde war definitiv geheuchelt. Trotzdem entschloss ich mich weiterhin zu schweigen und nach meinen restlichen Geschenken zu sehen. Vom Boden der Kiste fischte ich einen dunkelblauen Kapuzenhoody. Darin eingewickelt war ein ledernes Mäppchen, worin wiederum ein Satz neuer Stifte zu finden war.
Stifte wie ein eleganter Füller, zwei silberne Kaligrapfen und einige Bleistifte. Ähnlich wie das Notizbuch und das Mäppchen waren auch diese in einem alten, abgewetzten Look gestaltet worden, sodass alles perfekt zusammenpasste.
Ein Blick auf den Couchtisch machte mir bewusst, dass nur noch ein einziges Geschenk übrig war. Da ich bereits die Geschenke von Oma und Gabe ausgepackt hatte, blieb nur noch ein Mensch übrig, von dem ich ein Geschenk zum 17. Geburtstag erhalten sollte.
Bei diesem Gedanken wurde mir plötzlich etwas klar. Gabe sagte, es ginge hierbei nur um meine Geburtstagsgeschenke, doch es war stark davon auszugehen, dass es niemanden wirklich interessierte, was ich von meiner Oma und meinem älterer Bruder bekam. Über dem ganzen Stress der letzten Tage war mir jedoch eine Sache vollkommen entfallen: Das Erbe meiner Mutter!
Wie hatte ich nur so vertrottelt sein können? Schon seit Monaten, wenn nicht sogar bereits Jahren, grübelte ich über dem Mysterium, was um alles in der Welt meine Mutter mir vermacht haben könnte, das ich erst erhalten durfte, wenn ich 17 wurde. Zudem hatte sie mich auch gar nicht gekannt. Ich hatte sie ausschließlich auf Fotos gesehen und wusste nur sehr wenig über sie.
Eine Sache, die ich jedoch ganz genau wusste, war, dass sie Mitglied bei Simikolon gewesen war. Genau das war hier die Schnittstelle! Simikolon! Entweder war eine solche Vorgehensweise nach dem Tod eines Mitglied üblich oder es ging hier aber um etwas anderes.
Vielleicht handelte es sich um ein weiteres, großes Geheimnis! Ob es wohl auch mit den Zeitreisen zu tun hatte? Jo hatte ja gesagt, dass es bei alldem hier genau darum ging. Auszuschließen war es nicht, ich erinnerte mich wage daran, von Gabe gehört zu haben, er sein ein Zeitreisender genau wie sie. Mit sie war dann wohl unsere Mutter gemeint. Dass ich da nicht eher drauf gekommen war…
So informativ meine Gedankengänge auch sein mochten, meine Neugier, was sich verdammt noch eins in dieser kleinen Schachtel befand, brachte mich fast um den Verstand. Als ich danach griff, sah ich aus den Augenwinkeln, wie auch Jo, Arthur und Gabe sich näher zu mir beugten. Scheinbar wollten sie unter gar keinen Umständen verpassen, was sich in der Box befand.
Genauer gesagt, war es eine kleine Schmuckdose. Auch beim Anheben fühlte es sich genau so an. Kurz bevor ich den Deckel öffnen konnte und dafür nach unten auf meine Hände schaute, bemerkte ich, wie meine Finger vor Aufregung zitterten.
Ohne noch mehr Zeit zu verschwenden, öffnete ich endlich den Deckel. Im kompletten Raum herrschte ein kollektives Luftanhalten. Gespannt starrten alle (ich natürlich eingeschlossen) in die kleine Dose, um sofort erkennen zu können, was sich darin befand.
Inzwischen war ich mir fast sicher zu wissen, was die übrigen Anwesenden in diesem Schmuckkästchen vermuteten. Allerdings war es auch mehr Wissen als eine Vermutung, dass ich eben kein magisches Zeitreiseartefakt darin vorfinden würde. Das wäre zu einfach!
„Es ist… ein Kette!“, kommentierte Arthur hörbar enttäuscht, aber gleichzeitig auch irgendwie erleichtert. Auch Gabes Haltung entspannte sich augenscheinlich. Er schien gehofft zu haben, dass es ein harmloses Geschenk sein würde.
Ich hatte recht behalten. Kein magisches Zeitreiseartefakt, keine neuen Hinweise auf was auch immer – einfach nur eine Halskette. Silbern glänzend mit einem kleinen, kunstvoll verzierten Schlüssel als Anhänger.
„Können wir gehen?“, fragte ich, den Blick auf meinen Bruder gerichtet, „Du meintest doch, wenn das hier vorbei ist, machen wir noch irgendwas und du weißt was das heißt! Eiswettessen mit extra Schlagsahne und Streusel!“
Das war in den letzten Jahren so eine Art Brauch geworden. Jedes Jahr zu meinem Geburtstag fuhren wir in dieselbe Eisdiele und schlugen uns die Bäuche voll. Hirnfrost und so viel Zucker, dass es für eine ganze Wochenration ausreichen würde, standen ganz oben auf dem Plan und normalerweise veranstalteten wir bei unseren ersten Eisbechern ein Wettessen.
Heute sah Gabe jedoch ganz und gar nicht so aus, als stünde ihm der Sinn nach einer außerhäuslichen Aktivität. Er war blass geworden, hatte seine Körperhaltung in den Wind geschossen. Wüsste ich es nicht besser, würde ich ihn für jemanden halten, der seit neustem unter Depressionen litt.
„Alles in Ordnung?“, vorsichtig trat ich einen Schritt auf ihn zu, „Ist es wegen der Kette von unserer Mutter?“ Das war der einzige Einfall, der mir bei seinem Anblick in den Sinn kam, doch mein älterer Bruder schüttelte nur den Kopf.
„Du solltest dich ein wenig ausruhen und das alles erstmal in Ruhe verarbeiten“, schlug Arthur vor, der natürlich viel besser Bescheid wusste, als ich. Doch Gabe schüttelte den Kopf: „Es geht mir gut! Heute ist Alex‘ Geburtstag. Es geht um sie!“
Er löste sich so plötzlich aus seiner zuvor starren Position, dass ich erschrocken einen winzigen Schritt nach hinten stolperte. Zu meiner weiteren Überraschung steuerte er dann auch nicht auf die Tür zu, sondern geradewegs zu mir.
Auf dem Weg hierher wurde er jedoch von Jo an der Schulter festgehalten und zum Anhalten gezwungen: „Du weißt, dass es bislang der Geheimhaltung unterliegt!“ Reue und Mitleid schwangen in seiner Stimme mit. Ein ähnlicher Ausdruck war in Arthurs Augen zu erkennen. „Er hat recht“, stimmte er Jones Junior zu, „Es verstößt leider gegen unsere Regeln, wie du weiß, und wäre obendrein nicht gut für sie, würde sie es erfahren!“
Gereizt von der ewigen Bemutterung wollte ich schon einen empörten Einwand von mir geben, doch Gabe kam mir zuvor: „Tut mir leid, Arthur! Sie hat ein Recht darauf, es zu erfahren!“ Er löste sich aus Jos Griff und stand nach zwei langen Schritten genau vor mir.
„Alex, wir fahren heute nicht zum Eisessen!“, erklärte er ernst und traurig zugleich, „Es gibt da etwas, dass du wissen musst. Ich erzähle es dir am beste nicht hier, sondern an einem etwas ruhigeren Ort, an dem wir alleine sind.“

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