Kapitel 5

Zeitquälerei

Zuhause angekommen war meine erste Feststellung, dass außer mir niemand da war. Nichts deutete auch nur im Geringsten daraufhin, dass Oma noch einmal hier gewesen war, nachdem sie und Gabe vor nun schon fast acht Stunden gegangen waren.
Im ersten Moment wollte ich sauer darüber sein, doch dann fielen mir die Bücher wieder ein und so ein klein wenig Privatsphäre war für mein nächstes Vorhaben doch eigentlich ganz nützlich. Ich konnte mich problemlos ins Wohnzimmer auf unsere kuschelige, weinrote Couch setzen, die bei weitem gemütlicher war, als alle Stoffbezogenen Dinge in meinem eigenen Zimmer zusammen.
Eines der beiden Bücher packte ich aus dem Karton und legte es auf den gläsernen Couchtisch. Es hatte gerade mal 250 Seiten, während das andere noch dünner war. Beim Aufschlagen musste ich sofort die wunderschöne Schrift bewundern, die klein und filigran die Seiten füllte. Erst beim zweiten Mal hinsehen, bemerkte ich, dass es nicht etwa am Computer abgetippt worden, sondern stattdessen handgeschrieben war.
Sofort kam mir meine eigene ‚Sauklaue‘ in den Sinn. Für das ungeübte Auge sahen alle meine Worte aus wie einfache, waagerechte Striche, was zugegebenermaßen auch mehr oder weniger der Wahrheit entsprach. Ich hatte eineinhalb Jahre daran gearbeitet, doch die unzähligen Krämpfe in der rechten Hand hatten sich schließlich gelohnt. Wollte ich mir eine persönliche Notiz machen, konnte ich sie anschließend ungestört irgendwo liegen lassen, denn lesen konnten es wirklich niemand.
Diese Schrift hier war jedoch eine reine Augenweide. Tatsächlich konnte ich nicht behaupten, jemals eine so unfassbar ordentlich leserliche Schreibschrift gesehen zu haben, zumindest bis jetzt! Jedes Wort war problemlos zu erkennen und im Stillen wunderte ich mich, dass diese meisterhaft gestalteten Seiten in der Bibliothek verstaubten, anstatt in einem Museum ausgestellt zu werden.

Nach weiteren vier Stunden legte ich das zweite Buch beiseite. Ich hatte sie beide gelesen und nun wusste ich, was es mit dieser Schönschrift auf sich hatte. Es war die Entschädigung für die Wortwahl des Autors. Ein konkreter Name wurde nicht genannt, nur seine Initialen, über die ich am heutigen Tag sogar schon einmal kurz nachgedacht hatte. Sie standen hinter einer erschreckenden Botschaft, die anstelle eines Datums in beide Bücher geschrieben worden war.
Aus Rom, der schönsten Stadt auf Erden – L.O.N.
Musste ich noch irgendwas sagen? Ein kleiner Hinweis: Simikolon! Die letzten drei Buchstaben, die für einen Namen standen…
Das hieß, dass die Person, die diese Bücher hier geschrieben hatte, auch ein Mitglied von der Organisation war, der sowohl mein Bruder, als auch meine Mutter ihre angebliche Zeitreisegabe zu verdanken hatten. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich mich darüber freuen oder ärgern sollte.
Noch ehe ich zu einer vernünftigen Entscheidung gekommen war, bemerkte ich meine Müdigkeit. Draußen war es schon längst dunkel und mir fiel es schwer, nach jedem Blinzeln die Augen wieder zu öffnen. Also beschloss ich mich erst einmal hinzulegen. Vielleicht würde mir ja im Schlaf eine Erleuchtung kommen.

Am nächsten Morgen weckte mich das erbarmungslose Klingeln meines Handys. Müde schälte ich mich aus dem Bett. Die Hoffnung im Traum von einer fixen Idee heimgesucht zu werden, die mich aus meinem momentanen Dilemma holte, hatte sich als unbegründet herausgestellt. Ich war genauso schlau wie vorher, nur das nun auch noch tausende Fragen mehr dazu gekommen waren.
Teilweise deckten sich diese mit denen vom Vortag. Ich wusste noch immer nicht im geringsten, was hier gespielt wurde. Was verschwiegen mir die Leute, was hatte Oma mit dem Ganzen zu tun und wieso war sie noch nicht wieder zuhause? Was war das gestern für ein komischer Anruf gewesen? Ging es hier tatsächlich um die Zeitreisen, die ich bisher immer für surreal gehalten hatte, oder um etwas ganz anderes, vielleicht noch exklusiveres?
Mit einer äußerst miesen Laune stapfte ich noch im Schlafanzug in die Küche. Dort riss ich auf der Suche nach meinem Lieblingsmüsli eine Schranktür nach der anderen auf, doch ich wurde nicht fündig. Es war, als würde mein Leben mir einen Tritt in den Allerwertesten verpassen.
Statt also einen Mix aus Haferflocken und kleinen Schokosplitern zu verdrücken, aß ich kurzerhand ein gebuttertes Toast. Nichts von alledem trug dazu bei, dass sich meine Laune auch nur ein winziges Bisschen verbesserte. Im Gegenteil – meine Mundwinkel wanderten immer weiter nach unten, wie sich schließlich vor dem Badezimmerspiegel herausstellte.
Ich knotete meine Haare zu einem hässlichen Knäuel auf dem Hinterkopf zusammen, ehe ich lustlos einige Hefter, Bücher und meine Federmappe in meinen Rücksack steckte. Während alledem hatten mir die diversen Fragen in meinem Kopf einfach keine Ruhe gelassen.
Als ich schließlich einen letzten Blick in den kleinen Spiegel im Flur warf, um zu überprüfen, dass ich auch ja genauso scheiße aussah, wie an jedem anderen Tag, kam ich zu dem Entschluss, dass ich mir die ganzen Fragen nicht selbst beantworten konnte. Dann setzte ich meinen Rucksack auf und machte mich auf den Weg zur Schule.
Gerade schlenderte ich die Hauptstraße entlang. Es war dunkel und ein kalter Wind wehte mir in den Nacken. Ich war froh, mir heute eine Jacke übergestreift zu haben. Aus dem Fehler gestern hatte ich definitiv gelernt!
Nach ein rund hundert Metern konnte ich endlich abbiegen und mich von der stark befahrenen Hauptstraße entfernte. Stattdessen lief ich nun die Straße entlang, auf der Krissy und ich gestern von Gabe aufgegabelt worden waren und das Ganze somit angefangen hatte.
Apropos Krissy: Ob sie wohl heute in die Schule kommen würde? Schließlich war ihr gestern ein magisches Zeitreiseamulett überreicht worden. Das Teil hieß doch so oder? Toll, wenn ich mir noch nicht mal merken konnte, wie die nähere Bezeichnung für diese Simikolon-Ringe war, wie sollte ich dann jemals raus finden, worum es bei dieser ganzen Sache ging?

Ich atmete erleichtert aus, als ich nach sieben erbarmungslosen Stunden und noch schrecklicheren Pausen endlich das Schulgelände verlassen konnte. Der gesamte Schultag stellte sich rückblickend als ein totaler Reinfall heraus. Den Test in Mathe hatte ich tatsächlich verhauen. Es ist zwar keine fünf geworden wie ich vermutet hatte, aber dank der vier musste ich nun im nächsten Test mindestens eine zwei schreiben, um mir nicht die Note zu versauen.
Das war aber nicht das einzige, was hätte anders laufen sollen. Eigentlich hatte ich vorgehabt heute mit Krissy zu sprechen, wegen allem, was gestern geschehen war, aber meine Freundin war nicht aufgetaucht.
Ich hatte es ja schon vermutet, aber irgendetwas stimmte da nicht. Sie war nicht einfach nur nicht da, soviel stand fest. Wenn Krissy fehlte, merkte man erst, wie desinteressiert unsere Klasse eigentlich war. Die meisten interessierten sich mehr für ihre Nägel oder einen angeblichen Pickel, den sie mit theatralischer Dramatik im Unterricht mit ihrem Makeup überpinselten. Andere sahen gelangweilt aus dem Fenster und hielten nach Jungs Ausschau – ich wiederhole es gerne noch einmal: ich besuche eine reine Mädchenschule!
Aber zurück zu Krissy! Ich hatte meine Physiklehrerin mal auf sie angesprochen, daraufhin hatte die gute Mrs Farmer schwer geseufzt und ihren massigen Körper dann auf den zierlichen Lehrerstuhl zurück plumpsen lassen. Das war der Moment gewesen, in dem mir klar geworden war, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zuging. Mehr hatte ich leider nicht mehr raus finden können.

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