Kapitel 3

Zeitquälerei

Auf der Autofahrt sprach keiner mehr ein Wort. Ich hatte vorne neben Gabe Platz genommen und musterte Krissy durch den Rückspiegel sehr genau. Zumindest anfangs, denn außer zu lächeln, tat sie auf der gesamten Fahrt rein gar nichts.
Einerseits war diese Tatsache irgendwie gruselig und andererseits hatte ich viel besseres zu tun, als mich über die Grimassen anderer aufzuregen. Ich sollte lieber darüber nachdenken, wie all das zusammenpasste.
Das wiederum war leichter gesagt, als getan, denn ich sah nirgends einen Zusammenhang. Irgendwo musste es doch aber einen geben, sonst wüsste Krissy nichts mit Simikolon anzufangen oder sie würde dort einfach gar nicht erst hingebracht werden!
Je länger ich darüber nachdachte, desto merkwürdiger kam mir die Situation vor. Ich meine, wie wahrscheinlich war es bitte, dass ausgerechnet Krissy, die Freundin der Schwester eines Mitgliedes, ausgewählt wurde, um…
In diesem Moment fiel es mir auf. Um was eigentlich? Ging es hier um diese komische Zeitreisegeschichte oder irgendetwas anderes, von dem ich noch weniger Ahnung hatte? Wie viel wusste ich überhaupt? Anders gefragt: Wie viel wurde mir verschwiegen? Wofür war die ganze Organisation denn eigentlich da? War es so eine Art Spionageteam oder vielleicht der Treffpunkt von hochbegabten Mathematikern und Technikgenies, die an einem Weltverbesserungsplan tüftelten?
Noch ehe ich meinen Gedanken beenden konnte, kamen wir bei mir zuhause an. Gabe bat Krissy kurz im Auto zu warten, während er mich zur Tür brächte, um Oma zu begrüßen. Keiner von uns beiden machte sich die Mühe, die andere zu verabschieden. Ich stieg aus und sie blieb sitzen. Alles andere hätte mich auch gewundert.

„Gabe, mit dir habe ich heute gar nicht gerechnet!“, lächelte Oma erfreut. Ihre gute Laune hielt leider nicht länger als ein paar wenige Sekunden, denn auch sie spürte, dass etwas nicht stimmte: „Was ist denn los? Du siehst tot unglücklich aus.“
Gabriel verzog entschuldigend das Gesicht. Mit einem eindeutigen Blick auf mich machte er uns klar, dass er nicht sprechen würde, solange ich anwesend war. Ich starrte erst ihn ungläubig an, dann Oma, doch beide pressten unauffällig die Lippen aufeinander und gaben mir somit unmissverständlich zu verstehen, fehl am Platz zu sein.
„Ich muss noch Hausaufgaben machen“, faselte ich trocken, bevor ich in mein Zimmer stapfte und die Tür ein wenig zu laut hinter mir schloss. Anschließend schmiss ich meinen Rucksack samt dem Schulzeug quer durch den halben Raum. Er landete polternd in seiner angestammten Nische zwischen Schreibtisch und Schrank.
Einen Moment blieb ich wie angewurzelt stehen. Durch die dünnen Wände um mich herum konnte ich deutlich hören, wie sich Schritte entfernten. Dann wurde die Wohnzimmertür geschlossen und ich befand mich mit einem Mal in einem gewaltigen Zwiespalt. Sollte ich die ganze Sache einfach auf sich beruhen lassen oder lieber meiner Neugierde nachgeben?
Um mich zu entscheiden, brauchte ich knappe drei Sekunden, in denen ich allerdings schon mal lautlos aus meinem Zimmer über den Flur schlich. Vor der Wohnzimmertür blieb ich stehen, um ein Ohr daran zu halten, doch das war gar nicht mehr nötig.
Oma sprach ungewöhnlicherweise so laut, dass ich sie sogar durch die Tür hindurch mühelos verstehen konnte: „Toni ist tot?“ „Es tut mir schrecklich leid!“, bei diesen Worten klang Gabe so unendlich elend, dass ich ihn am liebsten fest in den Arm genommen hätte, „Ich hätte es verhindern müssen, aber ich konnte nur an sie denken.“
„Dann war es so vorgesehen“, meinte Oma mit einem Stimme, die genauso gut zu jedem anderen Menschen dieser Welt hätte gehören können, so tonlos wie sie war. Gabe klang nicht besser: „Was tun wir jetzt, um das alles zu verhindern?“
„Wir tun gar nichts. Nur sie kann etwas tun, das weißt du!“, meinte Oma streng.
„Aber das geht nicht!“
„Gabe, ich vertraue darauf, was mir meine…“
„Aber Alex hat das magische Zeitreiseartefakt gar nicht!“
„Was? Aber so war es doch vorgesehen! Wer soll es denn stattdessen bekommen?“
„Krissy“
„Sie? Ausgerechnet… das kann doch kein Zufall sein!“
„Egal ob es beabsichtigt war oder nicht, wir können es nicht ändern! Wenn unsere einzige Chance dieser Fall ist – einer, der nicht eintreten kann – dann haben wir jetzt schon verloren.“
„Haben wir nicht! Aber trotzdem müssen wir einige Vorkehrungen treffen.“
Hinter der Tür hörte ich wieder Schritte. Vor Schreck taumelte ich rückwärts, bis ich mit dem Hintern gegen die Truhe stieß, die direkt neben der Tür zu meinem Zimmer stand. Ich konnte nicht mal mehr über den spontanen Einfall, mich darin zu verstecken, nachdenken, so schnell ging die Wohnzimmertür auf.
Weder Gabe noch Oma schienen mich wirklich zu registrieren. Die beiden schlichen gedankenverloren, mit hängenden Köpfen und traurigen Gesichtern durch den Flur, griffen nach ihren Jacken und traten an die Tür. Gabe drückte die Klinke nach unter, aber bevor er hinaustrat, sah er sich doch noch einmal um.
Er hatte mich eben doch bemerkt – hätte mich ehrlich gesagt auch gewundert, wenn nicht, denn ich stand genau gegenüber von der Eingangstür zu Wohnung. Einen Moment lang schaute er mich nur an, bis er schließlich einen Entschluss fasste. Dieser bestand darin, mich fest an sich zu drücken, wie ein Kleinkind seinen heißgeliebten Lieblingsteddy.
Oma stieg in die Umarmung mit ein. Die beiden hielten mich so fest, dass ich bald keine Luft mehr bekam. Schwer atmend konnte ich mich schließlich aus ihren Armen kämpfen: „Ehe ihr mich erwürgt, würde ich jetzt gerne etwas trinken und dann… ja, dann mache ich Hausaufgaben.“

Kaum hatte sich die Tür geschlossen, war ich auf direktem Wege ins Wohnzimmer gegangen, von wo aus man die Straße sehen konnte. Um genau diese ging es mir auch. Ich beobachtete wie Gabe in sein Auto stieg, wo zweifelsfrei Krissy auf ihn wartete. Dann wurde der Motor gestartet. Auf dem Bürgersteig konnte ich Oma davoneilen sehen.
Da war etwas gewaltig faul, das konnte ich förmlich riechen. In dem Gespräch eben – ging es da um mich? Was war bitte ein magisches Zeitreiseartefakt? Inwiefern hing das alles zusammen mit dem Tod von diesem anderen „Zeitreisenden“? Welche Rolle Krissy hier einnahm, war mir noch immer nicht bewusst, ebenso wenig wie der Zusammenhang zu Simikolon…
Ich hatte mal wieder zwei Optionen. Entweder ich entschloss mich dazu, keine weiteren Nachforschungen anzustellen, weil es zurzeit eh hoffnungslos aussah oder ich hing mich ab jetzt richtig in das alles rein. Zumindest bis ich näheres herausgefunden hätte.
Wie meine Entscheidung ausfiel, war vermutlich klar. Ich griff nach Zettel und Stift und schrieb alles auf, was mir aus dem Dialog von eben wichtig erschien. Ich kannte einen Ort, an dem es bestimmt einige grobe Antworten auf meine unzähligen Fragen gab. Die Bibliothek!
Ich hatte schon meinen Rucksack auf den Rücken geschnallt, als auf einmal das Telefon klingelte. Es lag auf der Truhe im Flur, direkt neben mir. Ich nahm ab.

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