Neugierde

Kapitel 2, Zeitquälerei

Auf der Autofahrt sprach keiner mehr ein Wort. Ich hatte vorne neben Gabe Platz genommen und musterte Krissy durch den Rückspiegel sehr genau. Zumindest anfangs, denn außer zu lächeln, tat sie auf der gesamten Fahrt rein gar nichts.
Einerseits war diese Tatsache irgendwie gruselig und andererseits hatte ich viel besseres zu tun, als mich über die Grimassen anderer aufzuregen. Ich sollte lieber darüber nachdenken, wie all das zusammenpasste.
Das wiederum war leichter gesagt, als getan, denn ich sah nirgends einen Zusammenhang. Irgendwo musste es doch aber einen geben, sonst wüsste Krissy nichts mit Simikolon anzufangen wissen oder sie würde dort einfach gar nicht erst hingebracht werden!
Je länger ich darüber nachdachte, desto merkwürdiger kam mir die Situation vor. Ich meine, wie wahrscheinlich war es bitte, dass ausgerechnet Krissy, die Freundin der Schwester eines Mitgliedes, ausgewählt wurde, um…
In diesem Moment fiel es mir auf. Um was eigentlich? Ging es hier um diese komische Zeitreisegeschichte oder irgendetwas anderes, von dem ich noch weniger Ahnung hatte? Wie viel wusste ich überhaupt? Anders gefragt: Wie viel wurde mir verschwiegen? Wofür war die ganze Organisation denn eigentlich da? War es so eine Art Spionageteam oder vielleicht der Treffpunkt von hochbegabten Mathematikern und Technikgenies, die an einem Weltverbesserungsplan tüftelten?
Noch ehe ich meinen Gedanken beenden konnte, kamen wir bei mir zuhause an. Gabe bat Krissy kurz im Auto zu warten, während er mich zur Tür brächte, um Oma zu begrüßen. Keiner von uns beiden machte sich die Mühe, die andere zu verabschieden. Ich stieg aus und sie blieb sitzen. Alles andere hätte mich auch gewundert.

„Gabe, mit dir habe ich heute gar nicht gerechnet!“, lächelte Oma erfreut. Ihre gute Laune hielt leider nicht länger als ein paar wenige Sekunden, denn auch sie spürte, dass etwas nicht stimmte: „Was ist denn los? Du siehst tot unglücklich aus.“
Gabriel verzog entschuldigend das Gesicht. Mit einem eindeutigen Blick auf mich machte er uns klar, dass er nicht sprechen würde, solange ich anwesend war. Ich starrte erst ihn ungläubig an, dann Oma, doch beide pressten auffällig die Lippen aufeinander und gaben mir somit unmissverständlich zu verstehen, fehl am Platz zu sein.
„Ich muss noch Hausaufgaben machen“, faselte ich trocken, bevor ich in mein Zimmer stapfte und die Tür ein wenig zu laut hinter mir schloss. Anschließend schmiss ich meinen Rucksack samt dem Schulzeug quer durch den halben Raum. Er landete polternd in seiner angestammten Nische zwischen Schreibtisch und Schrank.
Einen Moment blieb ich wie angewurzelt stehen. Durch die dünnen Wände um mich herum konnte ich deutlich hören, wie sich Schritte entfernten. Dann wurde die Wohnzimmertür geschlossen und ich befand mich mit einem Mal in einem gewaltigen Zwiespalt. Sollte ich die ganze Sache einfach auf sich beruhen lassen oder lieber meiner Neugierde nachgeben?
Um mich zu entscheiden, brauchte ich knappe drei Sekunden, in denen ich allerdings schon mal lautlos aus meinem Zimmer über den Flur schlich. Vor der Wohnzimmertür blieb ich stehen, um ein Ohr daran zu halten, doch das war gar nicht mehr nötig.
Oma sprach ungewöhnlicherweise so laut, dass ich sie sogar durch die Tür hindurch mühelos verstehen konnte: „Toni ist tot?“ „Es tut mir schrecklich leid!“, bei diesen Worten klang Gabe so unendlich elend, dass ich ihn am liebsten fest in den Arm genommen hätte, „Ich hätte es verhindern müssen, aber ich konnte nur an sie denken.“
„Dann war es so vorgesehen“, meinte Oma mit einem Stimme, die genauso gut zu jedem anderen Menschen dieser Welt hätte gehören können, so tonlos wie sie war. Gabe klang nicht besser: „Was tun wir jetzt, um das alles zu verhindern?“
„Wir tun gar nichts. Nur sie kann etwas tun, das weißt du!“, meinte Oma streng.
„Aber das geht nicht!“
„Gabe, ich vertraue darauf, was mir meine…“
„Aber Alex hat das magische Zeitreiseartefakt gar nicht!“
„Was? Aber so war es doch vorgesehen! Wer soll es denn stattdessen bekommen?“
„Krissy“
„Sie? Ausgerechnet… das kann doch kein Zufall sein!“
„Egal ob es beabsichtigt war oder nicht, wir können es nicht ändern! Wenn unsere einzige Chance dieser Fall ist – einer, der nicht eintreten kann – dann haben wir jetzt schon verloren.“
„Haben wir nicht! Aber trotzdem müssen wir einige Vorkehrungen treffen.“
Hinter der Tür hörte ich wieder Schritte. Vor Schreck taumelte ich rückwärts, bis ich mit dem Hintern gegen die Truhe stieß, die direkt neben der Tür zu meinem Zimmer stand. Ich konnte nicht mal mehr über den spontanen Einfall, mich darin zu verstecken, nachdenken, so schnell ging die Wohnzimmertür auf.
Weder Gabe noch Oma schienen mich wirklich zu registrieren. Die beiden schlichen gedankenverloren, mit hängenden Köpfen und traurigen Gesichtern durch den Flur, griffen nach ihren Jacken und traten an die Tür. Gabe drückte die Klinke nach unter, aber bevor er hinaustrat, sah er sich doch noch einmal um.
Er hatte mich eben doch bemerkt – hätte mich ehrlich gesagt auch gewundert, wenn nicht, denn ich stand genau gegenüber von der Eingangstür zu Wohnung. Einen Moment lang schaute er mich nur an, bis er schließlich einen Entschluss fasste. Dieser bestand darin, mich fest an sich zu drücken, wie ein Kleinkind seinen heißgeliebten Lieblingsteddy.
Oma stieg in die Umarmung mit ein. Die beiden hielten mich so fest, dass ich bald keine Luft mehr bekam. Schwer atmend konnte ich mich schließlich aus ihren Armen kämpfen: „Ehe ihr mich erwürgt, würde ich jetzt gerne etwas trinken und dann… ja, dann mache ich Hausaufgaben.“
Kaum hatte sich die Tür geschlossen, war ich auf direktem Wege ins Wohnzimmer gegangen, von wo aus man die Straße sehen konnte. Um genau diese ging es mir auch. Ich beobachtete wie Gabe in sein Auto stieg, wo zweifelsfrei Krissy auf ihn wartete. Dann wurde der Motor gestartet. Auf dem Bürgersteig konnte ich Oma davoneilen sehen.
Da war etwas gewaltig faul, das konnte ich förmlich riechen. In dem Gespräch eben – ging es da wirklich um mich? Was war bitte ein magisches Zeitreiseartefakt? Inwiefern hing das alles zusammen mit dem Tod von diesem anderen „Zeitreisenden“? Welche Rolle Krissy hier einnahm, war mir noch immer nicht bewusst, ebenso wenig wie der Zusammenhang zu Simikolon…
Ich hatte mal wieder zwei Optionen. Entweder ich entschloss mich dazu, keine weiteren Nachforschungen anzustellen, weil es zurzeit eh hoffnungslos aussah oder ich hing mich ab jetzt richtig in das alles rein. Zumindest bis ich näheres herausgefunden hätte.
Wie meine Entscheidung ausfiel, war vermutlich klar. Ich griff nach Zettel und Stift und schrieb alles auf, was mir aus dem Dialog von eben wichtig erschien. Ich kannte einen Ort, an dem es bestimmt einige grobe Antworten auf meine unzähligen Fragen gab. Die Bibliothek!
Ich hatte schon meinen Rucksack auf den Rücken geschnallt, als auf einmal das Telefon klingelte. Es lag auf der Truhe im Flur, direkt neben mir. Ich nahm ab.
Die Nummer auf dem Display kannte ich schon mal nicht. Auch die Stimme am anderen Ende der Leitung hatte ich noch nie zuvor gehört. Scheinbar war der Anrufer ein Mann mittleren Alters. Ich kam gar nicht zu Wort, denn er sprudelte sofort los.
„Gerda, weil Gabe noch nicht hier ist, nehme ich stark an, dass du schon davon gehört hast. Es tut mir leid! Ich hätte es dir eher erzählt, aber es war so viel los und außerdem… Gerda?“, zum ersten Mal seit er begonnen hatte zu sprechen, holte der Mann Luft und machte eine Pause.
Ich war etwas skeptisch, denn mein Bauch sagte mir, dass der Typ auch mit dazu gehörte. In meinem Kopf flackerte für eine Sekunde die Idee auf, mich als meine Oma auszugeben, aber ich wusste genau, dass das niemals funktionieren würde. Also nannte ich einfach meinen richtigen Namen: „Nein, Gerda ist meine Oma. Mein Name ist Alex. Wer spricht da?“
„Alex?!“, für einen Moment klang der Mann heiser, doch nur für einen winzigen Augenblick, „Ich habe schon viel von dir gehört. Freut mich, dich am Telefon zu haben, aber könntest du Gerda bitte ausrichten, dass ich angerufen habe?“ Er hatte schon von mir gehört? Was sollte das denn bedeuten?
Ich zögerte kurz: „Klar, wenn sie mir verraten wie sie heißen.“ Am anderen Ende der Leitung war ein leises hüsteln zu vernehmen. „Was bitte?“, fragte ich, doch da ertönte auch schon der Gespräch-Beendet-Ton. Gereizt schmiss ich das Telefon auf das Sofa. Was war heute nur los? Wollten mich alle veralbern? Nach dem Motto: Wir wissen Bescheid und du nicht?!

Als ich endlich in der Bibliothek angekommen war, hatte sich mein Gefühlszustand nur geringfügig verbessert. Ich musste unbedingt einen Hinweis finden, sonst würde ich weiterhin ratlos im Dunkeln tappen, während um mich herum immer mehr Leute in die Sache verwickelt wurden. Vielleicht bildete ich mir letzteres auch nur ein, aber momentan erschien es mir eben so.
Die Bibliothekarin lächelte mir freundlich zu. Wieder einmal fiel mir auf, dass ich nach all den Jahren ihren Namen immer noch nicht in Erfahrung gebracht hatte. Heute nahm es jedoch nicht eine solch zentrale Rolle ein wie sonst immer. Jedes Mal nahm ich mir vor, sie beim Verlassen der Bibliothek danach zu fragen, aber ich hatte es bisher immer wieder vergessen.
Ich ging zielstrebig zu der Abteilung für Sachbücher. Ich kannte mich gut genug aus, um zu wissen, dass es hier zumindest ein Paar Bücher über die Zeit gab. Ich hatte mich bisher nur ein einziges Mal an so etwas getraut, es aber schnell wieder aufgegeben.
Als ich ein paar vielversprechende Werke ausfindig gemacht hatte, suchte ich mir einen freien Platz an einem der massiven Holztische. Ich entschied mich für einen vollkommen unbesetzten Ecktisch, der im Schatten zweier meterhohen Bücherregale stand. Auf der dunklen Tischplatte breitete ich meine Errungenschaften aus und ließ mich dann auf dem gepolsterten Eichenstuhl nieder, um mit meinen Recherchen zu beginnen.
Nach nur wenigen Stunden wurde mir bewusst, dass diese Art von Buch nicht zum Zeitvertreib geeignet war. Es kostete mich bereits eine halbe Stunde, um Textstellen herauszusuchen, in denen es um Zeitreisen oder zumindest um etwas ähnliches ging.
In drei der vier Bücher, die ich zu diesem Themenbereich gefunden hatte, wurde mir verklickert, dass Reisen durch die Zeit unmöglich seien, weil man dafür Geschwindigkeiten jenseits der Lichtgeschwindigkeit erreichen müsste. So fasste ich jedenfalls die endlos vielen Seiten Wissenschaftler-Geschreibsel zusammen, die mir aufgetischt worden.
In dem letzten Buch jedoch, war durchaus etwas konkreteres dazu zu finden. Es war die Rede von Menschen, die behaupteten aus der Zukunft zu stammen. Durch hochmoderne Technologien sollte es ihnen möglich gewesen sein werden (ob es in der Zukunft einen Namen für diese Zeitform geben werden wird), die Grenzen der Zeit hinter sich zu lassen und in die Vergangenheit zu reisen. Anfangs hielt ich es für vielversprechend, doch spätestens als Berichte über Aliens auftauchten, die im fünften Weltkrieg auf Seiten der bisherigen Verlieren kämpften und ihnen zum glorreichen Sieg und der Weltherrschaft verhalfen, entschloss ich mich, dieses Buch als zuverlässige Quelle zu streichen.

Nach insgesamt sieben Stunden – nach der Pleite mit den Sachbüchern hatte ich mir so ziemlich jedes Fantasy Buch angesehen, in dem es um Zeitreisen ging, um dort die wichtigen Stellen herauszusuchen und durchzulesen – gab ich es auf. Die Bibliothek schloss sowieso in absehbarer Zeit und ich konnte weder die nötige Konzentration, noch weiteren Lesestoff auftreiben. Für heute musste ich meine Nachforschungen wohl oder übel unterbrechen.
Auf dem Weg zum Ausgang fiel mir auf, dass ich so ziemlich die einzige war. Der Rest der Bibliothek war vollkommen leer. Nur am Eingang saß noch die Bibliothekarin und tippte etwas in einen Rechner ein, der vor ihr stand. Zum Abschied wünschte ich ihr einen schönen Feierabend, doch statt etwas ähnliches zu erwidern, räusperte sie sich nur und winkte mich unauffällig zu sich.
Leicht verwirrt trat ich näher. Sie schloss ein Fenster auf dem Bildschirm und erhob sich hinter dem Tresen in meine Richtung. „Ich habe gesehen, welche Bücher heute dein Interesse geweckt haben“, meinte sie freundlich, sah sich unauffällig um und griff dann unter ihren Schreibtisch, „Wenn du mich fragst, findest du deine Antworten aber eher nicht zwischen Teenager-Romanzen und wissenschaftlichen Texten, sonder eher hier drin.“
Die Bibliothekarin schob mir einen Karton über den Tresen. Sie nickte in Richtung Deckel, also hob ich ihn an. In dem Karton lagen zwei Bücher, die unverhältnismäßig alt aussahen. Ich hatte eine Vermutung, woher sie stammten, denn so etwas fand man nicht im öffentlich zugänglichen Bereich. Es musste aus einer der verschlossenen Abteilungen kommen.
Verwundert blinzelte ich die ältere Dame an. Beim Lächeln bildeten sich kleine Lachfältchen um ihre Augen hinter dem goldenen Brillengestell: „Pass gut auf die Bücher auf. Am besten versteckst du sie irgendwo in Sicherheit, nachdem du dir einen groben Überblick verschafft hast.“
„Heißt das, ich soll die Bücher behalten?“, stammelte ich, „Und woher wussten sie eigentlich, nach welchen Themen ich die Regale durchforste? Sie saßen doch die ganze Zeit hier?!“ Einen Moment lang dachte ich an Kameras, aber in all den Jahren hatte ich noch nie etwas dergleichen gesehen, deshalb…
„Sagen wir einfach, dass ich eine Vorahnung hatte, Alexandria“, sie zwinkerte mir zu. Ehe ich noch eine Frage stellen konnte, redete sie weiter. Diesmal lag eine gewisse Dringlichkeit in ihrer Stimme: „Die zwei Bücher werden dir für den Anfang helfen, aber du wirst noch nicht allzu viel verstehen. Deswegen ist es wichtig, dass du sie so bald es geht in das sicherste Versteck bringst, das dir einfällt. Am besten etwas zeitloses, wenn du verstehst, was ich meine.“
Ich sah sie noch immer verwirrt an. Gehörte sie womöglich auch dazu? Noch eine Person, die offensichtlich mehr wusste, als sie zugab! Aber wieso denn ausgerechnet die Bibliothekarin? Wie lange wusste sie schon davon? Wovon war denn hier genau die Rede? Wieso überließ sie mir zwei uralte Bücher, die ich nach dem ersten Lesen verstecken sollte?
„Die Bibliothek schließt jetzt. Du solltest gehen.“, zum Abschied drückte mir die Frau den Karton unter den Arm und schob mich sanft zur Tür. Davor blieb ich für einen kurzen Moment stehen. Dann drehte ich mich noch einmal um und wollte gerade eine Frage formulieren, aber sie war einfach verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt!
Das gab es doch nicht! Sie wusste Bescheid, so wie fast jeder in meinem Umfeld! Ich hatte sie jahrelang für eine nette, ältere Frau hinter einem breiten Holztisch gehalten, sie damit jedoch furchtbar unterschätzt. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht wer sie war oder warum sie es war – es war ein Mysterium, wie ich es in der nächsten Zeit noch öfter erleben sollte…

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