Kapitel 2

Zeitquälerei

Lies hier Kapitel 2 von Zeitquälerei.

Unmittelbar nach dem erneuten Pausenklingeln, welches für mich konkret Schulschluss bedeutete, wollte ich nichts weiter als hier verschwinden. Ich hasste unangekündigte Tests! Sie kamen immer genau an den Tagen, an denen man es überhaupt nicht gebrauchen konnte und heute war ganz eindeutig so ein Tag.
Dazu kam, dass ich normalerweise vor jeder Mathematikstunde noch einmal wiederholte, was wir in den letzten Stunden gemacht hatten, denn würde ich das nicht tun, würde ich nur noch weniger verstehen, als ich es ohnehin schon tat. Natürlich hatte ich das genau heute mal weggelassen und stattdessen die Pausen damit zugebracht, mich über das miese Wetter zu beklagen.
Als wir dann nach der Hofpause unseren Klassenraum betraten, lagen auf den Bänken bereits die Aufgabenblätter, ganz so, als hätte unser Mathelehrer gewusst, dass genau heute der schlechteste Zeitpunkt überhaupt war, einen Test einzuschieben. Generell schienen die meisten Lehrer für solche Dinge ein außerordentliches Talent zu haben!

Obwohl ich nach sieben Schulstunden und dieser Horrorhofpause eigentlich keine Nerven mehr dafür hatte, bestand Krissy darauf, mich nach Hause zu begleiten. Bitte nicht falsch verstehen! Begleiten, hieß für sie stumm neben mir herzulaufen und mich mit bösen Blicken zu strafen, sollte ich auch nur darüber nachdenken, etwas zu sagen.
Dementsprechend liefen auch die ersten zehn Minuten ab. Schweigend folgten wir der Hauptstraße vor der Schule, bis wir schließlich in ein Netz aus kleineren Seitenstraßen abbogen, in dem man sich sogar problemlos verlaufen konnte, wenn es sich seit sieben Jahren um seinen eigenen Schulweg handelte.
Ich nutze die Gunst der Stunde, um weiter nachzudenken. Es gab da nämlich so ein Thema, das mich seit circa einer Woche einfach nicht mehr loslassen wollte. Es ging um meinen Geburtstag, der in zwei Tagen stattfinden würde…
Unter normalen Umständen hielt ich von diesem einen Tag im Jahr ja eher weniger, aber dieses mal war es anders. Trotz dem sie mich nicht kannte, hatte mir meine Mutter nämlich etwas vererbt, jedoch die Bedingung gestellt, ich müsste 17 Jahre alt sein, um es zu bekommen. Ich war wirklich gespannt, was es sein würde, denn ich hatte natürlich nicht den blassesten Schimmer, um was es sich dabei handeln könnte.
Während ich so nachdachte, liefen wir eine ziemlich ruhige Straße entlang. Autos fuhren hier ziemlich selten vorbei. Höchstens mal eins, dessen Fahrer nicht aus der Stadt kam und sich verfahren hatte. Deshalb rechnete ich auch überhaupt nicht damit, dass es hinter mir hupte.
Vor Schreck wäre ich beinahe über einen im Weg liegenden Ast gestolpert, hielt mich im letzten Moment aber an Krissys Arm fest. Mit einem spitzen Räuspern machte sie mir nur eine Sekunde später begreiflich, das ich sie nicht einfach so anpacken sollte. Diesmal ließen mich meine Augen nicht im Stich, sodass ich sie genervt verdrehen konnte: „Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Das nächste mal werde ich auf den Boden fallen wie ein Stein. Was habe ich mir hierbei nur gedacht!?“
Aus wirklich unerfindlichen Gründen erwiderte Krissy nichts. Sie starrte nur an mir vorbei, einige Meter die Straße zurück. Von dort drang nun das Geräusch einer schließenden Autotür zu uns herüber. Von einer plötzlichen Neugier gepackt drehte ich mich um und da stand…
„Gabe, das ist ja eine schöne Überraschung!“, strahlte Krissy, „Wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“ Mir lag schon ein fieser Kommentar auf den Lippen – ihr letztes Treffen war vor vier Tagen gewesen – doch die Worte blieben mir im Hals stecken, als ich meinen Bruder näher betrachtete.
Mit hängenden Schultern und fehlender Körperspannung trottete Gabe langsam auf uns zu. Er wirkte sehr niedergeschlagen, müde und trostlos. Etwas musste passiert sein! Sonst war mein Bruder gar nicht so! Er gehörte für gewöhnlich zu den Personen, die immer genau das richtige taten. Sie lächelten an den richtigen Stellen, zeigten in schweren Zeiten ihr Mitgefühl und waren die klischeehafte, starke Schulter zum ausweinen.
Auf jeden Fall behielt Gabe immer die Kontrolle. Seine Schwächen und Ängste zeigte er nur, wenn er es auch wirklich wollte. Dann und heute!
Auch wenn ich nicht sah, was genau er dachte, wusste ich doch, dass etwas nicht stimmte. Was konnte passiert sein? Sogar Krissy merkte deutlich, wie merkwürdig sich mein Bruder verhielt. Noch bevor er uns überhaupt erreicht hatte, fragte sie laut: „Ist alles in Ordnung? Du siehst so traurig aus.“
Traurig? Pah! Das war ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts! Ich würde eher sagen, am Boden zerstört, am Ende, fertig mit der Welt…
„Nichts ist in Ordnung! Es ist soweit! Alles wird so kommen, wie es prophezeit wurde… ich muss zu Oma, aber Simikolon… “, antwortete Gabe zunächst mit ungewohnt brüchiger Stimme, doch dann schien er sich wieder halbwegs zu fassen, „Alex, ich fahre dich nach Hause zu Oma. Dann bringe ich Krissy zu Simikolon!“
„Zu Simikolon?“, entfuhr es mir und Krissy wie aus einem Munde. In meiner Stimme lag das pure Entsetzen, während in ihrer ein seltsamer Unterton Platz nahm. War das etwa Triumph? Moment, aber meine Freundin wusste doch gar nichts von der geheimen Organisation! Sie konnte es nicht wissen, denn ich hatte ihr niemals davon erzählt und das Gabe es getan haben sollte, konnte ich auch mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. Woher wusste sie also, was oder wer Simikolon war?
Meinem Bruder fiel das ganze gar nicht erst auf. Er starrte nur Abwesend auf den Bürgersteig, bevor er kurz den Kopf schüttelte und zurück zum Auto schlurfte. „Lasst uns fahren“, stieß er rau und kratzig hervor.
Bei diesem Anblick und dem Klang seiner Stimme brach mir fast das Herz. Noch schlimmer als das war jedoch das Gefühl der Hilflosigkeit, das mich auf einmal überkam. Da ich nicht wusste, was Gabe so zusetzte, konnte ich ihm auch nicht helfen. Sollte ich ihn womöglich ansprechen oder würde es ein Problem für ihn werden, darüber zu reden?
Während ich noch so nachdachte, warf ich zweimal kurze Blicke auf Krissy. Beide Male hatte sie ein dickes Grinsen auf dem Gesicht, so als wüsste sie etwas, von dem ich nichts wusste. Die Abteilung meines Hirn, welche für die Prioritätensetzung zuständig war, teilte sich in zwei Hälften. Die eine wollte unbedingt in Erfahrung bringen, was in Krissys hübschen Kopf vorging, die andere etwas finden, womit ich Gabriel etwas aufmuntern konnte.
Am Auto angekommen hielt Gabe die Tür zum Rücksitz für Krissy auf und schloss sie wieder, als meine Freundin in den Wagen gestiegen war. Nun stand er direkt vor mir. Für einen Moment ließ er mich hinter die Fassade blicken, wurde noch um ein vielfaches unglücklicher und in seine Augen traten Tränen.
Wenn mein Herz bis zu diesem Augenblick noch heil gewesen war, dann zerbrach es mir in dieser Sekunde zu nichts weiter als feinstem Staub. Am liebsten hätte ich mit ihm geweint, als ich fragte: „Was ist passiert?“
„Es geht um… meine Zeitreisen und… Toni… er ist…“, immer wieder musste Gabriel sich selbst unterbrechen, „…Toni ist… er ist… tot!“ Mit einem Mal wurde sein Atem flacher, die Augen glasig. Scheinbar hatte er es zum ersten Mal laut ausgesprochen.
„Und ich habe nichts getan, um es zu verhindern!“

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