Ist Weihnachten wirklich magisch?

24. Türchen, Weihnachtskalender

Luna öffnet die Augen. Heute ist sie nicht so verschlafen wie sonst. Nein, sie ist sofort hellwach. Aufgeregt schmeißt sie die Decke zurück und rennt ans Fenster. Wie sie es sich gewünscht hat. Schnee! Luna rennt ins Bad und macht sich fertig. Strahlend rennt sie in die Eingangshalle. Um diese Zeit ist eigentlich immer jemand an der Rezeption. So wie heute. Die Frau heißt Paula. Sie ist an den meistens Samstagen da. Luna unterhält sich dann immer mit ihr. In letzter Zeit natürlich immer über ihre neue Pflegefamilie, die sie heute abholen will. „Na?“, fragt Paula, „Freust du dich schon auf dein neues Zuhause?“ Luna nickt: „Ich habe auch schon alles gepackt!“ Paula möchte gerade grinsend etwas erwidern, da klingelt das Telefon. „Entschuldige mich kurz. Ich muss da rann gehen!“ Luna nickt wieder. Sie setzt sich auf einen der Stühle und lauscht. Wer da wohl am Apparat ist? „Ach, sie sind es!“, sagt Paula und lächelt Luna an. „Ja, die ist hier! Sie freut sich schon so sehr auf sie… Was?“ Paulas Augen weiten sich. „Aber, dass können sie nicht tun! Es ist doch Weihnachten! Das dürfen sie ihr nicht antun und schon gar nicht wegen solch einem Grund! Hallo? Sind sie noch dran?“ Paula legt den Hörer weg. „Wer war das?“, fragt Luna neugierig. Stotternd sagt Paula: „Das war deine neue Pflegefamilie. Ich weiß nicht wie ich es dir sagen soll, aber es ist wohl doch nicht mehr deine Pflegefamilie…“ Luna steht geschockt auf. „Das ist doch jetzt ein Witz!“ Als Paula traurig ihren Kopf schüttelt, rollen Luna die tränen über ihre Wangen. „Und warum wollen sie mich nicht mehr?“, fragt Luna. Sie starrt auf den Boden. Paula will etwas sagen, aber sie bringt nichts über die Lippen. Luna schaut ihr jetzt direkt in die Augen. „Deine eigentliche neue Mutter ist Schwanger und sie wollen nur ein Kind…“ Luna hört nicht mehr weiter zu. Sie rennt zurück in ihr Zimmer. Knallend fällt die Tür hinter ihr zu. „So ein Mist!“, schreit Luna. Sie schließt die Tür ab. „Ich habe gedacht, dass es sich endlich ändert! Aber nein! Ich hocke jetzt also schon wieder zu Weihnachten hier! Genau wie die letzten 19 Jahre!“ Es klopft an der Tür. Die Mädchen der umliegenden Zimmer beschweren sich. Da kommt Paula angerannt. „Luna, bist du da drin?“ „Natürlich ist die da drin! Wer schreit denn sonst das ganze Haus zusammen?“, meckert Susi. Sie ist seid fünf Jahren hier und kann Luna weder heute noch in vergangenen Tagen gut leiden. Das liegt mit daran, dass Luna seit ihrer Geburt hier ist und damit am längsten in dem Kinderheim. Sie ist die älteste, benimmt sich aber manchmal wie die jüngste. „Geht bitte zurück in eure Zimmer und macht euch fertig.“ Die Mädchen gehen meckernd. Paula klopft an der Tür: „Luna?“ Luna macht auf. „Darf ich raus gehen?“ Im Kinderheim muss man immer erst fragen, ob man raus darf. Paula gibt den meisten die Erlaubnis, so auch Luna. Die schnappt sich ihre Winterstiefel und ihren Mantel und schlendert zum Tor. „Aber nur zwei Stunden!“, meint Paula.

Immer wenn Luna außerhalb der Mauer ist, fühlt sie sich frei. Es ist, als würde sie eine völlig neue Welt betreten. Luna geht über den noch lehren Marktplatz. Um diese Uhrzeit liegen die meisten noch kuschlich in ihrem Bett. Wahrscheinlich im Nebenzimmer der ebenfalls schlafenden Familie. Warum ist die Welt nur so? Naja, Luna hat noch nie wirklich gerne Weihnachten gefeiert… Dieses Jahr hat sich das auch nicht geändert. Wenn sie ehrlich war, hatte Luna das schon erwartet. „Ist Weihnachten überhaupt magisch?“, fragt sie sich laut. „Warum sollte es nicht magisch sein?“, fragt eine unbekannte Stimme, „Es zaubert ein Lächeln auf die Gesichter vieler Kinder. Heute ist Waffenstillstand in jedem Land, in dem es sonst Krieg gibt und man sieht die Familie wieder…“

Luna dreht sich um. Da steht ein Junge. Er ist ungefähr in ihrem alter und sieht, dass muss sich Luna eingestehen, wirklich nicht schlecht aus. Trotzdem erwidert sie traurig: „Man sieht die Familie nur wieder, wenn man eine hat! Oder kann jemand wie ich, der seit seiner Geburt vor 19 Jahren keine Familie hat, diese gerade zu Weihnachten treffen?“ Der Junge schweigt. Luna tut ihm leid. „Entschuldige, dass wusste ich nicht. Ich bin übrigens Jack. Wie heißt du?“ „Luna!“, meint Luna nur. Jack lächelt kurz. „Schöner Name…“ Luna schaut ihn etwas verwundert an. Er schaut erwartungsvoll zurück. Er möchte wissen, was sie denkt. „Die meisten“, fängt Luna an, „wollen nichts mit einem Waisenkind zu tun haben!“ Jack kommt näher: „Was für ein Glück, dass ich nicht jeder bin!“ Einen Moment lang überlegt er. Dann setzt Jack sich auf eine Bank. Luna setzt sich etwas schüchtern daneben.

Was ist nur mit ihr los? Sonst ist sie doch immer so taff und jetzt…? „Weißt du, ich war die letzten Jahre über am Nordpol! Erst wegen eines Austauschprogramms, dann wegen einer Studiumstelle… ich habe meine Familie sehr lange Zeit nicht gesehen… Weißt du, eine Familie hört dir zu, wenn es dir schlecht geht… einmal bin ich krank geworden. Ich hatte ganz fieses Heimweh! Ein Junge dort am Nordpol hat mir zugehört. Er wurde nicht nur zu meinem besten Freund, sondern auch zu einer Art Familie! Was ich dir sagen möchte ist, dass wenn du willst, jeder deine Familie sein kann!“ Luna staunt. Er hat recht… „Danke!“, sagt Luna und umarmt Jack. „Ich weiß nicht, aber willst du vielleicht mit deiner Familie ins Kinderheim kommen und dort mit mir, also uns feiern?“ Jack lacht und nickt. „Klar kommen wir! Gern!“ Die zwei verabschieden sich. Jack geht nach Hause zu seiner Familie. Und Luna? Die geht nachdem sie ein Geschenk besorgt hat auch nach Hause…

„Ende!“ Santa Klaus klappt das Buch zu, „Das war der letzte Eintrag im Kalenderbuch!“ Sein jüngster Sohn Santa Junior jammert. „Jetzt schon?“ Sein Vater nickt lachend und fährt sich durch den weisen Bart. „Das Kalenderbuch ist zu ende und die Bescherung beginnt!“

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