Irgendwelche letzten Worte?

Kapitel 15, Zeitquälerei

Ich steckte in dem himmelblauen Kleid und wünschte inständig, mich die nächsten Stunden über weiter im Spiegel anstarren zu dürfen. Die jüngere Jua hatte meine Maße genau getroffen und was Talitas jugendliches Geschick mit meinen Haaren anstellen konnte, rundete das Gesamtbild noch zusätzlich ab.

Um ehrlich zu sein, hatte ich ein wenig Bammel bekommen, als ich die breiten Röcke und die metallenen Gestelle gesehen hatte, die zu dem Outfit gehörten, aber jetzt, da ich das alles trug, fühlte es sich im Grunde sogar gut an. Störend waren nur die Scheußlichkeiten von Schuhen! Die Absätze hatten eine furchtbare Höhe und die Schnallen an den Spitzen sahen in meinen Augen mehr als albern aus.
„Du hast dich mal wieder selbst übertroffen, Jua!“, strahlte Maria, die in ihrem Kleid bezaubernd aussah und schlang anmutig die Arme um ihre Freundin. Noch wusste ich nicht, welche Ausstrahlung man im 17. Jahrhundert für gewöhnlich besaß, aber ich hatte keinen Zweifel daran, dass Maria diese voll und ganz verkörperte.
Ich selbst beobachtete durch den Spiegel das Geschehen und versuchte das von Minute zu Minute stärker werdende Zittern meiner Hände zu verstecken. Bis jetzt hatte niemand angedeutet, wir müssten uns beeilen und so bestand in mir dämlicherweise noch immer die Hoffnung, der Plan würde einfach ganz spontan über den Haufen geworfen werden.
Als hätte sie diesen Gedanken gehört – mal wieder! – tauchte Maria plötzlich hinter mir auf und zog mich vom Spiegel weg, um mich zu sich umzudrehen. „Mach dir nicht so viele Gedanken, Alex“, riet sie mir mit einem sanften Lächeln, „Alles wird gut! Du wirst sehen, dass so ein Ball weit weniger angsteinflößend ist, als du es dir jetzt vorstellst.“
Jua deutete auf eine Uhr mit schiefem Ziffernblatt: „Ihr müsst los!“ Damit sprach sie ganz genau die Worte aus, gegen die ich mich versucht hatte zu wappnen. Wie sich jetzt herausstellte, war jedoch all die Mühe und auch Marias kurze Ansprache an mich vollkommen umsonst gewesen, denn ich spürte dennoch, wie Panik in mir aufkeimte.
„Du bekommst das ganz sicher hin, Alex“, lächelte Talita umsichtig, nahm mich bei der Hand und zog mich noch einmal vor den Spiegel. Ich sah mir selbst entgegen, Talita einen Arm um meine Schultern gelegt. Von hinten näherten sich Maria und Jua. Die jüngere Version meiner Mutter schlang einen Arm um meine und den anderen um Juas Taille, um uns alle näher an sich zu ziehen.
In ihren Augen funkelte etwas, das das so ziemlich letzte Gefühl in mir wachrüttelte, das ich in dieser Situation erwartet hatte zu empfinden. Abenteuerlust! „Ladys, am heutigen Abend brechen wir so ziemlich jede Regel, die Simikolon je für Zeitreisende und Eingeweihte aufgestellt hat“, Maria grinste, „Irgendwelche letzten Worte?“

Das blaue Licht verebbte so schnell, wie es um mich herum aufgetaucht war. Leicht schwankend aber wenigstens noch auf den Beinen landete ich in einer stockdunklen Finsternis. Ehe ich in irgendeiner Weise verbal hierauf reagieren konnte, war auch schon das samtige Rascheln von Marias Kleid zu hören.
Sie ging ein paar wenige Schritte und nur Sekunden nachdem sie stehen geblieben war – all diese Angaben machte ich nur aufgrund von Geräuschen fest, denn ich konnte nicht mal meine eigene Nasenspitze erkennen – leuchtete knapp zwei Meter neben mir eine kleines Feuer auf. Fast hätte ich einen Schrei ausgestoßen, doch Maria drehte sich zu mir um und hielt mir eine hölzerne Fackel entgegen, damit ich sah, wo wir uns befanden.
„Herzlich willkommen im 17. Jahrhundert, liebste Alex“, meinte sie in feierlichem Tonfall, als wäre das hier etwas Gutes. Ganz sicher war ich mir in der Hinsicht noch nicht, aber ich versuchte mich dennoch an einem Lächeln. Überraschenderweise gelang es mir sogar, denn Maria nickte stolz und trat dann einen großen Schritt auf mich zu.
Ehe sie etwas sagen konnte, dachte ich die Frage, wo wir hier waren und sie verstand. So langsam wurde es wirklich unheimlich! „Ich nenne diesen Ort gerne den Raum der Zeit, aber eigentlich ist es nur eine ungenutzte Kammer im zweiten Stock. Eben der perfekte Ort für Zeitreisende, um unbemerkt aufzutauchen und wieder zu verschwinden.“
Diesmal nickte ich. Die ganze Sache war mir alles andere als geheuer, aber ich schluckte mein Unbehagen herunter und versuchte mich zu konzentrieren. Maria legte mir ihre freie Hand auf die Schultern. Mit einem leisen Räuspern sorgte sie dafür, dass ich sie ansah und nun lag so viel Ernst in ihrem Blick, dass ich schlucken musste.
„Auf diesem Ball bist du meine Schwester, der zum ersten Mal erlaubt wurde, mich auf einen Ball zu begleiten“, meinte sie eindringlich, „Unsere Eltern sind der Graf und die Gräfin von Nott, somit heiße ich Gräfin Maria und du Gräfin Alexandria von Nott. Hier kennen mich einige Personen und denen habe ich bereits von meiner Schwester erzählt. Nichts konkretes, aber sie wissen von ihrer beziehungsweise deiner Existenz.“
„Werde ich viel reden müssen?“, fragte ich ernsthaft in Sorge. Maria schüttelte beruhigend den Kopf: „Ich bin die ganze Zeit über bei dir, Schwesterherz!“ Sie lächelte. Ich zog meine Mundwinkel ebenfalls in die Höhe und hoffte inständig, dass es meine innere Anspannung nicht allzu sehr zur Schau stellte.
„Die Person, die ich dir vorstellen will, könnte unter Umständen ziemlich beschäftigt sein, aber glaube mir, wenn ich dir sage, dass es dich einen großen Schritt weiterbringen wird“, mit einem zuversichtlichen Lächeln zog Maria mich in Richtung Tür. Sie hängte die Fackel in einen entsprechenden Halter direkt daneben und sah mich mit dieser ganz besonderen Ausstrahlung an: „Bereit, Gräfin Alexandria von Nott?“
Für einen Rückzug war es jetzt wirklich viel zu spät, aber von „bereit“ konnte man wohl dennoch nicht sprechen. Alles was ich jedoch tun konnte, war einen Moment lang tief ein und im nächsten wieder aus zu atmen. Ich würde diesen Schritt aus der Kammer wagen: „Bringen wir es hinter uns, Gräfin Maria von Nott!“
Mit einem anerkennenden Nicken öffnete meine Fake-Schwester auch schon die Tür. Angenehm flackerndes Kerzenlicht flutete den bis dahin noch dunkeln Raum. Ehe ich mich jedoch genauer umsehen konnte, schob mich Maria auch schon in den langen, edlen Korridor, der sich vor der Tür erstreckte.
Der Boden war ausgelegt mit einem teuer wirkenden Teppich aus Brokat, während an den Wänden in regelmäßigen Abständen wunderhübsche Gemälde in goldenen Bilderrahmen hingen. Die Decke war viel höher, als es im 21. Jahrhundert üblich war und alles wirkte irgendwie unbezahlbar, aber auch elegant und altehrwürdig. Die richtigen Worte hierfür zu finden war schwer, aber lange Zeit um sie zu suchen hatte ich eh nicht.
Maria hakte sich bei mir unter und gemeinsam schritten wir den Korridor entlang. Im Gehen überprüfte ich meine Haltung und das aufgesetzte Lächeln. Außerdem versuchte ich nicht übermäßig auf die Scheußlichkeiten von Schuhen zu achten, die mich an einer so eleganten Fortbewegungsart hinderten, wie sie Maria ausführte.
„Bloß keine Panik!“, sagte sie noch, „Es sind zwar ein paar Leute hier, aber dem musst du keine Beachtung schenken.“ Gerade als sie geendet hatte, erreichten wir das Ende des Korridors und standen vor einer gewundenen Treppe aus Marmor. Sie führte mehrere Meter in die Tiefe und war voller Menschen in ulkigen Anzügen und pompösen Kleidern.
Wenn ich sagte, dass diese Treppe voller Menschen war, dann meinte ich eigentlich, dass die Treppe und auch der Raum unter uns auf mich wirkte, wie ein schrilles Meer aus Farben, teuren Stoffen, Parfümwolken und – wer hätte das gedacht – Wein.
Fast jeder hielt ein Glas mit einer dunkelroten Flüssigkeit darin in der Hand. Alles in allem erinnerte mich das ganze hier an eine Mischung an das Gedränge, das auf jedem Weihnachtsmarkt herrschte und dem ausverkauften Konzertsaal eines weltberühmten Rockstars.
„Ein paar Leute?“, ich musste mit meinem Gesicht ganz nah an Marias Ohr, damit sie mich bei dem Lärm des allgemeinen Geplänkels und des gekünstelten Lachens überhaupt verstehen konnte. Zur Antwort hob sie nur anmutig die Schultern, als sei das hier nichts besonderes und ehe ich Einspruch erheben konnte, zog sie mich mit sich auf die oberste Stufe der Treppe.
Meine Hand fest gepackt zog sie mich bestimmt durch die Masse nach unten. Manche Leute versuchten uns Platz zu machen. Diese ernteten von uns ein dankbares Lächeln, auch wenn die Blicke von denen nicht immer reine Höflichkeit ausdrückten. Es war erschreckend, aber anhand der Gesprächsfetzen ließ sich vermuten, dass all diese Gespräche ausschließlich einer Natur waren – flirten!
Ich hatte ehrlich gesagt damit gerechnet, dass es viel länger dauern würde, uns zwischen den angetrunkenen Herrschaften hindurch zu schlängeln, aber Maria beherrschte das erstaunlich gut, sodass wir nach höchstens fünf Minuten nicht nur die Treppe des Grauens hinter uns lassen konnten, sondern auch den Saal der lüsternen Blicke. Diese Leute standen offensichtlich aus einem guten Grund auf einer ebenen Fläche, denn meines Erachtens wäre es für jeden einzelnen von ihnen zu riskant, neben einem kunstvoll verzierten Geländer auf einer Treppe zu stehen. Meine Meinung!
„Keine Sorge! Nicht alle kommen her, um sich zu betrinken und miteinander anzubandeln“, versicherte mir Maria, während wir nun einem weiteren Korridor folgten, der zwar nicht leer war, aber wir nicht drängeln mussten, um einen Fuß vor den anderen setzen zu können. Er war außerdem noch eine Spur größer, als der im oberen Geschoss, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre.
An den Wänden hier hingen breite Wandteppiche, die Landschaften und teilweise sogar ganze Szenarien zeigten. Sie waren zwar anders als alles was ich kannte, hatten aber ihren ganz eigenen Charme.
Je weiter wir gingen, desto nüchterner wurden auch die Gäste. Ich brauchte nicht lange, um zu verstehen, woher das Wort Edel stammte, denn die Definition davon lief gerade live und in Farbe vor meinen Augen ab. Es wäre vielleicht übertrieben, wenn ich sagte, dass ein Teil meiner Anspannung gelöst wurde, aber ich fühlte mich auf jeden Fall nicht mehr so unsicher wie zu Anfang.
Naja, jedenfalls bis wir den Hauptsaal erreichten. Dieser Raum war riesig! Verglich man ihn mal mit unserer Aula in der Schule (dem größten Raum, der mir auf die Schnelle einfiel), wirkte die auf einmal wie eine enge Besenkammer.
Mit einem Schlag kehrte das Unwohlsein in mein Inneres zurück. Es waren mindestens zweihundert Leute in diesem Saal anwesend und in meinem Kopf spielten sich blitzartig tausend verschiedene Szenen ab, die alle damit endeten, dass all diese Menschen sich zu mir umsahen, weil ich aufgeflogen war. Schlimmer noch! Wenn rauskam, dass ich eigentlich einer ganz anderen Epoche entstammte, dann würde man auch Maria zur Rechenschaft ziehen.
Mehrere Gedanken dergleichen Art sammelten sich in meinem Hirn an und ich sah mich auf jede auch nur im entferntesten erdenklichen Weise scheitern. Was hatte ich mir auch hierbei gedacht? Ich hatte gerade mal ein Wochenende gehabt, um zu üben. Das hier konnte doch nur schief gehen!
„Alles klar bei dir?“, fragte Maria leise, wobei sie es fertig brachte, eine größere Gruppe Musiker zu übertönen, die mit ihren Instrumenten den tanzenden Paaren in der Mitte des Saales den Takt vorgab. Sie drückte aufmunternd meine Hand und zupfte an einer Locke, die Talita extra an meiner linken Schläfe platziert hatte.
Ich schluckte, konnte aber nichts sagen. Der Prunk und vor allem die Menschenmassen um mich herum, schüchterten mich ein. Am liebsten wäre ich hinter einem der mannshohen Blumentöpfen nahe den bodenlangen Fenstern in Sicherheit gegangen, doch man würde meinen Rock sehen.
Maria ließ zum ersten Mal meine Hand los, seit sie in der Kammer die Fackel entzündet hatte und umschloss mit ihren kühlen Fingern stattdessen meine Schultern: „Tief durchatmen, Alex! Wir werden nicht lange bleiben und bis dahin stellen wir uns an den Rand und reden nur mit einer Hand voll Leuten. Das schaffst du schon, also Kopf hoch und lächeln, Schwesterherz!“
Da mir sehr wohl bewusst war, dass ich gar keine andere Wahl hatte, folgte ich jeder ihrer Anweisungen, atmete kontrolliert ein und aus, straffte die Schultern und versuchte meinen Mund zu einem Lächeln zu bewegen.
Dann folgte ich Maria zu einem freien Platz an der Wand, an dem wir unter den anderen Gästen nicht weiter auffielen. Glücklicherweise stachen auch unsere Kleider nicht aus der Masse heraus, da alle Frauen vergleichbare Modelle trugen. Jedes einzelne wunderhübsch und in so vielen Farben, wie ich es mir niemals hätte vorstellen können.
Maria rempelte mich leicht mit dem Ellenbogen an und nickte unauffällig zu einer kleinen Erhöhung am gegenüberliegenden Ende des Saales, auf dem zwei prunkvolle, vergoldete Stühle standen. Darin saßen ein Mann und eine Frau, doch meine Freundin deutete auf die beiden Jungen, die schräg hinter den Stühlen standen.
„Ich habe doch gesagt, dass ich dir auf diesem Ball jemanden vorstellen will“, meinte sie hinter vorgehaltener Hand, „Das ist er. Der rechts hinter der Kurfürstin.“ Mein Blick schwenkte zu besagtem Typen, einem hochgewachsenen Kerl, den ich nur wenige Jahre älter schätzte, als mich selbst. Vielleicht 20?
Doch sein Alter war es nicht, dass mich stutzen ließ. Es war die Ausstrahlung, die er von seinem erhöhten Punkt aus versprühte. Zudem sah der junge Mann mehr als nur gut aus. Nahezu perfekt, dachte man sich die seltsamen Klamotten weg, die diesem Jahrhundert geschuldet waren. Wobei er um ehrlich zu sein einer der drei Einzigen war, der trotz gewöhnungsbedürftigem Outfit nicht zum Schreien komisch aussah. Zu erwähnen wäre noch, dass die anderen beiden Männer, die Würde und Macht in ihren Gewändern ausstrahlten, neben ihm auf dieser Erhöhung standen.
Maria achtete nicht darauf, dass ich für einen Moment nicht im Stande war, meinen Blick von dem Typen loszureißen und sagte stattdessen: „Sein Name ist Jacob und seine Eltern sind die Veranstalter dieses Balles. Der Junge daneben heißt Maximilian. Sie sind „Brüder“, Max 21 und Jack 19 Jahre alt. Und keine Angst, die beiden sind cool!“
Wieso sie das Wort Brüder so seltsam betonte, verstand ich nicht so recht, aber ich hatte auch nicht die Zeit zu fragen, da in diesem Moment eine spindeldürre Frau neben uns hielt. Ich hatte sie gar nicht näherkommen sehen, ganz im Gegenteil zu Maria. Diese hatte sie offensichtlich sogar zu uns gewunken und umarmte sie nun auf einer Weise, die mir endgültig bewies, dass die beiden sich kannten.
„Lass dich ansehen, Kindchen“, strahlte die Frau, die ich auf Mitte vierzig schätzte, „Wundervoll siehst du mal wieder aus. Dieses Kleid ist wahrlich ein Prachtstück.“ „Das Kompliment muss ich zurückgeben, Lady Anna“, lächelte auch Maria, ehe sie sich zu mir wand, „Das ist übrigens Alexandria, meine Schwester, von der ich bereits erzählte.“
Lady Anna warf auch mir ein strahlendes Lächeln zu und ich konnte gar nicht anders, als es zu erwidern. Mit vor Freude funkelnden Augen sah sie erst noch einmal Maria an, dann mich, doch obwohl ich nicht Marias Schwester war, gab es eine unbestreitbare Familienähnlichkeit.
Die Lady nickte vergnügt und wollte etwas sagen, doch da unterbrach Maria sie höflich, indem sie sagte: „Entschuldigt mich bitte für einen Moment, Lady Anna, Schwesterherz. Ich bin gleich zurück.“ Und mit diesen Worten verschwand sie und ließ mich einfach in einem fremden Jahrhundert stehen.

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