Hüne gegen Killer

Kapitel 24, Zeitquälerei - Wie die Uhr tickt

Diesmal folgte ich der Anweisung. Ich presste die Lippen so fest aufeinander, dass es wehtat und bewegte keinen einzigen Muskel mehr. Egal wie ich gedachte, unversehrt aus dieser überaus misslichen Lage herauszukommen – meine Chancen standen gegen null, wenn ich erstmal gestorben sein sollte.

Plötzlich würde ein seltsames Geräusch neben mir laut. Eigentlich war es nicht direkt neben mir, sondern eher über mir. Der Mann vor mir schaute in ebendiese Richtung, ehe er knurrend rief: „Achtung, dort…!“ Doch es war zu spät. Im selben Augenblick hörte ich etwas oder jemanden hinter mir und vermutlich sogar noch hinter dem Mann dort landen.
Die Klinge wurde abrupt von meiner Haut gerissen. Bei dieser Bewegung erzeugte der Typ neben dem Geräusch von reißendem Stoff auch noch einen nicht zu missachtenden Schmerz in meiner Schulter. Er musste herumgefahren sein, wobei er nicht darauf geachtet hatte, dass er mir die Haut aufschlitzte. Juas Kleid war dabei noch das kleinere Übel!
Hinter mir ertönte ohne eine weitere Vorwarnung ein Klirren, wie man es sich eben vorstellte, wenn zwei metallenen Waffen aufeinandertrafen. Ehe ich mich versah, hatte mich der hünenhafte Mann vor mir auch schon an meiner verletzten Schulter gepackt, herumgewirbelt und mit dem Rücken an seine breite Brust gedrückt, damit er mir seine Klinge ungehindert an die Kehle halten konnte.
Allerdings konnte ich so auch den Kampf beobachten, den sich der zweite Mann mit einer Person lieferte, die sogar noch kleiner war als ich. Sie steckte ebenfalls in schwarzen Sachen, hatte ein Tuch vors Gesicht gezogen, um unerkannt zu bleiben und sah einfach genauso aus, wie jeder gute Rebell in einem ordentlichen Science-Fiction-Film.
Die Person kämpfte auch so gut wie jene. Ich kannte mich weiß Gott nicht mit Degenkämpfen oder Fechten aus oder wie man das hier auch nennen konnte, aber selbst ich erkannte, wie mühelos und elegant die eben dazu gestoßene Person mit ihre Waffe umging. Jeden Angriff ihres Gegners parierte sie mit spielerischer Leichtigkeit, als handle es sich bei dem Ganzen um eine gut einstudierte Choreographie und nicht um ein echtes Duell, das voraussichtlich in „der Verlierer stirbt“ enden würde.
Für einen kurzen Moment vergaß ich diese Tatsache, doch als der Mann auf einmal stolperte, die andere Person einen geschickten Vorstoß wagte und ihrem Gegner dabei mit einer beängstigenden Präzision den Degen in die Brust rammte, wurde es mir mit einem Schlag wieder klar. Blut schoss in einer ekelerregenden Mischung aus Fontäne und Sprühregen aus der Wunde. Der Mann verdrehte unnatürlich die Augen und sackte in sich zusammen.
Ich spürte, wie sich der Mann hinter mir anspannte. Seine Klinge presste er noch immer an meinen Hals. Darin stieg nun heiße Galle auf, die sich nur unter größter Anstrengung zurückhalten ließ. Soeben war ich schließlich zur Augenzeugin eines Mordes geworden! Der Mann war tot und auch wenn er mir nicht leid tat, drehte sein Anblick mir den Magen um.
Der Mörder drehte sich sich nun zu uns. Er hatte seine Klinge aus der Brust des Mannes gezogen, als sei ihm seine Waffe darum zu schade. Dass der Degen voller Blut war, schien ihn nicht zu stören, denn er fixierte nur den Mann, der hinter mir aufragte und mir seine Finger schmerzhaft fest in die angeschlagene Schulter grub.
Statt mich auf Schmerz oder drohendes Übergeben zu konzentrieren, scannte ich die Person vor mir mit den Augen ab. Ich wusste sofort, dass ich sie nicht kannte, denn niemand aus meinem Bekanntenkreis, den ich in diesem Jahrhundert treffen könnte, war kleiner als ich und damit nur rund 1.60 Meter groß. Von der Statur war nicht mal genug zu erkennen, um sagen zu können, ob es Mann oder Frau war. Das einzige, das ich ohne Probleme erkennen konnte, waren die Augen, die mir in einem so intensivem hellen braun entgegen funkelten, dass sie beinahe gold schimmerten.
Auch dieses Detail half mir nicht weiter. Ich hatte einfach keine Ahnung, wer da vor mir stand, den blutigen Degen hob und ihn nun auf den Mann hinter mir richtete. Seine Reaktion darauf war zu meinem Entsetzen, dass er seine Klinge ein winziges Stückchen in meine Haut drückte, sodass ich auch dort mein Blut spürte, wie es zunächst nur eine dünne Linie an der Klinge bildete. Sobald er diese allerdings wegnehmen würde, würde ich mit Sicherheit eine leicht blutende Einkerbung in der Haut zurückbehalten.
Im Moment traute ich mich nicht zu schlucken oder auch nur zu atmen. Bei jeder Bewegung meiner Kehle würde ich meine Haut nur selbst weiter gegen das scharfkantige Metall drücken und das erschien mir weder sinnvoll noch hilfreich. Wenn ich schon auf die Hilfe eines vollkommen Fremden angewiesen war, wollte ich eine Panikattacke oder schwerere Verletzungen als nötig erst recht vermeiden!
Ich spürte, wie der Mann sich hinter mir anspannte. Er behandelte mich noch immer wie einen menschlichen Schutzschild, was aufgrund seiner Statur und Körpergröße recht lächerlich wirkte. Also ganz abgesehen von dem schnellen Sieg des Unbekannten, der vermutlich nicht auf die leichte Schulter zu nehmen war.
Als hätte mein Gegenüber meinen letzten Gedanken gelesen, wagte er in ebendiesem Moment den ersten Vorstoß. Es kam so überraschend, dass ich ein erschrockenen Schrei ausstieß. Der Degen des Killers kam meinem Gesicht gefährlich nah, doch ehe er mich berühren konnte, blockte der andere ihn ab.
Dank diesem Schlag lag die Klinge nun nicht mehr an meiner Kehle und weil er schlecht um mich herum kämpfen konnte, drückte mich der Mann ein paar wenige Zentimeter weg. Während er nun mit der rechten Hand den Degen schwang, hielt er mich mit der anderen Hand fest. Natürlich mussten sich seine Finger dabei direkt in die Wunde an meiner Schulter graben, was mich schmerzvoll aufkeuchen ließ.
Das laute Klirren der Degen hallte in meinen Ohren nach, sodass ich versucht war, sie mir zuzuhalten. Der Kampf fand nicht mal einen ganzen Meter von mir entfernt statt, aber ich konnte mich einfach nicht befreien.
Der Typ, der mich hier festsetzte, schien ein besserer Kämpfer zu sein, als sein Vorgänger. Er hatte seinen Degen beängstigend gut im Griff, doch so auch der andere. Sie schienen einander ebenbürtig, denn dieser Schlagabtausch war schneller, gezielter und schien tödlicher als der davor. Mal machte der eine einen Ausfallschritt nach vorn, dann wieder zurück.
Ich wurde währenddessen ebenfalls ordentlich durchgerüttelt. Manchmal kamen mir die scharfen Klingen so nahe, dass ich schon fest davon ausging, sie würde meinem Leben ein Ende setzen, doch keiner der beiden schien in diesem Augenblick vorzuhaben, mich sterben zu lassen. Meine Vermutung, dass man es gezielt auf mich abgesehen haben musste, bestätigte sich irgendwie und obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, wer dahinter stecken könnte, war mir vollkommen klar, dass derjenige mir nicht wohlgesonnen war.
Inzwischen pochte meine Schulter so stark, dass ich mir ernsthafte Sorgen machte. Anfangs war ich davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine leichte Schnittverletzung handelte, aber ich fürchtete, es war doch etwas schwerwiegenderes.
Wie das eben so ist mit Momenten, die schnell vergehen sollen, kam mir das ganze vermutlich viel länger vor, als es letztendlich war. Mein Zeitgefühl hatte sich schon verabschiedet, als ich die Gasse betreten hatte. Insgesamt hielt ich mich wahrscheinlich erst wenige Minuten hier auf, aber es könnten durchaus auch Stunden sein.
So oder so – jede Sekunde in dieser dunklen, gruseligen Gasse war eine Sekunde zu viel! Das hässliche Geräusch, wenn Metall auf Metall traf, ließ mich jedes Mal zusammenzucken. Ich versuchte meine Schulter so wenig wie möglich zu bewegen und meinen Blick nicht auf den Toten zu richten, der nicht weit von mir entfernt lag. Nichts davon ließ sich leicht bewerkstelligen.
Gerade als der Typ, der mich festhielt, einen weiteren Frontalangriff starten wollte, stieß ich geräuschvoll die Luft aus. Die Person mit den goldenen Augen bemerkte es. Hinter dem Tuch, das den größten Teil ihres Gesichts verdeckte, war ein wütendes Schnauben zu hören. Sicherlich kein gutes Zeichen!
Von diesem Moment an ging alles furchtbar schnell. Der Killer täuschte eine Attacke von rechts an, schlug dann aber links zu und trennte mit diesem einen, gezielten Schlag die Hand des anderen von seinem Arm. Ich schrie auf, als sich ein Schwall Blut über mir ergoss und das Körperteil auf den Boden fiel, während der nun Einhändige ein furchtbares Brüllen ausstieß.
Instinktiv stolperte ich rückwärts. Ich schnappte mir mein Notizbuch und den Füller, die bis dahin in einer hübschen Umhängetasche gesteckt hatten. Schneller, krakeliger und unlesbarer, als Tinte jemals auf einem Blatt Papier verteilt worden war, schrieb ich das auf, was mir als erstes in den Sinn kam.
Kaum lag mein Ring auf dem Gekrakel, umhüllte mich das vertraute Licht und gab mich fast im selben Moment auch schon wieder frei. Ich taumelte leicht und schlug mir die Hand vor den Mund, um mich nicht hier und jetzt zu übergeben.
Ohne darauf zu achten, dass ich nicht allein im Zimmer war, rannte ich zur Tür, über den kleinen Flur und direkt ins Bad. Gerade noch rechtzeitig erreichte ich die Toilette, in die ich mich endlich übergeben konnte. Neben der Suppe von Granny Berrypie befand sich nichts in meinem Magen, doch auch als alles raus war, blieb der Würgereiz bestehen.
Hätte Maria mich nicht nach einer Weile auf die Beine gezogen, hätte ich womöglich irgendwann meinen Magen selbst ausgekotzt. So aber schob sie mich erstaunlich ruhig zum Waschbecken. Dafür, dass ich einfach so aufgetaucht war, mich übergeben hatte und zudem in einem von Juas Kleidern steckte, das mit Blut durchtränkt war, wirkte sie wirklich gefasst auf mich.
Sie wies mich an, mir das Blut abzuwaschen, während sie etwas zum Anziehen für mich heraussuchen wollte. Ich kam der Aufforderung ohne jeden Widerspruch nach, wusch mir das Gesicht so gründlich, dass man denken könnte, ich wolle meine obere Hautschicht mithilfe des Wassers entfernen.
Im Spiegel entdeckte ich tatsächlich eine dünne, rote Linie an meiner Kehle, die von der Klinge daran verursacht wurde. Der Schnitt war nicht tief, aber zu sehen. Was meine Schulter anging, hatte ich jedoch nicht so viel Glück gehabt. Aus der Wunde sickerte noch immer Blut und es tat ungeheuer weh. Nicht zuletzt, da der Typ mich genau dort gepackt hatte, doch dagegen konnte ich momentan nichts tun. Also verließ ich das Bad und ging zurück in das Zimmer, das in dieser Zeit noch von Maria bewohnt wurde.
Sie erwartete mich bereits, um mir aus dem ruinierten Kleid zu helfen. Dabei entdeckte sie natürlich meine Verletzung. „Was zur Hölle ist passiert?“, platzte es aus ihr heraus und schlagartig stand ihr die Sorge ins Gesicht geschrieben. Ich war mir sicher, dass es noch mindestens hundert weite Fragen gab, die sie mir jedoch nicht stellte, weil ich sie unaufgefordert beantworten sollte.
Ich versuchte es – wirklich! – aber es drang kein Wort über meine Lippen. Maria drängte mich nicht weiter, eilte aus dem Zimmer und kam nur eine Minute später wieder herein. Unterm Arm hatte sie eine rote Tasche mit weißem Kreuz darauf, wie sie viele Menschen zuhause hatten.
Wortlos und behutsam säuberte sie die Wunde. Ich versuchte, still zu sitzen, doch das aggressive Brennen des Desinfektionsmittels auf meiner Haut machte die Sache nicht ganz einfach. „Alex, du musst deswegen zu einem Arzt gehen!“, entschied Maria ernst, „Die Pflaster hier drin sind nicht groß genug für die Schnittwunde und ich weiß nicht, wie man einen Verband um diese Stelle legt. Außerdem muss es vielleicht genäht werden, also versprich mir, dass du in der Gegenwart sofort einen Arzt aufsuchst!“
Ich nickte. Dann half Maria mir dabei, einen schwarzen Hoodie überzuziehen, der mir seltsam vertraut vorkam. Sie lächelte leicht: „Das ist deiner. Du wirst noch sehen, wie er in meinen Besitz kommt.“ Auch die Hose und die kleine Tasche, die sie mir gab, waren von mir. Das alles identifizierte ich als die Sachen, die ich vorhin bei Jua gelassen hatte.
Maria legte kommentarlos noch ein leichtes Sommertuch dazu, das zwar nicht mir gehörte, aber wenigstens den Schnitt an meinem Hals abdeckte. Den hatte sie also auch bemerkt. Da ich jedoch noch immer kein Wort hervorbrachte, nickte ich erneut nur.
„Das Kleid schaffe ich zu Jua“, erklärte sie, ging zum Schreibtisch und schrieb etwas auf einen kleinen Zettel, den sie mir anschließend überreichte, „Wenn du wieder in Ordnung bist, dann komm dorthin und erklär uns alles.“ In wunderschön geschwungener Schrift stand die Adresse von Juas Atelier sowie ein Datum auf dem Zettel.
Ein letztes Mal nickend sammelte ich meine Sachen zusammen, verstaute sie in der Tasche und reiste zurück in die Gegenwart. Das blaue Licht verschwand und ich fand mich in der Gruft unterm Friedhof wieder, wie es eigentlich immer sein sollte. Mein Notizbuch steckte ich ebenfalls in die Tasche, ehe ich sie mir über die unverletzte Schulter hängte und zur Tür ging.
Von dem Weg vom Friedhof bis zu dem Haus von Simikolon bekam ich praktisch nichts mit. Ich stand einfach irgendwann vor der Tür. Bevor ich nach meinen Schlüssel suchen konnte, von dem ich nicht genau wusste, ob ich ihn vorhin eingepackt hatte, wurde die Haustür bereits aufgerissen und bei dem Anblick, der sich mir bot, sagte mir eine leise Stimme in meinem Kopf, dass es hiermit endgültig vorbei sein würde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*