Gedankenkarussell

Kapitel 21, Quontos

Es hatte nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert. So schnell, wie ich den Boden unter den Füßen verlor, konnte ich noch nicht mal blinzeln und Kaminköpfchens Schrei kam mit einer Sekunde Verzögerung. Der Stein gab einfach nach und wir stürzten in die Tiefe. Naja, nicht wirklich, denn Zenn hatte sich auf dem stabilen Teil des Übergangs auf den Boden geworfen und mein linkes Handgelenk mit beiden Armen gepackt. Ähnlich ging es Kaminköpfchen. Sie wurde von Falk gehalten.

Ich schwebte in der Luft, nur gehalten von meinem besten Freund, der mich niemals loslassen würde. Mein Blick glitt wie von selbst nach unten. Auf einmal traf es mich, wie ein Schlag! Da standen Milo, Willi und der Junge, der so aussah, als sei er noch nicht alt genug für den Quontos – allesamt bewaffnet. Sie waren das! Sie hatten den Stein von unten zerstört! Clever, musste ich zugeben, aber trotzdem ein hinterhältiger Mordversuch!
„Ihr müsst euch irgendwie hochziehen!“, rief uns Sky von der sicheren Seite der Schlucht aus zu. Ich sah wieder nach oben. „Versuch es!“, ermutigte mich Zenn. Ihm zuliebe streckte ich meinen rechten Arm in die Höhe, doch wie vermutet, berührte ich den Stein noch nicht mal mit den Fingerspitzen. Gepackt von einem völlig fremdartigen Gefühl, das mein logisches Denkvermögen zu vernebeln schien und angefeuert von Zenns Aufmunterungsversuchen („Komm schon! Du schaffst das!“) probierte ich noch ein paar mal, mich nach oben zu ziehen, doch es wollte mir einfach nicht gelingen!
Schließlich baumelte ich ziemlich hilflos vor mich hin. Das machte alles keinen Sinn! Wir brauchten eine Taktik, sonst würden Falk und Zenn bald die Kräfte ausgehen und dann würden wir alle vier in die Tiefe stürzen. Ich suchte fieberhaft nach einer Lösung, doch in meinem Kopf purzelten die Gedanken schon seit einer geraumen Weile hin und her. Immer wieder sah ich nach unten. Die drei Höheren schienen das richtig zu genießen!
Auf einmal traf mein Blick den von Milo. Er hatte ein überlegenes Grinsen aufgesetzt. Ein folgenschwerer Fehler, denn genau dieser Gesichtsausdruck stoppe ganz plötzlich das Gedankenkarussell in meinem Kopf. Ich konnte wieder klar denken und sofort hatte ich ein paar Ansätze, an denen es sich lohnte weiterzudenken.
„Bei den Zeitlosen, Zenn, ich hab‘s!“, murmelte ich bemüht darum, zuversichtlich zu klingen. Den Blick wieder nach oben gerichtet, sah ich, wie Zenn die Lippen aufeinander presste. Verdammt, das bedeutete, dass uns nicht mehr viel Zeit blieb! „Du musst versuchen auf dem Stein etwas nach hinten zu rutschen! Dann kann ich mich vielleicht selbst hochziehen!“ Zenn nickte. Ich sah, dass er es wirklich versuchte, doch anscheinend war das schwerer als ich mir das vorgestellt hatte.
Es gab nicht viele Dinge, vor denen ich jemals Angst gehabt hatte, aber natürlich habe auch ich schon Momente erlebt, in denen man eine gewisse Panik verspürte. Im Quontos war sowas womöglich nichts besonderes, doch diese Situation hier stellte vermutlich alles in den Schatten, was mir jemals hätte passieren können. Gab es eine Steigerungsform von Panik? Etwas, das meinen Zustand besser beschrieb als angstvoll? Wahrscheinlich, aber gerade fiel mir nichts ein. Gar nichts! Mein Gehirn war wie eingefroren. Normalerweise hatte ich immer einen Plan und eigentlich funktionierte ein solcher auch, doch diese Situation erschien mir aussichtslos.
Ohne Vorwarnung verspürte ich auf einmal einen Ruck. Zenn war ein kleines Stück nach vorn gerutscht. Letztendlich war es höchstwahrscheinlich noch nicht mal ein halber Meter, den ich weiter nach unten fiel, doch das, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, war die Sekunde des Falls. Mein Magen machte auf sich aufmerksam, in dem er seinen Inhalt meine Speiseröhre hinaufschickte. Reflexartig schluckte ich.
Tod – dieses Wort erschien urplötzlich vor meinem inneren Auge. Wäre mein Körper nicht in einer Art Schockstarre oder etwas ähnlichem, würde ich nun vermutlich einen kalten Schauer über meinen Rücken huschen spüren. Ich sah nach links, Falk schien auch nicht mehr lange durchzuhalten. Langsam schlich sich der womöglich letzte Gedanke in meinen Kopf, der mir jemals kommen würde. Ich versuchte Blickkontakt zu Zenn herzustellen und wollte etwas sagen, doch er schien genau zu wissen, was in meinem Kopf abging. In scharfem Tonfall heischte er: „Ich werde dich nicht loslassen, Cedric Tukk! Ich lasse dich nicht einfach sterben!“ Und keinen Wimpernschlag später gab es den nächsten Ruck…

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