Freunde

Kapitel 12, Marendie

Leopold schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, seufzte er enttäuscht. Vermutlich hatte er gehofft, alles nur geträumt zu haben und beim zweiten Hinsehen keine eingebildete Prinzessin und ein… ähm… anderes Mädchen vor sich zu haben. Weil das nicht der Fall war, ging er auf einen großen Stapel Kisten zu, holte drei davon herunter und stellte sie mit relativ viel Abstand voneinander auf den Boden. „Setzen“, befahl er barsch. Die Kisten stanken nach altem Fisch. Tüllkrönchen rümpfte empört die Nase. Ich setzte mich einfach hin. Jetzt raffte auch das Prinzesschen ihr Kleid. Sie warf mir herabstufende Blicke zu: „Also, wer ist diese Person?“ Leopold hatte sich ebenfalls auf einer Kiste nieder gelassen. Er sah immer noch perfekt aus. Ich versuchte es auszublenden, aber die Versuche waren nicht mit Erfolg gekrönt. Eher im Gegenteil; Plötzlich fielen mir Dinge an Leopold auf, die ich noch gar nicht bemerkt hatte. Seine makellose Nase beispielsweise. Moment mal, die Nase erinnerte mich an irgendjemanden. Aber an wen nur?
„Prinzessin Gultara, diese Person, wie ihr sie nennt, ist eine Nachkommin vom großen Jupter Gentie!“, sagte er mit scharfem Unterton, „Mara, das ist Prinzessin Gultara von Fatuhr. Das ist ein Königreich, dass nur Makider betreten können…“ „Ma-was?“, rutschte es mir heraus. Von Tüllkrönchen war ein belustigtes und gleichzeitig erschrockenes Glucksen zu hören. Nicht ganz Ladylike, aber wir saßen hier auch auf morschen Fischkisten in einer der am Hafen gelegenen Fischfabriken, also konnte man davon absehen. „Makider sind Menschen, wie wir, die eine besondere Fähigkeit haben. Meine ist eine besondere Kampfkunst. Deshalb muss ich auf die Prinzessin aufpassen. Du bist auch ein Makider, wir wissen nur nicht genau, was deine Fähigkeit ist…“ „Ich kann fliegen!“, gab die Prinzessin an.

„Da bist du ja endlich, Mara!“, entfuhr es Nanny Nini, als ich nachhause kam. Es dämmerte bereits. Leopold hatte mich Stundenlang mit irgendeiner anderen Welt voll gequatscht, tausende von Namen genannt und einen endlosen Vortrag in einer mir völlig fremden Sprache gehalten. Zumindest kamen darin so viele Wörter vor, die ich noch nie zuvor gehört hatte, dass es sich wie eine andere Sprache anhörte.
„Mara?“, fragte Nanny Nini ängstlich, „Hast du mir zugehört?“ Ich schaute sie verdutzt an. Hatte sie denn etwas gesagt? Ich hob meine Schultern. Meine Nanny versuchte zu grinsen, doch vergaß sie die Angst aus ihrem Gesicht zu entfernen und so glich es einer traurigen Clowns Grimasse. „Ich habe Essen gekocht.“, sagte sie dann. Ich war viel zu erschöpft um etwas zu sagen. Also folgte ich ihr einfach in die Küche.
Wenn ich ehrlich war, hatte ich mit einem Teller voller gebratener Wurst gerechnet oder mit einem fetten Steak, doch zu meiner Überraschung stand auf dem Tisch ein Topf Nudeln mit Tomatensoße. Vegetarischer Tomatensoße. Ich fiel Nanny Nini um den Hals: „Danke“ Dann setzte ich mich und schaufelte Nudeln auf meinen Teller. Darüber gab ich viel Soße. Sie hatte eine seltsame Konsestenz – wässrig mit großen, roten Klumpen – doch das störte mich nicht. Seit zwei Tagen hatte ich nichts richtiges mehr gegessen. Diese warme Mahlzeit kam mir ganz gelegen. Ich schob mir den ersten überfüllten Löffel in den Mund… okay, ich nahm alles zurück, was ich gerade gesagt hatte und spuckte das sogenannte Essen wieder auf den Teller. „Igit!“, schrie ich angeekelt. Die Nudeln waren nicht nur eindeutig versalzen, sondern auch zerkocht und die komischen Klumpen schmeckten so, wie ich mir rohe Nacktschnecken vorstellte. Einfach widerlich!
„Was ist das?“, fragte ich. Nanny Nini starte mich entsetzt an: „Ein französisches Familienrezept!“ Als mein Blick wieder auf dem Teller ruhte, hatte ich auf einmal das Gefühl, einer der Klumpen hätte sich bewegt. Augenblicklich kam mir mein nicht vorhandener Mageninhalt hoch. Franzosen, die aßen aber auch wirklich alles. Verstört rannte ich ins Badezimmer und beugte mich über die Kloschüssel, doch wie bereits gesagt, war nichts in mir drin, was ich hätte hinein spucken können. Wieso musste mir so etwas immer passieren? Schon beim Gedanken daran wurde mir wieder schlecht…

Unausgeschlafen stand ich am nächsten Morgen an der Haltestelle des Schulbusses. In der Nacht hatte ich von riesigen Schnecken geträumt, die sich gegenseitig verschlungen. Als ich dann mit einer Gänsehaut aufgewacht war, traute ich mich nicht mehr die Augen zu schließen. Verständlich!
Als der Bus vor mir hielt, stieg ich ein. Ich wusste nicht wieso, aber beim Anblick von Mr Martens musste ich lächeln.
Die Busfahrt war wie gestern viel zu kurz gewesen. Dafür zog sich der Unterricht ziemlich in die Länge. Keine Ahnung wie ich es schaffte, dabei die Nerven zu behalten. Vielleicht lag es daran, dass es heute in der Schulmensa Kartoffeln und Quark gab. Oder an der Tatsache, dass ich in der Frühstückspause unerwartet Gesellschaft bekam. Es waren Clara und Benjamin, die Geschwister, die am ersten Schultag wie ich zu spät zum Unterricht gekommen waren. Die beiden waren ziemlich nett. Sie hatten mir sogar angeboten nach der Schule etwas mit mir zu unternehmen, aber das musste ich leider absagen. Wieso? Ich hatte mich wieder mit Leopold verabredet. Okay, verabredet war das falsche Wort. Er hatte mir eingeschärft dieses mal pünktlich auf dem Schulhof zu erscheinen. Tüllkrönchen war (zu meinem Glück) schon lange vor Ende von Leopolds Vortrag zwischen den Kisten und Regalen verschwunden. Nur als ich dann gegangen bin kam sie noch mal und hat mir ins Ohr geflüstert, ich solle mich gefälligst von ihrem Leopold fern halten. Jaja, die würde ich wohl so schnell nicht mehr los werden…
Ich lies mir für Clara und Benjamin die Ausrede einfallen, ich würde nach der Schule alte Grundschulfreunde treffen. Das hielt sie aber nicht davon ab, den Rest des Schultages mit mir abzuhängen und ehrlich gesagt freute mich das sehr. Die zwei halfen mir sogar dabei Vivien die Stirn zu bieten. Sie waren einfach cool!

Heute beeilte ich mich, nachdem die Schulglocke die letzte Stunde beendete. Ich lief mit großen Schritten auf den Ausgang zu. Ich sah Leopold schon bevor ich den Schulhof überhaupt betreten hatte. Das schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen, denn er kam auf die große Treppe zu, die ich wenige Sekunden später hinunter kam. Als ich vor ihm stand, starrten wir uns eine kurze Weile lang nur stumm an. „Komm!“, meinte er dann und griff nach meinem Arm. Ich schüttelte ihn ab: „Ich kann alleine laufen!“ Leopold knurrte etwas von typisch Mädchen, ich wollte etwas erwidern, doch da kam mir jemand zuvor. „Du?“, drang es über den Schulhof. Ich drehte mich erschrocken herum. Da standen meine neuen Freunde, Benjamin und Clara. Kannten sie Leopold etwa? Sah ganz so aus und für ihn schienen die Geschwister auch nicht unbekannt zu sein…

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