Fragen über Fragen

Kapitel 18, Marendie

„Was?“, fragten Benjamin und Clara wie aus einem Munde. Leopold starrte an die gegenüberliegende Wand: „Wenn die Kreats James getötet haben, Pirth aber seinen Dolch hat, heißt es, dass sie ihm und seinem Bruder gehorchen!“
„Wieso haben sie ihn ermordet?“, schluchzte Clara. Benjamin nahm sie in den Arm, doch auch ihm war der Schock anzusehen.
Schon wieder fühlte ich mich fehl am Platz. Obwohl ich diesen James nicht kannte, wurde ich traurig. War mein Opa nicht denselben Tod gestorben? Umgebracht von Kreats, Kreaturen, die in Opas Geschichten Platz fanden. Sie hatten keinen eigenen Willen und mussten beherrscht werden. Laut Opas Geschichten ist bisher jeder Versuch von guten Makidern die Kreats zu beherrschen, fehlgeschlagen. Sie waren irgendwie böse, aber auch vertrottelt. Trotzdem schafften sie es anscheinend Leute zu töten.

„Ich dachte, dass ihr schon davon gehört hättet. Jeder weiß es!“, sagte Nanny Nini wenig einfühlsam. Ich stand auf, dass wurde mir hier zu viel. Erstens wollte ich nicht vor den anderen anfangen zu heulen und zweitens musste ich über die ganze Sache nachdenken. In Ruhe! Also verließ ich schleunigst die Küche. Ich holte Opas Koffer aus meinem Zimmer, dann ging ich damit die Treppe zum Dachboden hoch. Dort schloss ich die Tür ab.
Mein Blick fiel auf die Einzelteile meines alten Bettes, die niemand weggeräumt hatte. Ich lächelte. Es kam mir vor, als wäre es schon Wochen her, dass ich mich übermannt von verschiedensten Gefühlen darauf geschmissen hatte. In Wirklichkeit war das vor wenigen Tagen gewesen. An diesen war ziemlich viel geschehen. Ich hatte herausgefunden, dass Opas Geschichten wahr waren, er ein Held und ich womöglich seine Nachfolgerin.
Als ich das letzte Mal hier oben gesessen habe, war alles noch halbwegs normal gewesen. Ich war unendlich traurig wegen dem Verlust meines Großvaters gewesen, er schien unerreichbar zu sein, jetzt fühlte ich mich ihm ganz nah. Er war nie ein normaler Mensch gewesen, immer schon ein Makider und er hatte mir nichts davon erzählt…
Ohne es bemerkt zu haben, füllten sich meine Augen mit Tränen. Ich öffnete den Koffer und holte das Buch mit den handgeschrieben Geschichten hervor und begann zu lesen. Ein paar der Geschichten kannte ich schon, den Großteil jedoch hatte Opa mir nie erzählen können. So vertrieb ich mir die Zeit.
Als es auf einmal an der Tür klopfte, zuckte ich zusammen. „Wer ist da?“, fragte ich, hatte aber die Tür geöffnet, bevor jemand antworten konnte, „Oh, Benjamin.“ „Ben und ich wollte nur sagen, dass du schon seit Stunden hier bist. Nirinia möchte wissen, ob du mit essen möchtest.“ Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Während ich antwortete, dachte ich an die Schnecken-Nudeln: „Nein, danke!“ Ben atmete erleichtert aus. „Zum Glück, jetzt habe ich eine Ausrede um nichts essen zu müssen! Nirinia mag ja ein Händchen für Waffen und generell die Schmiedekunst haben, aber Kochen kann sie nicht!“, klagte er. Schon wieder musste ich kichern. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob Nanny Nini überhaupt ein Talent hatte, musste ich Ben recht geben. Ihre Gerichte waren lebensgefährlich, ebenso ihre Art, Auto zu fahren.
„Dann können wir ja zusammen hier oben bleiben, oder?“, Ben hatte sich schon gesetzt. Ich schloss die Tür wieder ab und lächelte ihn an. Er grinste zurück. Benjamin war ganz anders als sein Bruder, viel netter und auch ziemlich hübsch.
Nach einer Weile platzte die Frage einfach aus mir heraus: „Kanntest du meinen Opa?“ Ben schaute mich an, als hätte ich ihm das Brett von vorhin übergezogen, dann nickte er zögernd. „Unsere Eltern kannten ihn. Als sie gestorben sind, hat er uns aufgenommen…“ „Eure Eltern sind tot?“, ich wurde kreidebleich. Noch mehr gestorbene Personen? „Die beiden waren auch Helden. Sie sind im Kampf gegen Trolle von uns gegangen. Wie gesagt, dein Opa hat uns drei aufgenommen, bis…“ „…ich kam!“, unterbrach ich ihn. Ben schluckte, widersprach aber nicht.
„Mag mich Leopold deswegen nicht?“, wollte ich wissen. Benjamin hatte sich wieder gefangen und meinte: „Ich denke nicht, dass mein Bruder dich nicht mag, er hat nur kein Vertrauen in dich, aber das kommt noch!“ Ich musste lachen. Leopold würde mir nie vertrauen! Nicht mal in 1000 Jahren!
„Du hast ein falsches Bild von ihm!“, wollte Ben ansetzten, doch er unterbrach sich selbst, „Zumindest hoffe ich das! Seitdem er das Königreich gewechselt und auf Prinzessin Gultara aufgepasst hat – wie hast du sie nochmal genannt? Seidenkrone? – ist er irgendwie anders…“ „Was ist mit Tüllkrönchen? Und was für Königreiche?“, fragte ich, während sich mein Gesichtsausdruck verdunkelte, wie die Sonne, wenn sich Wolken davor schoben. Ben winkte ab: „Egal, das erkläre ich dir, wenn wir in Porta sind.“ „Porta?“, langsam hatte ich es satt, immer nur Fragen zu stellen, aber was sollte ich tun?
„Weißt du was? Das erzähle ich dir alles morgen auf der Reise.“ Ich verkniff mir nachzufragen und siehe da… „Morgen fahren wir nämlich zu Lucy.“ … ich musste also gar keine Fragen stellen! „Schlaf jetzt, morgen haben wir viel vor!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*