Erkennungszeichen

Alex, Kapitel 1, Zeitquälerei - Die Zeiten ändern sich

Flüssiges Adrenalin ersetzte das Blut in meinen Adern. Instinktiv wich ich einen Schritt zurück und stieß prompt gegen Jack, der schräg hinter mir gestanden hatte. Er warf mir einen verwunderten Blick zu und sah dann zu seiner Fechtpartnerin. Ich hatte ihm keine genauen Details zu meinem Retter gegeben, da ich selbst nur zwei Anhaltspunkte hatte: Die Person war kleiner als ich gewesen und hatte auffällig goldbraune Augen.

Beides traf auf das Mädchen vor mir zu. Außerdem sollte sie ja eine sehr gute Fechterin sein. Mein Blick flog zu dem Degen, der in ihrer Hand ruhte. Keine Ahnung wieso – ich würde ja wohl kaum das Blut ihrer Opfer darauf finden – aber mit den Augen suchte ich nach irgendwelchen Anzeichen, die meine Vermutung bestätigen könnten. Wie sich herausstellte, brauchte ich dafür jedoch nur einen Moment Geduld.
„Ich glaube, wir sollten uns woanders unterhalten“, mit diesen Worten nickte sie hinter sich. Dort befand sich in der Wand eine Tür. Ich schielte zu Jack hinauf. Zwar runzelte er verständnislos die Stirn, doch er nickte mir dennoch zu, um mir zu bestätigen, dass ich ihr folgen sollte.
Das Mädchen lehnte ihren Degen neben die Tür, drückte die Klinke mit den Ellenbogen herunter, während sie sich die weißen Handschuhe von den Händen zupfte. Jack folgte ihr ohne zu zögern und ich wollte es ihm gleichtun, doch meine Beine fühlten sich auf einmal an wie fest zementiert. Es kostete mich all meine Selbstbeherrschung, um durch diese gottverdammte Tür zu gehen, was mir durchaus einen skeptischen Blick von Jack einbrachte, der ganz offensichtlich auf dem Schlauch stand.
„Du warst das in der Gasse!“, entfuhr es mir, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war. Jacks Blick sollte wohl abschätzen, ob ich nicht vielleicht wahnsinnig war, als er sagte: „Alex, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt! Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass das unmöglich ist. Das weißt du genauso gut wie ich!“
„Dem muss ich leider widersprechen, Jack“, entgegnete indessen das Mädchen, die lässig an einer Wand lehnte, „Sie hat ganz recht. Ich war in der Gasse und ich habe diese Typen kaltgemacht!“ Es schien sie kein bisschen zu stören, dass sie mit diesem fast beiläufigen Geständnis alle Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte. Sie merkte es vielleicht nicht einmal, denn mit ihren goldbraunen Augen fixierte sie den vollkommen verdatterten Jack.
„Tut mir leid, dass ich es nicht schon früher erwähnt habe, aber ja, meine Familie ist ebenso wie deine im Besitz von Zeitreiseartefakten. Tiff und ich hatten gestern etwas im 17. Jahrhundert zu tun und…“, weiter kam sie nicht, denn Jack unterbrach sie ungläubig. „Warte mal, Freddy! Tiff? Sie ist auch…“
Seine Stimme erstarb, als wäre er sich noch immer nicht sicher, ob sie über ein und dasselbe redeten und würde nichts falsches sagen wollen, obwohl der Begriff „Zeitreiseartefakt“ bereits gefallen war. Auf Freddys Gesicht breitete sich daraufhin ein schuldbewusstes Grinsen aus: „Wir sind Zeitreisende, Jack, genauso wie du und deine Begleitung, der ich in der Gasse den Arsch gerettet habe.“
Jack sah zwischen ihr und mir hin und her. Vor meinem inneren Auge manifestierten sich mal wieder Bilder aus der Gasse. Diesmal lag der Fokus jedoch nicht auf dem vielen Blut oder den Leichen, sondern auf Freddy. Ich rekapitulierte, wie geschickt sie mit ihrer Waffe umgegangen war. Da lag eine unbeschreibliche Anmut in ihren Hieben, eine Ruhe, als wäre es nicht grausam jemanden umzubringen. Andererseits hätten die sonst womöglich versucht, mich zu ermorden, insofern sollte ich mich vermutlich bei ihr bedanken.
„Wegen den Typen, also… danke“, brachte ich wenig geistreich hervor. Mein inneres Selbst wollte mir deswegen am liebsten etwas über den Kopf ziehen. Irgendetwas! Konnte mich nicht jemand kräftig durchschütteln? Vorzugsweise so heftig, dass der Schock einfach von mir abfiel, wie ein überflüssiges Kleidungsstück?
Aus dem entschuldigenden Lächeln für Jack wurde ein diebisches Grinsen für mich: „Ich möchte nicht behaupten, dass Morde meine Lieblingsbeschäftigung sind, aber was tut man nicht alles für das Wohlbefinden seiner Zeitreisekollegen? Übrigens sollten wir uns unbedingt einander vorstellen, bevor ich euch anvertraue, dass dir eine Menge Leute an den Kragen wollen. Also, ich bin Freddy.“
„Alex“, erwähnte ich wie beiläufig, denn das war nach ihren Worten nicht der Punkt, „Woher weißt du davon, dass Leute hinter mir her sind?“
Freddy hob eine Augenbraue, grinste aber noch immer, als sprächen wir über etwas wirklich amüsantes: „Du meinst, nachdem du in einer verlassenen Gasse im 17. Jahrhundert von zwei Mitgliedern Simikolons angegriffen wurdest?“ „Was hat denn Simikolon mit dem Überfall zu tun?“, entfuhr es Jack und sofort war er wieder so angespannt wie unter der Kapelle.
Immer mehr hatte ich das Gefühl, es stecke etwas großes hinter der Abneigung, die Jack Simikolon gegenüber empfand. Gut, es war nicht wirklich die Entdeckung des Jahrtausends, dafür waren die Anzeichen zu offensichtlich – aufeinander gepresste Zähne, unglaublich finstere Mine und zu Fäusten geballte Hände – aber es sorgte dennoch dafür, dass ich mehr darüber erfahren wollte.
Statt zu antworten zog Freddy etwas aus einer Tasche, die in ihre Fechtuniform eingenäht war. Zuerst warf sie Jack etwas zu, dann mir. Wir fingen es beide auf, mit dem Unterschied, dass er sogleich scharf die Luft einsog, während ich keine Ahnung hatte, was es mit der goldenen Taschenuhr auf sich hatte, die ich in den Händen hielt.
„Das ist seit so ziemlich immer das Erkennungsmerkmal der Mitglieder von Simikolon“, klärte Freddy mich auf, „Ich habe sie den Toten abgenommen, was bedeutet, dass nicht nur Mitglieder dieser Zeit hinter dir her sind. Es war ein gezielter Anschlag, leider bin ich zu früh eingeschritten, um sagen zu können, ob das eine Entführung oder ein Mord werden sollte…“
„Freddy!“, zischte Jack zurechtweisend. Langsam aber sicher begann ich, seine Fechtpartnerin für ein wenig irre zu halten.
„Was denn? Das hätte uns einen entscheidenden Hinweis liefern können. So fischen wir noch immer im Trüben!“, rechtfertigte sich das Mädchen achselzuckend. Ich schluckte: „Wir?“ Als Antwort begann sie, bedächtig zu nicken, es hatte etwas endgültiges, als sei diese Entscheidung bereits unausweichlich getroffen.
Auch Jack sah skeptisch aus: „Woher hast du deine Informationen? Über Alex und mich und Simikolon?“ Das letzte Wort spuckte er regelrecht aus. Gleich darauf warf er die goldene Taschenuhr zu Freddy zurück. Diese fing sie mit einer Hand. „Was dich und deine Begleiterin angeht, kann ich keine näheren Angaben machen“, meinte sie dann, „Aber was Simikolon anbelangt… von denen hat bestimmt jeder schon mal gehört, der etwas über Zeitreisen weiß! Ganz besonders natürlich die Familien, die ihre magischen Zeitreiseartefakte immer weiter reichen.“
Jack knirschte mit den Zähnen. Was sie über Simikolon sagte, glaubte ich ihr aufs Wort – wobei mich der Teil mit den Familien doch etwas verwunderte – aber wieso wollte sie uns nicht sagen, woher sie ihr Wissen bezog? Gerade setzte ich zu dieser Frage an, da schüttelte Jack den Kopf: „Es hat keinen Sinn, Alex! Wenn sie sagt, dass wir es nicht von ihr erfahren werden, dann hält das Mädchen dicht. Sie ist nämlich das sturste Lebewesen, dass jemals auf dieser Erde gewandelt ist.“
Die letzte Bemerkung brachte beide zum Schmunzeln. Freddy schien deswegen offensichtlich mächtig stolz auf sich zu sein, doch das wunderte mich nicht. Mochte sie körperlich noch so klein sein; ihr Selbstbewusstsein überragte uns alle!
„Jetzt, da dich Simikolon unter seiner Fuchtel glaubt, nimmt das Schicksal endlich seinen Lauf!“, verkündete Freddy gespielt dramatisch. Ich musterte sie aufs Neue skeptisch: „Woher weißt du das?“
„Du meinst, das mit Simikolon? Hast du schon mal was von Ereignisketten gehört?“
„Du meinst Ursachen, Auslöser und Folgen eines historischen Ereignisses?“
„Ganz genau!“, Freddy nickte, „Und sowas gibt es eben auch für die zukünftige Gegenwart. Es gibt einige markante Punkte, die uns Auskunft über zukünftige Geschehnisse geben. Zum Beispiel muss Simikolon dich irgendwann auflesen, damit uns in nächster Zeit all die Abenteuer bevorstehen, die das alles mit sich bringt.“
Zwar war diese Antwort irgendwie informativ, doch durchsuchte ich sie vergebens nach dem Teil, der sich explizit auf meine Frage bezog. Das war alles doch sehr wage. Währenddessen schenkte Jack einem anderen Detail seine Aufmerksamkeit: „Was sind denn das für Abenteuer, Freddy?“
„Woher soll ich das wissen? Kann ich etwa in die Zukunft schauen?“, entgegnete sie gut gelaunt wie ein Hund, der schwanzwedelnd das geworfene Stöckchen zurückbringt. Ich versuchte mich darüber so wenig wie möglich zu wundern und mich stattdessen auf meine Frage zu konzentrieren: „Naja, das erklärt aber immer noch nicht, woher du weißt, dass Simikolon mich genau jetzt als Zeitreisende enttarnt hat.“
„Das war einfach eine logische Schlussfolgerung!“, meinte sie achselzuckend, „Es wäre wohl nicht lange unentdeckt geblieben, dass du verletzt wurdest. So eine Wunde lässt sich nicht so einfach erklären und Simikolon ist in Bezug auf dich eh paranoid.“

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