Eine unmögliche Begegnung

Kapitel 10, Zeitquälerei

Es waren mehr Stufen, als ich erwartet hatte. Insgesamt zählte ich dreiundfünfzig. Je tiefer ich kam, desto finsterer wurde es. Bald konnte ich nicht mal mehr meine eigene Nasenspitze erkennen. Deshalb blieb ich stehen und zog mein Handy aus meiner Hosentasche.

Der Bildschirm strahlte mir dank der Dunkelheit grell entgegen. Ich wischte einmal über den Display und schaltete die integrierte Taschenlampe ein. Jetzt musste ich wenigstens nicht mehr befürchten, dass ich die Treppe hinunterstürzen, mir etwas brechen und niemals gefunden werden würde!
In dieser Hinsicht beruhigt, ging ich also weiter, bis ich das Fußende der Treppe erreicht hatte. Vor mir lag ein winziger Gang, der nach einem Meter an einer hölzernen Tür endete. Mein gesunder Menschenverstand hätte mich eigentlich zurückhalten sollen, aber meine Neugierde war einfach zu groß.
Ohne lange zu zögern oder gar darüber nachzudenken, drückte ich die Klinke herunter. Für einen winzigen Augenblick hoffte ich, die Tür wäre verschlossen. Fehlanzeige! Sie ließ sich ganz einfach öffnen und gab einen ungehinderten Blick auf den Raum dahinter preis.
Staunend trat ich ein. Neben mir stapelten sich unzählige Bücher bis unter die niedrige Decke. Mir ging das Herz bei diesem Anblick auf, denn man könnte fast denken, der gesamte Raum würde nur von den Büchern gestützt.
Der Geruch nach geschriebenen Worten umfing mich, noch ehe die Tür hinter mir leise ins Schloss gefallen war. Als schließlich das Klicken zu hören war, erhellten sich automatisch die von der Decke baumelnden Glühbirnen. Sie hüllten das Zimmer in ein angenehm gedämpftes Licht, perfekt zum Lesen!
Mit ein wenig Ehrfurcht trat ich noch einen Schritt auf die Raummitte zu. Das alles hier war nicht besonders groß, aber dafür umso gemütlicher. Ich konnte mir gut vorstellen, wie jemand – vielleicht sogar meine Mutter – hier gesessen und stundenlang gelesen hatte. Für derartige Vorhaben war es hier unten ideal.
Als ich mich einmal um mich selbst drehte, stach mir ein hölzerner Schreibtisch ins Auge, der in einer Ecke hinter einer Wand aus Büchern versteckt war. Langsam ging ich darauf zu. Überall – darauf, daneben und darunter – lagen Unmengen von Papier, das per Hand beschrieben worden war. Die mit Tinte geschriebenen Worte waren gut leserlich, trotzdem überflog ich nur die obersten Seiten. Es waren Daten, Orte und Namen, die mir vollkommen zusammenhangslos und teilweise auch ziemlich seltsam vorkamen.
Das mochte daran liegen, dass ich einen gewissen Tick hatte, schon seit ich ein Kleinkind war. Sobald ich irgendwo Bücher oder Papier lose herumliegen sah, drängte mich eine scheinbare unbezwingbare Macht dazu, sie zumindest grob zu ordnen.
So kam es, dass ich die einzelnen Blätter zusammennahm, sie hochhob und dann die Enden auf gleiche Höhe brachte, indem ich mit dem Stapel zweimal auf die Tischplatte klopfte. Anschließend legte ich ihn an den Rand des Tisches und betrachtete mein Werk zufrieden.
Nun, da man das dunkelbraune Holz wieder sehen konnte, kamen auch andere Dinge zum Vorschein, die vorher unter dem Papierwahn verschollen gewesen war. Unter anderem fand ich ein altmodisches Tintenfässchen und eine hölzerne, kleine Truhe vor.
Diese Truhe zog irgendwie meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie ließ sich nicht öffnen, da sie ein Schloss besaß, zu dem man eindeutig einen passenden Schlüssel benötigte. Beim näheren Betracht fiel mir auf, dass sie außerdem mit winzigen Ornamenten versehen war. Verwundert nahm ich sie in die Hand, um sie mir noch genauer anzusehen.
Ich erkannte recht schnell ein markantes Detail. Mehrere der eingeritzten Zeichnungen stellten Uhren dar. Diese riefen mir ins Gedächtnis zurück, dass meine Mutter eine Zeitreisende gewesen sein sollte. Und das war der Moment, in dem mein Leben überraschenderweise noch merkwürdiger wurde, als es eh schon war.
„Du solltest nicht länger daran zweifeln, was die Leute dir über das Zeitreisen erzählen!“, ertönte eine seltsam vertraute Stimme hinter mir. Erschrocken fuhr ich herum. Kaum hatte ich die Person erkannt, die mit verschränkten Armen vor mir gegen einer Wand lehnte, erstarrte ich.
Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Wenn es noch ein Indiz benötigt hatte, um zu beweisen, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte, dann war das hier der Supergau!
Vor mir stand ich selbst! Zumindest sähe mir die Person verdammt ähnlich, wäre da nicht die Tatsache, dass sie eine dunkelrote Lederjacke, abgewetzte Jeans und die wohl coolsten Schuhe überhaupt trug. Sie war höchstens ein knappes Jahr älter als ich. Ihre Haare trug sie offen und irgendwie wirkte sie um Welten selbstbewusster, als ich es mir jemals zugetraut hätte.
Was mich aber noch ein wenig mehr irritierte, war schlicht und ergreifend ihr Aussehen. Ich würde mich nicht unbedingt als hässlich bezeichnen, aber dass ich so hübsch sein konnte, war mir bisher nicht klar gewesen!
Das verblüffendste an dieser Situation war jedoch, dass sie überhaupt hier war! Ich meine, das war doch unmöglich!
„Denk mal ganz scharf nach!“, forderte die andere, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Ein Grinsen umspielte ihre Lippen: „Ich brauche deine Gedanken nicht zu lesen! Es sind schließlich meine eigenen gewesen, als ich an deiner Stelle war!“
„Als du… was soll… wer bist du?“, stammelte ich und fühlte mich gleichzeitig eingeschüchtert und furchtbar dumm. Nicht mal einen klaren Satz konnte ich mehr formulieren! Mein Gegenüber zog nur verheißungsvoll ihre Augenbrauen in die Höhe. Sie hatte bereits gesagt, was ich tun sollte – meinen Kopf gebrauchen!
Einerseits fiel es mir nicht schwer darauf zu kommen, was hier gerade vor sich gehen müsste, wäre es denn real, aber andererseits zweifelte ich genau daran. Eben noch hatte ich über die Absurdität von Zeitreisen nachgedacht und nun stand eine ältere Version meiner selbst vor mir? Das war entweder Schicksal oder schlechtes Karma!
„Du kommst also aus der Zukunft?“, fragte ich nach einer Weile vollkommener Stille, „Ich werde in die Vergangenheit reisen können?“ „Alles andere wäre doch absolut unlogisch“, merkte mein zukünftiges Ich mit einem neckischen Blinzeln an.
Ich starrte sie jedoch noch immer voller Unglauben an. Etwas in meinem Kopf weigerte sich kontinuierlich dagegen, nach alldem hier an meine geistige Gesundheit zu glauben. Ein Teil von mir erklärte mich selbst für vollends verrückt geworden, ein anderer hingegen puzzelte alles zusammen, was sich in den letzten paar Tagen zugetragen hatte.
Die andere Version von mir riss mich aus meinen Gedanken: „Man hat mich zwar gewarnt, es zu tun, aber ich weiß ja eh schon, dass ich es getan habe.“ Sie machte eine kurze Pause. Verwundert legte ich den Kopf schief, kam aber nicht dazu, meine Frage auszuformulieren.
„Du hattest eine Vermutung, kurz bevor du dein Erbe zu Gesicht bekommen hast!“, erklärte mein älteres Selbst, „Der einzige Grund, der dir eingefallen ist, wieso man sich so sehr dafür interessieren würde, war der, dass es etwas mit den Zeitreisen zu tun haben könnte. Und damit lagst du auch vollkommen richtig!“
Nun konnte ich nicht anders, als mich zu unterbrechen: „Einen Moment! Was ich bekommen habe, war ein gewöhnlicher Schlüss…“ Mein Blick fiel unwillkürlich auf die kleine Truhe mit dem silbernen Schloss. Gleichzeitig wanderte meine Hand von ganz allein zu meinem Hals, um den die Kette mit den Schlüssel hing.
Mein zukünftiges Ich nickte zufrieden. Ohne ein Wort nahm ich die Kette ab und schob den Schlüssel in das Schloss. Er passte. Es gab ein metallisches Klicken und dann öffnete sich die Truhe einen Spalt breit.
Erst jetzt zögerte ich für einen Moment. Ich musste mir eingestehen, Angst vor dem Inhalt der Truhe zu haben. Nicht, weil ich etwas furchterregendes darin vermutete, sondern viel eher, weil es mir so verdammt endgültig vorkam.
„Wir wissen beide, dass wir noch nie eine Chance gegen unsere Neugier gehabt haben!“, erinnerte mich die ältere Version von mir selbst mit einem schwachen Lächeln. Ich kam mir selbst irgendwie cleverer vor, als ich es jetzt noch war. Nicht zuletzt deswegen holte ich tief Luft und öffnete den Deckel.
Kaum hatte ich den Inhalt erblickt, schlug mir eine Welle der Ernüchterung entgegen. Scheinbar hatte ich doch etwas mystischeres oder wenigstens interessanteres zu erblicken gehofft. Zähneknirschend sah ich auf den einen einzigen Gegenstand hinunter, der mir aus dem Inneren der Truhe entgegen glitzerte: „Ein stinknormaler, silberner Ring?“
„Kein Ring natürlich!“, widersprach mein anderes Ich energisch, „Es ist das magische Zeitreiseartefakt unserer Mutter. Ich darf uns gratulieren, Alex, denn hiermit sind wir eine Zeitreisende!“
„Eine Zeitreisende?“, an dem letzten Wort verschluckte ich mich regelrecht. Völlig entgeistert starrte ich zwischen meiner älteren Version und dem magischen Zeitreiseartefakt hin und her. Das war doch jetzt ein schlechter Scherz!
Mein zukünftiges Selbst trat einen Schritt auf mich zu. In ihrem Blick lag nichts außer reinem Verständnis: „Ich weiß, dass du das jetzt noch für unmöglich hältst, aber bald wird es für dich zur Normalität werden. Es gibt allerdings ein paar Dinge, an die du dich unbedingt halten musst, komme was da wolle!“
Ich bemühte mich nicht allzu verstört auszusehen und stattdessen aufmerksam zu lauschen. Erstaunlicherweise gelang mir das ziemlich gut. Mein Kopf schob den Wust an Fragen beiseite und konzentrierte sich auf das, was ich mir selbst zu sagen hatte. Die Worte brannten sich regelrecht in meinen Schädel ein, so ernst war meine ältere Version.
„Du darfst unter keinen Umständen jemandem davon erzählen, dass du Marias Zeitreiseartefakt hast! Nicht einmal Gabe darf es erfahren! In der Gegenwart kannst du zurzeit niemandem vertrauen, glaub mir. Die einzigen, denen du dich anvertrauen darfst, sind die Leute, die Maria dir als zuverlässige Personen vorstellen wird. Das ist unglaublich wichtig, verstanden?“
„Maria? Du meinst, ich soll unsere Mutter vor ihrem Tod besuchen?“, vergewisserte ich mich gefasster, als ich es mir zugetraut hätte. Ich selbst nickte: „Am besten ist es, du stattest ihr jetzt sofort einen Besuch ab. Dann kann ich dir erklären, wie das Zeitreisen funktioniert.“

Es dauerte ganze zehn Minuten bis ich schließlich bereit dazu war, mir die „Gebrauchsanweisung“ für Zeitsprünge anzuhören. Zuvor erklärte mir mein älteres Selbst jedoch, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen Zeitreisen und Zeitsprüngen gab.
Das Reisen zu vergangenen und zukünftigen Tagen war ein Prozess, bei dem man bis zu zehn Stunden am Stück in dieser Zeit verweilen konnte, während man bei einem Zeitsprung nur von einem Aufenthalt bis zu zwei Stunden sprach. Angeblich war das eine Differenzierung, auf die Simikolon ziemlichen Wert legte, es mir im wesentlichen aber dennoch sinnlos vorkam.
„Vielleicht ist die Definition der zwei Worte unnötig, aber die spezielle Stundenzahl wird ab jetzt sehr wichtig für dich werden! Einer der Nachteile am Dasein als Zeitreisender ist es, nur noch für zehn aufeinanderfolgende Stunden in einer Zeitphase bleiben zu können. Das heißt, dass du aller zehn Stunden dein magisches Zeitreiseartefakt nutzen musst, um in der Zeit zu springen. Die minimale Aufenthaltsdauer innerhalb einer Zeitphase beträgt dabei eine halbe Stunde.“
Vor lauter Informationen hatte ich das unschöne Gefühl, mein Hirn würde sich verknoten. Ich musste mich für einen Moment unterbrechen: „Ich muss also aller zehn Stunden in der Zeit reisen, mindestens zwei Minuten da bleiben und kann dann halbwegs normal weitermachen?“
Die ältere Version von mir selbst stimmte mir zu. „Richtig!“, meinte sie, bevor sie bestimmt weiterredete, „Ich kann dir verraten, dass du dich an all das schneller gewöhnen wirst, als du jetzt denkst!“
„Und wie reise ich jetzt zu unserer Mutter?“, wollte ich wissen. Mein zukünftiges Selbst überwand den letzten Meter zwischen uns, um mir den Ring anzustecken: „Den musst du ab jetzt immer bei dir haben! Am besten du steckst ihn nur an, wenn du ihn wirklich brauchst und verstaust ihn sonst irgendwo, wo ihn niemand finden kann.“
Sie musterte mich einen Moment lang so, als wolle sie sichergehen, dass ich in der Lage war, ihr aufmerksam zuzuhören. Das war ich und sie schien mich ebenfalls für aufnahmefähig zu halten.
„Um in der Zeit zu reisen, benötigst du einen besonderen Stift. In dem Mäppchen, das Oma dir geschenkt hat, ist so ein Stift. Äußerlich sieht er aus wie ein ganz normaler Füller, aber in Wahrheit enthält er eine spezielle Tinte, die mit dem Zeitreiseartefakt reagiert. Es reicht, wenn du damit ein Datum und einen Ort oder eine Person aufschreibst.“
„Warte!“, ich redete ihr zwar ungern ins Wort, aber mein Gehirn hatte einen Zusammenhang entdeckt, „Diese Blätter hier auf dem Schreibtisch, die ich geordnet habe… sind das?“
„Ja, das sind Marias Aufzeichnungen. In dieser Hinsicht ist sie ziemlich unordentlich! Wir schreiben unsere Zielzeiten aber nicht einfach so auf loses Papier“, sie zog zwei Gegenstände aus ihrer Tasche hervor, die mir vorher gar nicht aufgefallen war.
Die ältere Version meiner selbst reichte mir das lederne Mäppchen von Oma und das Notizbuch, das Gabe mir geschenkt hatte. Ich verstand. Eine bessere Verwendung dafür fiel mir auf die schnelle sowieso nicht ein.
Ich zog den eleganten Füller hervor und schlug das Notizbuch auf der letzten Seite auf. Das schien mir irgendwie passender, als ganz vorne anzufangen. Die andere Alex nannte mir ein Datum und ich notierte es mir. Dahinter schrieb ich in meiner schönsten Strich-Schrift „Friedhof, Kellergewölbe“.
„Gut so?“, fragte ich. Mein Gegenüber nickte: „Jetzt musst du nur noch den Ring an die Tinte halten. Wunder dich aber nicht. Noch ist es ein ganz schlichter Ring, aber sobald du zum ersten Mal in der Zeit reist, wird er sich verändern.“
Mein Blick wanderte zu ihrer Hand, aber ich war zu langsam. Ehe ich mich versah, hatte mein älteres Selbst die Arme um mich geschlungen, sodass ihre Hände auf meinem Rücken lagen. Die Umarmung kam unerwartet und die Berührung mit meinem anderen Ich schickte ein unangenehmes Kribbeln über meine Haut.
„Du wirst in nächster Zeit einiges durchzustehen haben“, flüsterte ich mir selbst mit mitleidiger Stimme ins Ohr. Außerdem glaubte ich so etwas wie Reue herauszuhören, aber ehe ich etwas sagen konnte, hatte mich die andere Alex auch schon wieder losgelassen.
Sie sah wieder so gefasst aus wie zuvor: „Wir müssen jetzt beide los!“ Ich nickte stumm. Sie griff nach ihrer Tasche, zog dasselbe Notizbuch und denselben Stift daraus hervor, wie auch ich sie in der Hand hielt und kritzelte etwas auf eine Seite am Ende des Buches.
Dann hob sie den Kopf. Ich verstand. Gleichzeitig hielten wir unsere Hände mit den Zeitreiseartefakten an die Tinte. Für einen Moment umhüllte uns ein blaues Licht, dann riss es mir auch schon den Boden unter den Füßen weg und ich fiel durch ebendieses Blau.

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