Eindeutig zu viele Jungs für einen Tag

Kapitel 8, Marendie

Was ich nach der Schule tat? Essen natürlich. Letztendlich war es zwar nur ein Salat aus einem kleinen Eckladen und ein trockenes Brötchen vom Bäcker, aber wenigstens etwas. Mit Brötchen und Salat setzte ich mich in einen Park. Genauer, auf eine niedrige Steinmauer, die sich über eine große, grüne Wiese schlängelte. Bäume gab es keine. In unmittelbarer Nähe war eine steinerne Treppe, deren Geländer mich stark an einen Fahrradständer erinnerte. Dort standen ein paar Jungs, allesamt mit Skateboard und schwarzem Gangster-Pulli. Dank reichlicher Erfahrung, wusste ich, dass solche Typen nie von der guten Sorte waren. Solche Cliquen stahlen alten Damen die Handtaschen und baggerten Mädchen an, die alleine oder in Gruppen irgendwo herumhockten. Ach, Mist! Ich saß ja alleine hier… Ich meine, meine Erfahrung hatte ich zwar nur aus zahlreichen Filmen, aber irgendwas war da doch immer dran, oder?

Tatsächlich hatte ich recht. Kaum hatten die Jungen mich entdeckt, riefen sie Dinge zu mir hinüber, wie: „Schaut mal, wieder so ein scharfes Model, dass sich nur von Salat und Brot ernährt. Brauchst du zufällig noch einen oder mehrere Jungs für dein nächstes Shooting?“ oder „Hey, Süße, sind deine Eltern Terroristen oder warum siehst du so bombenscharf aus?“ Super, der Appetit war mir damit vergangen. Ich stand auf und lief zu einem der Mülleimer, um die Reste wegzuschmeißen. Doch zu meinem Pech stiegen die Typen auf ihre Skateboards und verfolgten mich. Na klasse! Ich überlegte, was die Mädchen in den Filmen in solchen Situationen tun würden. Hm, eigentlich nichts! Jetzt war der Moment wo ein großer, muskulöser Mann hinter dem Mädchen auftaucht und behauptet, er wäre ihr Freund, sodass sich diese Jungs aus Angst aus dem Staub machen… Ich sollte mich vielleicht nicht immer auf Filme verlassen. Naja, jetzt hatte ich zwar etwas aus der Sache gelernt, aber das änderte meine Lage auch nicht.

„Warte doch mal, rennst du etwa vor uns weg?“, fragte Sonnenbrille schief grinsend. Ich hatte ihn so genannt, weil er eine Sonnenbrille an seinem Pulli hängen hatte. Er schien der Anführer zu sein. Ich ignorierte sie alle. Das heißt, ich versuchte es. In meinem Gesicht war vermutlich zu sehen, dass ich sie wahrnahm. In diesem Punkt war ich mir dann sicher, als Sonnenbrilles Grinsen (in dem seine fiese Seite definitiv zu erkennen war) breiter wurde. „Wir tun dir doch nichts!“, sagte er, als ob ich ein entlaufener, verschreckter Welpe wäre. Jetzt reichte es! Mit ironischer Stimme und sichtbar gefälschtem Lächeln sagte ich: „Es wäre reizend, wenn du und deine Freunde eure übergroßen, fahrbaren Eisstiele in eine andere Richtung lenken könntet!“ Die komplette Clique lachte. „Fahrbare Eisstiele?“, fragte der eine. Sie waren stehen geblieben, um sich über diesen Satz lustig zu machen. Ich ging mit abwertendem Blick weiter. Als sie das bemerkten, folgten sie mir wieder. Da ich mir das gedacht hatte, hatte ich mir auch schon einen passenden Spruch ausgedacht. „Ihr seid stehen geblieben um zu lachen? Na gut, Multitasking ist nur etwas für intelligente Menschen. Wahrscheinlich ist dieses Wort in eurem Wortschatz eh nicht vorhanden…“

Ich fand diesen Spruch gut und Sonnenbrille schaute sich irritiert zu seinen Freunden um. Inzwischen waren wir schon am Rand der Wiese angekommen. Ich ging über die Straße. Lächelnd, weil ich aus den Augenwinkeln heraus sah, dass die Skateboard-Jungs mir nicht mehr folgten. Sie beobachteten, was ich tat. Ich stand jetzt vor einem Smoothieladen. Verlockend, zumal es dann so aussähe, als wären die letzten zehn Minuten nicht passiert. Also zählte ich mein übriges Geld und stellte mich in die Schlange. Kurze Zeit später hatte ich meinen Mango-Ananas-Smoothie bezahlt und lief die Hauptstraße entlang. Allerdings gar nicht mehr so selbstsicher und triumpfierend, denn nun hatten sich die Skateboarder wieder an meine Fersen geheftet. Konnte man eigentlich zwei Pechtage hintereinander haben? „Hey, Prinzesschen!“, anscheinend hatte Sonnenbrille die gleiche Angewohnheit wie ich, jedem einen Spitznamen zu geben, „Kriege ich deine Nummer?“ „Das kannst du vergessen!“

Huch, war ich das? Nein, garantiert nicht! Das war eine Männerstimme gewesen. Ich drehte mich mich um. Vor mir stand ein großer (und verdammt attraktiver) Junge, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Sichtlich verärgert fragte Sonnenbrille: „Was geht dich das an?“ Da ich den Typ nicht kannte, trank ich weiter meinen Smoothie. „Ich bin ihr Freund!“, als der Junge das sagte, spuckte ich mein Getränk wieder aus. Er war was? Ich hatte vielleicht nicht das beste Gedächtnis, aber an meinen (nicht vorhandenen) Freund, würde ich mich ganz sicher erinnern! Sonnenbrille und ich schienen mehr gemeinsam zu haben, als ich dachte, denn er schaute mindestens genauso dumm aus der Wäsche, wie ich. Das merkte auch der Junge. (Ich hatte ihn mir nach dieser Aussage noch einmal genauer angeschaut und das dämliche Mädchenherz in mir, hatte festgestellt, dass er, wenn es nach mir ginge, wirklich mein Freund sein dürfte.) Ohne Vorwarnung beugte sich er sich zu mir herunter und küsste mich. Also, es war kein echter Kuss, er drückte nur seine Lippen auf meine, aber es hatte vermutlich verdammt echt gewirkt.

Sonnenbrilles Kiefer klappte herunter. „Lass uns abhauen!“, meinte ein anderer. Das taten sie dann auch. Erst als sie um eine Ecke verschwunden waren, hörte der Junge auf mich zu „küssen“. Er grinste. „Sie sind weg!“, stellte er schmunzelt fest, „Wie erwartet!“ Ich zwickte mich unauffällig selber in den Arm. War das gerade ernsthaft passiert? Hatte mich ein Typ geküsst, den ich erstens nicht kannte und der zweitens mehrere Jahre älter war als ich?

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