Ein Poltern im Kleiderschrank

Kapitel 13, Zeitquälerei

Maria hatte nicht zu viel versprochen. Letztendlich ging mein gesamtes Wochenende dafür drauf, von ihr die grundlegendsten Regeln auf einem Ball zu erlernen. Außer den paar Minuten, in denen ich in das Kellergewölbe unter der Kapelle meiner Zeit zurückreiste, um Kraft zu tanken und nicht abzudrehen wie Gabe am Freitag, gab es keine Pausen.

Natürlich musste auch Maria kurze Zeitreisen unternehmen, aber diese verliefen parallel zu meinen, sodass sie sich überschnitten und keine Zeit raubten. So drückte sie es zumindest aus! Ich würde mich unheimlich über ein paar Stunden Schlaf oder wenigstens Ruhe und Einsamkeit freuen, aber davon keine Spur.
Das Schlafähnlichste waren die fünfzehnminütigen Powernaps aller paar Stunden, die Maria uns beiden zugestand, um nicht aus den unbequemen Siebzehntes-Jahrhundert-Schuhen zu kippen.
Schon nach nur zwei Stunden wünschte ich, meine Beine würden einfach absterben. Ich bekam es beim besten Willen nicht hin, in diesen halbhohen Staksen einen Fuß vor den anderen zu setzen. Bei Maria sah es hingegen so mühelos aus, als wäre sie direkt dieser Epoche entsprungen. Zudem betete sie Anstandsregeln rauf und runter, die mein Hirn schon nach den ersten fünf Minuten vollkommen unter sich begruben.
Innerhalb unserer Übungszeit wuchs ich um ganze zwei Zentimeter, weil Maria mir beibrachte den Rücken durchzustrecken, meine Brust selbstbewusst nach vorn zu räkeln und gleichzeitig den Bauch einzuziehen, während ich das Kinn reckte und verzweifelt versuchte, nicht in diesen vermaledeiten Schuhen über meine eigenen Füße zu stolpern.
Langsam aber sicher gruben sich die Regeln in mein Bewusstsein. Knicksen, Lächeln, Applaudieren und zustimmend auf Marias wohl gewählte Worte reagieren, war bald kein Problem mehr für mich. Wenn man ausblendete, dass zu so einem Ball noch unheimlich viel mehr gehörte, dann könnte man fast von einem kleinen Erfolg sprechen.
Jedenfalls fühlte ich mich alles andere als gut vorbereitet, obwohl Maria mich ein ums andere Mal für meine Sprechweise lobte. Dass ich dabei einfach nur das nachahmte, was ich bereits in unzähligen Teenieromanzen – Büchern wie Filmen – gelesen oder gehört hatte, die in adeligen Kreisen vergangener Jahrhunderte spielten, vertraute ich ihr jedoch nicht an.

Erst Sonntagabend schleppte ich mich vom Friedhof wieder zu meiner neuen Bleibe. Ich weigerte mich strickt dagegen es Zuhause zu nennen, also war das wohl die passendste Bezeichnung dafür.
Dieses Mal erwartete mich kein besorgter Gabe, denn bevor am Freitag mein Unterricht begonnen hatte, hatte Maria mich noch einmal in die Gegenwart geschickt, um mir mit einer plausiblen Ausrede das Wochenende freizuschaufeln.
Ich war also in die Gruft zurückgekehrt, um dort mein Handy zu zücken und Gabe zu schreiben, dass ich das Wochenende bei einer Freundin verbrachte und er sich nicht wieder aufführen musste wie ein überbesorgter Helikopter-Dad. Ich würde mein Handy eh vermutlich ausschalten. Weiter ausführen wollte ich meine Erklärung nicht, denn nichts von alledem war eine Lüge!
Keine Lüge hieß kein schlechtes Gewissen! Man könnte mir höchstens vorwerfen, meinen älteren Bruder nicht lückenlos über mein Leben aufzuklären, aber ich hatte keinen Zweifel daran, dass er schon eingeschlafen sein würde, wenn ich gerade mal bei meinem siebten Lebensjahr angekommen wäre.
Ich kramte den Haustürschlüssel bereits in der Auffahrt zum Haus hervor. Gabe hatte ihn mir an meinem Geburtstag überreicht, bevor wir gemeinsam zum Friedhof gegangen waren. Vollkommen übermüdet, halb am Verhungern und im Grunde fertig mit der Welt versuchte ich den verdammten Schlüssel in das Schloss zu pfriemeln, aber es wollte mir einfach nicht so recht gelingen!
Keine Ahnung wie lange es letztendlich dauerte, jedenfalls war jede Sekunde eine zu viel. Mit einem groben Ruck zerrte ich den Schlüssel wieder heraus und trat ein. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ich lehnte mich erschöpft mit dem Rücken dagegen.
Hier drin herrschte eine bedrückende Stille. Nachdem ich zwei Tage in einer Gruft unter einem Friedhof verbracht hatte, sehnte ich mich nach nichts mehr als Krach! Leider wurde mir dieser sehnliche Wunsch nicht erfüllt. Kein einziges Geräusch, keine Person zu sehen und noch nicht mal ein Licht irgendwo.
Ich löste mich von der Tür und trat einige Schritte den Flur entlang. Alle Türen außer die zur Küche waren geschlossen. Ich hatte mir erhofft, Granny Berrypie beim Kochen anzutreffen, aber in der Küche war keine Menschenseele.
Nachdem ich an jeder verschlossenen Tür im Erdgeschoss gelauscht hatte, konnte ich sagen, dass auch dort niemand war. Also ging ich die Treppe nach oben. Dort ein Lebenszeichen? Fehlanzeige! Weitere verschlossene Türen, diesmal mit Ausnahme eines Badezimmers und des Wohnzimmers. Die anderen drei Türen jedoch waren abgeschlossen. Bei ihnen handelte es sich um die Zimmer von Granny Berrypie, Gabe und Krissy.
Ratlos kehrte ich also ins Wohnzimmer zurück. Gerade als ich mich auf das Sofa fallen lassen wollte, um eine ordentliche Mütze Schlaf nachzuholen, fiel mir ein zusammengefaltetes Blatt Papier darauf auf.
Ich schnappte es mir und machte dann die Hälfte meines Vorhabens wahr, indem ich mich würdelos in das Leder der Couch fläzte. Anschließend entfaltete ich den Zettel und las mir die wenigen Worte durch.

Schau auf dein Handy, du undankbarste aller kleinen Schwestern! 😉

Ein wenig perplex zog ich mein Handy hervor und schaltete es wieder ein. Nachdem das Logo der Marke vom Bildschirm verschwunden war und ich mein Passwort eingegeben hatte, sah ich, dass Gabe mir auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte.
In seiner Nachricht erklärte er mir, dass Granny Berrypie an Sonntagen immer bis spät in die Nacht das Haus verließ, um Verwandte und Freunde etwas außerhalb der Stadt zu besuchen. An diesem Wochenende fand zudem eine wichtige Mission für Simikolon statt, für die mein Bruder und Krissy natürlich unverzichtbar waren. Das erklärte die Tatsache, dass außer mir niemand hier war.
Kurz angebunden fügte mein Bruder noch hinzu, dass ich mit dem Essen nicht auf jemanden warten solle und dass Jonael Jones – von mir noch immer nur Jones Junior genannt – wie versprochen meine Sachen hergebracht hätte. Sie seien bereits in meinem Zimmer.
Bei dieser Formulierung zuckte ich leicht zusammen. Mein Zimmer? Ich bekam ein eigenes Zimmer? Wo sollte das sein? Im Erdgeschoss?
Als hätte Gabe geahnt, dass ich das nun denken würde, erklärte er im nächsten Satz, ich solle in den Flur vor dem Wohnzimmer. Er wartete gerade so lang, dass ich genug Zeit hatte, seiner Anweisung zu folgen. Kaum stand ich im Türrahmen, kam auch schon die nächste.
Wie verheißen ging ich zurück zur Treppe. Statt mich aber nach unten zu schicken, wie ich es erwartet hatte, meinte Gabe, das Zimmer läge oben. Mein Blick glitt zu einer schmalen Treppe, die nach wenigen Stufen an einer Holzklappe endete.
„Genau da musst du hoch!“, ertönte Gabes Stimme durch mein Handy. Vor Schreck hätte ich es beinahe fallen gelassen, doch auch das gehörte noch zu seiner Mailboxaufzeichnung. Entweder war Gabe also Hellseher oder er kannte mich einfach gut genug, um meine Reaktionen in gewissen Maßen vorausahnen zu können.
Ein letztes Mal erklang die Stimme meines Bruders und ich war mir sicher, ein Grinsen herauszuhören: „Da oben ist ein kleiner Flur mit drei Türen. Dein Zimmer ist hinter der am anderen Ende. Rechts ist ein Bad, das du ganz für dich beanspruchen kannst, und gegenüber ist eine Gerümpelkammer. Richte dich ein, wie du magst, Alex. Wir sehen uns dann nachher!“
Damit endete die Aufnahme und eine monotone Frauenstimme fragte, ob ich meine Mailbox noch einmal anhören, sie löschen oder speichern wollte. Ich drückte wie immer auf löschen, steckte mein Handy in meine Hosentasche zurück und erklomm den Aufstieg.
Entgegen meiner Annahme musste man die Holzklappe nicht nach oben drücken, sondern zu sich herunterziehen, sodass sie meine Sicht auf die Treppe ins Erdgeschoss versperrte. Beim hoch sehen stellte ich dann fest, dass es noch einen mindestens ein Meter langen… naja, Schacht gab, bevor man den Flur erreichte.
Das Loch über meinem Kopf war quadratisch. An zwei gegenüberliegenden Wänden waren Griffe darin eingelassen. Daran zog ich mich mit beiden Händen hoch. Nach ein wenig unkomplizierter Kletterarbeit fand ich mich auch schon im oberen Flur wieder.
Dort sah es genauso aus, wie Gabe es beschrieben hatte. Es waren keine zwei Meter bis zu der Tür zu meinem neuen Zimmer. Bevor ich es jedoch betrat, beugte ich mich noch einmal nach unten, um die Klappe wieder zu zu ziehen. Diese kleine Sporteinlage hatte mich endgültig wieder wachgerüttelt und sogar ein wenig Spaß gemacht!
Dieses überraschende Glücksgefühl wurde jedoch sogleich ersetzt durch eine unwillkürliche Anspannung, als ich mich zu der Tür umdrehte. Ein Schwall Panik stieg in mir auf. In diesem Haus ein eigenes Zimmer zu beziehen hatte etwas endgültiges an sich. So, als wäre ich in den letzten Tagen auf einer Reise gewesen, die nun hier zu Ende ging.
Außerdem kamen mir Omas Worte wieder in den Sinn. Am Telefon im Hotel hatte sie gesagt, dass ich beobachtet werden würde. Dieses Haus gehörte zu Simikolon! Der Organisation, die nicht davon erfahren durfte, dass ich ein Zeitreiseartefakt besaß und zurzeit mit ihm umzugehen lernte.
Mein Einzug würde alles um ein Vielfaches komplizierter machen. Andererseits hatte ich keine andere Wahl! Wo sollte ich auch sonst hin? Zurück zu Oma konnte ich nicht, zumal ich versuchte, so wenig wie möglich über sie und ihren Verbleib – ihre Entführung! – nachzudenken.
Nach einem tiefen Atemzug ging ich auf die Tür zu, legte meine Hand auf die Klinke und drückte diese herunter. Die Tür schwang auf und gab den Blick auf einen Raum frei, der einladender war, als ich erwartet hatte.
Gegenüber des Türrahmen, in dem ich wie angewurzelt stand, war eine weitere Tür. Sie führte auf einen kleinen Balkon, den man von der Straße aus nicht sah. Links neben dieser Tür fand ein fast quadratisches Bett mit unzähligen Kissen und Decken Platz, das mich auch magisch angezogen hätte, wenn ich in den letzten Tagen geschlafen hätte.
Auf der anderen Seite stand ein Schreibtisch, der ebenso wie das Bett und die anderen Möbel aus dunklem Holz gezimmert war. Es verlieh dem Zimmer irgendwie eine heimische und gemütliche Atmosphäre.
Die Wand neben dem Schreibtisch war ein einziges Bücherregel, das nur zur Hälfte gefüllt war. Davor standen die Kisten, die ich zuletzt im Hotelzimmer gesehen hatte. Darin waren meine Bücher und so wie ich das sah, würden sie perfekt zwischen die anderen passen, die bereits in dem Regal standen.
Ein Kleiderschrank – mehr als groß genug für meine wenigen Klamotten – war neben der Eingangstür aufgestellt. Er ließ sich scheinbar öffnen, indem man die Vorderseite, die ein einziger großer Spiegel war, nach links schob. Ich hatte solche Modelle bisher nur in exklusiven Möbelkatalogen von teuren Läden gesehen, aber niemals damit gerechnet, je einen vor mir zu haben.
Irgendetwas machte mich neugierig. Wie viel würde da wohl rein passen? Ich streckte meine Hand schon nach dem Rand des Spiegels aus, um es herauszufinden, da hörte ich aus dem Inneren plötzlich ein Poltern.
Erschrocken stolperte ich ein paar Schritte zurück. Noch einmal so ein Poltern, dann etwas, das sich verdächtig nach einem menschlichen Fluchen anhörte. Fassungslos sah ich dabei zu, wie sich der Spiegel wie von selbst beiseite schob.
Zuerst sah ich nur eine schwarz gelockte Haarmähne, doch gleich darauf tauchte das Gesicht einer Frau Mitte dreißig auf. Sie lag noch halb im Schrank. Müsste ich raten, würde ich aufgrund ihrer Hautfarbe und dem kunterbunten Kleid, das sie trug, auf afrikanische Wurzeln tippen.
Kaum hatte sie mich gesehen, rappelte sie sich in einer anmutigen Bewegung auf ihre langen Beine. Mit nur zwei langen Schritten war sie bei mir angelangt und… warf mir die Arme um den Hals?!
„Alex, ich habe gehofft dich endlich wiederzusehen!“, rief sie erfreut und ganz offensichtlich schien sie mich zu kennen. Nur beruhte das nicht auf Gegenseitigkeit! Weder ihr Aussehen noch ihre Stimme kamen mir auch nur im entferntesten bekannt vor.
Ehe ich jedoch etwas sagen konnte, ließ mich die Frau auch schon wieder los, um mich einer kurzen, aber dennoch eingehenden Musterung zu unterziehen: „Was hast du da bitte an? Ich habe dir doch schon vor Ewigkeiten beigebracht, dass du viel zu hübsch bist, um deinen Körper mit so etwas zu verschandeln!“
Mit einer ausladenden Geste bezog sie jedes einzelne Kleidungsstück, das ich am Körper trug, mit ein. Unsicher sah ich an mir herunter. Mir war selbst aufgefallen, dass das ausgewaschene Blau meiner Jeans nicht zu der grünen Bluse passte – von den Schuhen mal ganz abgesehen – aber das war gestern Morgen kein Grund für mich gewesen, so sehr an mir zu zweifeln, wie ich es jetzt tat.
„Ich wusste, dass es gut sein würde, deinen Kleiderschrank auf den neusten Stand zu bringen!“, lobte sich die Schönheit mit einem selbstbewussten Nicken, „Deshalb bin ich nämlich hier. Kaum waren Gabe und diese scheußliche Krissy im 17. Jahrhundert bin ich hergekommen, um dafür zu sorgen, dass du umwerfend aussehen wirst!“
Mir war bewusst, dass es mindestens hundert verschiedene Details gab, die mir besonders ins Auge Stechen könnten. Dennoch war es eines, das ich im Nachhinein ganz sicher für unwichtig erklären würde: „Scheußliche Krissy?“
„Oh, ja!“, stöhnte die Frau ernsthaft genervt, „Als du mir damals von ihr erzählt hast, dachte ich, du würdest übertreiben, aber in Wahrheit hast du nicht mal ansatzweise das beschreiben können, was mit diesem Mädchen falsch läuft!“
Ein Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Egal, wer diese Frau genau war – sie war mir überaus sympathisch! Trotzdem wollte ich nun endlich wissen, wieso sie mich zu kennen schien!
„Entschuldigen Sie, dass ich das frage, aber wer sind sie nochmal?“, klar kam ich mir dämlich dabei vor, aber ich musste einfach wissen, wer sie war, nachdem ich mich gerade dazu entschlossen hatte, sie zu mögen.
Die Frau sah mich prüfend an: „Du warst noch gar nicht auf dem Ball?“ Bei dieser Antwort drohte mein Magen sich umzudrehen. Sie wusste von dem Ball?
Ein Lächeln huschte über das schöne Gesicht der Fremden. Ich gab mir keine Mühe, meine Verwunderung zu verstecken und das schien ihr so einige Antworten zu geben.
„Mein Name ist Jua“, stellte sie sich vor, „Maria hat uns einander kurz vor deinem ersten Ball vorgestellt, damit ich euch dafür einkleiden kann und du in der Gegenwart jemanden hast, dem du gewisse Dinge vertrauen kannst.“
„Du kennst also Maria und mich?“, hakte ich nach. Jua nickte stolz: „In der Vergangenheit waren wir drei und Talita beste Freundinnen! Und bevor du fragst: Ja, Talita Hill! Sie hat mir von eurer ersten Begegnung in dieser Zeit erzählt.“

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