Ein gedeckter Esstisch

Kapitel 21, Marendie

„Das ist dein neues Zimmer.“, meinte Tante Lucy. Ich schaute mich um. Es hatte gewisse Ähnlichkeiten mit dem Zimmer, dass ich bei Opa hatte. Vor allem das Bett kam mir sehr bekannt vor. Es war Rund, bedeckt mit mindestens einer Millionen Kissen und Decken und hing an dünnen Seilen befestigt an der Zimmerdecke. „Ist das…“, so eine große Ähnlichkeit konnte es nicht geben, deshalb wollte ich fragen, doch das musste ich gar nicht. Meine Tante schien mit der Frage gerechnet zu haben: „Ja, das ist dein Bett. Ich habe es aus Papas Haus geholt. Dachte du fühlst dich so wohler.“ Eigentlich wollte ich etwas sagen, doch ich konnte nicht, weil mir ein Klos im Hals steckte. Ja, ich fühlte mich wohl hier!

Nachdem ich mir mein neues Zimmer gründlich angeschaut hatte, führte mich meine Tante durch den Rest des Hauses. Als wir letztendlich ins Wohnzimmer kamen, trafen wir auf Clara, Ben und Leopold. So wie sie auf dem Sofa lümmelten, konnten sie gar nicht zum ersten mal hier zu sein. Noch ehe ich fragen konnte, hatte Tante Lucy meine Freunde schon in ein Gespräch verwickelt. „Und wie hat euch die Menschenwelt gefallen?“, wollte sie wissen. Clara verzog das Gesicht: „Es war furchtbar dort. Die ganze Umweltverschmutzung, sie Klimaerwärmung und der Zeitdruck. Die Menschen nehmen sich so wenig Zeit für sich und ihr Umfeld…“ „Ja, aber es gab auch positive Aspekte. Das Essen zum Beispiel, das sieht da richtig appetitlich aus! Zumindest meistens.“, trug Ben zur Unterhaltung bei. Ich musste lachen: „Was? Sieht euer Essen hier etwa nicht lecker aus?“ „Uns fällt das gar nicht so auf, weil wir es gewohnt sind, aber wenn man dann mal bei euch war, ist der Anblick unserer Speisen nicht sehr schmackhaft. Du kannst es dir ja selber mal ansehen…“, meinte Tante Lucy und zeigte auf den Esstisch, der im selben Raum stand. Ich hatte seltsamerweise nicht bemerkt, dass er gedeckt war, obwohl ich mehrmals einen Blick darauf geworfen hatte.
Noch bevor ich überhaupt am Tisch saß, musste ich schlucken. Ich wusste ja nicht, wie das bei den Makidern so ablief, aber Essen stellten sie nicht auf den Tisch. Das hoffte ich zumindest inständig, denn anderenfalls hätte ich keine andere Wahl, als Bens Aussage zu 100 Prozent zu unterstreichen und darauf zu vertrauen, dass niemand Nanny Nini hinter den Herd gestellt hatte. Da sah ja sogar der Leberbraten mit Kartoffelbreimatsche und dieser grünen Brühe (von der sich jeder fragte, was es darstellen sollte) aus der Schulmensa essbarer aus. Auf dem Esstisch standen Schüsseln mit den komischsten Dingen darin. In der einen lagen Stöcke, in der blechernen daneben befand sich ein grünlicher Sirup mit roten Blättern, die an der Oberfläche trieben. Dann gab es da noch seltsame Gebilde mit harter Schale, orangene Würfel, durchsichtigen Glibber und streng riechende Teiglinge. Als ich mitbekam, dass mich alle anstarrten, wurde ich knallrot. „Nicht unbedingt das, was du sonst so isst, aber glaub mir, es sieht viel schlimmer aus, als es schmeckt.“ „Wo ist eigentlich Nirinia?“, fragte ich zur Sicherheit. Außer Lachen gab mir niemand eine Antwort.
Ich saß mit den anderen am Tisch und war als einzige noch eine Weile lang damit beschäftigt abzuwägen, welche von den vor mir stehenden „Speisen“ essbar waren. Irgendwann sprach mich Leopold an. Seine Stimme klang seltsam nett, wenn das überhaupt möglich war und mein Magen ihn nicht komplett übertönt hatte: „Der Hunger wird es rein treiben!“ Ich starrte ihn an, doch nach diesem Einwand aß er seelenruhig weiter.
Langsam und äußerst vorsichtig griff ich nach einem der orangenen Würfeln. Von der Konsistenz her, könnte es Wackelpudding sein, doch als ich es langsam in meinen Mund schob, stellte ich fest, dass es ganz anders schmeckte. Es war schwer zu beschreiben. Es schmeckte salzig, aber irgendwie auch nicht. Vergleichbares hatte ich leider noch nie gegessen. Ich war so perplex, dass ich nicht mitbekam, wie meine Tante meinen Teller füllte und Clara zu kichern begann. „Porta an Marendie!“, rief mir Ben über den Tisch zu. Sofort wurde ich aus meinen Gedanken gerissen: „Hä?“ „Essen“, erinnerte mich Tante Lucy lächelnd. Ich nickte: „Ach ja.“
Jetzt sah ich auch, wie viel auf meinem Teller lag. Ich nahm mir vor, alles zu probieren. Anfangen wollte ich mit den Dingen, die am Ehesten schlecht schmeckend aussahen, denn sollten sie es wirklich tun, hatte ich noch den ganzen Teller voller Essen, das ich schnell zum retten meiner Geschmacksnerven runter schlucken konnte. Bevor ich ihn probierte, drehte ich den Teigling in meinen Händen. Als ich hinein biss, breitete sich in meinem Mund Pesto oder etwas ähnliches aus. Ich würde nicht sagen, dass es gut schmeckte, aber auf jeden Fall besser als es roch. Als ich das letzte Stück Teigling hinuntergeschluckt hatte, war der Glibber an der Reihe. Er war, wie bereits erwähnt, durchsichtig und roch ein kleines bisschen nach Waschmittel. In dem Moment, in dem ich es im Mund hatte, musste ich feststellen, dass es nicht nur so roch.
Mein Magen weigerte sich abrupt weitere Nahrung durch die Speiseröhre aufzunehmen und mir kam der Teigling wieder hoch. Clara reichte mir ein Glas, das mit dem grünen Sirup und den rotem Blättern gefüllt war. „Trink das!“ Ich kippte den Inhalt in meinen Rachen. Es schmeckte angenehm süß. Der Waschmittelgeschmack wurde übertüncht, sodass ich wieder tief einatmen konnte. „Danke“, keuchte ich. Es dauerte eine kleine Weile, bis ich soweit war, weiter zu essen. An den Stock traute ich mich nicht, doch die komischen… ja, Gebilde eben, die in einer harten Schale eingebettet waren, sahen so doch ganz appetitlich aus. Ben half mir die Schale zu knacken. Ich hatte nach dem Glibber fast Angst, es zu probieren, doch als ich Clara es essen sah, biss ich auch hinein…
Als wir das Mittagessen beendet hatten – das Zeug aus der Schale hat richtig gut geschmeckt und war zu meinem Hauptnahrungsmittel geworden – sammelte Clara die harten Schalen ein. „Dürfen wir ein bisschen üben?“, fragte Ben zeitgleich. Tante Lucy nickte: „Aber nehmt Mara mit. Die Einweisung verschieben wir auf heute Abend!“

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