Ein Engel

Kapitel 6, Quontos

„Ihr seit jetzt also wirklich zusammen?“, vergewisserte sich Sky nun schon zum dritten Mal. Robyn und ich nickten (immer noch etwas zögernd). Die Zeit, die Zenn und ich mit Holz sammeln und plaudern zugebracht hatten, hatte Jenn genutzt die Neuigkeiten lauthals herum zu posaunen. Sie hatte Rob und mich beim küssen erwischt, doch sah es ihrem Bruder sehr viel ähnlicher, große Neuigkeiten so direkt auszusprechen.
Um von dem Thema abzulenken, fragte ich, wie die Mission verlaufen war. Nach einer kurzen Stille begann Amphos zurückhaltend zu sprechen, als wolle er den anderen die Möglichkeit geben, dazwischen zu reden. Diesen Gefallen taten sie ihm jedoch nicht. „Die Adleraugen haben ihren Standort gewechselt. Wir haben ihr neues Quartier noch nicht entdecken können und von den Höheren auch keine Spur.“ „Das ganze hat also nichts gebracht?“, fragte ich skeptisch. Ein beschämtes Lächeln von Sky: „Aber sieh es mal so: wenn sie ihr Quartier wechseln, haben sie etwas zu verbergen.“ „Ja, Sky hat recht! Und wenn du jetzt noch außer Acht lässt, dass das vorher schon klar war, haben wir echt Fortschritte gemacht!“, meinte Kyra mit unüberhörbarer Ironie in der Stimme.

Ich saß am Höhlenrand und ließ die Beine in baumeln. Vermutlich wäre es sinnvoller gewesen, über das Adleraugen-Problem nachzudenken, doch stattdessen schwelgte ich in Erinnerungen. Ich konnte mich noch gut an die Tage vor dem Beginn des Quontos erinnern. Wir alle hatten versucht, ganz normale Stunden zu verleben, doch im Hinterkopf hatten wir immer dieses eine Thema. Den Quontos!
Ich für meinen Teil hatte versucht, so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen. Mit meinen Eltern führte ich ein paar Gespräche, in denen sie mir versuchten, den Quontos auszureden. Leider war es ihnen missglückt und leider wurde mir das erst jetzt klar – eineinhalb Monate zu spät. Mit meinem jüngeren Bruder Brutus hatte ich einige Male trainiert, um neue Kampftechniken auszuprobieren. Am schönsten war jedoch – wie immer – das, was meine kleine Schwester vorbereitet hatte.
Ihr Name war Xenia Tukk. Sie war vier Jahre jünger als ich und trotzdem diejenige aus meiner Familie, mit der ich mich am besten verstand. Auch meine Freunde kannten und mochten sie. Manchmal nahmen wir sie sogar bei Ausflügen oder Entdeckungstouren mit. Das besondere an ihr war die Gabe, Vertrauen zu haben und stillschweigen bewahren zu können. Kam ich Nachts zu spät heim und sie bekam es mit, verpetzte sie mich nicht und sie hatte in solchen Situationen (die es schon mehrfach gegeben hatte) auch noch nie gefragt, wieso ich nicht pünktlich war. Sie sah mich mit ihren großen, braunen Augen an, lächelte und deutete stumm auf den Raum, in dem sich unsere Eltern aufhielten.
In den letzten paar Tagen vor dem Quontos, hatte sie mich zu einigen bedeutsamen Orten geführt. Bedeutsam nicht für die Geschichte unserer Vorfahren, sondern für mich. Orte an denen wir gemeinsam waren, ich allein oder mit meinen Freunden zusammen. Darunter befand sich der geheime Treffpunkt von Zenn und mir, als wir heimlich das Kämpfen gelernt haben oder es zumindest versuchten. Xenia führte mich dorthin, um mir ins Gedächtnis zurück zu rufen, was ich erlebt und gelernt hatte. Sie war mir nicht von der Seite gewichen und kurz vor dem Start des Quontos, war sie die einzige gewesen, die mir etwas nützliches mitgegeben hatte. Einen Hinweis…
Jeder Teilnehmer des Quontos durfte einen Lederbeutel seiner Wahl mit in das Levelorium nehmen. In meinem Team hatten wir uns abgesprochen, wer für was zuständig war. Xenia wusste das. Sie hatte mir beim packen geholfen. Als wir auf dem Platz vor dem Eingang zum Levelorium gestanden hatten, umarmten mich alle der Reihe nach. Zum Schluss kam sie. Sie drückte mich länger und fester als die anderen und flüsterte mir Worte ins Ohr, die mir bis jetzt im Kopf hängen geblieben waren: „Du kommst hier wieder raus, das weiß ich! Nur solltest du dich hüten, unbekannte Dinge zu essen. Wir sind zusammen durchgegangen, welche Todesarten in den letzten Jahren wie häufig eingetreten sind und Vergiftungen waren da ganz oben mit dabei, wie du weißt. Für den Fall der Fälle habe ich dir ein kleines Buch neben den Kompass gelegt. In dem habe ich Pflanzen und ihre Wirkungen aufgeschrieben…“ Eigentlich wollte sie noch weiter sprechen, doch da hatte unsere Mutter sie sanft von mir gezogen und mir Glück und den Beistand der Zeitlosen gewünscht.
Um meine kleine Schwester in wenigen Worten zu beschreiben: Xenia war einfach ein Engel. Zudem kam ihr Mut, ihr Wille und ihre erstaunlich guten Kampfkünste. In ihrer Campzeit war sie bisher die unangefochtene Kronenträgerin. Aus ihr wird garantiert mal eine große Nummer.
In dem Moment, in dem ich diese Worte dachte, schoss mir nur ein Gedanke durch den Kopf: Was, wenn ich nie erlebe, was aus ihr wird? Noch ehe ich an diesem Ansatz weiterdenken konnte, legte mir jemand die Hand auf die Schulter.

Ein Kommentar zu “Ein Engel

  1. Liebe Leserinnen und Leser,
    das ist nun schon das sechste Kapitel der neuen Geschichte Quontos. Ich würde gerne wissen, was ihr davon haltet. Von den einzelnen Kapiteln, dem Inhalt und den Personen. Wenn euch etwas auffällt – negativ wie positiv – dann schreibt einen Kommentar und lasst es mich so wissen. Ich würde mich über Kritik freuen.

    Danke schon einmal im Voraus

    Viel Spaß beim weiterlesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*